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#27 Feministisch ficken, handeln, helfen

Letztens wurde ich gefragt, wie ich eigentlich vor 10 Jahren drauf war und ein Teil meiner Antwort lautete: “Ich war noch keine Feministin”. Dabei stimmt das nicht ganz.

Wie viele andere Menschen auch, habe ich mich nicht als feministsich bezeichnet, obwohl ich die Werte der feministischen Idee geteilt habe: Gleichstellung der Geschlechter, Aufklärung über und Ausgleich von Diskriminierung bei gleichzeitiger Anerkennung und Akzeptanz von Unterschieden. Aber ich habe mich nicht mit der Bewegung und diesem Label identifiziert, feministisch. Wieso das so war, sehe ich heute etwas klarer:

Vor 10 Jahren dachte ich noch, es bräuchte die Bewegung nicht mehr. Schließlich durfte ich selbstverständlich studieren, eigenes Geld verdienen und über mein Leben bestimmen. Aber dann wurde ich erwachsen und mit Einsichten und Ungerechtigkeiten konfrontiert, die mich erstmal hilflos zurückließen. Strukturen, die sich gegen mich und andere Menschen stellten, weil wir keine bestimmten Genitalien, Persönlichkeitsmerkmale, Religion oder Hautfarbe etc. hatten, wurden für mich sichtbar. Und sie wirkten zunächst einmal riesig, mächtig und erhaben - einschüchternd auf eine einzelne Person.

Das war der Punkt, an dem ich verstand, dass es deswegen Feminismus gibt. Damit man eben nicht alleine für sich einstehen muss und um tatsächlich etwas bewegen zu können. Um einen politischen oder sozialen Unterschied zu machen, der in der Gruppe hoffentlich einfacher umzusetzen ist. Ich spürte den Drang danach, zu so einer Gruppe gehören zu dürfen.

Doch Feministin habe ich mich immer noch nicht genannt. Ich hatte Angst, nicht genug über die Materie zu wissen, um eine Feministin sein zu können. Ich dachte, ich müsste alle Bücher gelesen und Petitionen unterschrieben haben und auf allen Demos gewesen sein, damit nicht mehr hinterfragt werden kann, ob ich auch wirklich Feministin bin. Also so richtig.

Deshalb habe ich angefangen mich einzulesen - und don’t get me wrong, das war keine schlechte Idee - aber je mehr ich über Feminismus lernte, desto klarer verstand ich auch, dass das nicht nötig gewesen wäre. Zumindest nicht, um Feministin zu werden. 

Dazu reicht (und das klingt super cheesy) eine profunde Liebe für die Menschen und den Wunsch nach Gerechtigkeit für sie. Der Versuch, diese Gerechtigkeit herzustellen, ist der schwierigere Schritt. Aber hier kommt wieder die Stärke der Gruppe ins Spiel. Man muss sich nur als Teil von ihr verstehen und bekennen.

Ich weiß nicht mehr, wann genau ich mich das erste Mal als Feministin bezeichnet habe. Ich weiß aber noch, dass ich aufgeregt war. Unsicher, ob ich das jetzt wirklich durfte. Nervös, ob das die richtige Entscheidung war. Beides kann ich rückblickend mit einem eindeutigen Ja beantworten. 

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Wie viele andere politische Bewegungen ist der Feminismus nicht besonders homogen. Es existieren viele feministische Geschmacksrichtungen, bei denen manche Feminist*innen das Gesicht verziehen, während andere es als genau richtig empfinden. Der Feminismus spricht eine Vielzahl von gesellschaftlichen Problemen an, weshalb viele Anhänger*innen sich gewissermaßen spezialisieren. Manche kämpfen für reproduktive Rechte, andere für faire Bezahlung, wieder andere für Freiheit von Einschränkungen durch Genderrollen und Sexualität im Allgemeinen. 

