
Meine lieben Buddys,
es ist Montag, und zwischen den Jahren haben wir alle ja jetzt viel Zeit, um mal wieder was Gutes zu lesen. Und deswegen möchte ich Euch heute aus meinem großen Fundus an Sekundärliteratur, Quellen und Materialien erneut ein besonderes Schmankerl an's Herz legen, auf dass Ihr mal seht, was unsereiner so alles verdauen muss, nur um am Ende eine einzige Pointe abschießen zu können.
Dabei bediene ich mich ja grundsätzlich und unter meinem bekannten Motto: "logisch statt ideologisch" bei möglichst breit gefächerten Quellen, ohne alles zu glauben oder nachzuplappern, was diese breit gefächerten Quellen so alles breit verbreiten.
Denn es geht - wie immer - nicht um Meinung, sondern um Meinungsbildung. So verfolge ich z B sowohl den Kanal von Friedrich Küppersbusch, als auch dem von Prof Christian Riek, verfolge die Aussagen von Prof Thomas Fischer, als auch die vom Volksverpetzer, und dann….. denk ich mir meinen Teil.
Und deswegen möchte ich Euch heute - nach Weihnachten - etwas zu lesen geben, das vor Weihnachten breit thematisiert wurde, nämlich:
Der erste Jahrestag des Anschlags auf den Weihnachtsmarkt von Magdeburg.
Und bevor man mich missverstehen will: Selbstverständlich teile ich die Betroffenheit und die Trauer. Erst kürzlich war ich selber in Magdeburg und bin dort über den Platz gegangen, auf dem dieses grauenvolle Geschehen stattfand. Und selbstverständlich hatte auch ich in diesem Moment Momente des Innehaltens und Gedenkens.
Nicht anderes geht es mir übrigens, wenn ich in Würzburg über den Barbarossaplatz gehe. Wobei zu diesem Anschlag die mediale Aufbereitung, Inszenierung und Diskursverengung eine völlig andere ist.

Und damit komme ich zu dem Punkt, den ich nicht teile, nämlich die Art und Weise der gesellschaftlichen Debatte zum Anschlag von Magdeburg. Und meine Pointe dazu lautet:
“Es gibt keinen Unterschied zwischen einem Terroristen oder einem psychisch Gestörten. Wer auch nur auf die Idee kommt, Terror zu verbreiten ist psychisch gestört. Und wer Terror in die Tat umsetzt, erst recht. Und wer in der Analyse unterscheidet zwischen terroristisch oder psychisch gestört ist womöglich selber bereits psychisch gestört.”
Und um zu verdeutlichen, wie ich darauf komme, möchte ich Euch heute einen Artikel des Sozialwissenschaftlers → Klaus Bachmann (Abre numa nova janela) zu lesen geben, der vor einem Jahr in der Berliner Zeitung veröffentlicht wurde. Manche lehnen diese Quelle ab. Aus Gründen. Schade. Sie verpassen etwas.
Bis nächsten Montag,
Euer HG.
Warum das Attentat von Magdeburg vollkommen typisch war (Abre numa nova janela)
Psychisch labile Attentäter erzählen gerne Märchen, um ihre Taten politisch zu motivieren. Die Gesellschaft fällt darauf rein, was fatale Folgen hat.
Ein 50-jähriger vorbestrafter Psychiater aus Saudi-Arabien, der anderen half, aus Saudi-Arabien zu fliehen und in Deutschland Asyl zu beantragen, Sympathien für Elon Musk und die AfD hat und der Gewaltfantasien und Selbstmordgedanken auslebte und an Verfolgungswahn litt, leiht sich eine Luxuskarosse und verursacht auf einem Weihnachtsmarkt – wie vor acht Jahren Anis Amri in Berlin – ein Massaker mit fünf Toten und einer zweistelligen Anzahl Schwerverletzter.
