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Urbane Fortbildung

Der Tag begann nicht mit jener leisen Selbstverständlichkeit, die man einem Fortbildungstag gern zugesteht, sondern mit einer jener administrativen Volten, die das Leben offenbar liebt, wenn man ohnehin schon innerlich sortiert unterwegs ist.

Mein ursprünglich gebuchtes Hotel – aus Gründen, die sich irgendwo zwischen organisatorischem Versehen und höherer Gewalt verorten lassen – war schlicht nicht bewohnbar. Für Gäste jedenfalls. Ich gehörte damit plötzlich zu einer Spezies urbaner Nomadinnen: umgebucht, umdirigiert, neu verortet.

Das Ersatzhotel war freundlich, korrekt, funktional. Vor allem aber: nicht dort, wo ich hätte sein sollen.

Der Fortbildungsort verlangte nun nach öffentlichem Nahverkehr. U-Bahn. Stadt. Bewegung.

An dieser Stelle trat mein digitales Navigationsorakel auf den Plan. Google Maps, das mich seit geraumer Zeit offenbar für bewegungsarm hält, beschloss, diesen Tag zu einem pädagogischen Feldversuch zu erklären. Nicht etwa der direkte Weg schien erstrebenswert, nein – ich wurde in großzügigen Schleifen durch die Stadt geschickt, einmal gerade durchs Rotlicht Viertel, querfeldein, im Zickzack, mit jener fast fürsorglichen Penetranz, die suggeriert: Du sitzt zu viel. Geh.

Dass der Zielort ohne Umwege in vier Minuten erreichbar gewesen wäre, schien dem Algorithmus nebensächlich. Bewegung ist schließlich auch eine Haltung.

Nach einigem Suchen, Korrigieren, erneuten Verwerfungen zwischen Realität und Kartendarstellung erreichte ich schließlich die U-Bahn.

Sie empfing mich nicht etwa mit jener beiläufigen Selbstverständlichkeit urbaner Mobilität, sondern mit einer gewissen existenziellen Gravitas. Ein unterirdischer Resonanzraum, in dem sich Menschenströme, Rollkoffer, Parfumwolken und das ferne Echo mechanischer Durchsagen zu einer eigentümlichen Choreografie verdichteten. Die Stadt atmete hier unten anders – gedrängter, beschleunigter, mit jenem metallischen Unterton, der stets ein wenig nach Eile klingt.

Ich stand also da, das Mobiltelefon in der Hand, mein digitales Orakel weiterhin der festen Überzeugung, ich müsse mich bewegen, am besten in alle Richtungen zugleich. Google Maps, diese pädagogisch überambitionierte Instanz, schickte mich gedanklich bereits auf einen urbanen Jakobsweg, während ich real versuchte, mich nicht von der Rolltreppe verschlucken zu lassen. Effizienz ist relativ, dachte ich. Vor allem, wenn sie algorithmisch motiviert ist.

Die U-Bahn selbst fuhr ein. Mit diesem unverkennbaren Geräusch, das irgendwo zwischen beruhigendem Rhythmus und industrieller Drohkulisse oszilliert. Türen öffneten sich, Menschen spuckte es heraus, Menschen sog es hinein. Ich ließ mich einsaugen, fand einen Platz nahe der Tür – strategisch klug, wie ich mir versicherte, denn strategische Selbstberuhigung ist eine meiner Kernkompetenzen.

Drinnen dann: Stimmen. Viele Stimmen. Manche hell, manche tief, manche präzise, andere nur als vage Silhouetten aus Lautstärke und Lippenbewegung wahrnehmbar. Gesprächsfetzen schwebten vorbei wie schlecht synchronisierte Untertitel eines Films, dessen Handlung man nur erahnt. Ich nickte mir selbst innerlich zu: Willkommen im auditiven Patchwork.

Die Bahn setzte sich in Bewegung. Tunnellicht flackerte. Stationen rauschten heran und wieder davon. Ich beobachtete Menschen – diese wunderbar unterschiedlichen Lebensentwürfe auf zwei Quadratmetern Stehfläche. Die konzentrierte Geschäftsfrau mit dem Blick auf die Uhr, der Student mit Kopfhörern, die vermutlich lauter waren als alles, was ich gerade sortieren konnte, das ältere Paar, das sich wortlos verstand. Kommunikation findet auf so vielen Ebenen statt, dachte ich, und nicht alle brauchen Schall.

Ich saß also in der U-Bahn, hatte nicht viele Stationen vor mir, und da saß, mir gegenüber, ein wirklich junger Mann. Er war bestimmt noch keine zwanzig. Er zückte sein Telefon und schaute darauf, so wie es alle jungen Leute tun – und ich auch, und nein, ich bin nicht jung. Und auf einmal gebärdete er ins Handy. Er unterhielt sich mit jemandem auf Gebärdensprache via Video.

Ich sah zu. Und als er eine Pause machte, fragte ich ihn, wie es ihm geht. Er freute sich, dass ich auch „Gebärdensprache kann“. Ich setze das bewusst in Anführungszeichen, denn ich lerne erst. Genau das sagte ich ihm: dass ich Anfängerin bin, erst übe, erst lerne, dass ich noch nicht schnell gebärden kann, weil mir manchmal Worte fehlen, weil ich sie vergessen habe. Dass ich mehr verstehe, als ich mitteilen kann.

Er erzählte mir, dass er hier zur Schule geht, dass er seit vier Jahren Gebärdensprache besser lernt. Davor war es nur familiär geprägt gewesen und sehr schwer. Die ganze Familie ist lautsprachlich unterwegs, und er war gezwungen, von den Lippen abzulesen oder zu erahnen, was die Menschen wollen. Kommunikation als permanentes Rätselspiel.

Und nun, sagte er, sei er endlich hier. Und lerne. Wie alle jungen Leute. Für sein Leben.

Ich freute mich wirklich außerordentlich, dass ich diese Unterhaltung

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