Und was dabei nicht vergessen werden darf, ist, sich für den Erhalt der Gleichstellung dort einzusetzen, wo vorherige Generationen sie schon für uns erkämpft haben. Was dafür totales Gift ist, ist die Erzählung, dass wir den Feminismus heute nicht mehr benötigen würden. Oder eben der Glaube, dass dem feministischen Label ein Studium der Politikwissenschaften zugrunde liegen muss.

Für ein besseres Verständnis davon, was eine feministische Einstellung bereits sein kann - auch ganz speziell auf Sexualität bezogen - möchte ich an dieser Stelle einen Auszug aus dem Vorwort meines Sachbuchs “Gleichstellung - Sex zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Ein feministischer Selbstversuch” (Si apre in una nuova finestra) zitieren. Zu dem passendem Anlass, dass mein Buch diese Woche tatsächlich schon seinen ersten Geburtstag gefeiert hat:

“Ich bin mit dem Eindruck aufgewachsen, dass dieser Feminismus etwas ziemlich Nerviges und Überflüssiges sei. Als ich ein junges Mädchen war, taten die Menschen im Fernsehen das Thema immer nur als eine unnötige, da längst irrelevante Anspruchshaltung irgendwelcher unzufriedenen Emanzen ab und die Menschen in meinem Umfeld gebrauchten nicht einmal dieses Wort - Feminismus.

Ich wusste also nicht viel über diese geschichtsträchtige politische Bewegung, ich wusste nur, dass ich keine sogenannte Emanze werden wollte. Schließlich schienen die sehr unbeliebt und auch irgendwie mindestens ein bisschen hässlich zu sein. Beide Eigenschaften waren in meinen Augen lange sozial komplett unverträglich und deswegen dringend zu vermeiden. Schließlich wollte ich gesehen werden - und das ging nach meinem eigenen Verständnis nur als normschöne Frau, die sich mit keinem anlegt, damit sie jedem gefällt.

Dass es aber gerade die feministische Bewegung sein sollte, die genau das für mich ermöglichen wollte - als die Person sichtbar sein zu dürfen, die ich tatsächlich bin, ungefährdet vom Urteil anderer - wurde mir erst sehr langsam klar, lange nachdem meine Zwanziger bereits angebrochen waren.

Dieses Verständnis der feministischen Maximen, die ich in den letzten Jahren kennengelernt habe, möchte ich an dieser Stelle einmal teilen. Denn diese Prinzipien bilden die Grundlage, auf der ich mein individuelles Sexleben, aber auch unser Handeln als politische Akteur*innen in einer von bestimmten Sexualnormen geprägten Gesellschaft ausmisten will. 

Feministisch zu handeln bedeutet in meinen Augen Verantwortung für mich selbst und andere zu übernehmen. Um verbindliche Gemeinschaften zu bilden, die sich durch einen starken Zusammenhalt auszeichnen, den es braucht, um gegen einen ungerechten Status Quo anzugehen und bereits erreichten Fortschritt zu erhalten.

Ich fühle eine feministische Einstellung in der Akzeptanz von mir selbst und anderen. Durch die Toleranz, die füreinander entsteht, wenn wir unterschiedliche Lebensrealitäten anerkennen und ihnen Raum zum Atmen geben, ungeachtet der Tatsache, ob wir sie verstehen können oder an ihnen teilhaben wollen oder nicht.

Feministisches Denken ist meiner Ansicht nach, ein Bewusstsein für die unterschiedlichen Bedürfnisse verschiedener Menschen zu entwickeln, die aus eben jenen verschiedenen Lebensrealitäten erwachsen. Außerdem darauf aufbauend den Antrieb zu finden, gerade wegen unserer Unterschiedlichkeiten für alle die gleichen Chancen auf Lebenszufriedenheit zu ermöglichen sowie gesellschaftliche Teilhabe für alle herzustellen (besonders über freien Zugang zu Ressourcen wie Bildung, gesundheitliche Versorgung und Zeit).