Anschließend finden Politiker, Journalisten und Experten, das sei ein „völlig untypischer Fall“. Warum er angeblich so untypisch ist, bleibt allerdings im Dunkeln. Niemand spricht das wirklich klar aus: Weil Amri und vor ihm der Attentäter von Nizza (der 86 Menschen mit einem Lkw totfuhr) Islamisten waren, Taleb Al A. dagegen ein „Islamkritiker“ ist? Weil Taleb Al A. zwar Schiit ist und aus Saudi-Arabien kommt, aber kein Islamist ist oder weil 50-jährige Psychiater in der Regel keine Terroranschläge verüben?
Letzteres könnte sogar zutreffen, aber in den Medien, Talkshows und sozialen Netzwerken wird zurzeit nicht darüber gestritten, ob nun der Berufsverband Deutscher Psychiater ein Problem hat und sich von Taleb Al A. distanzieren sollte. Niemand denkt darüber nach, ob Psychiater „typische“ Attentäter sind. Sehr viele dagegen streiten sich gerade darüber, ob Taleb Al A.s saudische Herkunft oder seine Religion (mit der er nichts zu tun haben will) seine Tat erklären.
Nach dem Volksmund wurde er nicht zum Attentäter, weil er Psychiater war, sondern weil er Saudi, Araber oder Muslim war. Deshalb finden seit Tagen auch auf X heftige Schlagabtausche über „Taqiya“ statt, eine Glaubensregel des Islam, die es Gläubigen erlaubt, ihren Glauben zu verleugnen, wenn sie das Bekenntnis dazu in Gefahr bringen könnte. Das dürfen nicht nur Muslime, sondern auch Juden und Christen, aber das spielt bei dem Streit keine Rolle. Denn dank „Taqiya“ erblickt eine neue Verschwörungstheorie das Licht der Welt: Taqiya beweist angeblich, dass Taleb Al A. sich die ganze Zeit nur verstellt hat, in Wirklichkeit aber doch Islamist ist. Und schon stimmt das Weltbild wieder und das Attentat von Magdeburg erscheint als „typisch“.
In Myanmar begehen Buddhisten Massaker an Muslimen
Typisch ist, wenn Muslime Attentate begehen. Und als besonders typisch islamistisch erscheinen Attentate, bei denen der Täter in eine Menge fährt. Nach dieser Logik wäre dann bald jedes Attentat islamistisch: Bekennt sich der Täter zu seinem Glauben, war er ein Islamist. Tut er es nicht oder gibt es sogar Beweise für das Gegenteil, dann war es ein ganz besonders gut verschleiertes islamistisches Attentat. Mit dieser Methode könnte man auch Anders Breivik und die Attentate von Christchurch 2019 dem Islamismus oder „den Muslimen“ anlasten: Die Täter waren heimliche Islamisten, die ihre Tat rechtsradikalen Islamhassern unterschieben wollten. Verschwörungstheorien erkennt man nicht daran, dass sie falsch sind, sondern daran, dass sie immer so konstruiert sind, dass man sie weder beweisen noch widerlegen kann.
Nein, Islamisten haben keinen bestimmten Modus Operandi wie etwa die Benutzung von Kraftfahrzeugen zum Massenmord. So etwas haben in der Vergangenheit auch schon geistig verwirrte Täter ohne feststellbare Ideologie getan (vor vier Jahren in Trier) oder Rechtsradikale in den USA (wie in Charlottesville 2017). Solche Attentäter folgen überall auf der Welt einer simplen Logik: Sie suchen sich einen Modus Operandi, der ihren Fähigkeiten entspricht und eine maximale Opferzahl garantiert. Denn nur so erreichen sie die erhoffte Aufmerksamkeit. Früher entführten sie Passagiermaschinen. Seit das wegen der komplizierten Kontrollen an Flughäfen nahezu unmöglich geworden ist, zielen sie auf gut besuchte öffentliche Veranstaltungen wie etwa die Konzerte in der Moskauer Crocus City Hall 2024 und dem Pariser Bataclan 2015 oder eben auf Weihnachtsmärkte.
