Liebe Leserinnen und Leser,
Dänemark hat bei 6 Millionen Einwohnern 350 Wärmegenossenschaften. Deutschland bei 84 Millionen gerade mal 150. Diese Zahl stammt von Silke Stremlau, Expertin für Transformationsfinanzierung. Sie steht für etwas, das sich diese Woche von vier Seiten gleichzeitig bestätigt hat: Es fehlt nicht am Geld. Es fehlt nicht an der Technologie. Es fehlt an Regeln, die beides in die richtige Richtung lenken.
„Geld ist niemals neutral"

Silke Stremlau leitet Finance for Transition, einen neuen Berliner Thinktank, finanziert von der Stiftung Mercator, acht Personen, fünf Jahre gesichert, mit Perspektive auf weitere fünf. Im Cleanthinking-Interview stellt sie eine Diagnose, die unbequem ist, weil sie nicht nach mehr Geld ruft, sondern nach besseren Regeln: Deutschland hat kein Kapitalmangelproblem. Es hat ein Kapitalallokationsproblem.
Das heißt konkret: Institutionelle Investoren finanzieren durchaus nachhaltige Infrastruktur. Aber sie tun das in Frankreich, in Spanien, in Skandinavien. In Deutschland nur zu einem sehr geringen Teil. Das Geld wandert dorthin, wo die Rahmenbedingungen stimmen. In Deutschland stimmen sie nicht.
Besonders drastisch ist die Lage bei der kommunalen Wärmewende. 50 Prozent der deutschen Stadtwerke haben eine Bilanzsumme zwischen 50 und 100 Millionen Euro. Was sie an Investitionen vor sich haben: 500 Millionen. Fünfmal mehr als die eigene Bilanz hergibt. Das Kapital dafür existiert - bei Pensionskassen und Versicherungen, die mit 20 bis 50 Jahren Horizont investieren. Aber es gibt keine Plattform, die beide Seiten zusammenbringt.
Stremlau berichtet, dass Stadtwerke wegen des Gebäudemodernisierungsgesetzes eine Vollbremsung bei ihren Investitionsplanungen gemacht haben. Gas und Wärme parallel, das sei nicht finanzierbar. Also werde erst mal gar nichts gemacht.
„Geld ist niemals neutral. Es wirkt immer, je nachdem, wofür wir es einsetzen." (Silke Stremlau, Finance for Transition)
Das vollständige Interview gibt es auf Cleanthinking (Abre numa nova janela).
Vier Ausschüsse, ein Urteil
Dass Stadtwerke bremsen, liegt auch am Gesetz, das ihnen Klarheit geben sollte und das Gegenteil liefert. Diese Woche haben vier Bundesratsausschüsse ihre Stellungnahmen zum Gebäudemodernisierungsgesetz von Katherina Reiche und Verena Hubertz vorgelegt. Das Urteil: Das Gesetz „weise in die falsche Richtung".
Die Bio-Treppe sei riskant, weil sie einen fossilen Lock-in begünstige. Der Mieterschutz sei mangelhaft. Wer heute eine fossile Heizung einbaue, werde morgen für die Umrüstung erneut zahlen. Das Gesetz schaffe nicht Sicherheit, sondern Unsicherheit.
Nach dem Normenkontrollrat, der den Entwurf im Mai als eines der „handwerklich schwächsten Vorhaben" der letzten Jahre bezeichnete, kommt jetzt die nächste institutionelle Absage. Und Stremlaus Diagnose liefert den Grund: Die Wärmewende ist exakt das Feld, in dem die größte Finanzierungslücke klafft. Ein Gesetz, das fossile Heizungen begünstigt, schließt sie nicht. Es reißt sie auf.
Die Details und die Ausschuss-Zitate stehen bei Cleanthinking (Abre numa nova janela).
Dunkelflaute: Der Forscher widerspricht

