Von Hasnain Kazim - Bohne / Burgtheater / Wehrpflicht
Liebe Leserin, lieber Leser,
jede Woche bekomme ich Zuschriften, in denen Menschen mich darum bitten, mehr von Frau Dr. Bohne zu berichten. Wieder andere regen an, einen eigenen Dr.-Bohne-Newsletter oder einen eigenen Kanal irgendwo im Netz zu starten. Ich verstehe das, und es wäre wahrscheinlich auch zur Freude all derer, die am liebsten gar keinen Hundecontent hier haben wollen, denn dann wäre das eine getrennte Angelegenheit, aber Frau Dr. Bohne und ich haben uns beraten und sind entschieden dagegen. Uns gibt es nur als Paket.
Denn weder Böhnchen noch ich haben Zeit, noch eine weitere Sache anzupacken. Die “Erbaulichen Unterredungen” bleiben also weiterhin so wie bisher: ab und zu mit Gschichterln aus dem Leben von Frau Dr. Bohne.
Zum Beispiel darüber, warum ich einen Hund habe und “was das überhaupt bringt, so ein Hund”, wie mich kürzlich eine Leserin etwas verständnislos fragte. Und dann war da noch dieser Artikel in der “Süddeutschen Zeitung” darüber, was ein Hund eigentlich kostet (Si apre in una nuova finestra).
Ich mag, dass Hunde so reine Seelen sind. Klar, sie wollen Futter, mit Leckerlis kann ich Böhnchen immer bestechen. Aber sie ist ein wirklich liebes Wesen, keine bösen Absichten, keine Lügen, keine Gewalt (außer vielleicht der eine oder andere Ausraster, wenn ihr andere Hunde auf die Nerven gehen, und dann natürlich der Jagdtrieb, was will man machen, sie ist ein Deutscher Jagdterrier).
Gerade zum Beispiel lag ich kurz auf dem Sofa und unterhielt mich mit meiner Frau, da kommt Böhnchen fröhlich angehüpft, springt wie selbstverständlich ebenfalls aufs Sofa, quetscht sich zwischen meine Beine, macht es sich bequem, legt ihr Köpfchen auf mein Knie, seufzt zufrieden - und schläft ein.

Ich könnte dahinschmelzen. Wie kann man so ein hinreißendes Geschöpf sein? Tja, und dann lag sie friedlich da und ich lag so da, und aus der eigentlich kurzen Pause, die ich geplant hatte, wurde ein gemütliches Stündchen Nachmittagsschlaf.
Warum ich also einen Hund habe? Aus genau diesem Grund: weil es so wunderbar ist.
Das Leiden des Schriftstellers
Zu meinem Geburtstag habe ich Theaterkarten für das Stück “Der Fall McNeal” bekommen, im Burgtheater. Es geht um den ebenso erfolgreichen wie narzisstischen Schriftsteller Jacob McNeal, dessen Schreiben mehr und mehr auf künstlicher Intelligenz beruht. Er trinkt zu viel Alkohol, seine Leber macht Probleme, der Körper verfällt. Und dann basiert sein neuestes Buch auch noch mehr oder weniger komplett auf dem unveröffentlichten Manuskript seiner inzwischen verstorbenen Frau. Sein Sohn macht ihm ebenso wie eine frühere Geliebte Vorwürfe, Erlebnisse und Erfahrungen aus deren Privatleben in seinen Büchern verarbeitet zu haben. Das Stück schlägt einen Bogen von den Höhen (Literaturnobelpreis!) zu den Tiefen des Schreiberlebens.

Gleich drei Personen sind in diesem Stück involviert, die ich bewundere: Geschrieben hat es Ayad Akhtar, ein US-amerikanischer Schriftsteller und Schauspieler, der als Sohn pakistanischer Einwanderer in Wisconsin aufwuchs. Ich verfolge ihn seit seinem Romandebüt “American Dervish” im Jahr 2012, aus dem ich übrigens auch in meinem im März 2026 erscheinenden Buch “Der Islam und ich” zitiere. Übersetzt aus dem Englischen hat das Stück der geschätzte Schriftsteller Daniel Kehlmann. Und die Hauptrolle, eben jenen egomanischen Schriftsteller, spielt der tatsächliche Schriftsteller und Schauspieler Joachim Meyerhoff, dessen Buchreihe “Alle Toten fliegen hoch” ich wirklich sehr mag.
