TV-KRITIK (Si apre in una nuova finestra)
In der Zeit “zwischen den Jahren” stapeln sich neben Wiederholungen die neuen Tatorte: Falke kam mal zwei und enttäuschte doppelt, in München wurde Theater gespielt (Si apre in una nuova finestra), zum Neujahr geht es in Dresden in den Keller und kurz darauf wird es im Schwarzwald wieder ganz persönlich. Doch zunächst betritt Das Erste mit einem erneut einigermaßen abseitigen (Si apre in una nuova finestra) Murot-Tatort die Manege und sorgt für einen famos unterhaltsamen Abschluss eines durchwachsenen Sonntagskrimi-Jahres.

Nach Mini-Mösen im Weltall in Murot und das Paradies begeben sich Ulrich Tukur als Murot und die wunderbare Barbara Philipp als LKA-Kollegin Magda Wächter in Murot und der Elefant im Raum einmal mehr in die Psyche, ins Unterbewusstsein, um einen Fall zu lösen. Dieses Mal allerdings weniger philosophisch, dafür um einiges handfester. Soweit davon bei Murot-Fällen überhaupt die Rede sein kann. Dann wiederum werden Fälle ohnehin nie in der sogenannten Realität gelöst (Si apre in una nuova finestra), nicht wahr?!

Eva Hütter (klasse: Nadine Dubois) ist kurz davor, aufgrund diverser wiederholter, kleiner Unzuverlässigkeiten – teils im Zusammenhang mit dem arg strengen Betäubungsmittelgesetz (Si apre in una nuova finestra) – das Sorgerecht für ihren Sohn Benjamin (laut: Lio Vonnemann) an ihren Ex Kai (aufgebracht: Joseph Bundschuh) zu verlieren. Da kommen ihr ein erstaunlich spitzer Bleistift, ihr Auto mitsamt Führerschein und eine Perücke zupass. Derweil liegt Kommissar Murot bei Dr. Schneider (bärtig: Robert Gwisdek) auf der Couch und spaziert dank eines neuartigen Geräts mit 80s-Look durch die eigene Psyche.
Nach dem Besuch beim „Zahnarzt“ fahren er und die Wächterin zurück, liefern sich einen herrlichen Schlagabtausch und erhalten den Anruf, dass ein Kind entführt worden sei. So alltäglich, so schlecht. SOKO und Co. kommen nicht weit, als eine mega unauffällige Polizeistreife Eva Hütter, die noch eben Nougatflips für das kreischende Kind besorgen wollte, in Panik gerät, verunfallt und ins Koma fällt. Nun weiß leider keine der Dame(n) und Herren, wo sich Benjamin aufhält. Also bringt Murot den „Neurofeedback-Apparat“ von Dr. Schneider ins Spiel, um Eva in ihrem Kopf zu besuchen. Zunächst wird er von einer Krampus ähnlichen Figur direkt wieder aus Hütters Psyche geprügelt, doch nach und nach steigt Murot tiefer in die Seele und die Gedankenwelt einer anderen Person ein.

Dass dies nicht nur bei Murot für einige Ver(w)irrung sorgt, dürfte nicht nur geneigten Tatort-Zuschauer*innen klar sein. Der Fall um Urlaubs-Entführung, Autounfall und Suche ist im Grunde lediglich ein Vehikel, um eine gehalt- und fantasievolle Geschichte um die Möglichkeiten des Unterbewussten, Traumaverarbeitung und letztlich auch Vertrauen und Risikobereitschaft zu erzählen. Dies breitet Autor, Regisseur und Komponist Dietrich Brüggemann (dessen Schwester Anna am Anfang einen kleinen Auftritt hat und der für die starken Tatorte Das ist unser Haus sowie Murot und das Murmeltier, der am Ende gar zitiert wird, verantwortlich zeichnete) mit viel Wortwitz, einem ausgeprägten Hang zu Krimi-Satire und vor allem mit im Gedächtnis bleibender Bildsprache (Kamera: Alexander Sass, Szenenbild: Anette Reuther) aus.

Selbstredend gibt es so eine Maschine (noch) nicht, doch wer weiß, woran so manche Brains mit ihren Pinkys arbeiten. Dass sie dann noch in einen semi-schamanischen Zusammenhang gebracht wird, sorgt für zusätzlichen Schabernack. Ebenso die (späten) Streitereien um Zulässig- und Zuständigkeiten, die in diesem Tatort mit dem größtmöglichen Augenzwinkern oder wahlweise weisen Mittelfinger an all die zähen, bitterernsten Konkurrenz-Debatten anderer Krimi-Folgen geführt werden. Heinz Rudolf Kunze als schnoddrig-desinteressierter LKA-Chef untermauert die Absurdität des Ganzen noch, das Polizei-Duo Schreiner (Monika Wojtyllo) und Dreher (Tom Lass) sorgt für weitere Comic-Relief-Momente (Si apre in una nuova finestra).

Wie jeder Murot-Tatort wird auch Murot und der Elefant im Raum wieder für Interesse bis Begeisterung und auf anderer Seite für Irritation bis Wut sorgen. Dass der Hessische Rundfunk diese Reaktionen gern in Kauf nimmt, ist bekannt – und erfreut. Der inszenatorische wie erzählerische Mut der Tukur-Philipp-Filme ist beinahe ein Alleinstellungsmerkmal in der Sonntagskrimi-Welt. Und dass die Beteiligten sich der etwas außerweltlichen Erfahrungen, die die Kommissar*innen hier machen, bewusst sind, stellt auch dieser Film in einem Ausspruch, der mit einem Tumor beginnt und mit „solange man am Ende drüber lachen kann (Si apre in una nuova finestra)“ endet, unter Beweis.

Ein runder, unterhaltsamer, angenehm spezieller 14. Murot-Wächter-Film in Kinoqualität, der das innere wie äußere Kind rauslässt und uns fasziniert aus dem nicht minder abwegigen Jahr 2025 entlässt.
AS
PS: Wenn Ulrich Tukur seinen Murot wohl in absehbarer Zeit an den Renten-Nagel hängt, wünschen wir uns, dass Barbara Philipp als Magda Wächter bleibt. Sie könnte ja als die gescheite Instanz die sie ist, über zwei jüngere Ermittler*innen wachen. Das wäre doch mal eine Idee...
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Das Erste zeigt den Tatort: Murot und der Elefant im Raum am Sonntag, 28. Dezember 2025, um 20:15 Uhr, one um 21:45 Uhr; anschließend ist der Film für zwölf Monate in der ARD-Mediathek verfügbar (Si apre in una nuova finestra).
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