Urlaub. Also was den betrifft, bin ich konservativ. Nach fünfzehn Jahren Urlaub auf Korsika folgten zwanzig Jahre im Salento, der südlichen Spitze Apuliens. Das Problem ist nur: Nach einer Weile fängt der Italiener an herumzunörgeln und will mich überzeugen, den Urlaubsort zu wechseln. Im Schnitt alle zehn Jahre. Mir persönlich ist das zu hektisch. Wo steht geschrieben, dass man nach zehn Jahren den Urlaubsort wechseln muss?
Mein Hauptargument für den Salento ist das Meer: keine Algen, kein Müll und vor allem: keine Quallen. Was ich als Langzeit-Schwimmerin besonders schätze.

Und doch geschah in diesem Jahr das Ungeheuerliche: Der Italiener wurde von einer Qualle an der Schulter erwischt. Genauer: An diesem Tag seien zehn Italiener Opfer von Quallen geworden, hörten wir aus den Liegestühlen neben uns. Was mich natürlich aufgeschreckt hat, weshalb ich am nächsten Tag mit Schwimmbrille patrouillierte, ohne allerdings eine einzige Qualle zu sichten. Auch am übernächsten Tag nicht. Es spricht also alles dafür, auch weiterhin unseren Urlaub im Salento zu verbringen.
Der Italiener an meiner Seite meint jetzt, dass seine einzige Chance, den Urlaubsort zu wechseln, darin bestehe, hier Quallen auszusetzen. Denn nur die könnten mich vertreiben.
In Venedig trauern wir um den Fotografen Gianni Berengo Gardin (Abre numa nova janela), der Venedig in seinen zartesten, traurigsten und dramatischsten Momenten festgehalten hat:






Mit diesem großen Fotografen hat Venedig einen Freund verloren. Nur einer hätte sich mit seiner heuchlerischen Trauerbekundung zurückhalten müssen und das ist, natürlich, Bürgermeister Brugnaro - der die Ausstellung von Gianni Berengo Gardins Fotos über die Kreuzfahrtschiffe im Dogenpalast verboten (Abre numa nova janela)(weil für das Image von Venedig abträglich) und damit eine Zensur ausgeübt hat. Wie für Autokraten üblich.
Über die deutsche Berichterstattung der Übernahme von Pro Sieben durch den Berlusconi-Konzern MFE (Media for Europe, zuvor Mediaset) habe ich mich etwas gewundert. Erst hieß es, dass Konzernchef Piersilvio Berlusconi im Kanzleramt vorsprechen müsse, weil Kulturstaatsminister Weimer darüber alarmiert sei (Abre numa nova janela), ob in Folge der Übernahme die journalistische Unabhängigkeit gewahrt bleibe. Ins Feld geführt wurde mal die Freundschaft zwischen Putin und Silvio Berlusconi (Abre numa nova janela), mal die Gefahr der Bungaisierung (Abre numa nova janela), vulgo der Verblödung, nicht aber, dass sich damit eine italienische Rechtspartei in einen deutschen Sender einkauft, deren Gründer die Mafia unterstützt und sie als Ministerpräsident noch finanziert hat (gegen Berlusconi ✝️ und seinen engen Freund und Forza-Italia-Gründer Marcello Dell'Utri wird noch heute wegen ihrer Rolle in den Attentaten gegen Falcone&Borsellino ermittelt). Warum auch. Die Mafia ist in Deutschland ja kein Problem. Folglich hat die ProSiebenSat.1-Spitze die Übernahme durch den Berlusconi-Konzern empfohlen (Abre numa nova janela).
In der Zeitschrift Mare (Abre numa nova janela) ist soeben mein Portrait von Gabriellino Fioravante Palestini erschienen, der nichts Geringeres als einen italienischen Mythos darstellt. Nicht nur, weil er jedes Jahr die Adria in seinem Ruderboot überquert - in weniger als dreißig Stunden von Kroatien nach Giulianova seiner Heimatstadt - sondern auch, weil er zwanzig Jahre in ägyptischer Haft überlebt hat, wo er wegen Drogenschmuggels einsaß.

Die jährliche Überquerung der Adria ist für ihn die Einlösung seines Versprechens - eine Kampfansage an sich selbst. Auch deshalb heißt sein Ruderboot "Riscatto", was so viel wie "Befreiung" oder "Herausforderung" heißt. Durch Zufall war an dem Tag auch der ehemalige Mafioso Gaspare Mutolo in Giulianova, mit beiden saß ich in einem Café am Lungomare. Wer vorbeikam, hätte sie für zwei freundliche Senioren halten können, die in Erinnerung an alte Zeiten schwelgen.

Nur dass diese alten Zeiten aus einem gemeinsamen Drogenschmuggel im Wert von 100 Millionen Dollar bestehen, vom Goldenen Dreieck nach Italien, und der eine ein zuverlässiger Killer und Drogenhändler der Cosa Nostra war, der später als Kronzeuge über die engen Beziehungen zwischen der Mafia und der italienischen Politik aussagte, während der andere versuchte, zwei Jahrzehnte Haft in ägyptischen Gefängniszellen zu überleben.
Ich habe Gaspare Mutolo zum ersten Mal vor Jahrzehnten im Gerichtssaal Caltanissetta von Leibwächtern umringt erlebt, als er beim Falcone-Prozess aussagte. Zuletzt traf ich ihn vor zwei Jahren in Palermo, wohin er kam, um Paolo Borsellino an seinem Todestag die Ehre zu erweisen. Hier ist er zusammen mit Salvatore Borsellino in der Casa di Paolo zu sehen (Abre numa nova janela), der Gedenkstätte, die Salvatore für seinen ermordeten Bruder in Palermo eingerichtet hat.

Und zum Schluss noch das Cover der italienischen Übersetzung von All’italiana. Wie ich versuchte, Italienerin zu werden (Abre numa nova janela), das im November bei Zolfo Editore (Abre numa nova janela) erscheinen wird.

Vorgestellt wird es so: »Eine leidenschaftliche und ironische Stimme erzählt vom Land, das Touristen nicht sehen. Petra Reski, eine deutsche Journalistin, die seit fast vierzig Jahren in Italien lebt, verwebt die Geschichte eines komplexen Landes mit ihrer eigenen, der Geschichte einer Frau, die es zu ihrer Heimat gemacht hat. Ironisch und manchmal melancholisch, immer aber aufschlussreich und mitreißend erzählt die Autorin von der politischen und kulturellen Entwicklung des Belpaese von 1989 bis heute und nimmt den Leser mit auf eine Reise. Anstatt nur Beobachterin zu bleiben, wollte Petra Italienerin werden und nahm einen jahrelangen Kampf mit der Bürokratie in Kauf, um die Staatsbürgerschaft zu erhalten und in dem Land, das sie liebt, wählen zu können. Ihr persönlicher Einsatz ist auch Symbol für eine tiefe Identifikation: Sie hat die Kämpfe, Sorgen, Widersprüche und Misserfolge eines Italiens erlebt und geteilt, das sie trotz allem weiterhin in seinen Bann zieht.«
Allen Lesern von Reskis Republik, die noch in Urlaub sind, wünsche ich schöne Tage!
Herzlichst grüßt Sie Ihre Petra Reski
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