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arbeitslos, wohnungslos

Die sogenannte Grundsicherung darf den Bundestag nicht passieren. Wir müssen alles in unserer Kraft stehende tun, um das zu verhindern. Die Abschaffung der Grundsicherung wird die Büchse der Pandora öffnen – diesmal bloß ohne Hoffnung.

Ich hole aus. Aber allen voran: Ich empfange kein Bürgergeld. Ich habe noch nie staatliche Hilfe bekommen, selbst wenn ich eigentlich ein Recht darauf hatte, weil ich eine gelernte Angst davor habe, dass die Konsequenzen dieser “Hilfe” für mich viel zu schwer wiegen würden. Diese Angst empfinde ich auch heute und verzichte “freiwillig” auf eine Leistung, die mir eigentlich zusteht. Okay, jetzt kann es losgehen.

Ich war seit über drei Jahren wohnungslos.

Wenn du dich jetzt fragst, warum ich heute zum ersten Mal auf diese Weise darüber spreche, dann muss ich zugeben: Das leuchtet mir erst seit Kurzem ein. Ich hatte in dieser Zeit nämlich durchgehend ein Dach überm Kopf. Gleichzeitig wohnte ich aber in Wohnungen, die nicht meine waren, sondern anderen gehörten. Es waren immer Zwischenlösungen. Seit über drei Jahren. Seit Ende 2022 war ich wohnungslos.

Ich suchte über Monate eine Wohnung in Deutschland. Ohne die Unterstützung eines Familienmitglieds hätte ich keine gefunden. Als selbständige Autorin bekommst du keine. Dabei spielen mehrere Aspekte eine Rolle: Weil du sehr wenig Geld hast, kommen viele Wohnungen eh nicht infrage, weil du sie dir nicht leisten kannst. Und dann ist da Konkurrenz, weil der Wohnraum knapp ist und sich immer andere für dieselbe Wohnung interessieren, die fest angestellt sind und/oder mehr Geld haben.

Jammern auf hohem Niveau, vielleicht. Denn es gibt immer Menschen, die schlechter dran sind. Immerhin schlafe ich nicht draußen (Si apre in una nuova finestra). Immerhin bin ich besser dran als diejenigen, die auf die sogenannte Grundsicherung angewiesen sind. Auf meiner Suche, musste ich auf jedem Bewerbungsformular beantworten, ob ich die Miete selbst zahle oder das Amt für mich übernimmt. Wenn das Amt für dich zahlt, hast du so gut wie gar keine Chance für eine Wohnung. Wenn das Bürgergeld gestrichen bzw. mit der sogenannten “Grundsicherung” ersetzt wird, wird sich dieser Missstand zuspitzen.

Die sog. Grundsicherung sieht vor, dass nach zwei verpassten Terminen beim Jobcenter die Miete rasch und vollständig gekürzt werden kann. Das bedeutet dass Menschen, die diese Leistung beziehen, erst recht keine Wohnung bekommen werden. Durch die sogenannte Grundsicherung wird die Wohnungs- und Obdachlosigkeit in Deutschland in kurzer Zeit eskalieren.

[Link (Si apre in una nuova finestra)] “Verschärfung und Umbenennung des Bürgergelds wurden von der Bundesregierung bereits beschlossen. Doch das ist nur der Anfang und ein Testfeld für das, was noch zu erwarten ist. Es stellen sich Fragen wie: Habe ich künftig weiterhin eine halbwegs bezahlbare und gute Krankenversicherung? Reicht das Geld, wenn ich in Rente gehe? Eva Völpel und Sabine Nuss bieten Aufklärung und Hintergründe zum tagespolitischen Gezerre um den Sozialstaat.” – ak

Eine Festanstellung hätte für mich die Wohnungssuche erleichtert. Ich bekomme aber auch an der Front nichts. Seit ich mich entschied, eine feste Stelle zu suchen, habe ich mich bestimmt für einhundert Stellen beworben. Ich hatte bisher ganze zwei Vorstellungsgespräche, von einem zog ich mich freiwillig zurück, weil ich die Anforderungen nicht für realisierbar hielt, und bei dem anderen kassierte ich eine Absage, weil im Gegensatz zu mir hatte meine Konkurrentin einen Studienabschluss.

Ich bin eine 40-jährige Frau. Ich veröffentliche Texte, produziere Videos und Podcasts, schreibe Bücher für einen renommierten Publikumsverlag. Als Autorin und Community-Managerin bzw. Social-Media-Redakteurin verfüge ich über eine Arbeitserfahrung von etwa zehn Jahren. Ich habe mich bisher für ungefähr einhundert Stellen beworben. Und ich werde nicht einmal zu Vorstellungsgesprächen eingeladen. Ich habe mich beworben bei Redaktionen, bei der Zivilgesellschaft, bei der privaten Wirtschaft und bei politischen Parteien. Was sie alle gemein haben: Sie wollen mich nicht.

