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GLEICHGERECHTIGKEIT

SACHBUCH-KRITIK (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

„Das ist es, was Dekommodifizierung bedeutet und historisch bedeutet hat.“ - „Dein Gesicht bedeutet Dekommodifilz!“ - „Was? Ich rede von der Entmarktung der Wirtschaft und des sozialen Lebens...“ - „Hast du mich gerade asozial genannt?“ - „Es geht dabei auch um Würde und Wert der Arbeit, auch der Care-Arbeit.“ - „Was sagt du über meine Mutter, du H**ensohn?!“ - „Gar nichts! Ich sage nur, wir sollten uns darüber streiten, was diese Würde der Arbeit ausmacht und wie man sich für sie einsetzen kann, statt Menschen dafür fit zu machen, andere aus dem Rennen zu werfen...“ - „Das ist ne Challenge, du Hässlichkeit!“

Okay, bei diesen ersten Zeilen mag ich, unter dem Einfluss von Seiten und Stream, wohl irgendwie Inhalte des Gesprächsbandes Die Kämpfe der Zukunft. Gleichheit und Gerechtigkeit im 21. Jahrhundert von Thomas Piketty und Michael J. Sandel mit dem Geist von Top-Reality-Shows wie Prominent getrennt, Das große Promi-Büßen oder Sommerhaus der Stars sowie Good Luck Guys vermengt haben. Die Gedanken zu Wert und Würde von Arbeit, die der Pariser Ökonom und der Philosoph aus Harvard besprechen, sind im Zusammenhang mit Ungleichheit und dem sowohl daraus folgenden wie dies voraussetzenden Feierns und Rechtfertigens von (privilegierten) Gewinner*innen und Abwertens wie Stigmatisierens von Verlier*innen einer der wesentlichen Punkte, die das Buch ausmachen.

Es ist, wenn wir so wollen, einer von drei Aspekten in ihrer Diskussion über Gleichheit, kann aber ebenso als eine Art Mantel verstanden werden. Sandel fasst diese gegen Ende der gut 150 Seiten so zusammen:

„Einer ist ökonomischer Natur und betrifft die Verteilung von Einkommen und Vermögen. Ein zweiter ist politischer Natur, da geht es um Mitsprache, Macht und Partizipation. Dann gibt es diese dritte Kategorie, bei der es um <<Würde>>, <<Status>>, <<Respekt>>, <<Anerkennung>>. <<Ehre>> und <<Wertschätzung>> geht. Meine Vermutung ist, dass diese dritte Dimension politisch und vielleicht auch moralisch die größte Kraft hat.“

Dem möchte ich wohl zustimmen. Anhand all dieser Ungleichheiten, dieser „Sprossen [einer] Leiter [die] immer weiter auseinanderklaffen“ debattieren sie auch darüber, was Wähler*innen zu Donald Trump oder Le Pen treibe. Piketty macht dafür internationale Handelsabkommen der EU und USA (u. a. mit China) unter vor allem (links-)liberalen und sozialdemokratischen Regierungen verantwortlich, die zu Arbeitsplatzverlusten in ländlichen Räumen führten, was die Menschen eher aus pragmatischen Gründen zu den Konservativen und Nationalisten respektive Nativisten treibe. Damit macht er es sich gegebenenfalls ein wenig zu einfach, ebenso mit der „Eliten-“Schelte, die er verurteilt, dann erklärt und selber betreibt. Michael Sandel versucht dies ein wenig mehr einzuordnen und fügt dem ganzen durchaus einen identitätspolitischen Unterbau hinzu. Was jedoch vollkommen untergeht sind struktureller bzw. inhärenter Rassismus.

