Mein heutiger Tag begann so, wie ich nur ungern einen Tag beginne: in Eile. Meine Kinder räumten in Seelenruhe die Gemüsekiste aus, die mittwochs vor der Tür steht, während meine Frau bereits fahrbereit im Flur stand. Sie musste zur Arbeit und nahm heute meinen Sohn mit zur Kita. Vorm Haus wartete schon das Taxi, das jeden Morgen unsere Tochter zur Förderschule bringt. Die Kinder wollten aber noch die Milch und das Brot aus der Kiste probieren. Unsere Zeiten waren vollkommen inkompatibel – eine Szene, die sich in ähnlicher Form jeden Morgen in unzähligen Haushalten wiederholen dürfte.
Immer, wenn ich meine Kinder ermahne, sich zu beeilen, fühle ich mich unwohl dabei, und versuche es daher so weit wie möglich zu unterlassen. Es fühlt sich falsch an, vielleicht auch, weil Dringlichkeit und Zeitdisziplin stete Begleiterinnen meiner Kindheit waren. Wenn Kinder ständig angetrieben werden, also einem fremdbestimmten Zeitregime folgen müssen, können sie nicht bei sich bleiben. Sie verlieren das Gespür für ihr eigenes Tempo. Ihre eigenen Bedürfnisse werden durch die ständige Mahnung, dem äußeren Takt zu folgen, entwertet.
Sie lernen dadurch, dass Zeit eine äußere Wahrheit ist. Sie können gar nicht verstehen, welche Formenvielfalt, welche Möglichkeiten und Räume uns die Zeit eigentlich eröffnet, weil die Erwachsenen, die es ihnen beibringen, es selbst übersehen. Oder vielleicht ist es auch so, dass die Kinder es tatsächlich viel besser wissen als wir, was es bedeutet, in der eigenen Zeit zu leben, aber gezwungen werden, es zu verlernen.
Zeit rennt uns nicht davon, sie trägt uns durchs Leben, schreibt Teresa Bücker. Indem wir das überhaupt nicht merken, und uns in unserem Tun und Erleben von morgens bis abends an der fortschreitenden Uhr orientieren, allem einen klaren Zeitrahmen zuweisen, und damit unsere eigene Erfahrungswelt verschließen, erleben wir die Zeit als, wie Helga Nowotny schreibt, etwas Faktisches, “das einen merkwürdigen Zwang über die Menschen auszuüben vermag”. Uhren ließen uns glauben, “sie verkörperten Zeit, die ohne unser Zutun abläuft und sich nicht festhalten lässt. Wir glauben, uns danach richten zu müssen.”
Aus Gesprächen weiß ich, dass diese antreibende Dringlichkeit, diese ständige Eile, und damit die Anforderung, etwas bestimmtes zu tun und zu leisten, das das Kind gerade überhaupt nicht tun will, schon seit Generationen Teil meiner Familiengeschichte ist. Ich habe es übernommen, diesen Hang zu Schnelligkeit und Pünktlichkeit. Noch heute fällt es mir schwer, das Taxi vor der Tür auf meine Tochter warten zu lassen – obwohl bis zur Abfahrt noch zehn Minuten Zeit sind.
Und ich weiß inzwischen auch, was unter dieser Zeitdisziplin liegt: ein tiefes Misstrauen gegenüber dem Nichtstun, der Pause, dem Verweilen. Ich verstand, dass die Kinder lernten, Anerkennung nur durch Leistung zu erhalten. Das ist Teil meiner Geschichte, aber natürlich nicht nur meiner, sondern Teil unserer Kultur – unserer Zeitkultur.
Meine Auseinandersetzung mit Zeit war zunächst ein Forschungsinteresse während meines Studiums. Die Zeitsoziologie erschien mir besonders aufschlussreich, um kulturelle Grundlagen, individuelle Lebensprobleme und soziale Ungleichheiten unserer Gesellschaft besser zu verstehen. Da ich mein eigenes Empfinden, meine eigene Geschichte hier so stark gespiegelt sah, blieb ich an diesem Thema dran.
Seit ich für ein lesendes Publikum darüber schreibe, weiß ich, dass viele Leser*innen ähnliche Erfahrungen mit Zeit gemacht haben und machen. Die ähnlich geprägt wurden und immer wieder diese Rastlosigkeit in sich spüren und die Unfähigkeit, frei von Zweifeln und Schuldgefühlen eine Pause zu machen.
Schreiben war der Versuch, einen anderen Umgang, eine andere Form von Zeit zu finden und zu etablieren – und damit nicht nur eine kritisch-konstruktive gesellschaftspolitische Aussage zu treffen, sondern auch mich selbst von diesem seit Generationen grassierenden Tempovirus zu heilen, wie es der Historiker Peter Borscheid in seiner gleichnamigen Kulturgeschichte der Beschleunigung nennt.
