Redaktion free.fem.minds Magazin | Tina Steiger

Viele Hilfestellen, an die sich Frauen nach Gewalt wenden können, arbeiten mit einem Trauma-informierten-Ansatz. Das heißt, sie berücksichtigen die Folgen und Verhaltensweisen der Betroffenen und die spezifischen Hürden, die sich für sie ergeben. Sie sind in der Lage, Frauen auch dann zu begleiten, wenn ihr Verhalten von außen betrachtet widersprüchlich oder sogar unglaubwürdig erscheint, weil sie wissen, was daran der Traumanateil der Betroffenen sein könnte. Von Hilfestellen dieser Art gibt es aktuell noch viel zu wenige und im Netz um Gewaltschutzverfahren fehlt dieses Wissen zum Teil komplett. Mit fatalen Folgen.
Was müssen Fachstellen wissen? Und was passiert Betroffenen, wenn das System Traumafolgen nicht deuten kann?
Trauma ist heute zu einem Label geworden, das schnell und oft zum Einsatz kommt, wenn Menschen Belastungssituationen beschreiben. An wirklich tiefgreifender Kenntnis zu Traumafolgen und ihren Erscheinungsformen fehlt es dennoch. Besonders an den Stellen, die Gewaltbetroffenen helfen könnten und es aufgrund mangelnder Fachkenntnis nicht leisten. Wenn Frauen Gewalt erfahren haben, stellt sich ihr Verhalten oft widersprüchlich dar. Das Bild des perfekten Opfers, das eindeutige, vermeintlich richtige und damit glaubwürdige Signale sendet, existiert in der Realität so gut wie nicht. Was wir glauben, wie ein Opfer auszusehen, zu berichten und sich zu verhalten hat, ist ein Konstrukt aus Filmen und Rollen und sehr oft hat es nichts mit der Lebensrealität von Betroffenen gemeinsam. Hier kommen drei Gründe, warum Opfer nicht perfekt performen:
Opfer sein ist keine Rolle
Wer Gewalt erlebt, ist eine reale Person. Frau, Freundin, Erziehende, Arbeitnehmerin, Geflüchtete oder Unternehmerin. Studentin oder Rentnerin. Nachbarin oder Kollegin. Mutter oder Pflegende. Will sagen, der Alltag von Frauen lässt es meist gar nicht zu, in einer einzelnen Opferrolle zu verharren. Viele ungeschulte Coaches werben im Internet damit, Frauen würden zu lange in einem Opfer-Mindset ausharren. Das Gegenteil ist der Fall. Frauen haben so vieles im Leben zu leisten und alles wird mit dem Erleben von Gewalt noch schwerer. Das Nervensystem ist belastet, das Stresslevel stark erhöht. Doch die Anforderungen im Alltag bleiben gleich, bei geschwächten Ressourcen. Was tun Frauen? Sie funktionieren. Trotzdem. Sie kompartimentieren ihre Lebensrealität. Der Part mit dem Gewalterleben wird ein Teil von Vielen. Ein Teil, der sich im Alltag zeitweise beiseite stellen lässt, bis das System im Verborgenen – abends auf der Couch oder wenn die Kinder im Bett sind – kollabiert. Eine Art Selbstschutz für das Gehirn, dass das System am Laufen erhält. Betroffene sind so durchaus in der Lage, im Job, als Mutter und mit viel Verantwortung weiter Entscheidungen zu treffen und gut zu funktionieren. Sie mögen nach außen hin als völlig in Ordnung erscheinen und wirken, als hätten sie alles unter Kontrolle. Wenn diese Frauen dann vor Gericht oder bei der Polizei ungenaue Aussagen machen und in ihren Erzählungen sprunghaft wirken, dann gelten sie schnell als unglaubwürdig.
Personen mit Traumwissen wüssten, dass diese zwei Realitäten nebeneinander existieren können: Stärke und Zusammenbruch. Frauen können gefasst und selbstbewusst sein und dennoch unsicher und angefasst, wenn sie die Gewalt rekapitulieren. Es ist kein Zeichen von Unglaubwürdigkeit. Es ist ein Zeichen eines Nervensystems, das kippt, während ein Mensch im Alltag krampfhaft versucht, alles zusammenzuhalten.
Opfern zu glauben geht mit Traumabildung einher. Wer Trauma nicht versteht, der setzt auf Klischees. Betroffene kann dieses Unwissen im System das Leben kosten.
