Hier ist die Nachtpost von Entspannung wirkt. Diesen Monat geht es um Schmerzen.
Letzte Woche kam ich für einen Jobtermin an der Notaufnahme des UKE vorbei, des Uniklinikums in Hamburg. Ich dachte daran, dass wir vor zwei Jahren Dauergast hier waren. Damals klagte mein Mann plötzlich über einseitige Gesichtsschmerzen. Sie erinnerten vage an Zahnschmerzen, schlugen aber alle paar Sekunden ein wie ein Blitz.

In Deutschland ist jede dritte bis vierte Person von chronischem Schmerz betroffen. Weltweit leidet laut der Deutschen Schmerzgesellschaft etwa 20 Prozent der Bevölkerung unter dauerhaftem Schmerz. Was das wirklich bedeutet, konnte ich mir durch die Erkrankung meines Mannes nur ansatzweise vorstellen. Ständig Schmerzen, Tag für Tag: Wie soll man das aushalten?
Alltag mit Schmerzen ist schwierig
Irgendwann erhielt er die Diagnose Trigeminusneuralgie. Bei ihr ist die Isolierung am fünften Hirnnerv, dem Trigeminusnerv, nicht mehr intakt, und so schießt bei der leisesten Berührung der Stelle ein blitzartiger Schmerz von ungeheurer Wucht durch den Kopf - wieder und wieder. An einen Alltag mit Schlaf war nicht zu denken.
Nachdem er tagsüber bereits mehrere Praxen aufgesucht hatte, fuhren wir fast jeden Abend in die Notaufnahme. Ich war überzeugt: Wenn wir hartnäckig genug ist, wird jemand diese Schmerzen aus der Hölle stoppen. Irgendwann aber wurde mir klar, dass die Besuche im Krankenhaus letztlich ein Versuch sind, der Ohnmacht zu entfliehen. Denn gerade bei Nervenschmerzen greifen viele herkömmliche Schmerzmittel nicht. Und selbst wenn ein passendes Medikament gefunden ist, braucht es Geduld, bis sich der Wirkspiegel aufbaut.
Hypnose als Unterstützung
Als ich im Freundes- und Bekanntenkreis über die Erkrankung sprach, hörte ich viele ähnliche Geschichten:
Da war ein Apotheker mit derselben Diagnose, bei dem kein Medikament half. Eine Freundin kann wegen chronischer Gelenkschmerzen kaum noch arbeiten. Eine ältere Nachbarin hat ein Hüftleiden und kann die Wohnung kaum verlassen.
In der akuten Phase versuchte ich, meinen Mann mithilfe von Hypnose an einen Ort zu führen, an dem es keine Schmerzen gibt. Er sollte sich vorstellen, dass der Schmerz eine Kugel ist – eine Kugel, die er vom Gesicht in den kleinen Zeh schicken oder einfach aus dem Körper herausrollen lassen kann. Das sorgte tatsächlich für etwas Linderung. Den Durchbruch brachte schließlich ein Medikament aus der Gruppe der Antiepileptika.
Schmerz als Frühwarnsystem
Seitdem denke ich viel über Schmerz nach. Vielleicht ist Schmerz manchmal auch ein Frühwarnsystem: „Wenn ich ein leises Pochen im Gesicht spüre“, sagt mein Mann heute, „weiß ich, dass ich mehr auf mich achten muss – mehr schlafen, weniger machen.“

Die Psychologin Hanne Seemann beschreibt in einem Fachartikel in Hypnose in Psychotherapie, Psychosomatik und Medizin, dass Schmerzpatient:innen oft empfänglich dafür sind, den Schmerz, der sich Heilungsversuchen widersetzt, als Protest des eigenen Körpers zu verstehen.
Wenn sich der Körper durch Schmerzen bemerkbar macht, kann das als Kommunikationsangebot verstanden werden. Die Aufgabe des Therapeuten ist es, die Botschaft des Protestes oder der Klage umzudeuten – in eine Forderung oder einen Wunsch.
Das innere Krokodil
Wenn Menschen mit Schmerzen ratlos sind, weil nichts hilft, empfiehlt Seemann:
„Füttern Sie Ihr Krokodil – es ist offenbar halb verhungert und unterentwickelt.“
Damit meint sie das älteste, instinktive Zentrum unseres Gehirns – das sogenannte Reptilienhirn. Es steuert unsere einfachsten körperlichen Reaktionen: Hunger, Müdigkeit, Angst, Wohlgefühl. Dieses „Krokodilhirn“ weiß sehr genau, was uns guttut und was nicht – lange bevor der Verstand eingreift.
Doch wenn wir über Jahre lernen, unsere Bedürfnisse zu unterdrücken oder zu überhören, verliert dieses System an Kraft.
„Das Krokodil zu füttern“ heißt also: wieder auf die leisen körperlichen Signale zu achten, bevor sie laut werden müssen.
Neurowissenschaft trifft Hypnose
Besonders beeindruckt hat mich für die November-Ausgabe von Magie der Veränderung das Gespräch mit Dr. Klaus Hönig, Hypnoseforscher am Universitätsklinikum Ulm.
Er erklärt, dass verbale Suggestionen Schmerzen bereits auf Rückenmarksebene modulieren können:
Das Schmerzsignal erreicht zwar das Gehirn, wird dort aber anders bewertet – und dadurch abgeschwächt.
Das heißt: Neurowissenschaftliche Studien bestätigen damit, was die ältere Gate-Control-Theorie der Schmerzverarbeitung von 1965 besagt, deren Grundidee es ist, dass das Rückenmark als ein „Tor" fungiert, das entscheidet, welche Schmerzsignale an das Gehirn weitergeleitet werden und welche nicht: Schmerzimpulse lassen sich durch mentale Prozesse tatsächlich beeinflussen oder sogar blockieren. Deshalb kann Hypnose so wirkungsvoll bei Schmerzen sein.
Sanne hat das Interview mit Klaus Hönig gehört und schreibt:
So ein gutes Interview. Danke! Für meine Rücken- und Nackenschmerzen werde ich jetzt auf jeden Fall Hypnose ausprobieren!
Auch in der Musik begegnet uns Schmerz
In Tracks & Träume sprechen Hajo und ich über Pussy Palace vom neuen Album von Lily Allen: Die britische Sängerin erzählt darin in vierzehn Songs, wie eine Ehe zerbricht – mit Themen wie emotionalem Missbrauch, Sucht und Kontrollverlust.
Und doch klingt das Ganze leicht, fast beiläufig.
(Abre numa nova janela)Schau dir unsere Reaction (Abre numa nova janela) dazu hier an 🎧
Liebe Grüße und euch allen einen friedlichen November,
Carola
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Und ein herzliches Willkommen an Karin, Robert und Sonja – so schön, dass ihr jetzt dabei seid!
🌀 Das vollständige Gespräch mit Dr. Klaus Hönig könnt ihr im Mitgliederbereich hören (Abre numa nova janela) und lesen (Abre numa nova janela).
Nächste Woche erscheint dort außerdem eine neue Hypnose gegen Nervenschmerzen.