Saltar para o conteúdo principal

ADHS wird nicht pensioniert

Eine Rezension zu „AD(H)S in der zweiten Lebenshälfte“ von Astrid Neuy-Lobkowicz und Daniel Schöttle

ADHS-Bücher gibt es inzwischen viele. Sie erklären Diagnostik, Medikamente, Selbstorganisation, Beziehungen oder den besonderen Blick auf Frauen. Über ADHS jenseits der klassischen Lebensphase von Ausbildung, Berufseinstieg und Familiengründung wurde dagegen erstaunlich wenig geschrieben.

Dabei verschwindet ADHS nicht mit dem 50., 60. oder 70. Geburtstag. Was sich verändert, ist die Bühne, auf der sich die neurobiologischen Besonderheiten zeigen.

Genau hier setzt das Buch „AD(H)S in der zweiten Lebenshälfte“ von Dr. Astrid Neuy-Lobkowicz und PD Dr. Daniel Schöttle (Abre numa nova janela) an. Die beiden erfahrenen Fachärzt:innen schließen damit eine wichtige Lücke: Sie betrachten ADHS nicht als statische Sammlung von Symptomen, sondern im Verlauf eines ganzen Lebens.

Wenn die bisherigen Kompensationssysteme nicht mehr tragen

Viele Menschen mit ADHS haben im Laufe ihres Lebens hochwirksame, manchmal allerdings auch sehr energieaufwendige Kompensationsstrategien entwickelt. Beruflicher Druck sorgt für Struktur. Termine geben den Takt vor. Bewegung reguliert die innere Unruhe. Partner:innen übernehmen Teile der Alltagsorganisation. Krisen erzeugen jene Dringlichkeit, unter der das ADHS-Gehirn plötzlich hervorragend funktioniert.

In der zweiten Lebenshälfte können diese Systeme ins Wanken geraten:

  • Die körperliche Belastbarkeit nimmt ab.

  • Chronische Erkrankungen kommen hinzu.

  • Hormonelle Veränderungen beeinflussen Aufmerksamkeit, Schlaf und emotionale Regulation.

  • Die Kinder ziehen aus oder benötigen weiterhin Unterstützung.

  • Beziehungen verändern sich.

  • Der Übergang in den Ruhestand lässt die äußere Tagesstruktur wegbrechen.

  • Angehörige werden pflegebedürftig.

  • Über Jahrzehnte angesammelte Erschöpfung lässt sich nicht mehr einfach überspielen.

Dann kann eine ADHS-Symptomatik sichtbarer werden, obwohl die neurobiologische Ausgangslage keineswegs neu ist. Es ist nicht unbedingt „mehr ADHS“ entstanden. Vielmehr stehen weniger Reserven und weniger tragfähige äußere Gerüste zur Verfügung.

Diese lebensgeschichtliche Perspektive gehört für mich zu den wichtigsten Botschaften des Buches.

Mehr als ein allgemeiner ADHS-Ratgeber

Das Buch beginnt mit Grundlagen zu Neurodivergenz, Symptomen und Entstehungsmodellen. Es behandelt anschließend psychische und körperliche Begleiterkrankungen sowie die Besonderheiten einer späten Diagnostik. Danach folgen praxisorientierte Kapitel über Konzentration, Antrieb, Impulsivität, emotionale Regulation, Selbstorganisation, Prokrastination, Stress und Finanzen.

Besonders erfreulich ist, dass Neuy-Lobkowicz und Schöttle nicht beim üblichen „Wie werde ich produktiver?“ stehen bleiben. Sie beziehen jene Übergänge ein, die in vielen ADHS-Ratgebern kaum vorkommen:

  • Arbeitslosigkeit und berufliche Neuorientierung

  • Offenlegung der Diagnose am Arbeitsplatz

  • Übergang in den Ruhestand

  • Veränderungen von Partnerschaft und Sexualität

  • ADHS in Mehrgenerationenfamilien

  • chronische Erkrankungen und nachlassende Autonomie

  • Einsamkeit, Pflegebedürftigkeit und demenzielle Entwicklungen

  • die persönliche Bilanz eines nicht immer geradlinigen Lebens

Damit wird deutlich: In der zweiten Lebenshälfte geht es nicht nur darum, Schlüssel seltener zu verlegen oder Termine besser zu organisieren. Es geht zunehmend um Identität, Selbstakzeptanz, körperliche Grenzen, Verlusterfahrungen und die Frage, wie ein gutes Leben unter veränderten Bedingungen aussehen kann.