Akhtars präzise Sprache, Kehlmanns elegante Übersetzung, Meyerhoffs intensives Spiel - was will man mehr? Und das Burgtheater ist ein idealer Ort für dieses Stück, ein Ort, an dem seit vielen Jahrzehnten über das Verhältnis von Kunst, Wahrheit und Biografie verhandelt wird.
Wem gehören Geschichten? Inwieweit darf man sich im Leben anderer bedienen? Wo läuft die Grenze zwischen künstlerischer Freiheit und moralischer Verantwortung? Und was, wenn man eine Maschine diese Geschichten weiterstricken lässt?
Spannende Fragen. Habe keine allgemeingültigen Antworten darauf.
Wehrpflicht, Dienstpflicht, Gesellschaftsjahr
Der Wehrdienst in Deutschland bleibt freiwillig, aber die Musterung wird Pflicht - allerdings nur für Männer. Das hat die Bundesregierung jetzt beschlossen. Eigentlich gut, denn die schwarz-rote Koalition hatte monatelang um eine Lösung gerungen und sich dabei ziemlich verhakt.
Dass es jetzt eine Entscheidung gibt: gut. Ich persönlich finde sie aber, da zwischen Männern und Frauen unterschieden wird, ungerecht. Hatte das auch andernorts geäußert und alle möglichen Reaktionen dazu bekommen.
Das Argument, dass das Grundgesetz das so vorsieht, stimmt natürlich. Das bedeutet aber nicht, dass man es dennoch als ungerecht empfinden kann, auch in Anbetracht der Tatsache, dass das zu einer völlig anderen Zeit beschlossen wurde, wo Geschlechterrollen auch noch sehr anders gesehen wurden. Ich finde, man sollte das ändern. Dass die politischen Mehrheitsverhältnisse das nicht hergeben, sehe ich auch. Vertrackt. Hoffe, da findet sich eine bessere Lösung.
Einige sehen in den Überlegungen, überhaupt wieder über Wehrpflicht nachzudenken beziehungsweise über die Rekrutierung von mehr Freiwilligen, so etwas wie “Kriegstreiberei” und “Militarismus”. Auch lese und höre ich häufiger, man dürfe “keine jungen Männer an die Front schicken”. Nun, Wehrdienst heißt nicht, dass man “an die Front geschickt” wird. An welche überhaupt? Und es geht auch nicht darum, einen Krieg anzuzetteln, sondern im Gegenteil, ihn zu verhindern. Wer Frieden will in Zeiten von Putin & Co., muss aber unbedingt verteidigungsfähig sein.
Sehr viel kann ich übrigens dem Vorschlag der Grünen abgewinnen, ein “Gesellschaftsjahr” einzuführen, das “militärische, zivile und soziale Einsatzfelder umfassen soll”. Das würde vielleicht auch wieder mehr gesellschaftlichen Zusammenhalt bringen, mehr Verantwortung fürs Wir, weniger Ich. Nun höre ich schon, dass zum Beispiel Pflege nicht jungen Leuten angelastet werden dürfe, überhaupt sei das ein Beruf und so weiter. Aber wenn ich dann schaue, was Pflege heutzutage kostet, nämlich mehrere Tausend Euro im Monat - wer kann sich das überhaupt noch leisten? Es ist absurd. Ich finde, es gibt gute Wege, dass wir als Gesellschaft tragbare Lösungen finden. So ein Jahr für die Gemeinschaft, egal, wie man’s nennt, wäre eine.
Dieses Jahr ist mir schon sehr früh (vor-)weihnachtlich zumute, und ich werde demnächst Plätzchen backen. Haselnusskekse, um genau zu sein, das Rezept habe ich vor Jahrzehnten im Kindergarten bekommen. Ich kann es gerade nicht finden, aber in einer der nächsten “Erbaulichen Unterredungen” werde ich es Ihnen zukommen lassen.
Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag und eine angenehme Woche!
Herzliche Grüße aus Wien,
Ihr Hasnain Kazim