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Juni // Tarana Burke

Auf dem Juni-Kalenderblatt findet sich kein ausgedehntes Zitat, dafür aber die Kraft eines Bekenntnisses, obwohl es aus kaum mehr als zwei Worten besteht: zwei kurze Worte, in übergroßen Buchstaben gesetzt, so groß, dass sie beinahe mit dem Porträt von Tarana Burke konkurrieren. Denn mir wurde klar: Kein noch so treffendes Zitat kann jene Worte ersetzen, die endlich mit ihrer Person verbunden werden sollten, auch wenn oft gesagt wird, dass niemand ein ausschließliches Recht an Worten hat - niemand kann sie besitzen. Was uns jedoch wirklich gehört, sind unsere Geschichten: die ausgesprochenen, die gehörten und selbst jene, die unausgesprochen bleiben, weil sie auf ihren Moment warten, auf einen Impuls, der sie ans Licht bringt. Und wenn uns die Worte fehlen, wenn uns die Stimme genommen wurde, dann bedeutet das auch, dass uns Repräsentation fehlt.

Menschen, die Gewalt erfahren, sind nur selten in der Lage, ihre eigene Situation klar einzuordnen und Hilfe zu suchen. Die Angst vor Strafe, Vergeltung und Konsequenzen kann einen Zustand der Lähmung erzeugen, der kaum vorstellbar ist. Doch genau das müssen wir uns nicht vorstellen: Die Stärke der MeToo-Bewegung liegt darin, dass sie sich als kollektive Erfahrung erwiesen hat und nicht als abstraktes Problem der Anderen.

Diesen intimen Moment stelle ich mir eher als ein leises Geständnis vor, halb geflüstert, vielleicht direkt ins Ohr gesprochen, vielleicht mit feuchten Händen, vielleicht mit angespannten Kiefern und dem körperlichen Echo eines retraumatisierten Zustands, der sich erinnert, selbst wenn diese Erinnerung unter den Schichten des Alltags verborgen bleibt. Es ist schwer. Deshalb sprechen wir nicht immer darüber. Manchmal fällt es leichter zu schreiben, um etwas auszudrücken. Manchmal ist es leichter, sich einer Bewegung anzuschließen, in der jemand oder etwas Stärkeres für unser unveräußerliches Recht auf Wahrheit und auf eine Stimme einsteht: für das Recht, sie überhaupt zu erheben.

„Ich auch“ bringt Erleichterung. „Ich auch“ nimmt der Erfahrung etwas von ihrer Einsamkeit. „Ich auch“ verschiebt die Last von der beschämten Person auf jene, die tatsächlich Grund zur Scham hätten oder vielmehr Verantwortung für ihre Tat übernehmen sollten. „Ich auch“ schafft Solidarität. Es verwandelt eine individuelle Erfahrung in eine kollektive und macht sie dadurch ein Stück leichter.

In der Psychoanalyse, mit der ich mich beschäftige, bilden die eng miteinander verbundenen Begriffe Wort, Sprache und Stimme eine eigene symbolische Ordnung. Interessant ist in diesem Zusammenhang auch der Gedanke des französischen Psychoanalytikers Jacques Lacan, wonach sich das Subjekt erst durch die Anerkennung des Anderen konstituiert. Wird die Erfahrung von Gewalt mit Unglauben, Verharmlosung oder Beschämung beantwortet, verliert die betroffene Person gewissermaßen den Ort, von dem aus sie sprechen könnte. 

Das Trauma endet daher nicht mit dem Gewaltakt selbst: Es wird durch gesellschaftliche Taubheit fortgeschrieben. In diesem Sinne kann #MeToo als ein Moment verstanden werden, in dem Millionen Menschen gleichzeitig ihre Stimme zurückgewannen. Es ging nicht allein darum, Geschichten zu erzählen, sondern darum, eine Situation kollektiv zu durchbrechen, in der jede dieser Geschichten zuvor als isolierter, privater Vorfall behandelt worden war. Als sich die Stimmen überlagerten, wurde sichtbar, dass Gewalt keine Ausnahme, sondern eine Struktur ist. Und wieder zeigt sich: Das Private ist politisch.

