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Der Satz von Charles Bukowski lässt mich nicht los.

„Kannst du dich daran erinnern, wer du warst, bevor man dir sagte, wer du sein sollst?“

Diese Frage ist kein literarisches Ornament. Sie ist ein Sezierinstrument. Sie trennt Oberfläche von Substanz, Rolle von Essenz, Erwartung von Identität. Und sie trifft mich mit einer Präzision, die beinahe schmerzt.

Ich habe darüber nachgedacht. Lange.

Wer bin ich jetzt?

Zunächst bin ich eine Summe von Rollen.

Ich bin Mutter. Planerin. Ehefrau. Partnerin. Schwiegertochter. Tochter. Freundin. Vertraute. Angestellte. Ansprechpartnerin. Strukturgeberin. Krisenmoderatorin.

Ich funktioniere. Ich habe zu funktionieren.

Nicht, weil man es mir täglich befiehlt – sondern weil Systeme implizite Anforderungen stellen. Familie. Beruf. Beziehungen. Gesellschaft. Jede Konstellation trägt ihre eigenen Erwartungsarchitekturen in sich. Und ich habe sie internalisiert.

In der Soziologie spricht man von normativen Zuschreibungen, von Rollenkonflikten, von sozialer Anpassungsleistung. Das klingt nüchtern, fast steril. In Wahrheit ist es intim. Es beschreibt jene leise Verschiebung vom spontanen Ich hin zum performativen Soll.

Ich erfülle Rollen.

Manchmal mit Hingabe.

Manchmal mit Routine.

Manchmal mit einer Müdigkeit, die nicht körperlich ist, sondern identitär.

Denn jede Rolle ist eine Form der Exposition. Ich stehe im Licht – aber selten als ganze Person. Meist als Funktionsträgerin.

Und doch gibt es darunter eine andere.

Barfuß. Ungekämmt. Lachend.

Mit einem Koffer voller Anarchie.

Ich wäre wohl viel lieber Pippi Langstrumpf.

Und nein – das ist keine infantile Fluchtfantasie. Pippi ist keine Kindheitsnostalgie. Sie ist eine kulturkritische Figur. Sie lebt außerhalb normativer Engführungen. Sie ist laut, direkt, autonom. Sie besitzt die Kühnheit, sich nicht kompatibel machen zu wollen.

Manchmal zeige ich sie.

Dann bin ich unangepasst. Unbequem.

Viel zu direkt. Zu ehrlich. Zu laut. Zu frech.

Manchmal bricht es aus mir heraus wie ein kleiner Vulkanausbruch. Und es ist wunderbar. Ich bin wild. Ich lache zu laut. Ich sage Dinge, die andere vielleicht diplomatischer formulieren würden. Ich nehme mir Raum, ohne vorher um Erlaubnis zu bitten.

Und dann erschrecke ich fast ein wenig über meine eigene Ungebremstheit – und zugleich fühle ich mich lebendig wie nie.

Ich bin eigentlich ein Freigeist.

Das ist keine Pose. Es ist eine innere Konstante. Ich denke gern quer. Ich widerspreche, wenn ich etwas für inkonsistent halte. Ich halte es schlecht aus, wenn Konvention über Vernunft triumphiert. Ich bin viel zu neugierig, um mich dauerhaft in normativer Enge wohlzufühlen.

Und doch lebt dieser Freigeist in einem Leben, das Struktur verlangt.

Verantwortung ist kein poetisches Konstrukt. Sie ist konkret.

Kinder brauchen Stabilität. Beziehungen brauchen Verlässlichkeit. Arbeit braucht Präzision. Gesellschaft braucht Berechenbarkeit.

Mein Freigeist oszilliert also zwischen Autonomie und Pflicht. Zwischen Impuls und Organisation. Zwischen barfüßiger Anarchie und perfekt geführtem Kalender.

Er hat in meinem Alltag nicht immer Platz.

Noch nicht in dem Maß, wie ich es mir vielleicht wünsche.

Aber ich räume Zeit ein.

Das ist mein stiller Widerstand. Keine dramatische Revolte, keine theatrale Abkehr von allem Bestehenden. Sondern bewusst geschaffene Inseln. Stunden, in denen ich nicht funktioniere, sondern existiere.

Zeit, in der keine überbordenden Erwartungshaltungen insistieren.

Zeit, in der niemand etwas von mir braucht.

Zeit, in der ich einfach bin.

Bei einigen Menschen darf ich Masken und Rollen ablegen. Dort bin ich nicht Mutter, nicht Planerin, nicht die Zuständige. Ich bin einfach ich. Ohne dramaturgische Rahmung. Ohne performative Anstrengung.

Mein Wiesel darf raus.

Es darf toben, analysieren, spitz kommentieren, lachen. Es darf auch verletzlich sein. Und wir – dieses innere Ensemble – werden geliebt.

Das ist vielleicht das Kostbarste: geliebt zu werden ohne Funktion.

Ich habe gelernt, dass Identität keine starre Skulptur ist. Sie ist ein Prozess. Eine fortwährende Reskription. Ich schreibe mich um – nicht, weil ich falsch war, sondern weil ich wachse.

Manchmal konfabuliert mein Gehirn, ergänzt Narrative, um Brüche zu glätten. Das tun wir alle. Wir erzählen uns Geschichten über uns selbst, die kohärent erscheinen. Aber unter dieser erzählten Version liegt eine Wahrheit, die sich nicht normieren lässt.

Ich bin nicht nur die, die ich sein soll.

Ich bin auch die, die ich sein will.

Vielleicht geht es gar nicht darum, wieder die zu werden, die ich war, bevor man mir sagte, wer ich sein solle. Vielleicht wäre das romantisierend. Ich bin heute komplexer. Erfahrener. Verwundbarer. Klarer.

Aber ich möchte jene Anteile nicht obsolet werden lassen, die frei waren.

Ich möchte die Wildheit nicht domestizieren.

Ich möchte die Direktheit nicht komplett abschleifen.

Ich möchte das Lachen nicht dämpfen, nur weil es zu laut sein könnte.

Ich lerne, zwischen Rolle und Echtheit zu wechseln. Bewusst. Souverän. Nicht als Gefangene meiner Verpflichtungen, sondern als Architektin meiner Zeit.

Und vielleicht ist

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