Und nicht zu vergessen betrachte ich die Unabhängigkeit von Wert und Würde eines Menschen von seinem*ihrem “Humankapital” als basal feministisches Verständnis von Zwischenmenschlichkeit. Soll heißen, die Frage, inwieweit unsere Gesellschaft oder ich selbst von der Macht, Arbeitskraft oder Attraktivität einer Person profitieren kann, sollte nicht beeinflussen, wie viel Respekt oder Empathie ich ihr entgegen bringe.

Diese vier Aspekte im Besonderen machen für mich das feministische Verständnis aus, das den Überlegungen in diesem Buch zugrunde liegt. Denn sie tragen Sorge dafür, dass der einzelnen Person ein selbstbestimmtes Leben zugestanden wird, ohne dass sie sich vereinzeln muss. 

Die Chance sowohl im eigenen Leben als auch erst recht im eigenen Sexualleben der Mensch sein zu dürfen, der man wirklich ist und sein will, ist auch das Ziel dieser sagenumwobenen “sexuellen Befreiung” gewesen. Die ja wie gesagt schon stattgefunden haben soll in unserer deutschen Gesellschaft. Aber wenn das so wäre, wie sähe dann ganz praktisch unsere kollektive, normenbasierte und unsere individuelle Sexualität aus? Wirklich so wie jetzt oder vielleicht doch deutlich weniger dogmatisch und schambehaftet?”

[weiter geht’s in “Gleichstellung”]

Grüße vom Stonewall Monument auf der Christopher Street in NYC 🥰

Die feministische Bewegung hat bereits viel für Menschen aller Geschlechter erreicht. Ja, auch für Männer, die jetzt zum Beispiel auch vollständige Wesen mit Emotionen sein dürfen und sich nicht mehr auf die Rolle des stoischen, starken Ernährers reduzieren müssen. Außer sie wollen es so, nicht wahr, Andrew?

Der 8. März ist also nicht umsonst ein Feiertag, an dem wir Anerkennung verteilen und erhalten dürfen. Aber vor allem sollte er uns als Erinnerung dafür dienen, was alles noch zu tun ist. Und wenn du dir darüber unsicher bist, dann empfehle ich: nutz die vielen Angebote in Form von Demos, Brunches (Si apre in una nuova finestra), Kulturveranstaltungen, Filmvorführungen, Lesungen und Panel Diskussionen, die heute stattfinden, um zuzuhören. Hör zu und versuch zu verstehen, wo andere noch strugglen und wie du als Teil der feministischen Bewegung dabei helfen kannst, dass die Welt für alle ein Stück besser wird. 

Wenn du dich davon angesprochen fühlst, dann kannst du auch am Montag, den 9. März, mit uns in den Frauen*streik (Si apre in una nuova finestra) treten: “Der Frauen*streik macht sichtbar, was sonst unsichtbar bleibt. Er zeigt, was passiert, wenn wir unsere Arbeit niederlegen.” (Quelle: töchterkollektiv)

Also, halt dich nicht aus Unsicherheit zurück. Nenn dich Feminist*in, wenn du unsere Werte teilst und zeig Präsenz besonders offline. Die Gruppe braucht dich und du brauchst die Gruppe.

Schönen feministischen Kampftag euch allen!

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Empfehlungen

📖 Zum smoothen Einstieg in den Feminismus, wenn man wie ich trotzdem zuerst etwas drüber lesen will 😉

📕 Mehr Hintergründe gibt’s auch als Comics und in lustig:

📚 Und hier einmal auf Englisch und auf Deutsch ein bisschen Feminismus-Kritik für die Fortgeschrittenen:

Mehr von Cleo

🎧 Für Deutschlandfunk Nova habe ich zuletzt recherchiert, wie man sich gegen Grauzonen-Übergriffe in der Sauna wehren kann:

Hier anhören! (Si apre in una nuova finestra)

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Danke für’s Lesen und liebe Grüße von

Cleo

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