Saltar para o conteúdo principal

Ach, wie ich es liebe…“

(Ein Essay über Zuschreibungen, Geschlecht und das beharrliche Übersehen des Offensichtlichen)

Ach, wie ich es liebe, wenn die Psyche wieder einmal zur Universaldiagnose erklärt wird.

So bequem. So elegant. So simpel.

Ich ertaubte, weil über fünfundzwanzig Jahre lang sämtliche Ärzte dieselbe, wohlfeile Erklärung bemühten: „Das ist bestimmt psychisch.“

Die Ratschläge im Laufe der Jahre redundant. Yoga, progressive Muskelentspannun. Nimm Antidepressiva. Hast du schon Waldatmen versucht. Dann die Fragen - nur zur Psyche: Hast du schon Psychopharmaka versucht. Kannst du schlafen? Bist du oft traurig? Stresst dich die Arbeit, Familie, Kinder…

Fünfundzwanzig Jahre, in denen niemand genauer hinsah. In denen ich nicht als Patientin, sondern als Projektion galt – zu jung, zu weiblich, zu fragil, um ernst genommen zu werden. Ein Mädchen eben. Später eine junge Frau, die unmöglich fest im Leben stehen kann.

Niemand kam auf die Idee, mich an einen Spezialisten zu überweisen. Ich musste selber tätig werden. Leider fand ich diesen einen Arzt der hinsah erst, als es bereits zu spät war.

Niemand fragte sich vorher, ob vielleicht doch ein organischer Grund vorliegen könnte.

Man war sich einig: Zu jung, um etwas an den Ohren zu haben. Bestimmt zu sensibel, um psychisch gesund zu sein. Und überhaupt – eine Frau.

Diese Art von diagnostischer Arroganz hat viele Gesichter, doch stets dieselbe Wurzel: das Vorurteil.

Frauenkörper gelten als empfindlich, ihre Symptome als übertrieben, ihre Schilderungen als emotional.

Ein männlicher Patient wird „gründlich untersucht“. Eine Frau „beobachtet“.

Und nun, Jahrzehnte später, höre ich dieselbe Melodie in anderer Tonlage.

Mein Körper sendet Alarmsignale. Eine neue Verdachtsdiagnose.

Und wieder ertönt das gleiche altbekannte Echo:

„Bestimmt der Wechsel. Ist ja eine Frau.“

Oder, in der feineren Variante:

„Das steckt man ja auch nicht so einfach weg, diese Ertaubung – das geht sicher auf die Psyche.“

Das Faszinierende – oder Tragische – daran: Diese Einschätzung stammt nie von Psychologinnen oder Psychiatern.

Nie.

Nicht ein einziges Mal.

Sie kommt von Internisten, Orthopäden, HNO-Ärzten, Hausärzten – aus jenen Disziplinen, die sich mit Fleisch und Blut beschäftigen, aber nicht mit dem, was dazwischen liegt: dem Menschen.

Es ist, als bräuchten sie die Psyche nur als elegant getarnten Papierkorb, in den man alles wirft, was man nicht versteht.

Doch wer die Psyche als Restmüll begreift, hat das Prinzip der Medizin nicht verstanden.

Und so beginnt mein Kampf von Neuem.

Ein Kampf ums Ernstgenommenwerden, um valide Diagnosen, um das schlichte Recht auf differenzierte Betrachtung.

Ich kämpfe darum, dass mein Körper nicht länger zum Nebenschauplatz wird, auf dem Fremde ihre eigenen Projektionen austragen.

Ich kämpfe gegen die Bequemlichkeit, mit der man „psychisch“ sagt, wenn man eigentlich „überfordert“ meint.

Zum Glück habe ich Ärzte an meiner Seite, die mich unterstützen. Aber der Kampf ist noch lange nicht vorbei. Das zermürbt tatsächlich etwas.

Denn, mit der späten Diagnose kommt oft auch Trauer –

Trauer über das, was hätte sein können.

Es ist Trauer über all die Jahre, in denen du dachtest, du wärst das Problem.

Über all die Momente, in denen du dich angepasst, erklärt, gerechtfertigt hast –

in der irrigen Annahme, du seist einfach „zu empfindlich“.

Und ja – bin ich frustriert? Gewiss, zuweilen.

Doch Frustration ist ein zu schlichtes, beinahe triviales Wort für das, was sich in mir regt.

Es ist eher eine feingliedrige, still brennende Verzweiflung – jene, die nicht laut aufstampft, sondern in den Adern summt, wie ein unterschwelliger Strom aus Ohnmacht und Entschlossenheit zugleich.

Denn ich muss mich, so scheint es, immer und immer wieder beweisen –

als wäre meine Existenz ein fortlaufendes Gutachten über psychische Stabilität.

Ich soll demonstrieren, dass ich weder fragil noch problembehaftet bin, dass ich – trotz Krankheit, trotz Ertaubung, trotz Erschöpfung – nicht falle, sondern gehe, weitergehe, aufrecht bleibe.

Nicht, weil ich mich selbst bezweifle, sondern weil sie es tun.

Weil man sich schlicht nicht vorstellen kann, dass ein Mensch so viel tragen und dennoch lächeln kann. Dennoch glücklich sein kann. Es wird in Abrede gestellt, dass ich in meiner Mitte bin, mich bei mir trotz allem unglaublich gut fühle, ausgeglichen bin. Glücklich. Oh und das bin ich. Von innen heraus - und nicht als Maske.

Der Zweifel der anderen wird zur eigentlichen Bürde, zur unsichtbaren Last, die sich nicht diagnostizieren lässt, aber untrüglich wiegt.

Mein Wiesel, dieses innere nervöse Geschöpf mit der temperamentvollen Seele eines Revolutionärs, beißt derweil aus purer Empörung in die Tischkante.

Es fletscht Zähne gegen die Ignoranz, springt gedanklich auf Stühle, um der Welt mit erhobener Pfote

0 comentários

Gostaria de ser o primeiro a escrever um comentário?
Torne-se membro de Frau_Kruemelkuchen, Diana - hört! Oder doch nicht? - e comece a conversa.
Torne-se membro