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Doch verdeutlichen diese inhaltlichen Beispiele wohl, wohin die Gesprächs-Reise geht und dass die beiden in der Tat diskutieren und sich nicht nur öde die Argumentations-Bälle zuwerfen, „mein lieber Markus“. Der im Februar 2025 im C.H. Beck Verlag erschienene Band ist passend zu den brennenden und heiß diskutierten Themen in der Kategorie ZÜNDSTOFF als Wissensbuch des Jahres 2025 nominiert (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) (siehe Bild und Anmerkung am Textende). Bedauerlich dabei: Zwar erwähnt Sandel zu Beginn der neun Gesprächsteile, dass die zwei sich an der Paris School of Economics treffen, doch wird uns nicht verraten wann.

Das ist insofern bedauerlich, als dass viele ihrer (angerissenen) Diskussionspunkte heute unter anderen Vorzeichen stehen als etwa vor einem Jahr (ich vermute, dass das Treffen im Spätherbst 2024 stattfand). So ist Trump mittlerweile wieder US-Präsident und die Umsetzung des Project 2025 in vollem Gange - das verschiebt eine Menge! (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) Themen wie die radikale Geschichte der Sozialdemokratie (lernen über und von Schweden, sach ich nur), den (moralischen) Grenzen des Marktes, dem fortschreitenden Verlust des Eigenwerts von Lehren und Lernen, eine meritokratische Hybris, dem falschen und richtigen Verwenden des Wortes „Populismus“ – hier wird der sich für einen demokratischen, föderalen, internationalistischen Sozialismus aussprechende Piketty ein wenig schwierig –, Lotterien, am Beispiel der Zulassung zu Hochschulen sowie der Zusammensetzung von Parlamenten (wir erleben das gerade in puncto möglicher Wehrpflicht), Grenzen, Migration und Klimawandel mit argem Nord-Süd-Gefälle, Solidarität und Gemeinschaft, inklusive (Wirtschafts-)Patriotismus und nicht zuletzt die „Zukunft der Linken“ sind allesamt interessant und durchaus dringlich. So wäre eine zeitliche Einordnung des Gesprächs wünschenswert, da es aufgrund des praktischen Ansatzes nicht zeitlos ist.

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Dabei dürfen wir Leser*innen viel mitdenken, im Geiste mit ihnen (oder zufällig Anwesenden) weiter diskutieren und höflich streiten. Mir fällt dies leicht, da ich nicht wenige der vermeintlichen Lösungen als zu absolut und vor allem dem Motto „Einfach mal machen“ folgend empfinde. Hier tut sich vor allem Thomas Piketty hervor, der auch dadurch ein wenig oberflächlich wirkt, als dass er seine Analysen für zutreffend ohnegleichen hält (was durchaus an nicht wenigen Stellen stimmen mag), mit seinen häufig allerdings nicht konsequent und alle Folgen abwägenden Lösungsvorschlägen einfach mal ins Machen kommen will und zwar noch schnell Schlagworte ergänzt, doch die Sorge, eines „wo Aufhören“ und möglicher Gegenwirkung kaum einfließen lässt.

Dessen unbenommen ist der Band spannend und eine gute Grundlage, um Problemstellungen auf den Plan zu setzen. Die Erläuterungen zum Problem mit der „Aufstiegsrhetorik“ sollten sich nicht nur derzeit führende Politiker*innen der CDU und CSU sowie SPD sondern auch Grüner und Linker und... fdp einmal zur Hand nehmen. Nicht nur diese. Ob Klassenunterschiede, Narrative und Nationaleinkommen, Besteuerung von multinationalen Konzernen, Milliardär*innen und Marktgläubigkeit, Gesundheits- und Bildungssystem, Mitte-Links-Fehler, Ausreden wie, es brauche Einstimmigkeit in allen Belangen usw. usf. Wir finden reichlich Diskussionsstoff.

