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#13 Die Verwechslung von Beziehung und Besitz

Liebe Leser:innen,

Seit Wochen verschiebe ich hier ein anderes Thema, über das ich eigentlich schreiben will. Der Grund: Kaum verfasse ich drei Zeilen, geschieht schon wieder die nächste männliche Gewalttat. Und ich zerlege erneut Statistiken, Studien und Strukturen. Auch in den vergangenen Tagen sorgten gewalttätige Männer wieder für grauenhafte Schlagzeilen in Deutschland und Österreich. Einer tötete im Zuge eines Sorgerechtsstreits gleich 6 Menschen (Abre numa nova janela) in einer Betreuungseinrichtung, ein anderer ging mit der Axt auf seine Ex-Partnerin und deren neuen Freund los - sie ist schwer verletzt, der neue Freund ist tot (Abre numa nova janela). Wieder ein anderer würgte, schlug und ging mit dem Messer auf seine Ex-Partnerin los (Abre numa nova janela). Es ist eine endlose Liste an Gewalt, die jeden Tag fortgesetzt wird. Die Zahlen und das Ausmaß sind bekannt, ich nenne sie hier in ermüdender Regelmäßigkeit.

Die Frage ist also, was läuft da eigentlich schief? Und dabei gibt es einen Aspekt, der bei der aktuen Aufregung, dem Entsetzen vor dem “Einzelfall” und der Bestürzung über dieses oder jenes “Monster” oft unbeachtet bleibt: Viele Männer sind grundlegend beziehungsunfähig. Sie verwechseln eine Partnerschaft mit Besitz und sehen in Frauen kein ebenbürtiges Gegenüber, sondern Eigentum, auf das sie uneingeschränkten Anspruch erheben. 

Einem guten Teil solcher Männer ist dieser Umstand wahrscheinlich nicht einmal bewusst. Das patriarchale Gesellschaftssystem, in dem wir alle sozialisiert und geprägt werden, stellt das männliche Geschlecht auf ein Podest an “erster Stelle” und leitet alles andere, also auch die Wertigkeit der Frau davon ab. Simone de Beauvoir hat diese Strukturen in “Das andere Geschlecht” schon 1949 detailliert beschrieben. Und schon sie kam zum Schluss: Männer wollen sich eigentlich nicht binden. Jedenfalls nicht so wie Frauen. Männer wollen vielmehr die Möglichkeit haben, sich zu nehmen, was sie wollen, wann sie es wollen. 

Soziologisch untersucht

Die Bindungsunwilligkeit heterosexueller Cis-Männer ist inzwischen auch soziologisch gut untersucht. Die französisch-israelische Soziologin Eva Illouz etwa analysiert in “Warum Liebe weh tut” in welcher Schieflage sich Paarbeziehungen zwischen Männern und Frauen befinden. Während Frauen Wertschätzung, Liebe und Respekt von Männern in Partnerschaften suchen und bereit sind diese auch zu geben, besteht auf männlicher Seite eine gewisse Einseitigkeit.

Männer wollen zwar Beziehungen eingehen. Kein Wunder, sie profitieren ja auch stärker davon (Abre numa nova janela) als Frauen. Sie legen dabei aber ein de facto “parasitäres Verhalten” an den Tag, wie es die Feministin und Schriftstellerin Shulamith Firestone nannte. Sie wollen eine Frau “haben”, wollen versorgt werden - emotional sowie im Alltagsleben. Gleichzeitig wollen sie aber keinesfalls ihre eigenen Freiheiten zugunsten der Beziehung beschränken. Nicht selten sind sie unfähig, sich intellektuell oder auf Gefühlsebene auf Augenhöhe mit der Frau auszutauschen.

Männer lieben Männer

Männer wollen Anerkennung. Frauen wollen Anerkennung. Aber Männer wollen vor allem die Anerkennung anderer Männer und legen weit weniger wert auf jene von Frauen. So endet der Beziehungsstatus oft als Statussymbol. Wichtiger als die aufrichtige Liebe zu einer Partnerin ist den Männern dann das Zurschaustellen ihrer Beziehung vor den Geschlechtsgenossen: Seht her, ich bin ein “richtiger Mann”, ich “habe” (besitze) diese Frau! Der Wert der Partnerschaft wird nicht im weiblichen Gegenüber sondern in der Wirkung in der eigenen männlichen Bezugsgruppe bemessen. 

Anders gesagt: Männer lieben vor allem Männer. So analysierte (Abre numa nova janela) es etwa auch die feministische Theoretikerin Marilyn Frye bereits in den frühen 80er-Jahren. Sie definierte Heterosexualität bei Männern vor allem darüber, dass diese Sex mit Frauen haben. Alle anderen Ebenen von Liebe, Bewunderung und Respekt tauschen sie Frye zufolge vor allem mit ihren Geschlechtsgenossen aus. 

Frauenhass

Blickt man heute auf die Entwicklungen radikalisierter junger Männer in der von Andrew Tate angeführten Manosphere, die konservativ ideologisch aufgeladene Techbro-Szene oder das Umfeld von autokratischen Politikern, erfährt diese “Männerliebe” ganz neue Dimensionen. Da wird nicht einfach nur dem eigenen Geschlecht ein bisschen mehr Respekt entgegengebracht. Da wird aktiv Frauenhass geschürt. Besitzdenken und Degradierung von Frauen werden nicht nur implizit weitergetragen, sondern sogar ganz offen als Zielvorgabe ausgegeben. Das beginnt beim Predigen reaktionärer Familienmodelle und endet beim Beschneiden von hart erkämpften Frauenrechten. 

Daher ist es - so bitter das klingt - eigentlich fast logisch, dass viele Männer gewalttätig werden, sobald sich Frauen dieser Form von “Beziehung” entziehen bzw. zu entziehen versuchen. Das Motto lautet dann “Was ich nicht haben kann, soll auch sonst niemand haben und bevor mir etwas genommen wird, zerstöre ich es lieber selbst”. An dem Punkt stehen im schlimmsten Fall Femizide oder andere schwerwiegende Formen von Gewalt gegen Frauen. 

Liebe ist kein Tatmotiv

Auf die Frage “Warum hat er das getan?” liest und hört man dann bis heute oft: Der Mann sei verzweifelt und gekränkt gewesen - schließlich habe er die Frau doch “so geliebt”. Aber lasst es mich an dieser Stelle sehr laut und deutlich sagen: Liebe ist kein Tatmotiv. Man(n) tötet nicht aus Liebe. Männer töten, schlagen und missbrauchen, weil sie damit Macht ausüben. Weil sie sich über ihr Gegenüber erheben und beanspruchen, über Glück und Unglück entscheiden zu können. Weil sie nicht lernen, Konflikte anders zu bewältigen und weil sie Frauen oft nicht als das anerkennen, was sie sind: gleichwertig. 

So ist es auch nicht verwunderlich, dass immer weniger Frauen überhaupt Lust auf Beziehungen mit Männern haben. In emanzipierten Generationen spricht man zunehmend von “Decentering Men” - also bewusst auf Dating zu verzichten und Männer bzw. Partnerschaften mit ihnen aus dem Fokus zu rücken. Frauen stellen sich stattdessen selbst mehr in den Mittelpunkt und entziehen sich der männlichen Bewertung. Wenn einerseits die meiste Gewalt in partnerschaftlichem Umfeld geschieht und andererseits Männer Liebesbeziehungen nach dem Prinzip “Wenig investieren, viel herausbekommen” führen - wer kann es den Frauen verdenken?

In diesem Sinne, alles Liebe.
Wir bleiben in Verbindung!

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