Islamistische Attentate unterscheiden sich von anderen Attentaten nur durch ein Merkmal: Dass ihre Urheber behaupten, sie handelten im Namen einer bestimmten Religion. Wenn es um den Islam geht, sind wir sehr schnell und gerne bereit, ihnen das abzunehmen, es ist ja, um es in der Sprache der derzeitigen Debatte auszudrücken, „typisch“. In Bezug auf andere Religionen funktioniert diese Logik erstaunlicherweise nicht. Die Massaker christlicher Milizen im Libanon der Achtzigerjahre, der Völkermord christlicher, von der katholischen Kirche (selbst nach ihren Taten) unterstützter Hutu-Killerbanden in Zentralafrika, die Bombenanschläge des (christlichen) Una-Bombers Theodore Kaczyński in den USA oder das Attentat des polnischen Christen Janusz Waluś, das 1993 Südafrika an den Rand eines Bürgerkriegs brachte, das alles hat nicht dazu geführt, dass Massaker in unseren Debatten etwas „typisch Christliches“ geworden sind.
Zwischen 1991 und 1999 haben im früheren Jugoslawien christliche Milizen, Armeen und Todesschwadronen einander gegenseitig (und die jeweils gegnerische Zivilbevölkerung) sowie bosnische und albanische Muslime massakriert – aber das haben wir nie für „typisch christlich“ gehalten, sondern allenfalls für „typisch serbisch“, obwohl es nicht nur orthodoxe Serben, sondern auch katholische Kroaten taten.
In Myanmar begehen Buddhisten völkermordähnliche Massaker an den muslimischen Rohingya, aber das macht Völkermord in unseren Augen nicht zu einem Problem für den Buddhismus. Und so ist über die Jahrzehnte in der Bundesrepublik eine Debattenkultur entstanden, die solche generellen Verdächtigungen sehr willkürlich und einseitig verteilt. Wer Terror gegen Zivilisten für „typisch islamisch“ hält, darf als Islamkritiker gelten, wer sie für „typisch israelisch“ hält, ist dagegen Antisemit. Für „typisch christlich“ gelten terroristische Anschläge grundsätzlich nie, nicht einmal dann, wenn sie von christlichen Tätern und im Namen des Christentums verübt werden.
Laut der deutschen Wikipedia gilt Waluś als Südafrikaner mit polnischen Wurzeln und Theodore Kaczyński als US-Amerikaner, der von polnischen Einwanderern abstammt, Breivik ist ein „in Norwegen geborener“ Rechtsterrorist, Brenton Tarrant, der Täter von Christchurch, ein „aus Australien stammender Rechtsterrorist“. Nirgendwo findet sich ein Hinweis auf ihre christliche Konfession oder Sozialisation. Anders bei Tätern, die aus muslimischen Ländern stammen. Bei den Wiki-Einträgen zum Attentäter von Solingen erfahren wir sofort, dass er „sunnitischer Muslim“ sein soll, obwohl er sich um religiöse Pflichten nicht gekümmert habe. Über die beiden Brüder, die für das Massaker beim Boston-Marathon verantwortlich waren, verrät uns Wikipedia ihren ethnischen Hintergrund mit dem Hinweis, ihre Tat sei dem „muslimischen Extremismus“ zuzurechnen. Einen Artikel über „christlichen Extremismus“ gibt es in der deutschen Wikipedia-Version gar nicht erst.
Vorurteile sind eine Gefahr für die innere Sicherheit
Darüber kann man sich aufregen, weil es unsere Vorurteile gegenüber anderen Religionen und die Heuchelei unserer öffentlichen Debatten bloßlegt, oder man kann sich darüber freuen, weil es die eigene politische oder religiöse Agenda befördert, zum Beispiel wenn man nach Rechtfertigungen dafür sucht, Muslimen Asyl zu verweigern oder möglichst viele muslimische Asylbewerber abzuschieben. Aber darum geht’s hier gar nicht. Ich versuche hier gar nicht zu beweisen, dass wir Muslimen schaden, wenn wir ihnen unsere Vorurteile überstülpen. Ich versuche zu beweisen, dass wir uns selbst, unserer Sicherheit und der Terror-Prävention unserer Behörden schaden, wenn wir das tun. Für diesen Nachweis braucht es einen kurzen Ausflug ins Theoretische.

