
Meine eine Stunde Ruhe am Morgen ist mir heilig. Ihr wisst das.
Ich stehe sogar extra früher auf, nur um sicherzugehen, dass mir niemand diese Zeit streitig macht. Keine Gespräche, keine Erwartungen, kein „kannst du mal kurz“. Nur ich. Und die Stille.
Das ist kein Luxus, das ist Notwehr.
Ein inneres Geländer, ein stiller Vorbehalt gegen die Zumutungen des Tages.
Danach bin ich geerdet, sortiert, halbwegs gesellschaftsfähig. Startbereit. Also so startbereit, wie man das eben sein kann, wenn man Mensch ist.
Wenn ich unterwegs bin, trägt dieses Ritual allerdings andere Kleider. Oder keine.
Sofa bei einer Freundin. Hotelzimmer. Fremde Küche. Unbekannte Geräusche, andere Gerüche, andere Böden, die nachts verdächtig knarzen. Unterschiedliche Gegebenheiten verlangen unterschiedliche Strategien. Die Idee bleibt dieselbe – die Umsetzung ist… variabel.
Ich versuche auch dann, mich morgens nicht sofort ins Geschehen zu stürzen.
Momente der Ruhe. Kurze innere Sammelstellen. Kleine Inseln.
Was – logisch – nicht immer gelingt.
Weder hier noch dort.
Aber ein paar Minuten, die nehme ich mir. Punkt.
Unverhandelbar. Eine kleine, fast subversive Geste der Selbstachtung, egal wo ich bin.
Und dann beginnt der Teil, über den niemand spricht:
Ich schleiche.
Ich schleiche durch fremde Mauern, auf Zehenspitzen, mit angehaltener Atmung, in der festen Überzeugung, dass jeder Bodenbelag ein persönliches Geräuschkonzert für mich vorbereitet hat. Ich versuche, keine Freundin zu wecken, keine Hotelgäste, keine imaginären Menschen hinter dünnen Wänden – nur weil ich mit einer Kinderblase gesegnet wurde und mein Körper offenbar keinen Respekt vor Uhrzeiten kennt.
Jede Bewegung wird zur taktischen Operation.
Türklinken werden millimeterweise bewegt. Wasserhähne wie rohe Eier behandelt. Alles in der stillen