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Synapsengulasch auf Schienen

Manchmal packt einen der Mut – oder war es Leichtsinn? – und man entscheidet sich, den ICE mit seinen Polstersitzen und der verheißungsvollen Stille links liegen zu lassen und stattdessen in die Regionalbahn zu steigen. Abenteuerlust, nannten wir es. Sparsinn vielleicht auch. Kathi und ich, zwei mit Cochlea-Implantaten versorgte Frauen, voller Tatendrang und Optimismus: Was sollte schon passieren?

Es dauerte exakt drei Minuten, bis wir wussten, was passieren würde. Die Regionalbahn empfing uns mit einem Geräuschteppich, der eher einem Kakophonie-Teppich glich: Teenager, die schrien, als müssten sie den Schallpegel eines Rockkonzerts übertreffen. Rentner, die „Happy Birthday“ schmetterten, als sei es ein Beitrag zum kulturellen Erbe. Feiernde, johlende, telefonierende Menschen – und darüber hinaus die gnadenlose Akustik des Zuges selbst, die jedes Geräusch verdoppelte.

Wir nannten es: Synapsengulasch. Ein Gericht, das niemand bestellt, das aber zuverlässig serviert wird, wenn hundert Stimmen, quietschende Türen und blecherne Durchsagen sich im Kopf in einen Hexenkessel verwandeln. Wir saßen mittendrin, machten keine Miene und dachten nur: Was soll's. Aufgewärmtes Gulasch schmeckt ja bekanntlich sogar besser.

Doch die Bahn wäre nicht die Bahn, wenn sie uns nicht auch körperlich prüfen wollte. In Nürnberg waren uns großzügige zwanzig Minuten Umstiegszeit versprochen – gerade genug für Kaffeepause und kleine menschliche Bedürfnisse. Die Realität sah vor: ein paar wohlplatzierte Verspätungsminuten, die den Aufenthalt auf eine sportliche Sprintdisziplin schrumpfen ließen. Wir jagten Treppen hinauf, Gleise hinab, erreichten keuchend den Anschlusszug – und fühlten uns wie Marathonläufer im Schienendschungel.

Endstation Würzburg? Mitnichten. Dort erwartete uns noch der Epilog: Straßenbahn in Linie, in Linie, in Linie. Und das alles im Regen. Sturm inklusive. Ein meteorologisches „Herzlich willkommen!“, das so herzlich war, dass man es am liebsten zurückgegeben hätte.

Immerhin: In der Rehaeinrichtung trafen wir vertraute Gesichter. Die Mitarbeiter auf dem Sprung in den Feierabend lächelten uns zu, während wir nur noch den dringenden Wunsch verspürten: Pipipause. Doch der Hunger ließ uns nicht lange in Ruhe. Also plünderten wir im nahegelegenen Lidl die Regale, als stünde eine Apokalypse bevor – Getränke, Käse, Salat, Joghurt. Es wirkte wie die letzte Mahlzeit, die wir je zu uns nehmen dürften. Man soll bekanntlich nicht hungrig einkaufen gehen. Ja. Wir unterschreiben das.

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