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ADHS und / oder Lernstörung

„Vielleicht ist es gar keine Aufmerksamkeitsstörung …“

Neue Cambridge-Studie zeigt: Lernschwierigkeiten und ADHS beruhen auf unterschiedlichen Gehirnmechanismen – und das hat Konsequenzen für Medikation, Lerntherapie und Förderung.

Viele Eltern kennen das: Das Kind wirkt unkonzentriert, vergisst Hausaufgaben, scheint „träumerisch“ oder „sprunghaft“. Schnell fällt das Stichwort ADHS – manchmal begleitet von Lernproblemen in Lesen, Schreiben oder Rechnen. Doch eine neue Studie aus Cambridge zeigt:

👉 Nicht jede Konzentrationsschwäche entsteht aus Unaufmerksamkeit.

Manchmal ist sie Folge einer tieferliegenden kognitiven Struktur, nicht deren Ursache.

Was die Forschenden herausfanden

Das Team um Yufei Cai, Joni Holmes und Susan Gathercole analysierte Daten von 770 Kindern (5–18 Jahre), die wegen Aufmerksamkeits-, Gedächtnis- oder Lernproblemen untersucht wurden. Die Kinder wurden in vier Gruppen eingeteilt:

1️⃣ ADHS ohne Lernstörung
2️⃣ Lernstörung ohne ADHS
3️⃣ Kombination aus beidem
4️⃣ Vergleichsgruppe ohne Diagnosen

Alle Kinder absolvierten umfangreiche Tests zu Arbeitsgedächtnis, Kurzzeitgedächtnis, Verarbeitungsgeschwindigkeit, Aufmerksamkeit und exekutiven Funktionen. Eltern bewerteten zusätzlich das Verhalten im Alltag – insbesondere Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität.

Zwei völlig verschiedene Muster

1️⃣ Kinder mit Lernstörungen (mit oder ohne ADHS)

Diese Kinder zeigten breite und stabile Schwächen in zentralen Denkprozessen:

  • geringere Arbeits- und Kurzzeitgedächtnisleistung

  • verlangsamte Verarbeitungsgeschwindigkeit

  • Probleme beim Sequenzieren und beim Halten von Aufmerksamkeit

Selbst wenn die Forscher rechnerisch alle Aufmerksamkeitsprobleme herausnahmen, blieben die kognitiven Schwächen bestehen.
👉 Das bedeutet: Ihre Lernprobleme sind grundlegend neurologisch verankert – nicht einfach Folge einer Ablenkbarkeit.

2️⃣ Kinder mit ADHS ohne Lernstörung

Diese Gruppe schnitt in vielen Bereichen altersgerecht ab, zeigte aber punktuelle Schwächen – z. B. beim visuellen Kurzzeitgedächtnis oder schnellen Wechseln zwischen Aufgaben.
Nachdem die Forschenden die Aufmerksamkeits- und Impulsivitätswerte herausrechneten, verschwanden diese Defizite.
👉 Ihre kognitiven Schwierigkeiten sind sekundäre Folgen der Aufmerksamkeitsregulation, nicht eigenständige Defizite.

Ein kleines, aber entscheidendes Detail: „Set Shifting“

Nur ein Bereich blieb stabil beeinträchtigt: das sogenannte Set Shifting – also die Fähigkeit, flexibel zwischen Aufgaben, Regeln oder Perspektiven zu wechseln.
Das ist eine der zentralen exekutiven Funktionen des Gehirns und scheint bei ADHS unabhängig von Unaufmerksamkeit reduziert zu sein.
Hier liegt vermutlich ein echter Kernmechanismus der Störung:
Nicht das „Nicht-Wollen“ oder „Nicht-Können“, sondern die Schwierigkeit, mentale Zustände umzuschalten – von Reiz zu Aufgabe, von Idee zu Umsetzung, von Emotion zu Struktur.

