Auf den Tag genau vor zwanzig Jahren schenkte mir ein Freund die Platte I can’t relax in Deutschland – eine Kompilation gegen das Flaggenwedeln, gegen den Werbepatriotismus, gegen das, was man so gerne den »neuen, unverkrampften Umgang« mit Deutschland nannte. Zwanzig Jahre später ist das Unbehagen geblieben, und der Ton ist rauer geworden.
Die Regierung hat es geschafft, den alten Konsens der Mehrheitsgesellschaft wieder stabil zu kleben. Ein Nationalismus als emotionaler Sekundenkleber, der alles zusammenhält, was auseinanderfallen könnte. Die Texte von damals lesen sich heute wie Kommentare zu den Nachrichten, als hätte man die Tonspuren der Nullerjahre über die Bilder von 2025 gelegt. Sie erzählen davon, dass nationaler Komfort immer den Ausschluss der anderen braucht und dass die »Nichtdeutschen« nie wirklich Teil des »Wir« sein sollten, sondern nur Duldung auf Zeit genießen. Menschen als bewegliche Objekte im Verwaltungsapparat: verschiebbar, abschiebbar, entbehrlich.
Doch die Parameter haben sich verschoben. Es geht um soziale Existenzen. Die Regierung spart sich Empathie und investiert in Disziplin. Sei es durch die verschärfte Sozialpolitik, die Kürzungen im Gesundheitssystem oder durch den zunehmend autoritären Zwang zur Arbeit. Die Aussicht auf 2026 ist mehr als besorgniserregend. Das ökonomische Kalkül ersetzt Empathie, und wer nicht in die »produktive Mitte« passt, wird systematisch an den Rand gedrängt, oder gleich darüber hinaus.
Doch inzwischen geht es hier nicht nur um ästhetische oder kulturpolitische Auseinandersetzungen, sondern um die konkrete Organisation von Leben und Überleben in dieser Gesellschaft. Die Verschärfung der Sozialpolitik, der Abbau gesundheitlicher Infrastruktur und der immer rigider formulierte Arbeitszwang markieren eine Verschiebung, in der nationale Zugehörigkeit, soziale Nützlichkeit und ökonomische Verwertbarkeit zunehmend miteinander verschränkt werden.
»I can’t relax in Deutschland« war nie nur ein ästhetisches Motto, sondern eine soziologische Beobachtung. Heute ist es eine Zustandsbeschreibung der Unruhe, in diesem Land zu leben. Ein logischer Reflex auf eine Ordnung, die ihre Zumutungen kaum noch versteckt.
Vielleicht birgt der Titel dennoch das Potenzial für eine Art von Gegenkraft. Nicht als Nostalgie, sondern als Erinnerung daran, dass Entspannung immer bedeutet, sich der Gewalt der Normalität hinzugeben. Und dass die Weigerung, in Deutschland zu »relaxen«, heute dringlicher ist denn je.