Abgeklärt zu sein ist das Recht von Betroffenen
Wenn wir an Betroffene von Gewalt denken, haben wir ein Bild vor Augen von Frauen, die vor lauter Schluchzen kaum sprechen können, die zitternd den Blick senken, die stockend sprechen und immer wieder schweigen, weil ihnen vor Angst die Worte fehlen. Dieses Bild kann falsch sein. Gerade Frauen, die lange in Gewalt durch den Partner in Beziehungen aushalten und die sich lange nicht trennen, sind innerlich fertig mit diesen Beziehungen, noch bevor sie physisch einen Fuß daraus setzen. Unser Bild von Opfern ist falsch. Nicht alle sind verhuscht und ängstlich und wissen nicht, wie ihnen geschieht. Viele Frauen lesen von Narzissten, von Tätern und Kontrolle. Sie haben anonyme Social Media Accounts und wissen viel darüber, was Gewalt und das Verlassen eines Täters bedeuten kann. Genau dieses Wissen sichert ihnen machmal das Überleben. Sie harren aus, weil es sicherer ist für sie und mitbetroffene Kinder oder weil sie strategisch agieren müssen, bis die Rahmenbedingungen für eine Flucht aus der Gewalt existieren. Wenn diese Frauen danach zur Polizei gehen oder mit dem Jugendamt zusammensitzen, dann heißt es oft, sie seien kalt, nüchtern und berechnend. So wie sie seien Opfer nicht. Die Realität ist aber: Wer genug Horror erlebt, legt ihn ab. Die Gewalt wird zu einem Fakt, der nüchtern erzählt werden kann. Das Überleben wird zu einem Punkt in der Vita. Nicht mehr. Diese Frauen haben zum Teil Jahre damit verbracht, ihre Identität aus diesen Beziehungen zu retten. Sie haben überlebt und jetzt sind sie die Frauen, die eiskalt von Dingen berichten können, bei denen anderen der Atem stockt. Das ist nicht Unwahrheit. Das ist Dissoziation in Aktion. Wo Gefühle ein Risiko waren, werden sie abgestellt. Eine Polizeiwache, in der die Frauen infrage gestellt werden oder ein Jugendamt, das betont, der Vater sage, dass die Gewalt nie vorgefallen sei, sind keine sicheren Orte für Gefühle. Frauen schulden diesen Stellen ihre Innensicht nicht.
Frauen sollten nicht zusammenbrechen oder in Tränen ausbrechen müssen, um als glaubwürdig zu gelten. Diese Perspektive auf Frauen ist fehlendem Traumwissen geschuldet. Das Problem liegt im Unwissen der Verantwortlichen. Nicht in der Abgeklärtheit der Opfer.
Gewalterleben beeinflusst die Erinnerung
Gewalt ist ein Erdbeben für das Nervensystem. Der Körper signalisiert Angst und Panik, das System schüttet Hormone zu Flucht und Kampf aus, doch am Ende bleibt vielen Betroffenen nur das Verharren in der Situation. Manchmal immer wieder über Jahre. Aus der Psychologie weiß man, dass diese Situationen für Menschen schwerwiegende gesundheitliche Folgen haben. Die Traumforschung weist darauf hin, dass sich traumatische Ereignisse dieser Art im Gedächtnis der Betroffenen bemerkbar machen. So speichern sich bei ihnen Erinnerungen nicht als zusammenhängende Geschichten ab, sondern sie sind als Fragmente aus Szenen, Gerüchen und Handlungen gespeichert. Wer von Betroffenen die perfekt chronologisch erinnerte Ereignisfolge verlangt, verkennt, wie das Gehirn funktioniert. Traumatisierte Menschen können das oft nicht. Dieses Nicht-Können sollte nicht auf ein System treffen, das daraus schlussfolgert, die Frauen würden lügen. Es braucht mehr als ein Bekenntnis zum Opferschutz, um Betroffene tatsächlich in ihrem Erleben und ihren Einschränkungen anzuerkennen.
Trauma ist weder schön, noch folgt es einem Skript. Trauma ist individuell eingebettet in die Lebensrealität jeder einzelnen betroffenen Person und die Folgen sind so vielfältig, wie die Fähigkeiten der Opfer. Trauma folgt Ressourcen. So sind Frauen, die lange ohne Hilfen und Schutz in Angst leben müssen, besonders schwer betroffen. Doch nochmal: Trauma ist am Ende nicht immer sichtbar. Trauma ist ein inneres Erleben. Es wäre sinnvoll, Betroffene zu fragen, was ihnen schwer fällt, sie einzubeziehen mit der Frage danach, was sie gerade brauchen. Jede Antwort ist richtig. Dazu braucht es Fachkräfte, die Trauma verstehen. Oder die ein Mindestmaß an Empathie als bare minimum aufweisen, zusammen mit der Bereitschaft, erlernte Klischees im Kopf infrage zu stellen.