Vor fünf Jahren schrieb ich in meinem Buch Zeitwohlstand für alle (Abre numa nova janela)folgendes:
Egal, wie sehr ich mich anstrenge und beeile, egal wie gut ich darin werde, meine Aufgaben, Termine und Kontakte zu koordinieren – kein Zeitmanagement der Welt wird mich an den Punkt bringen, an dem ich sagen kann: Jetzt habe ich es geschafft und kann mich zurücklehnen. Das Gefühl des Geschafft-Habens muss sich aus anderen Quellen speisen.
Zugang dazu finden wir, wenn es uns gelingt, in einer Lebensgeschwindigkeit zu leben, die unseren körperlichen und psychischen Eigenzeiten entspricht. Wenn wir nicht entfremdet sind von Zeitstrukturen, die uns unter Druck setzen. Wenn wir unsere Zeit als freie Zeit begreifen.
Den Tätigkeiten und Untätigkeiten, die wir in dieser freien Zeit tun und lassen können, liegt die gemeinsame Idee zugrunde, dass wir individuelle und gesellschaftliche Gegenentwürfe zu unseren ökonomisch organisierten Zeitstrukturen brauchen. Eine anders strukturierte, selbstbestimmte Eigenzeit, in der wir unser Handeln nicht ökonomisch und quantitativ bewerten, sondern die Qualität und Ökologie der Zeit zum Maßstab des Handelns werden.
[…] Damit das gelingt, müssen wir umdenken. Neben Schnelligkeit, Verdichtung und Effizienz müssen wir andere Handlungsmotive zulassen und die Qualität wiedererkennen, die in der Verlangsamung, der Wiederholung, der Dehnung und dem Stillstand liegt. Wenn wir den Dingen ihren Lauf lassen, wenn wir einmal nicht darüber nachdenken, wie lange etwas dauert, welchen Zweck es hat oder was wir dadurch gewinnen, wenn wir uns also treiben lassen, in etwas aufgehen, für etwas offen sind, dann entstehen Momente der Lebendigkeit. Dann gehört die Zeit uns.
Kürzlich sprach ich im beruflichen Kontext mit einer Führungskraft, die gerade mein Buch las und für die der eigene Umgang mit Zeit auch ein großes Thema ist. Er berichtete mir von seinen langen Arbeitstagen und einem seit Jahrzehnten effizienzgetriebenen Umgang mit Zeit. Er sprach nicht aus einer Unzufriedenheit heraus. Doch leise hörte ich die Frage mitklingen, ob es da nicht auch noch einen anderen Wert der Zeit gibt, der außerhalb von Tätigsein und Schaffenskraft liegt. In meinem Buch glaubte er eine Ahnung dafür zu bekommen, worin dieser Wert bestehen könnte, was mich freute. Doch den anderen Umgang, den er bei mir vermutete, musste ich zurückweisen. Nein, ich bin kein Zeitweiser, der über den Dingen und über der Zeit schwebt, und jeden Tag einen großen Sprung ins prall gefüllte Becken voller freier Zeit unternimmt.
Meine Kritik an der bestehenden Zeitkultur und die Beschreibung möglicher Wege hin zu einem anderen Verständnis von Zeit, hat mich selbst nicht geheilt von meinem eigenen, mich selbst immer wieder überfordernden und sabotierenden Zeitverhalten. Ich musste tiefer gehen, meine Prägungen und Verletzungen verstehen, viel, viel ehrlicher mit mir selbst sein und meine eigenen Bedürfnisse, Ressourcen und Grenzen anerkennen, statt meine hohen Ansprüche an mich selbst zum Maßstab zu nehmen und mich über Leistungsfähigkeit und Produktivität zu definieren. Erkenntnis ist Silber, aber Veränderung, die wirklich trägt, ist Gold.
In den letzten ein, zwei Jahren hat sich mein Umgang mit Zeit verändert. Es ist das Ergebnis vieler kleiner Schritte: von Therapie, Selbstfürsorge, neuen Routinen, ehrlicher Rückschau. Ich habe aufgehört, meine Tage so voll zu packen, als müsste ich mich selbst beeindrucken. Ich arbeite konzentrierter, aber nicht mehr bis zur Erschöpfung. Ich erkenne früher, wenn mein System überfordert ist, und ich nehme die Warnzeichen ernst, statt sie zu bekämpfen.
Ich gönne mir Pausen, nicht weil ich sie „verdient“ habe, sondern weil sie mir zustehen. Ich sage leichter Nein, auch wenn das bedeutet, dass Erwartungen enttäuscht werden. Ich habe gelernt, dass mein Wert nicht an meiner Produktivität hängt – und dass es ein Fortschritt ist, weniger zu tun.