Menschen tun selten etwas grundlos. Aber oft kennen sie selbst den Grund gar nicht, der sie bei ihren Handlungen antreibt. Danach liegt ihnen aber sehr daran, von Menschen, die ihnen nahestehen, von ihren Anhängern, von der Öffentlichkeit verstanden zu werden. Deshalb begründen sie, was sie getan haben. Das bedeutet nicht, dass sie ihre wahren Beweggründe, die sie oft selbst gar nicht kennen, benennen, sondern dass sie sich mit Argumenten rechtfertigen, die sie selbst für überzeugend halten und von denen sie annehmen, dass sie ihre Zuhörer überzeugen.
Ein Beispiel, das mit Terrorismus nicht das Geringste zu tun hat und aus der Demografie kommt: Gesellschaften, deren Kinder geringe Überlebenschancen haben (weil sie arm sind, in schlechten hygienischen Verhältnissen leben und Hunger leiden), haben meist deutlich höhere Geburtenraten als wohlhabende Gesellschaften mit geringer Säuglingssterblichkeit. Mütter in Zentralafrika bekommen also mehr Kinder, weil sie davon ausgehen können, dass nicht alle Kinder, die sie zur Welt bringen, überleben. Das ist für die Gemeinschaft, in der sie leben, vorteilhaft, denn dadurch wächst sie trotz aller widrigen Bedingungen.
Gleichzeitig sorgen die Eltern dafür, dass genug Sprösslinge da sind, die sie im Alter unterstützen können. Trotzdem würde keine solche Mutter (und auch kein Vater) den Wunsch nach vielen Kindern so begründen. Anstelle des wahren Grundes für ihren Kinderreichtum denken sie sich Begründungen aus, die gesellschaftlich stärker akzeptiert werden als das Eingeständnis eigener Unvollkommenheit, vielleicht nicht alle Kinder durchbringen zu können. Sie sagen stattdessen, sie liebten Kinder, seien kinderfreundlich, freuten sich, wenn viel junges Leben um sie herum sei oder sie sagen, Kinder seien einfach optimistisch. Entspricht ihr Kinderreichtum in etwa der landesweiten Geburtenrate, brauchen sie gar keine Rechtfertigung – genauso wenig wie sich jemand in Deutschland dafür rechtfertigen muss, wenn er ein oder zwei Kinder hat.
Es ergibt also Sinn, Grund und Begründung menschlichen Handelns auseinanderzuhalten. Immer. Auch bei Terroristen.
Was Attentäter wirklich gemeinsam haben
Wenn etwas alle Menschen, die allein oder in kleinen Gruppen (wie die beiden Brüder des Boston-Marathon) Massaker anzetteln, verbindet, dann sind das ihre Zerstörungswut (der Wunsch, möglichst viel Schmerz zu bereiten) und ihre Geltungssucht (das Streben nach möglichst großer Aufmerksamkeit). Alle hier bisher erwähnten Attentäter hatten enorme Probleme mit sich selbst, die sie mit Gewalt lösen wollten. Aber statt Gewalt gegen sich selbst zu richten und sich einsam und allein in einem Wald aufzuhängen oder sich im eigenen Bett zu vergiften, richteten sie sie nach außen.
Sie wollten, wie es der Gerichtspsychiater Reinhard Haller ausgedrückt hat, „maximalen Schmerz bereiten“, aber, anders als Haller meint, nicht nur anderen, sondern auch sich selbst. In den öffentlich bekannten Lebensgeschichten fast aller Attentäter tauchen Suizidgedanken und Episoden von Selbsthass, Selbstverstümmelung, Drogensucht und extrem gesundheitsschädlichem Verhalten auf. Keiner von ihnen wollte einfach nur sterben, jeder wollte möglichst viele andere Menschen töten oder sie mit in seinen Tod nehmen – öffentlichkeitswirksam, spektakulär, möglichst wie ein Fanal, als ein Beispiel für andere. Und alle planten die Begehung ihrer Tat viel präziser und ausführlicher als ihre Exit-Strategie, ihren Fluchtplan.