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(Übrigens ein Denkfehler (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre), wenn Piketty meint, die „Materialkosten“ im Bereich staatlich organisierter Gesundheitssysteme bestimme das Parlament und nicht der Markt, da es die Budgets festlege. Das mag stimmen, wenn es um nicht-private Krankenhäuser und Arbeitsvergütung geht. Doch bei Medikamenten und Maschinen, Bau und Wartung, etc. bestimmt sehr wohl der Markt den Preis. Parlamente können entscheiden, ob sie diesen zu zahlen bereit sind. Was sie gern sind, um es dann zumindest hierzulande gern auf die Kommunen abzuwälzen.)

Die beiden Diskutanten schaffen es größtenteils auf dem Boden zu bleiben, sich also nicht in einer sonderlich theoretischen „Denker-Debatte“ zu verfangen, was an mancher Stelle schon beinahe erstaunt. Wenn viele Wiederholungen von bereits Gesagtem und ein häufiges „Ich-Sehe-Mich-Ja-Als“ Pikettys doch ein wenig nerven. Ebenso möchte ich vermuten, dass Die Kämpfe der Zukunft eher ein Klientel der immer wieder erwähnten „oberen Prozent“ oder zumindest Leute mit solider „Gebildetheit“ erreichen, als jene, über die hier auch und vorrangig gesprochen wird und die durchaus Adressat*innen sind.

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Sie fordern einen wertenden und urteilsfreudigen Diskurs, wohl so wie sie es vorgemacht haben. Das ist in der Tat wünschenswert, vor allem auf breiter gesellschaftlicher Ebene. Doch ist zu fürchten, dass die Voraussetzungen dafür derzeit nicht gegeben sind. Mir scheint eine weitere Spaltung, selbst innerhalb von größeren Gruppen, die im Kern gleiche Ziele verfolgen, doch bereits so sehr im Klein-Klein spezieller Anliegen gefangen und von Partikularinteressen geleitet sind, wahrscheinlicher.

AS

* Die Titel von Thomas Piketty liegen im C.H. Beck Verlag vor, jene von Michael J. Sandel bei S. Fischer.

PS: Apropos „Gebildetheit“ - am 6. November startet auf ProSieben und Joyn Die Abrechnung – Der Promi-Showdown. Dort treffen unter anderem Sam Dylan, der dieses Wort ähnlich kreativ und selbstbewusst unfreiwillig komisch wie manche seiner Outfits schuf, und Kate Merlan aufeinander. Wir werden berichten!  

PPS: Sonntag ist Tatort! Heute aus Berlin und passt erstaunlich gut zum besprochenen Band… (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)

Klick zum Wissensbuch-2025-Instagram-Post (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre)
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Die Auszeichnung für die Wissensbücher des Jahres wird seit 1993 vom Magazin Bild der Wissenschaft verliehen. 2025 sind 59 Bücher in sechs Kategorien nominiert. [Bis zum 14. August 2025 konntet ihr an der Publikumswahl teilnehmen (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).] Das Ergebnis dieser sowie die von der 11-köpfigen Jury ausgewählten Titel werden am 21.11.2025 im Dezember-Heft von Bild der Wissenschaft und auf wissenschaft.de (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) bekannt gegeben.

IN EIGENER SACHE: Da unser reguläres Online-Magazin noch immer nicht wieder am Start ist, veröffentlichen wir vorerst hier. Mehr dazu lest ihr in unserem Instagram-Post (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) oder auf Facebook (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre). Außerdem freuen wir uns immer, wenn ihr uns einen Kaffee spendieren wollt (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre) oder uns direkt via PayPal (Mail: info_at_thelittlequeerreview.de) unterstützen mögt.

Eine Leseprobe findet ihr hier (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre).

Thomas Piketty, Michael J. Sandel: Die Kämpfe der Zukunft. Gleichheit und Gerechtigkeit im 21. Jahrhundert (S'ouvre dans une nouvelle fenêtre); Februar 2025, 4. Auflage; Aus dem Englischen von Stefan Lorenzer; 158 Seiten; Hardcover, gebunden mit Schutzumschlag; ISBN: 978-3-406-83247-5; C.H. Beck Verlag; 20,00 €

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Sujet Sachbuch

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