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Unterwegs sein — oder: Die seltsame Öffentlichkeit fremder Leben

Ein freier Beitrag - für alle die zu schnell über fremde Wege urteilen und alle die sich informieren ohne zu urteilen

Ich bin unterwegs.

Nicht permanent. Nicht ruhelos. Nicht aus einer Laune heraus, sondern immer dann, wenn mein Körper es zulässt, wenn Termine sich fügen, wenn Energie vorhanden ist — dieses fragile Gut, das sich nicht planen lässt, sondern nur gelegentlich großzügig zur Verfügung stellt.

Dann bin ich aktiv.

Ich besuche Fortbildungen, Workshops, Vorträge. Ich sitze in Reha-Kliniken, lasse Einstellungen überprüfen, Systeme neu kalibrieren, nehme Untersuchungen wahr, die weniger nach Abenteuer klingen als nach nüchterner medizinischer Notwendigkeit. Mein Kalender oszilliert zwischen Hörtraining, Anpassungsterminen und dem beharrlichen Versuch, Teilhabe nicht nur theoretisch, sondern praktisch zu leben.

Und ja — manchmal, viel zu selten eigentlich — besuche ich auch Städte. Gehe durch fremde Straßen, trinke Kaffee an Orten ohne Krankenhausgeruch und erinnere mich daran, dass Leben mehr ist als Therapiepläne und Diagnoseschlüssel.

Ein Leben in Intervallen.

Aktivität zwischen Regeneration. Bewegung zwischen Erschöpfung.

Die Außenwelt jedoch registriert nur eines:

Ich bin unterwegs.

Und aus dieser simplen Beobachtung entsteht offenbar ein öffentliches Interesse, das eine bemerkenswerte Abkürzung nimmt — über meine Kinder.

„Na, eure Mama ist aber viel unterwegs.“

„Ist die Mama schon wieder weg?“

Sätze, beiläufig formuliert, vielleicht sogar freundlich gemeint. Und doch überschreiten sie eine Grenze, die jedem halbwegs funktionierenden erwachsenen Urteilsvermögen eigentlich evident sein müsste.

Denn es ist das eine, mich zu fragen.

Damit komme ich klar.

Ich erkläre, wenn ich erklären möchte.

Und wenn nicht, genügt ein knappes „Ja, genau.“ — ein verbales Punktum, das keine weiteren Fußnoten benötigt. Dann ist es meine Entscheidung. Meine Deutungshoheit. Mein Leben.

Kinder jedoch — auch wenn sie längst Teenager oder beinahe erwachsen sind — gehören aus dieser Gleichung herausgenommen. Das gebietet nicht Sensibilität, sondern schlicht erwachsener Verstand.

Oder sollte es zumindest.

Offenbar ist dieser bei manchen Menschen irgendwo zwischen Sightseeing-Tour und Katastrophentourismus abhandengekommen.

Denn es geht selten um echtes Interesse.

Es geht um Beobachtung.

Um das stille Verfolgen dessen, was ich poste, schreibe, öffentlich mache. Manche folgen nicht, um zu verstehen, sondern um sich am nächsten Thema zu echauffieren. Um zu prüfen, ob ich heute wieder zu sichtbar, zu offen, zu laut oder — besonders verdächtig — zu lebendig bin.

Ein digitales Fernglas, stets griffbereit.

Ich gestehe: Der Gedanke hat Unterhaltungswert.

I love to entertain you.

Vielleicht sollte ich tatsächlich anfangen zu singen. Öffentlich. Laut.

Oder mich demonstrativ auf offener Straße schminken.

Oder — gesellschaftlicher Endgegner — die nächste Bikini-Mode präsentieren.

Ich vermute, ein Teil der stillen Beobachterschaft würde kollektiv mit Herzinfarkt vom Stuhl fallen.

Mein inneres Wiesel jedenfalls wäre begeistert. Es liebt dramatische Effekte. Es möchte an dieser Stelle nicht nur beißen, sondern mit theatralischer Grandezza zerfleischen.

Die Büffelin hingegen bleibt ruhig. Sie kaut gedanklich weiter, hebt langsam den Blick und formuliert eine wesentlich nüchternere Diagnose:

Nicht mein Verhalten irritiert.

Sondern meine Selbstbestimmung.

Denn eine Frau, die sichtbar lebt, die sich bildet, reist, spricht, schreibt und öffentlich existiert, ohne um Erlaubnis zu bitten, erzeugt offenbar kognitive Dissonanz.

Vor allem dann, wenn sie gleichzeitig Mutter ist.

Als müsse Mutterschaft zwingend mit Unsichtbarkeit korrelieren.

Als dürfe Engagement nur stattfinden, solange es leise bleibt.

Als sei ein erfülltes Leben erklärungsbedürftig.

Dabei ist die Wahrheit erstaunlich unspektakulär:

Dieses Unterwegssein ist kein Entkommen.

Es ist Fürsorge — auch für meine Familie.

Ich gehe, damit ich bleiben kann.

Ich lerne, damit ich stabil bleibe.

Ich investiere Kraft, damit Teilhabe möglich bleibt.

Und vielleicht liegt genau darin das eigentliche Missverständnis:

Manche Menschen beobachten Bewegung und vermuten Abwesenheit.

Dabei ist es oft das Gegenteil.

Das Wiesel knurrt noch ein wenig.

Die Büffelin nickt milde.

Und ich?

Ich packe weiterhin meine Tasche.

Denn mein Leben ist keine öffentliche Dokumentation zur gemeinschaftlichen Bewertung — sondern schlicht mein Weg.

Und wer zuschauen möchte, darf das gern tun.

Aber bitte aus der Zuschauerreihe.

Nicht über meine Kinder.

Bleibt’s xund.

Eure Frau Kruemelkuchen

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