Sie kümmerten sich weder um die Vermeidung oder Beseitigung von Beweisen noch um Kameras am Tatort noch um Fluchtwege oder auch nur Ausreden für ihren Prozess. So weit dachten sie gar nicht. Das hatten Volkert van der Graaf, der „linksgrüne“ Mörder des 2002 in Hilversum getöteten niederländischen Rechtspopulisten Pim Fortuyn, die „rechtsradikalen“ Terroristen Anders Breivik und Janusz Waluś, der „Islamist“ Anis Amri und die angeblich unpolitischen Täter der zahlreichen US-amerikanischen Schulmassaker gemeinsam: Sie alle hatten keinerlei Exit-Strategie und konnten entweder sofort oder nach kurzer Zeit festgenommen werden, wenn sie sich nicht selbst umbrachten.
Deshalb waren Tat und Täter von Magdeburg absolut typisch: Taleb Al A. war aggressiv, gewalttätig, hatte damit gedroht, sich selbst und andere umzubringen, weil er sich selbst, seine Herkunft, seine religiöse Sozialisierung nicht akzeptierte. Er entschloss sich, sich selbst und möglichst vielen anderen maximalen Schmerz zuzufügen. Deshalb fuhr er einen Geländewagen in eine Menschenmenge und wusste danach nicht mehr weiter.

Viele, die etwas Ähnliches taten, lieferten nie eine ideologische, politische oder religiöse Begründung dafür und wurden von den Nachlebenden deshalb auch nicht in eine rechts- oder linksextremistische Schublade gesteckt, als „muslimische Extremisten“ und schon gar nicht als „christliche Terroristen“ bezeichnet. Das alles sind nachträgliche Zuschreibungen, die nichts über die Gründe solcher Handlungen aussagen. Schweigt ein Täter oder ist er tot, schreibt ihm die Öffentlichkeit eine Begründung zu. Dann genügt es, dass ein Attentäter bei seiner Tat „Al Akbar“ oder ähnliche Laute ausgestoßen hat, wie ein fünfzehnjähriger Schweizer, der im März dieses Jahres in Zürich mit einem Messer auf orthodoxe Juden losging. Dass ein Schweizer Kind auf Juden losging, kommt Ihnen untypisch vor? Keine Sorge, der Bub war tunesischer Herkunft, hat sich also doch „typisch“ verhalten.
Der überlebende Bruder der Boston-Attentäter sagte nach seiner Festnahme, er protestiere gegen die Ermordung von Muslimen durch die USA im Irak und in Afghanistan. Das genügte der Öffentlichkeit (und der deutschen Wikipedia), um seinen Anschlag als „muslimischen Extremismus“ einzuordnen. Aber gegen den Krieg und die Kriegsführung der USA in diesen beiden Ländern haben weltweit Millionen Menschen protestiert, ohne deshalb ihre Mitmenschen mit selbstgebastelten Bomben in die Luft zu jagen. Das eignet sich als Begründung für einen solchen Anschlag, weil es Aufmerksamkeit schafft und andere mobilisiert, als Grund ist es ungeeignet. Es kann sein, dass Talib Al A., der mutmaßliche Attentäter von Magdeburg, bald noch jede Menge politischer oder religiöser Rechtfertigungen in seinen Verhören nachschiebt – aber sie werden alle nur nachträgliche Begründungen sein, nicht der Grund seines Handelns.
Psychisch labil oder politisch motiviert ist gar kein Widerspruch
Den – und nicht die Begründungen – braucht man aber, will man solche Massaker in Zukunft verhindern. Begründungen können ideologisch, ethnisch, religiös, politisch oder ein wildes Gemisch aus all diesen Elementen sein – sie sind für die Verhinderung von Straftaten aber irrelevant, weil sie immer erst im Nachhinein formuliert werden, wenn es bereits zu spät ist. Viel wichtiger ist es, die Gründe zu kennen, das heißt jene psychische Verfassung, die Menschen dazu treibt, Massaker zu begehen. Dass sie von anderen Extremisten oder Terrororganisationen verführt oder angestiftet worden seien, ändert daran nichts. Von Al Kaida über dem IS, von der Roten Armee Fraktion bis zur baskischen Eta, vom NSU bis zu den Revolutionären Zellen haben alle radikalen Organisationen versucht, Mitglieder und Unterstützer zu werben – aber es ist ihnen immer nur bei relativ wenigen gelungen.
