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Euphoria / Staffel 1-3 (2019)

Die neurodivergente, bipolare und drogenabhängige Rue erzählt aus ihrem Leben. Wir begleiten die junge Frau über drei Staffeln hinweg während ihrer Highschool-Zeit bis hin zu ihrer Karriere als Drogenkurierin und Laufburschin für einen Gangsterboss. Sie berichtet darüber hinaus auch immer wieder von ihren Freundinnen Jules, Lexi, Maddy, Cassie und Kat. Das Leben der jungen Frauen in den heutigen USA ist geprägt von Misshandlung, Ausbeutung, Perspektivlosigkeit, sozialer Kälte und spätkapitalistischer Verwertungslogik. Die Körper und Psychen dieser jungen Frauen werden in einer hyper-kommerzialisierten und digitalisierten Welt permanent zur Ware gemacht.

Die Drama-Serie Euphoria von Sam Levinson startete 2019 und schlug ein wie eine Bombe. Mit ihren kunstvollen Inszenierungen, einem gelungenen ästhetischen Gesamtkonzept, dem herausragenden Ensemble, dem fast schon legendären Soundtrack von Labrinth und Rues poetischen Kommentaren aus dem Off, die streckenweise an Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo (1981) erinnern, gehört Euphoria zum Besten und vor allem Relevantesten, was in den letzten Jahren produziert wurde. Die sechs jungen Frauen Ruby "Rue" Bennett, Jules Vaughn, Madeleine "Maddy" Perez, Cassandra "Cassie" Howard, Alexis "Lexi" Howard und Katherine "Kat" Hernandez, die im Mittelpunkt der Serie stehen, werden mehr als eindrucksvoll von Zendaya, Hunter Schafer, Alexa Demie, Sydney Sweeney, Maude Apatow und Barbie Ferreira verkörpert. In weiteren Rollen überzeugen ebenso Jacob Elordi als Nathaniel "Nate" Jacobs, Colman Domingo als Ali und Angus Cloud als Fezco "Fez", der 2023 im Alter von nur 25 Jahren verstarb.

Unverblümt zeigt die erste Staffel der Coming-of-Age-Serie das ganze krankhafte Ausmaß der US-amerikanischen Gesellschaft. Es sind die Kinder und Jugendlichen, die am meisten darunter leiden, die an den Erwartungen der Eltern und den überkommenen Rollenbildern der Gesellschaft zugrunde gehen. Drogenmissbrauch, Gewalt, psychische Erkrankungen, Selbstzerstörung und Sexualisierung sind die Ergebnisse des ständigen Erfolgsdrucks, der von einer kapitalistischen Verwertungslogik und aggressiver Heteronormativität diktiert wird.

Rue und ihre Freundinnen sind Produkte einer lebensfeindlichen Gesellschaft - und das zeigt die Serie ungeschönt. Sie stammen aus einem aussterbenden Mittelstand, ihr Umfeld ist eine entsolidarisierte und desolate Gesellschaft, in der Menschen drogenabhängig aus dem Krankenhaus kommen und Misshandlungen an der Tagesordnung sind. Als Fluchtort bleibt den jungen Menschen nur das Internet, wo Pornos, Mobbing und Verdummung zur weiteren Verrohung beitragen.

Die zweite Staffel der preisgekrönten Serie aus dem Jahr 2022 bleibt erschreckend düster und legt weiter den Finger in die US-amerikanische Wunde. Ich wollte den jungen Leuten in der Serie so oft zurufen, dass sie nicht immer und immer wieder die gleichen Fehler begehen und sich stattdessen an ihrer Jugend erfreuen sollen, doch sie können nicht anders. Sie sind Produkte eines Systems, gegen dessen Konformitäts- und Optimierungsdruck sie nichts entgegenzusetzen haben. Auch die Folgestaffel ist eine Offenbarung und zugleich harter Tobak. Langsam wandelt sich Euphoria vom Coming-of-Age-Drama zur Gangsterserie. Der Auftritt von Kathrine Narducci als Fez’ Gangster-Grandma unterstreicht das.

In der im Jahr 2026 angelaufenen dritten Staffel - die Freundinnen haben die Schule nun abgeschlossen - stehen endgültig die Crime-Elemente im Mittelpunkt. Rue erzählt weiter aus ihrem Leben auf der schiefen Bahn. Ihre fast schon tarantinoesken Erlebnisse in der Drogenkriminalität werden immer wieder vom Leben ihrer Freundinnen (Barbie Ferreira und ihre Figur Kat sind leider nicht mehr mit dabei) gebrochen. Bei ihnen dreht sich alles um den Versuch, mit wenig Arbeit möglichst viel Geld zu verdienen, und als junge, hübsche Frau in den USA macht man das am besten mithilfe des Körpers. Schönheit ist Reichtum. Die Prostitution beginnt auf OnlyFans und endet im Whirlpool eines reichen und mächtigen Mannes. Allein Lexi versucht als Drehbuchautorin in Hollywood intellektuell statt sexuell zu überzeugen. Sie ist jedoch ebenso gefangen in einem System aus Ausbeutung und Anpassung. Sie verkörpert die dogmatische und arrogante Art der liberalen, politisch-korrekten und gebildeten Bubble. Deren doppelmoralische Mentalität wird durch einen genialen Dialog klar, wenn Lexi zu Rue sagt: "Ich wollte nicht mit einer Christin befreundet sein." Auf die Frage nach dem Warum antwortet sie schlicht: "Weil sie andere verurteilen."

Euphoria ist immer am Puls der Zeit: Rue wird in Staffel drei religiös und findet zu Gott. Gewohnt schonungslos verhandelt die Serie aktuelle Themen wie Migration, die Fentanylkrise, Online-Prostitution und das Erstarken der Religion. Erneut zeigt Euphoria die wahren Abgründe des US-amerikanischen Spätkapitalismus, in dem menschliche Körper zum Produkt geworden sind, und die schwelende Polarität zwischen den Reichen und den Armen.

Aus den tollen, queeren Frauen, mit denen man sich bestens identifizieren konnte, werden in der dritten Staffel Huren und Kriminelle. Und die zentrale Protagonistin wird als bisexuelle Frau auch noch religiös. Das scheint vielen nicht ins identitäre Menschenbild zu passen, daher kam die dritte Staffel allgemein nicht so gut an. Ich persönlich fand sie sehr gelungen - sie passt hervorragend zu dem schockierenden Bild der US-amerikanischen Jugend, das in den ersten beiden Staffeln gezeigt wurde. Die ergreifende letzte Folge in Spielfilmlänge, die nicht nur die dritte Staffel, sondern auch die Serie zu einem Ende führt, rundet die Erzählung in all ihrer Tragik und Hoffnungslosigkeit ab.

Euphoria hat mit Zendaya, Sydney Sweeney und Hunter Schafer drei der besten Schauspielerinnen unserer Zeit zu bieten und ist eine der künstlerisch ambitioniertesten Serien der letzten Jahre. Aber vor allem inhaltlich sollten wir das Gesellschaftsdrama ganz genau betrachten, denn wir schauen hier in die Zukunft Europas.

https://www.imdb.com/de/title/tt8772296/ (Abre numa nova janela)
Tópico Serie