Letzte Woche hieß dieses Briefing „Daniel Wetzels Strohmann (Abre numa nova janela)". Kurze Erinnerung: WELT-Redakteur Wetzel hatte der DIW-Ökonomin Claudia Kemfert vorgeworfen, sie verharmlose Dunkelflauten. Sein Kronzeuge: der Gaskonzern Uniper, der mit einer bestimmten Zählmethode auf 160 Dunkelflauten im Jahr 2024 kommt. Kemfert hatte am Spotmarkt zwei extreme Preisereignisse identifiziert. Zwei gegen 160 - das klingt vernichtend.
Jetzt hat sich der Forscher gemeldet, der die Methode kennt wie kein Zweiter. Martin Kittel vom DIW, der den Mean-Below-Threshold-Ansatz mit seinem Kollegen Wolf-Peter Schill weiterentwickelt hat, nennt Wetzels Vergleich im Gespräch mit Cleanthinking „methodisch unzulässig". Kemfert misst Preisausschläge. Uniper zählt Stunden mit geringer Einspeisung. Das sind zwei verschiedene Perspektiven auf dasselbe Phänomen - und die eine kann die andere nicht widerlegen.
„Hier werden Äpfel mit Birnen verglichen." (Martin Kittel, DIW Berlin)
Dazu kommt eine neue Studie des Wuppertal-Instituts im Auftrag von Greenpeace, die zeigt: Selbst fünftägige Dunkelflauten lassen sich überbrücken - mit einer Kombination aus Batteriespeichern und Biogas-Blockheizkraftwerken. Ohne neue fossile Gaskraftwerke. Die Lösung existiert. Sie braucht nur Regeln, die sie nicht ausschließen.
Genau das ist das Problem beim Stromversorgungskontinuitätsgesetz: Die Ausschreibungsbedingungen sind so formuliert, dass Batteriespeicher praktisch keine Chance haben. Fraunhofer-Forscher nennen das „willkürlich gewählt". Der DIW-Forscher, der die von Uniper genutzte Dunkelflauten-Methode weiterentwickelt hat, widerspricht dem WELT-Redakteur, der sich auf diese Methode beruft: Wer die Regeln schreibt, bestimmt das Ergebnis.
Die vollständige Analyse gibt es bei Cleanthinking (Abre numa nova janela).
Perowskit: 35 Prozent und ein Werk in Brandenburg

Silizium-Solarzellen stoßen bei 29,4 Prozent Wirkungsgrad an eine physikalische Mauer. Das ist kein technisches Versagen, sondern ein Naturgesetz, das Shockley-Queisser-Limit. Die Perowskit-Tandemzelle durchbricht es: zwei Halbleiterschichten übereinander, die das Sonnenspektrum unter sich aufteilen. Theoretisches Potenzial: 43,3 Prozent. Der aktuelle Laborrekord, gehalten vom chinesischen Hersteller LONGi: 35 Prozent.
Was die Technologie jahrelang ausbremste, war nicht die Effizienz, sondern die Haltbarkeit. Perowskit altert unter Temperaturschwankungen schneller als Silizium. Forscher der TU München haben 2026 den Mechanismus entschlüsselt und einen molekularen Anker gefunden, der die Kristallstruktur stabilisiert.
„Die Zukunft der Photovoltaik trägt die Vorsilbe Tandem." (Prof. Peter Müller-Buschbaum, TU München)
In Brandenburg an der Havel liefert Oxford PV seit 2024 die weltweit ersten kommerziellen Perowskit-Tandemmodule aus. 25 Prozent Modulwirkungsgrad, etwas mehr als herkömmliche Siliziummodule. First Solar, der größte Modulhersteller der westlichen Hemisphäre, hat eine Patentlizenz genommen.
Das Fraunhofer ISE hat im Mai das Pero-Si-SCALE eröffnet, eine offene Industriebrücke, über die europäische Hersteller die Technologie in ihre Linien integrieren können. Europa hat die erste Solarrevolution an China verloren. Bei der Tandemzelle beginnt der Markt gerade erst.
Die vollständige Einordnung zur Peroswkit-Tandemzelle gibt es bei Cleanthinking (Abre numa nova janela).
350 gegen 150. Fünfmal mehr Investitionsbedarf als Bilanzsumme. Vier Bundesratsausschüsse gegen ein Gesetz. Ein DIW-Forscher gegen einen WELT-Redakteur. Und ein Werk in Brandenburg, das Solarmodule liefert, die Silizium physikalisch nicht mehr erreichen kann. Vorfahrt für Gestern ist eine politische Entscheidung. Keine technische.
In diesem Sinne,
Ihr Martin Jendrischik