Das war und ist ein langer und mühsamer Weg. Vor allem in einer Zeit, in der Politiker*innen, Wirtschaftsvertreter*innen und Journalist*innen immmer unverhohlener die Arbeitsmoral und Leistungsbereitschaft in der Gesellschaft kritisieren und das Gefühl erwecken wollen, dass alles, was Menschen tun und nicht Erwerbsarbeit ist, unnütze, gefährliche Tätigkeiten sind.
Sofort, nachdem kürzlich bekannt wurde, dass die IG Metall die Vier-Tage-Woche aus ihren Forderungen streicht, erschienen Kommentare wie im Handelsblatt, (Abre numa nova janela) die das Modell als "deutsche Arbeitslüge" bezeichnen, die nun als solche entlarvt werde. (Als würde es sich bei der Vier-Tage-Woche um eine nationale Entwicklung handeln.)
Wovor haben diese Leute eigentlich Angst, die immer wieder von der doch so nachvollziehbaren, begründbaren und vor allem: umsetzbaren Forderung nach einem freien, gesunden Umgang mit Zeit getriggert werden?
Ist es die Angst, sich ohne Leistung und Produktivität wertlos zu fühlen?
Ist es die Furcht vor dem, was kommt, wenn wir innehalten?
Oder ist es Misstrauen sich selbst gegenüber, dass die freie Zeit zu Apathie und Phlegma führt?
Ist es die Angst vor dem Eingeständnis, dass das, was wir immer schon so gemacht haben, vielleicht nicht der beste Weg war, um ein gutes, gesundes Leben zu führen?
Oder ist es nur die Unkenntnis, dass Arbeit, Leistung und Produktivität als Lebensideale nicht naturgegeben sind und Menschen auch einmal ganz anders gelebt haben?
Woher kommt also die Angst? Als ich mich kürzlich mal wieder mit dieser Frage beschäftigt habe, fiel mir auf, dass sie alles andere als neu ist. 1962 warnte das Time Magazin vor einem bevorstehenden massiven Zeitüberfluss, was gravierende psychologische Probleme aufwerfen würde. Titel des Artikels: Americans now face a glut of leisure – the task ahead: how to take life easy. Als wäre das eine schwere Aufgabe, das Leben leichter zu nehmen. Tests der Vier-Tage-Woche zeigen, wie mühelos es den Menschen gelingt, ihre gewonnene freie Zeit zu gestalten. Sofort beginnen sie, ihre freie Zeit mit sinnvollen Tätigkeiten zu füllen und gesünder zu leben.
Es gibt keinen Grund, Angst vor der eigenen freien Zeit zu haben. Wohl gibt es aber Gruppen, die aus ihrer Sicht berechtigte Angst vor der freien Zeit anderer haben. Der Philosoph Bertrand Russell hat schon 1932 eine Antwort auf die Frage nach dem Ursprung dieser Angst gegeben, in seinem berühmten Essay Lob des Müßiggangs. Russell schreibt, dass die industrielle und technische Entwicklung seiner Zeit bereits ausreichen würde, um allen Menschen ein materiell gesichertes Leben bei deutlich reduziertem Arbeitspensum zu ermöglichen. Die nötigen Mittel zur Bedürfnisbefriedigung seien vorhanden, der Wohlstand technisch möglich.
Die ungleiche Verteilung von Arbeitszeit sowie ein unvernünftiges protestantisches Arbeitsethos verhinderten jedoch die Realisierung einer Gesellschaft mit genügend Zeit. Zudem häufe eine kleine Elite den Großteil des Reichtums an, während viele im Mangel lebten. Die technischen Möglichkeiten würden also nicht im Sinne des Gemeinwohls genutzt.
Sein Fazit: Die Voraussetzungen für eine zeitgerechte Gesellschaft sind gegeben, aber soziale Ungleichheit und eine ideologisch überhöhte Arbeitsethik verhinderten ihre Umsetzung. Das gilt 2025 offensichtlich immer noch, und die Fragen, die wir an unsere Zeitkultur richten müssen, betrifft weitaus größere Fragen als die, die häufig in individualistischen Zeitmanagementdiskuren genannt werden. Nämlich:
Wer profitiert eigentlich davon, dass ich keine freie Zeit habe?
Wer hat ein Interesse daran, dass wir Selbstwert weiterhin an Leistung koppeln?
Wem nützt es, dass Menschen ständig verfügbar sind – und kaum Zeit haben für Nachdenken, Innehalten, politisches Engagement und Widerstand?
Wem hilft es, wenn Erschöpfung zur Norm und Erholung zum Luxus wird?
Wer entscheidet eigentlich, wessen Zeit und welche Form von Zeit kostbar ist – und welche Zeiten weniger wert sind?