Die Zahl der arbeitslosen Menschen in Deutschland steigt. Gleichzeitig liegt die Chance, einen Job zu finden, auf einem Tiefpunkt: 2024 lag der Anteil arbeitsloser Menschen, die einen Job gefunden haben, bei 5,71 Prozent. Arbeitgeber weinen scheinbar viele Tränen, weil sie ihre Stellen nicht besetzen können. Und dann aber lehnen sie Menschen, die arbeiten wollen, ab, anstatt ihre performativen Anforderungen herunterzuschrauben.

Bei der Arbeitsvergabe geht es viel mehr um Ausschlüsse und Diskriminierung als um tatsächliches Wissen und Können. Daran liegt es, dass die Anforderungen auf Ausschreibungen performativ sind. Die sind das Schaufenster einer besseren Welt, in der man eine Wohnung bekommt und die Miete zahlen, sich gesunde Ernährung und Urlaub leisten kann. Diese “Anforderungen” bestimmen die Regeln davon, wer Geld hat und wer arm bleibt. Über 20 Prozent der in Deutschland lebenden Menschen sind arm (Si apre in una nuova finestra). Deutschland ist angeblich eins der wirtschaftlich stärksten Länder der Welt. Wie kann man eine Gesellschaft als stark bezeichnen, wenn 20 Prozent der Bevölkerung arm ist, wenn obdachlose Menschen erfrieren?

Menschen finden keine Jobs und das ganze Geld wird auf der Chefetage und von den Investor*innen gehortet. Das führt dazu, dass die Löhne sinken und die Erwartungen immer unrealistischer werden.

Ich habe vor ein paar Wochen eine Ausschreibung gesehen, über die ich mich kurz gefreut hatte: Eine Kulturstiftung in meiner Nähe, Teilzeitstelle, dazu noch eine Arbeit, die ich mir zutraue und von der ich viel lernen könnte. Und dann aber, habe ich mir die Anforderungen genauer angeschaut und musste geschockt bitter lachen. Sie suchten nämlich eine Person, die mit 15 Stunden pro Woche gleichzeitig Geschäftsführung, Büro-Management (was wir früher Sekretariat nannten), Öffentlichkeitsarbeit und Veranstaltungsmanagement machen. Das sind nicht eine, sondern vier Vollzeit-Stellen. Du sollst das alleine machen. Aber nur für 15 Stunden die Woche bezahlt werden. Man braucht keine Elbenaugen, um voraussehen zu können, dass hier unbezahlte Überstunden und Mobbing vorprogrammiert sind.

Ich glaube dieser Stiftung, dass sie sich die vier Vollzeit-Stellen nicht leisten kann, aber die Arbeit trotzdem erledigt werden muss. Es ist offensichtlich ein strukturelles Problem, denn jede neue Bundesregierung zieht der Kultur erneut den Teppich unter den Füßen. Aber was hilft uns dieses Wissen, solange die Anforderungen weder gerecht noch realisierbar sind? Es wird trotzdem Menschen geben, die so hilflos sind, dass sie sich bewerben und dann kaputtarbeiten. Wer gewinnt am Ende? Niemand außer Friedrich Merz, seinem Unternehmer-Kabinett und seinen reichen Kumpels.

Ich sehe in Deutschland keine Zukunft für mich. Ich sehe in Deutschland keine Zukunft für Menschen, die keine Millionen erben, und das sind die wenigsten für uns. Seit Jahren weiß ich, dass ich nicht mehr in Deutschland leben will. Und seit neustem weiß ich, dass ich nicht mehr in Deutschland leben kann. Ich kann es mir nicht länger leisten, in Deutschland zu leben, mich immer schlimmer zu verarmen und immer tiefer zu verschulden.

Ich verstehe nicht, wie die Lage so schlecht sein kann und wir brav mitmachen, anstatt die Straßen in Schutt und Asche zu legen. Friedrich Merz zieht über Menschen, die sich in Krankheit krank melden, her. Und wir sehen zu, anstatt unsere Stimmbänder kaputtzuschreien. Wir wollen nicht wahrhaben, was das bedeutet – dass das bedeutet, dass wir sehr bald dazu gezwungen werden, in Krankheit zu arbeiten. Dass es uns bald nicht mehr zustehen wird, uns in Krankheit krank zu melden.

Mit Verachtung tritt Merz auf arbeitende Menschen. Milde in seinem Herzen (Si apre in una nuova finestra) findet er nur für Leute wie den Sexualstraftäter Trump.

Mein neues Buch “Mein Körper – wessen Entscheidung? Warum wir reproduktive Gerechtigkeit brauchen” erscheint am 25. Februar. Ich habe ein paar Lesungen. Kommt ihr rum?
Für Anfragen: contact@sibelschick.net (Si apre in una nuova finestra)

https://www.fischerverlage.de/buch/sibel-schick-mein-koerper-wessen-entscheidung-9783103977554 (Si apre in una nuova finestra)

Bis zum nächsten Mal
Sibel Schick 🍋

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