Offenbar ist also nicht jeder für den Job eines Attentäters geeignet, aber genau um diese Eignung geht es. In einer Welt, in der psychologische und psychiatrische Diagnosen und Daten über abweichendes Verhalten streng geschützt sind, haben es Ermittler sehr schwer. Einfacher ist es, einfach „Ausländer“, „Muslime“, „Araber“ oder „Migranten“ pauschal zu verdächtigen und sie sinnlosen Überprüfungen zu unterziehen und dafür von Politik, Medien und Öffentlichkeit Lob einzuheimsen. Im Fall Talib Al A. hatten die Behörden, was sie brauchten, aber sie haben es offenbar ignoriert. Und genau da liegt der Hund begraben – bei der Frage, warum sie es ignoriert haben.
Ermittlungsbehörden sind ja nicht isoliert von gesellschaftlichen Vorurteilen und pauschalen Schuldzuschreibungen. Eine noch von Innenminister Horst Seehofer in Auftrag gegebene Studie kam 2023 zu dem Schluss, dass Polizeibeamte überdurchschnittlich oft Vorurteile gegen Wohnungslose und Muslime haben. Wozu so etwas führen kann, konnte man bei den Ermittlungen zur NSU-Affäre beobachten: Ausländerfeindliche Vorurteile führten dazu, dass die Polizei die Täter jahrelang im Milieu der Opfer suchte und die Mörder weiter ungestört morden konnten.
Haben die Behörden vor Magdeburg womöglich nach angeblich typischen, muslimisch-arabischen Verdächtigen gesucht und dabei einen untypischen, gewaltbereiten, frustrierten, an Verfolgungswahn leidenden „Islamkritiker“ übersehen? Ein Tipp für die nahe Zukunft: „Islamkritiker“ können genauso radikal und gewalttätig sein wie Islamisten. Das hat nicht nur Magdeburg gezeigt, sondern auch die Anschläge in München 2016, begangen von einem Muslime hassenden, rassistischen Deutsch-Iraner. Und psychologisch unterscheidet Rechtsradikale nichts von Linksradikalen: Beide können gewalttätig, selbstzerstörerisch, frustriert, paranoid und autoritätshörig sein – nur eben gegenüber anderen Autoritäten.

Der Gegensatz, der in den Medien so gerne konstruiert wird zwischen „psychisch labil“ und „politisch motiviert“, den gibt’s gar nicht. Er ist eine nachträgliche Konstruktion, mit der sich die Öffentlichkeit und unsere Politiker selbst erklären, „wie es dazu kommen konnte“. In Wahrheit ist der einzige Unterschied der, dass manche „psychisch labilen“ Täter ihre Tat politisch oder religiös begründen und andere – viele Autoren von Schulmassakern zum Beispiel – das nicht tun. Dann stehen wir fassungslos vor den Opfern und wissen nicht, „wie das möglich war“. Können wir dem Täter eine politische, religiöse oder ethnische Motivation zuschreiben, ist das leichter zu verarbeiten: Er muss es getan haben, weil er Araber, Muslim, Migrant oder Ausländer ist. Und unsere Welt ist wieder in Ordnung, besonders, wenn wir selbst nichts von alledem sind.
Dieser psychologische Selbstbetrug ist das größte Hindernis bei der Verhinderung solcher Massaker wie in Magdeburg, denn er lenkt unsere Aufmerksamkeit und die der Ermittlungsbehörden ab von den psychischen Gründen für solche Taten und hin zu den politischen und religiösen Märchen, die uns die Täter so gerne erzählen, weil sie ahnen, dass wir sie viel lieber glauben als die beunruhigende Erkenntnis, dass im Grunde jeder „psychisch labile“ Mensch, der an Frustration, Selbsthass, Selbstmordgedanken und Verfolgungswahn leidet, gewaltbereit ist und nach Aufmerksamkeit schreit, „so etwas“ tun kann. So gesehen ist die ganze Debatte darüber, ob Magdeburg „typisch“ oder „untypisch war“, eigentlich eine Gefahr für die innere Sicherheit.