Theodor W. Adorno
Es war eine kleine, angenehme Zensur in der Geschichte, da Gesundheit kein Privileg der herrschenden Klasse mehr war. Es war die Zeit vor der Privatisierung der Krankenhäuser, vor Fallpauschalen und Bettenabbau. In der Pflege im Schichtbetrieb zu arbeiten war genauso schlecht bezahlt wie die meisten Lohnarbeiten, aber die Reputation war sehr hoch, Die Masse der Nicht Kapitalisten hatte eine bezahlbare Krankenversicherung. Sogar Herzoperationen wurden bezahlt. Und der Mensch hatte verstanden, dass maßvolle Bewegung ihm nichts Böses tat, er schritt mit seinem Hund über Felder, trank danach einen Kräutertee, abends ein paar Gläser Rotwein, dazu rauchte er eine Zigarre. Der Mensch verstarb irgendwann, am liebsten zu Hause, beim Singen der Nationalhymne. Bis auf einige Erkältungen, eine Blindarmoperation war er gesund, falls er das Glück hatte, in einem westlichen Land geboren worden zu sein. Und ein Mann zu sein, denn die meisten Ärzte und Forscher waren Männer, die sich in ihrer Arbeit vornehmlich dem eigenen Geschlecht widmeten.
Es gab auch zu jener Zeit durch zu viel Nahrung erzeugtes Übergewicht, und Alkoholkranke, aber es war dem Kollektiv egal, denn das Gesterbe war Privatangelegenheit.
War das schön ruhig. Aber-
Viele Krebsarten waren noch nicht heilbar, Herztransplantationen misslangen meistens, und viel des großartigen Forschungsfortschrittes, der an Universitäten weltweit erreicht wurde, unbekannt. Heute zu leben hat gesundheitlich also absolute Vorteile.
Und ein paar kleine Schwächen, denn die Jahrelange schlechte Bezahlung im Gesundheitswesen zeigt sich in Mangel an Menschen, die bereit sind permanent unbezahlte Überstunden zu machen, die Idee das Krankenhäuser Profit machen müssen und die gestiegene Lebensdauer der Menschen haben zu Kosten geführt, die zwar immer noch unter denen des Militäretats in Europa liegen, aber kranke Menschen erzeugen weniger Spaß als Jagdflieger.
Unsere Welt muss effektiv sein, und um sie Equility Kompatibel zu machen braucht es: mehr Kontrolle, mehr Einschränkungen, mehr Überwachung und am besten geht es mit einer Digitalisierung aller Gesundheitsdaten, die zwar jederzeit gehackt werden, kann, aber dafür zu einer Selbstdisziplinierung führt.
Und schon sind wir in einer kollektiven und Algorithmischen Tracker- Kontrolle gelandet. Gesund. Bleib schön gesund, lang sollst du leben. Richtig lang lebt doch keiner. Ob er nun siebzig wird oder Neunzig, dafür aber fünf Jahre Intensivmedizin, was macht das schon. Es ist eine jämmerlich kurze Zeit, die wir mit ärgerlichem füllen. Kein mir Bekannter ist an mangelndem Joggingehrgeiz gestorben, alle sterben an Irgendwas. An Erschöpfungsdespressionen, Unfällen wegen Erschöpfung, oder an Krebs oder wegen der Kälte, der Hitze- . Da stimmt doch was nicht. Das kann doch nicht richtig sein, dass wir zum Sport genötigt werden, wie ungezogene Schulkinder, und alle dennoch an Krebs sterben. Und doch wird der Terror immer stärker, die Vorschriften, die übergriffe vom Staat in Privates. In fast allen westlichen Ländern sind die Kosten im Gesundheitswesen ein politisches Dauerthema mit immer neuen, überraschenden Schuldzuweisungen. Die Raucher. Die Dicken. Die Dünnen. Vermutlich beeinflusst auch das Tragen langen Haares die Gesundheit, Fest steht aber auf jeden Fall:
Der Mensch ist ein wandelndes Gesundheitsrisiko.
Der Zustand des Körpers ist der Verantwortung des Einzelnen entzogen und der kollektiven Verantwortung zugeführt worden.
Wie die kollektive Verdammung funktioniert, das Entsetzen in den Blicken Fremder, wenn man erwähnt, man würde Sport verweigern, einfach weil man alt sei, das Ende absehbar. Es gibt, möchte man den aggressiven Sportfanatikern, und ich meine weder Profis noch Menschen die abends Dehnungsübungen machen, sondern euch, die ihr auch ständig mit Wasserflaschen herumrennt—die ihr euch unsterblich wähnt--noch andere Arten sein Leben herumzubringen. Man kann Musik machen, Theater spielen, kiffen, malen, Karten spielen--man kann eigentlich alles, solange man andere nicht belästigt, damit und sein kleines Leben nicht über andere erhebt. Man muss den Verfall nicht forcieren, es macht keinen Spaß krank zu sein und hinter einem Tropf durch Krankenhausgänge zu rollen, aber man kann ihn nicht aufhalten. Doch alle werden auch mit der Einhaltung der Regeln sterben. Das ist die schlechte Nachricht. Die gute wäre wenn wir einander nicht verurteilten, nicht bewerten würden, die Mär von der Eigenverantwortung nicht zu 100% verinnerlichen würden, könnte man solidarisch sein. Nicht den unglücklichen rauchenden Nachbarn für Milliardendefizite verantwortlich machen, nicht gegeneinander sein, sondern sich fragen, warum Pharmaunternehmen horrende Gewinne mit überteuerten Medikamenten machen dürfen, ob privatisierte Krankenhausketten sinnvoll sind, ob es hilfreich sät die Hausärzte durch ebenfalls privatisierte Arztpraxen zu ersetzen, es gäbe viel zu tun, zu bereden, wenn wir miteinander reden würden,
Damit liebe Freunde und Freundinnen, liebe Menschen die nicht Freunde sind- habt eine gute Woche. Bewegt Euch mal wieder, sehr, sehr langsam,. Lest etwas, seid freundlich, vor allem: Seid freundlich!
Eure liebe Sibylle