💊 Konsequenzen für die Medikation

Diese Differenzierung hat enorme praktische Bedeutung:

  • Bei ADHS ohne Lernstörung
    Medikamente wie Methylphenidat oder Elvanse helfen, die Aufmerksamkeitsregulation zu stabilisieren. Dadurch verbessern sich auch Arbeitsgedächtnis, Reaktionsgeschwindigkeit und Lernleistung – weil der Fokus wieder „gehalten“ werden kann.
    Hier kann Medikation also tatsächlich kognitive Leistungsfähigkeit indirekt steigern.

  • Bei Lernstörungen (mit oder ohne ADHS)
    Eine Medikation kann helfen, Überforderung, Frustration oder emotionale Reizüberflutung zu reduzieren – sie verändert jedoch nicht die kognitiven Grundlagen der Lernschwäche.
    Hier braucht es spezifische Lernförderung, kein „Aufmerksamkeits-Training“.

Oder anders gesagt:
💬 Medikation öffnet den Kanal – aber sie baut keine neuen Leitungen im Gehirn.

Konsequenzen für Lerntherapie

Je nach Profil braucht das Kind eine andere Art von Unterstützung:

  • Bei Lernstörungen:
    Förderung von Arbeitsgedächtnis, phonologischer Bewusstheit, Sequenzierung und Automatisierung.

    Ideal sind multisensorische, körpernahe Lernformen – also Lernen mit Bewegung, Rhythmus und visuellen Strukturen.

  • Bei ADHS ohne Lernstörung:
    Lernförderung sollte Aufmerksamkeitsmanagement, Motivation, Pausenstruktur und emotionale Resonanz einbeziehen.

    Kinder mit ADHS lernen besser, wenn sie in einem resonanten Zustand sind – nicht unter Druck oder Kontrolle.

  • Bei Kombination aus beidem:
    Beide Ebenen müssen parallel bearbeitet werden:
    Fokusstabilisierung (z. B. durch Medikation oder Coaching) + gezielte Lerntherapie.

Was das für Eltern bedeutet

Für Eltern ist diese Unterscheidung Gold wert:
Wenn man versteht, ob Lernprobleme Ausdruck oder Ursache der Aufmerksamkeitsstörung sind, kann man gezielter helfen – ohne das Kind zu überfordern oder zu beschämen.
Es geht also nicht um „mehr Üben“, sondern um präziseres Verstehen der neurokognitiven Landkarte.

Emoflex-Perspektive: Set Shifting als Resonanzbewegung

Aus Emoflex- und resonanzdynamischer Sicht ist Set Shifting nicht nur eine exekutive Funktion – es ist eine innere Beweglichkeit zwischen Zuständen: zwischen Fühlen, Denken, Handeln, Ruhen.
Kinder (und Erwachsene) mit ADHS geraten oft in Resonanzstau: sie bleiben in einem Aktivierungszustand „stecken“ und schaffen es nicht, innerlich umzuschalten.

Im Emoflex-Training wird genau diese innere Schaltfähigkeit über bilaterale Stimulation (z. B. Tapping oder Augenbewegungen) wieder angebahnt.
Das Gehirn lernt, Zustände zu wechseln – ähnlich wie beim REM-Schlaf.
So kann das „Set Shifting“ wieder in Fluss kommen – nicht durch Disziplin, sondern durch Resonanzintegration.

Fazit

Diese Studie macht deutlich:

  • Lernstörungen sind kognitiv fundiert, ADHS ist aufmerksamkeitsdynamisch.

  • Medikamente helfen, Fokus herzustellen, aber nicht, Lernen zu restrukturieren.

  • Lerntherapie muss emotional, körperlich und resonant sein – besonders, wenn „Set Shifting“ blockiert ist.

Wer beides integriert – neurobiologische Präzision und emotionale Resonanz –, ermöglicht echten Fortschritt.
Nicht durch Druck, sondern durch Stimmigkeit.

Quelle:
Cai, Y., Holmes, J., & Gathercole, S. E. (2024). Associations Between ADHD Symptom Dimensions and Cognition in Children With ADHD and Learning Difficulties. Journal of Attention Disorders.

Wie erlebst du bei deinem Kind das „innere Umschalten“ – gelingt es leicht oder fühlt es sich manchmal wie ein inneres Steckenbleiben an? 💬
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