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Warum ich manchmal „Off“ bin – ausgerechnet mitten in meiner Familie

Es gibt eine merkwürdige, beinahe aristokratisch anmutende Kunstform in meinem Leben, die mir erst mit den Cochlea-Implantaten zuteil wurde: die Kunst, mitten im familialen Getümmel lautlos zu verschwinden – ohne auch nur einen Schritt zu tun.

Ich nenne dieses kleine Alltagsphänomen „Off gehen“, ein verborgener Zaubertrick à la Houdini, nur ohne Rauch, ohne Bühne und ohne dramatische Trommelwirbel. Ein Klick, ein sanfter Griff ans Ohr – und die Welt knickt höflich ein, wird seidenweich, löst sich akustisch in Wohlgefallen auf.

Dieses „Offline“ ist keine Flucht und schon gar kein Manifest stiller Kränkung. Nein – es ist ein dezidiertes Ja. Ein Ja zu meinen Bedürfnissen, zu meiner vulnerablen sensorischen Architektur, zu jener inneren Ordnung, die sich manchmal weigert, den decibelhaften Extravaganzen des Lebens tatenlos zuzuschauen.

Ich bin dann nicht weg oder nichts mehr erreichbar.

Ich bin einfach nur ohne Klang – was, nebenbei bemerkt, gelegentlich eine Form der seelischen Wellness darstellt, die selbst hochpreisige Spa-Prospekte erröten ließe.

Währenddessen entfaltet sich um mich herum das jugendkulturelle Ballett: Teenager, die zocken, diskutieren, jubeln, sich freundschaftlich-frech übertrumpfen. Ich sehe, wie die Hände über Controller tänzeln, wie die Lippen Worte formen, die ich nicht höre, und doch verstehe.

Es ist ein Panorama voller Bewegung, Energie, kleiner Dramen – und ich sitze lächelnd mittendrin, akustisch auf Standby, ästhetisch hochinteressiert. Ich kann sie lesen. Die Stimmung, die Emotionen. Die Worte und Sätze sind nebensächlich.

Und da ist noch etwas, das mich immer wieder mit einer fast philosophischen Dankbarkeit übermannt: die Freiheit der Wahl.

Zu entscheiden, ob ich hören will oder nicht.

Für viele trivial, für mich von nahezu symphonischer Bedeutung.

Ich habe diese Wahl nicht immer – nicht medizinisch, nicht physiologisch, und schon gar nicht neurologisch betrachtet.

Mein Innenohr oder besser die neuen und Synapsen samt Neuronen sind nach eigenem Ermessen anarchische Sonderlinge, die gelegentlich überreizt rebellieren.

Doch wenn ich wählen kann, dann ist das nichts weniger als Autonomie in Reinform, ein luxuriöser Akt assertorischer Selbstbestimmung: Freiheit pur.

Die Kinder – und hier kommt nun ein leiser Stich Selbstironie ins Spiel – wissen das längst. Sie haben mich im Grunde pädagogisch längst überholt. Während ich früher glaubte, ich müsse das akustische Universum alleine bändigen, haben sie intuitiv verstanden, dass Kommunikation kein monarchisches Unterfangen ist, sondern ein egalitäres Projekt.

Sie gebärden mit mir, schreiben mir Nachrichten, stecken mir im Zweifel Zettel zu, als wären wir Ko-Agent:innen einer streng vertraulichen Operation.

„Mission Mutter: Verbindung halten.“

Und sie halten.

Verlässlicher als so manche institutionelle Kommunikation im öffentlichen Nahverkehr.

Diese reziproke, beinahe sororisierende Form der Verständigung ist keine Nebensächlichkeit. Sie ist ein Geschenk. Ein Geschenk, das mir erlaubt, nicht permanent funktionieren zu müssen. - so funktionieren zu müssen wie es sich die Umwelt wünscht. Ein Geschenk, das mich in meiner Menschlichkeit bestätigt, gerade weil es nicht erwartet, dass ich eine unermüdlich hörende Maschine bin. Sondern ich darf Mensch sein. So wie ich eben nun bin. Ertaubt. Angenommen. Aber nicht kaputt.

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