Tarana Burke wusste das schon lange. Dennoch steht sie bis heute oft im Schatten der Geschichte von MeToo, obwohl gerade ihr Gespräch mit einer Jugendlichen im Jahr 2006 und ihre Reaktion darauf den Ausgangspunkt eines weitreichenden gesellschaftlichen Prozesses bildeten. Burke arbeitete jahrelang mit Mädchen und jungen Frauen aus afroamerikanischen Gemeinschaften und schuf Räume für Menschen, die sexuelle Gewalt und systematische Ausgrenzung erfahren hatten. Ihre Arbeit beruhte von Anfang an nicht auf medialer Aufmerksamkeit, sondern auf dem beharrlichen Aufbau von Unterstützung, Solidarität und Selbstermächtigung. Als ein junges Mädchen ihr von jahrelanger Gewalt erzählte, die sie durch den Partner ihrer Mutter erlitten hatte, fand Burke keine passenden Worte. Wie sie später selbst sagte, wollte sie nur eines antworten: „me too“. Gerade aus dieser Sprachlosigkeit, aus dem Gefühl heraus, dass wir manchmal keinen Rat brauchen, sondern die Wiedererkennung unserer eigenen Erfahrung im Gegenüber, entstand die Sprache einer späteren Bewegung.

Die meisten von uns verbinden sie allerdings vor allem mit dem Jahr 2017, mit dem Fall Harvey Weinstein und der Welle von Anschuldigungen, die eine globale Debatte auslösten. Alyssa Milano machte den Ausdruck damals zu einem Hashtag auf Twitter; die sozialen Medien verliehen ihm eine Reichweite, die er zuvor nie gehabt hatte. Man könnte also sagen: Burke gab diesen Worten einen symbolischen Körper, während Milano ihnen öffentliche Wucht verlieh.

Persönlich habe ich kein Bedürfnis, über Prioritäten, Daten oder Eigentumsrechte an Worten zu streiten. Beide Geschichten ergänzen einander und haben gemeinsam zu einem der bedeutendsten gesellschaftlichen Diskurse unserer Zeit beigetragen. Viel interessanter erscheint mir die Frage, worin Tarana Burke selbst den Kern des Problems sah: im Zusammenspiel von System, Hautfarbe und sozialer Klasse. Sie verstand sich als eine Aktivistin außerhalb der medialen Eliten, aber nahe an den Erfahrungen derjenigen, die Gewalt erleiden. Immer wieder betonte sie, dass Gewalt zwar jeden treffen könne, jedoch nicht alle Menschen denselben Zugang zu Gerechtigkeit, Glaubwürdigkeit und gesellschaftlichem Gehör hätten; insbesondere dann nicht, wenn es um junge Schwarze Mädchen geht.

Zugleich machte sie darauf aufmerksam, dass der Hashtag MeToo zwar das Ausmaß eines Problems sichtbar gemacht habe, dessen Existenz längst bekannt war, dass er jedoch den Fokus zunehmend von den Überlebenden auf die Täter verschob. In gewisser Weise, so Burke, gingen die Betroffenen auf diesem Weg verloren, insbesondere jene, für die ohnehin kaum jemand eintrat. Deshalb bestand ihr Ziel als Aktivistin stets darin, ihnen nahe zu bleiben und daran zu erinnern, für wen diese Bewegung eigentlich entstanden war.

Was mich an ihrer Geschichte am meisten berührt, ist jedoch ihre Überzeugung, dass Empathie eine politische Kraft sein kann. Als ich diesen Gedanken zum ersten Mal las, tauchte in meinem Kopf eine vertraute Vorstellung auf: Für einen Moment dachte ich: So denken vermutlich vor allem Frauen. Natürlich ist das keine Regel. Vielleicht sollte man es eher eine Ressource nennen. Tarana Burke entschied sich, von ihr Gebrauch zu machen und machte sie zu einem Instrument gesellschaftlicher Veränderung.

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