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Offenheit schafft Teilhabe – oder

warum mein Wiesel heute nichts anknabbern musste

Foto: Eddy Alexander, Diana Grosser

Als Mensch mit einer Hörbehinderung ist Offenheit im Alltag keine Nebensächlichkeit. Sie ist oftmals der Schlüssel zu echter Teilhabe. Denn die Welt um uns herum besteht überwiegend aus hörenden Menschen, die unsere Schwierigkeiten nicht sehen können. Hörverlust trägt schließlich kein Warnschild vor sich her.

Mein inneres Wiesel allerdings schon. Zumindest gefühlt.

Dieses kleine, leicht neurotische Wesen in meinem Kopf neigt nämlich dazu, aus Frustration an imaginären Möbelstücken, dem Interieur oder wahlweise am Lenkrad meines Autos zu nagen, wenn Kommunikation einmal mehr an den Tücken der Akustik scheitert.

Ich liebe Tätowierungen. Und ja, auch als Frau knapp unter der magischen Hundert lasse ich mich noch immer mit großer Freude tätowieren. Und selbstverständlich sind es meine Fleißbildchen des Alters. Wofür sonst hat man schließlich Jahrzehnte an Lebenserfahrung gesammelt?

Jede Falte erzählt eine Geschichte, jede Narbe eine Anekdote, und jede Tätowierung ist gewissermaßen die amtlich beglaubigte Fußnote eines gelebten Lebens. Manche sammeln Porzellanfiguren, andere Bonuspunkte beim Bäcker – ich sammle Farbe unter der Haut.

Mit jedem Motiv kommt ein weiteres Kapitel hinzu. Eine Erinnerung. Eine Begegnung. Ein Gedanke, der geblieben ist. Die Haut wird dabei zu einer Art Archiv des Lebens, nur deutlich unterhaltsamer als die meisten Aktenordner.

Wer sich schon einmal in einem Tattoostudio aufgehalten hat, weiß allerdings: Akustisch sind diese Orte selten ein Musterbeispiel audiologischer Ergonomie. Maschinen surren, Musik läuft, Menschen unterhalten sich, Türen gehen auf und zu. Für viele Cochlea-Implantat-Trägerinnen und -Träger ist das ungefähr so entspannend wie ein Steuerseminar in einem Presslufthammerwerk.

Also blieb mir nichts anderes übrig, als offen zu sein.

„Ich habe eine Hörbehinderung.“

„Bitte sprich in meine Richtung.“

„Entschuldige, das habe ich nicht verstanden.“

„Kannst du das noch einmal wiederholen?“

Sätze, die vielen Betroffenen schwer über die Lippen gehen. Nicht, weil sie kompliziert wären, sondern weil wir oft befürchten, zur Last zu fallen, aufzufallen oder andere zu nerven.

Doch genau das Gegenteil geschieht erstaunlich häufig.

Mein Tätowierer – nennen wir ihn meinen Farbenalchemisten – hat meine Hinweise ernst genommen. Er hat verstanden, warum manche Situationen für mich schwierig sind. Er spricht heute automatisch deutlicher, achtet auf Blickkontakt und hat sogar begonnen, bei Bedarf mit mir in Schriftdeutsch zu kommunizieren. Nicht, weil ich darum bitte, sondern weil er möchte, dass ich alles verstehe.

Wenn die Akustik wieder einmal beschließt, sich jeder Form geordneter Verständigung zu verweigern, wechselt er von Dialekt zu Schriftdeutsch. Die eigentliche Schönheit solcher Begegnungen: Rücksicht wird nicht zur Last, sondern zur gelebten Selbstverständlichkeit.

Und plötzlich geschieht etwas Bemerkenswertes.

Ich muss immer seltener erklären. Ich muss immer seltener nachfragen. Ich muss immer weniger Energie dafür aufwenden, Missverständnisse zu verhindern.

Die Kommunikation wird leichter. Entspannter. Selbstverständlicher.

Genau das ist der große Gewinn von Offenheit. Sie macht uns nicht schwächer. Sie schafft die Voraussetzung dafür, dass andere Rücksicht nehmen können. Niemand kann auf Bedürfnisse reagieren, von denen er nichts weiß.

Natürlich wird nicht jede Begegnung so positiv verlaufen. Es wird weiterhin Menschen geben, die genervt reagieren oder nicht verstehen wollen. Doch meine Erfahrung zeigt: Die überwältigende Mehrheit möchte helfen, wenn sie weiß, wie.

Und so saß ich dort, bekam neue Farbe unter die Haut, unterhielt mich entspannt mit meinem Tätowierer und bemerkte irgendwann, dass mein Wiesel vollkommen friedlich geworden war.

Keine Frustration.

Kein inneres Nagen.

Kein gedankliches Zerlegen des Mobiliars.

Stattdessen lag es bildlich gesprochen zufrieden neben dem Studiohund, beide in trauter Einigkeit vereint, während über ihnen die Tätowiermaschine summte.

Manchmal beginnt Teilhabe nicht mit großer Technik, komplizierten Lösungen oder spektakulären Maßnahmen.

Manchmal beginnt sie schlicht mit einem Satz:

„Entschuldigung, ich habe eine Hörbehinderung. Können wir das anders machen?“

Und erstaunlich oft antwortet die Welt darauf freundlicher, als wir es erwartet hätten.

Und genau dann muss auch das Wiesel nichts mehr annagen. Es rollt sich zufrieden zusammen, kuschelt mit dem Studiohund und überlässt die Arbeit den Menschen. Eine bemerkenswerte Entwicklung, die vermutlich ebenso selten ist wie perfekte Akustik in einem Tattoostudio – aber offenbar durchaus möglich.

Bleibt's offen und xund eure Frau Kruemelkuchen

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