Die Ambivalenz einer späten Diagnose

Besonders wichtig finde ich den Blick auf Menschen, die ihre Diagnose erst spät erhalten.

Eine ADHS-Diagnose mit 50, 60 oder noch später kann enorm entlastend sein. Plötzlich erhalten jahrzehntelange Schwierigkeiten einen Zusammenhang. Das eigene Leben erscheint nicht länger als eine Aneinanderreihung persönlicher Defizite, mangelnder Disziplin oder unerklärlicher Fehlentscheidungen.

Gleichzeitig kann diese Erkenntnis schmerzhaft sein.

Warum hat das niemand früher erkannt? Welche Bildungswege, Beziehungen oder beruflichen Entscheidungen wären vielleicht anders verlaufen? Wie viel Energie wurde in Maskierung, Überanpassung und das Verbergen vermeintlicher Unzulänglichkeiten investiert?

Eine späte Diagnose bedeutet deshalb nicht nur Erklärung und Hoffnung. Sie kann auch Trauer, Wut und eine Neuverhandlung der eigenen Biografie auslösen. Das Buch nimmt diese Ambivalenz ernst, ohne Betroffene in einer nachträglichen Opferrolle festzuschreiben.

Das ist eine seiner großen Stärken.

Ein wertschätzender Blick ohne vollständige Verharmlosung

Neuy-Lobkowicz und Schöttle schreiben verständlich, empathisch und ressourcenorientiert. Sie beschreiben nicht nur Belastungen, sondern auch Kreativität, Begeisterungsfähigkeit, Kampfgeist, Spontaneität und die Fähigkeit, ungewöhnliche Lösungen zu finden.

Dieser positive Blick ist wichtig. Gerade ältere Menschen tragen häufig noch die Beschämungen einer Zeit mit sich, in der ADHS kaum erkannt und fast ausschließlich moralisch bewertet wurde.

Dennoch bleibt für mich eine notwendige Spannung: Neuroaffirmation darf nicht bedeuten, reale Einschränkungen kleinzureden. Ein Mensch kann seine neurodivergente Art grundsätzlich annehmen und dennoch erheblich unter Desorganisation, Impulsivität, emotionaler Überlastung oder gesundheitlichen Folgen leiden.

Das Buch hält diese Balance überwiegend gut. ADHS wird weder als reine Krankheit noch als heimliche Superkraft verkauft. Es wird als besondere neurobiologische Ausgangslage beschrieben, deren Auswirkungen wesentlich von Lebensphase, Umfeld, körperlichem Zustand und vorhandenen Unterstützungssystemen abhängen.

Besonders stark: der ganzheitliche Blick

Überzeugend ist die Verbindung von psychischer, körperlicher und sozialer Gesundheit.

ADHS wird nicht isoliert betrachtet. Depressionen, Angststörungen, Traumafolgen, Autismus und weitere psychische Differenzialdiagnosen werden ebenso einbezogen wie Schmerzen, Übergewicht, Stoffwechselerkrankungen, Schlafprobleme und gesundheitliches Risikoverhalten.

Auch die Kapitel zu Partnerschaft, Familie und Ruhestand erweitern die Perspektive. Schließlich wird ADHS im Alter nicht nur von der betroffenen Person erlebt. Wenn plötzlich beide Partner:innen ständig zu Hause sind, bisherige Rollenverteilungen nicht mehr funktionieren oder mehrere Familienmitglieder neurodivergent sind, entstehen neue Dynamiken.

Das Buch vermittelt damit eine zentrale Erkenntnis: ADHS ist keine Eigenschaft, die ausschließlich „im Kopf“ eines einzelnen Menschen stattfindet. Schwierigkeiten entstehen häufig in der Wechselwirkung zwischen Nervensystem, Anforderungen, Beziehungen und Umwelt.

Wo ich mir noch mehr Vertiefung gewünscht hätte

Die große thematische Breite ist zugleich eine Grenze. Manche Abschnitte bleiben zwangsläufig kompakt. Teilweise wird aus dem Buch über ADHS in der zweiten Lebenshälfte ein allgemeiner Ratgeber über Erwachsenen-ADHS.