Warum spüre ich eigentlich nichts von den immensen Zeit- und Produktivitätsgewinnen der vergangenen Jahrzehnte? Warum gibt es keine soziale Umverteilung dieser Gewinne?
In diesen Fragen wird deutlich, dass Zeit eine enorme politische Sprengkraft hat. Eine Gesellschaft mit mehr freier Zeit wäre eine freiere Gesellschaft – ein Gedanke, der manche Menschen und Gruppen offensichtlich beunruhigt. Daraus wird auch deutlich, dass, wie Jenny Odell geschrieben und wie ich schon häufiger zitiert habe, das Nichtstun ein Akt des politischen Widerstands ist. Nichts sei nur vom Standpunkt kapitalistischer Produktivität aus gesehen nichts, schreibt sie. Das erkläre, dass die Absicht, nichts zu tun, heute in gewisser Weise ein Aktionsplan sei.
Dass es mir gelungen ist, mich den gegenwärtigen Leistungsimperativen ein stückweit zu entziehen, ist zum großen Teil eine Notwendigkeit meines Lebens: als Sorgearbeit leistender Vater von zwei Kindern, darunter ein Kind mit Behinderung, sowie als neurodiverse und an wiederkehrenden Depressionen erkrankte Person. Dass mir aber nichts anderes übrig blieb, stimmt nicht. Im Gegenteil verfocht ich mein Leistungsdenken nur umso stärker, sobald meine “Einschränkungen” in den Hintergrund traten. Die offensichtliche Notwendigkeit es anders zu machen, habe ich immer wieder, zu einem gesundheitlichen Preis, versucht zu ignorieren oder relativieren, und hat erst durch viel innere Überzeugungsarbeit und therapeutischer Ermahnung zu echter Veränderung geführt. Darüber hinaus habe ich aber auch die bewusste Entscheidung getroffen, dass ich es nicht nur anders machen muss, sondern dass ich es auch anders machen möchte und anders machen kann.
Vielleicht werde ich an anderer Stelle noch einmal ausführlicher darauf eingehen, was sich dadurch für mich verändert hat. Jedenfalls spüre ich: Mein Leben ist nicht mehr permanent auf dem Sprung. Ich bin öfter wirklich da, in der Zeit, die ich habe. Ich betrachte die Gegenwart nicht mehr als den Ring, in dem ich gegen meine To-do-Liste kämpfe. Ich betrachte sie auch nicht mehr als Vorbereitungszeit auf eine bessere Zukunft. Ich betrachte sie als die einzige Zeit, in der ich überhaupt handeln und leben kann. Als einzige Zeit, in der ich Resonanz, Wirksamkeit und Glück erfahren kann. Spüren, was ist. Wenn ich mein Leben nicht auf Hoffnung oder Erinnerung stützen möchte, dann sollte ich versuchen jetzt zu leben.
Die Antwort auf die Frage, wie das gelingen kann, ist nicht mehr geleitet von mir selbst auferlegten Ansprüchen oder von äußeren Erwartungen, medialen Bildern und Vergleichen mit anderen, sondern von der inneren Orientierung an mir selbst. Es ist tatsächlich eine der größten und wertvollsten Wandlungen meines Lebens, mich von der Außenorientierung (an Leistungsmaximen, Vorstellungen von Erfolg und Glück, Normalitäten anderer Menschen) abzuwenden und mir selbst zuzuwenden. Ich kritisiere mich nicht mehr für das, was ich wirklich wertschätze und brauche – Pausen, Meditation, Zeit allein, Struktur, Gleichmäßigkeit und Einfachheit – und für das, was ich nicht schaffe: 40-Stunden-Woche, ständige Termine, ständige Verfügbarkeit, ständiges Funktionieren.
Ich habe begonnen, mich selbst ernst zu nehmen, mir selbst zu glauben und zu vertrauen, und die Zeit, über die ich verfüge, ernst zu nehmen und auch ihr zu vertrauen. Dadurch gelingt es mir, die bisher so unerträgliche Leichtigkeit der unbestimmten, freien, zwecklosen Zeit immer häufiger zuzulassen und darin aufzugehen. Ich gebe mir die Zeit, die ich brauche, und das ist bekanntlich das größte Geschenk, das man einem Menschen machen kann. Auch sich selbst.

Foto: Inga Gezalian
Welche Zeitmuster hast du aus deiner Kindheit mitgenommen? Wie konntest du dich davon lösen? Oder was blockiert dich dabei? Ich würde mich über deine Erfahrungen und Gedanken dazu freuen, gern per Mail an mail@stefanboes.de (Abre numa nova janela) oder in der von mir gestarteten Diskussion bei Linked In (Abre numa nova janela) und Instagram (Abre numa nova janela).
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