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Lippenlesen, Mundbild, Schriftsprache, Apps & Alternativen

Mein Alltag zwischen Wiesel, Familie und Büffelin

Wir waren gerade einkaufen.

Nichts Spektakuläres. Ein ganz normaler Supermarktbesuch zwischen Gemüseabteilung, Einkaufswagen und der üblichen akustischen Reizüberflutung, die offenbar eigens dafür entwickelt wurde, hörbehinderten Menschen den letzten Nerv zu rauben.

Prompt klingelte das Handy.

Ein wichtiger Anruf.

Natürlich.

Nicht zu Hause. Nicht in ruhiger Umgebung. Nicht dort, wo selbst mein technisch hochgerüstetes Innenleben eine faire Chance hätte. Nein. Mitten im Supermarkt. Zwischen piepsenden Kassen, ratternden Kühlanlagen, klappernden Einkaufswagen und Menschen, die sich gegenseitig lautstark die Vorzüge verschiedener Joghurtsorten erklären.

Mein Wiesel beginnt augenblicklich, sich vor Verzweiflung das Fell zu rupfen.

Ich verstehe einzelne Worte.

Vielleicht.

Oder auch nicht.

Also greift Plan B.

„Entschuldigen Sie bitte, ich höre schlecht. Könnten Sie einen Moment warten? Ich wiederhole kurz, was ich verstanden habe.“

Offenheit hilft erstaunlich oft. Viele Menschen sprechen danach langsamer, deutlicher oder formulieren anders. Und manchmal stellt sich heraus, dass das, was ich verstanden habe, mit dem Gesagten ungefähr so viel gemeinsam hatte wie ein Gartenzwerg mit einem Formel-1-Wagen.

Der Anruf endet.

Die Odyssee nicht.

Denn kaum haben wir aufgelegt, geht das Rätselraten im Supermarkt weiter.

Mein Wiesel läuft inzwischen emotional bereits mit entblößtem Hinterteil durch die Gegend, während die Büffelin stoisch ihren Einkaufswagen schiebt und so tut, als sei all das völlig normal.

Von irgendwoher dringen Wortfetzen zu mir.

„...gabe...“

„Was? Abgabe?“

Nein.

Nicht einmal annähernd.

Es war „Handmixer“.

Ach ja.

Natürlich.

Wie konnte ich das verwechseln?

Das Wiesel rupft inzwischen hektisch weiter an seinem Fell. Wenn das so weitergeht, muss ich dem kleinen Kerl tatsächlich noch ein Jäckchen kaufen.

Solche Situationen begegnen vielen von uns täglich. Nicht einmal. Nicht zweimal. Sondern oft mehrfach.

Denn Hören besteht nicht nur aus Schall.

Wir nutzen zusätzlich das Mundbild. Wir lesen Lippen. Wir beobachten Mimik. Wir ergänzen Informationen aus Kontext, Erfahrung und Situation. Unser Gehirn arbeitet permanent daran, Lücken zu schließen und Bedeutung zu rekonstruieren.

Dreht sich jemand weg, fällt ein wichtiger Baustein weg.

Ist die Umgebung laut, fehlen weitere Informationen.

Spricht jemand undeutlich, wird die Aufgabe noch komplexer.

Und manchmal bleibt am Ende nur ein akustisches Puzzle mit fehlenden Teilen zurück.

Zum Glück gibt es Alternativen.

Wenn es zu schwierig wird, helfen Transkriptions-Apps auf dem Smartphone. Gespräche können in Echtzeit verschriftlicht werden. Familienmitglieder unterstützen. Freunde wiederholen Informationen. Kollegen helfen aus.

Und manchmal funktioniert die älteste Kommunikationshilfe der Welt noch immer erstaunlich gut:

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