Aus fachlicher Sicht hätte ich mir insbesondere eine noch deutlichere Vertiefung folgender Fragen gewünscht:

  • Wie unterscheiden wir ADHS-bedingte Vergesslichkeit, Erschöpfung, Depression, Schlafstörungen und beginnende kognitive Erkrankungen?

  • Wie verändern Menopause und andere hormonelle Übergänge die Symptomatik und Medikamentenwirkung?

  • Wie gehen wir bei Stimulanzien mit Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Polypharmazie und anderen altersbezogenen Risiken um?

  • Welche besonderen Schwierigkeiten entstehen durch Zulassungsfragen und die Versorgung mit Methylphenidat im höheren Lebensalter?

  • Was wissen wir tatsächlich wissenschaftlich über ADHS bei Menschen über 60 oder 70 – und wo übertragen wir Erkenntnisse aus jüngeren Altersgruppen?

  • Wie können Hilfen aussehen, wenn Selbstmanagement aufgrund körperlicher oder kognitiver Einschränkungen nicht mehr ausreicht?

Gerade die medikamentöse Versorgung älterer ADHS-Betroffener ist in der Praxis komplexer, als der allgemeine Hinweis auf eine leitliniengerechte Behandlung vermuten lässt. Hier hätte eine klarere Trennung zwischen Studienlage, klinischer Erfahrung, Zulassungsstatus und individueller Risikoabwägung zusätzlichen Nutzen gebracht.

Auch der Ressourcenblick könnte stellenweise noch stärker mit dem Thema kumulative Erschöpfung verbunden werden. Viele ältere ADHS-Betroffene brauchen nicht noch mehr Strategien, mit denen sie sich besser optimieren können. Sie benötigen zunächst die Erlaubnis, ihr Leben einfacher, reizärmer und weniger leistungsorientiert zu gestalten.

Für wen lohnt sich das Buch?

Ich würde das Buch besonders empfehlen für:

  • Erwachsene, die ihre ADHS-Diagnose erst in der Lebensmitte erhalten haben

  • Menschen, deren bisherige Kompensationsstrategien zunehmend versagen

  • Frauen in und nach den Wechseljahren

  • Angehörige und Partner:innen

  • Fachkräfte in Psychiatrie, Psychotherapie, Allgemeinmedizin und Altersmedizin

  • Coaches und Beratende, die nicht nur auf Produktivität schauen möchten

  • Menschen vor oder nach dem Übergang in den Ruhestand

Für erfahrene ADHS-Fachleute werden manche Grundlagen bekannt sein. Der besondere Wert liegt dann weniger in einzelnen neuen Fakten als in der konsequenten Zusammenführung von ADHS, Altern, körperlicher Gesundheit, Beziehungen und biografischer Bilanz.

Mein Fazit

„AD(H)S in der zweiten Lebenshälfte“ ist ein wichtiges und überfälliges Buch. Es macht sichtbar, dass Neurodivergenz kein Jugendthema ist und dass eine späte Diagnose keineswegs „nichts mehr bringt“.

Auch in der zweiten Lebenshälfte kann eine ADHS-Diagnose den Blick auf das eigene Leben grundlegend verändern. Sie kann Behandlung ermöglichen, Schuldgefühle reduzieren, Beziehungen verständlicher machen und helfen, die verbleibenden Lebensjahre passender zu gestalten.

Nicht alles muss noch aufgeholt werden. Nicht jede frühere Entscheidung muss nachträglich korrigiert werden. Aber es ist nie zu spät, die eigene Funktionsweise besser zu verstehen und das Leben weniger gegen das eigene Nervensystem zu organisieren.

Das Buch liefert dafür eine wertschätzende, gut verständliche und praxisnahe Orientierung. Es beantwortet nicht jede fachliche Detailfrage – aber es eröffnet endlich eine Diskussion, die angesichts einer älter werdenden Generation spät diagnostizierter ADHS-Betroffener dringend notwendig ist.

Meine Empfehlung: lesenswert für Betroffene und Angehörige, besonders aber auch für Behandelnde, die bei Vergesslichkeit, Erschöpfung, Depression oder chronischem Alltagschaos in der zweiten Lebenshälfte nicht automatisch nur an das Älterwerden denken sollten.

Denn ADHS wird nicht pensioniert. Aber wir können lernen, im Alter anders – und hoffentlich freundlicher – damit zu leben.

LG Martin

1 comentário

Gostaria de ver os comentários?
Torne-se membro de ADHS Blog und Community ADHSSpektrum para participar no debate.
Torne-se membro