Verlust der Deutungshoheit
über die Ereignisse
Wenn wir heute beobachten, wie über von Gewalt betroffene Frauen gesprochen wird – geschweige denn mit ihnen – dann sehen wir nur wenig bis gar nichts davon. Es wirkt, als würden die Frauen bei Gewalterleben die Deutungshoheit darüber, wer sie sind, was für sie richtig ist und sogar, ob sie als Mütter erziehungsfähig sind, an involvierte Kräfte abgeben. Diese deuten dann die Opfer. Und meist ist diese Deutung weder traumsensibel noch informiert. Oft ist sie schlicht misogyn (das heißt, sie orientiert sich an gängigen Klischees über Frauen), neutral (was pro Täter bedeutet) und inhaltlich falsch.
Es wird Zeit, von Gewalt betroffene Frauen als Expert:innen ihrer Situation zu respektieren und sie in ihren Bedürfnissen ernst zu nehmen. Nicht zu interpretieren, was diese Frauen wohl brauchen, sondern sie vor allem individuell danach befragen. Das Traumawissen kommt erst dann ins Spiel. Nämlich, den Frauen dann zu glauben, wenn sie sagen, was sie wie benötigen oder nur können. Traumawissen ist gut, Frauen in ihrer Wahrnehmung zu vertrauen ist besser. Es muss ein Standard gelten, der Betroffene in ihrer Perspektive auf Augenhöhe respektiert.
VICTIM’S CODE OF PRACTICE
In anderen Ländern existieren diese Standards bereits. In England und Wales etwa gilt für Betroffene der sogenannte Victim’s Code. Er legt fest, welche Rechte betroffene Frauen haben, wenn sie Gewalt bei der Polizei anzeigen. Der Victim’s Code of Practice1 legt fest, welches Mindestmaß an Unterstützung, Information und Respekt ein Opfer von Gewalt bei der Anzeige standardmäßig erfahren muss. So dürfen die Frauen nicht nur als Zeuginnen oder die Taten nur als Fälle desensibilisiert werden, sondern die Frauen müssen als Gewaltopfer mit eigenen Rechten behandelt werden. Dazu gehört das Recht auf einen empathischen Umgang, das Erklären von Möglichkeiten und die Einbeziehung der spezifischen Bedürfnisse und der Situation der Betroffenen.
Gesetze wie diese fehlen in Deutschland. Und was damit auch fehlt, ist fast noch größer, als ein Recht. Was fehlt, ist ein Bewusstsein pro Opfer. Eine Grundhaltung, die Opfern ein Mindestmaß an Würde und Akzeptanz garantiert.
Traumawissen muss die Autonomie der Betroffenen respektieren
Traumawissen ist mehr als psychologische Fachkenntnis. Es ist die Bereitschaft anzuerkennen, dass Menschen, die lebensverändernde Erfahrungen gemacht haben, verändert reagieren. Dass Normen hier andere sein müssen. Nicht defizitär, sondern wahrscheinlicher erworben neurodivergent.
Die Grundlage dafür ist als Ausgangspunkt jedoch eine Bereitschaft, Frauen zu glauben. Wer Frauen infrage stellen will, muss sich fragen warum. Kein Traumawissen ist in der Lage internalisierte Miosgynie auszugleichen.
Wer sich mit Trauma informed kennzeichnet, muss sich mit Vorurteilen über Frauen auseinandersetzen. Traumasensibel heißt nicht, die Betroffenen süßlich milde anzusprechen, sondern sie auf Augenhöhe und als Expertinnen der eigenen Situation zu respektieren und als solche zu begleiten.
Frauen schulden niemandem
die perfekte Opferrolle
Niemand hat das Recht, einer Betroffenen eine Erwartung darüber aufzuerlegen, wie sie sich als Opfer zu verhalten habe. Das Gegenteil ist der Fall. Wir als aufgeklärte Gesellschaft schulden es Frauen, informiert genug zu sein, um ihnen auch dann zu glauben, wenn sie nicht filmreif das tränenüberströmte Opfer zum Besten geben. Es ist an uns allen, eine Wahrheitsvermutung in den Köpfen zu installieren. Auch dann, wenn dies unser inneres Bild von Opfern herausfordert.
www.gdass.org.uk ↩