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Über Päpste, die kleinen Unbefleckten und die Befreiung

Dass Papst Franziskus an Ostermontag starb, den man in Italien Lunedì dell‘Angelo nennt, den Montag des Engels, hat seinem Tod eine poetische Note verliehen, fand ich. Franziskus galt als Reformer – wenngleich er nicht so entschieden war, wie es sich viele wünschten. Immerhin: Bei seinem Besuch 2014 in Kalabrien exkommunizierte er die Mafiosi. Die 'Ndrangheta habe die Verehrung Gottes durch die Verehrung des Geldes ersetzt, die Mafia sei nichts anderes als Anbetung des Bösen und Verachtung des Gemeinwesens, sagte er und beschied: „Die Mafiosi sind nicht in Gemeinschaft mit Gott. Sie sind exkommuniziert“. Die Exkommunikation ist die schwerste Kirchenstrafe.

Papst Johannes Paul II. hatte den Mafiosi bereits 1993 in Agrigent zugerufen: „Bekehrt euch, das Urteil Gottes wird kommen!“ Die Mafia verstand diese Worte als Kampfansage und ermordete im Jahr darauf zwei Priester, die sich im Kampf gegen die Mafia engagiert hatten.

Und dennoch bleibt die katholische Kirche für die Mafia bis heute ein Bezugspunkt - aus ganz praktischen Gründen: “Für ein Phänomen wie die Mafia, die über keinerlei intellektuelle Rechtfertigung verfügt, kann die Religion den einzigen ideologischen Apparat darstellen, auf den sie sich beziehen kann”, sagte mir einst der sizilianische Redemptoristenpater Nino Fasullo. Die katholische Kirche verspricht ihren Gläubigen Seelenheil und ewiges Leben. Die Mafia hingegen kann ihr Machtstreben nicht metaphysisch begründen. Sie kann ihr System nicht auf einem ideologischen Fundament aufbauen. Deshalb braucht sie die Religion. Aus den Versatzstücken des katholischen Glaubens baute sie sich den Gott nach ihrem Ebenbild. Einen blutrünstigen Gott.

Daran dachte ich, als Papst Johannes Paul II 2005 starb und ich als Journalistin nach Rom geschickt wurde, um über seine Beerdigung zu berichten. Ich hatte mein Kindergebetbuch eingesteckt, was den Venezianer an meiner Seite spotten ließ. Schließlich hält sich Venedig nicht nur den Verdienst zugute, den Orient geplündert zu haben, sondern auch gegen den Vatikan intrigiert zu haben. Als ich in Rom ankam, ging ich Richtung Petersdom, wo es hieß, dass es in der Schlange, um dem Papst die letzte Ehre zu erweisen, relativ zügig voranginge: zwei Stunden. Okay, dachte ich, selbst wenn es drei Stunden dauern sollte, kann ich danach noch zurück ins Hotel und später mit Freunden zu Abend essen. Als ich im Pilgerstrom an der Via della Conciliazione untertauchte, ahnte ich nicht, was mich erwartete.

Im Borgo Pio tauchte ich wieder auf, in einer jener Parallelstraßen der Via della Conciliazione, in die der Pilgerstrom umgeleitet wurde. Es war zwei Uhr nachmittags, und ich blickte vier kleinen Nonnen auf die Schultern: Suor Speranza, Suor Belice, Suor Almesina und Suor Marilena, vom Orden der Töchter der Unbefleckten Maria, gemeinhin genannt: Le immacolatine. Ich beschloss, hinter den kleinen Unbefleckten zu bleiben, denn an irgendetwas musste man sich halten, in dieser Flut aus tabakbraun gebrannten Römerinnen hinter rosa Yves-Saint-Laurent-Verspiegelungen, aus blutjungen Mönchen, renitenten Greisen, rastalockigen Globalisierungsgegnern und polnischen Familien in der Tracht der Hohen Tatra.

Nach zwei Stunden standen wir mehr oder weniger noch an der selben Stelle. „Was sehen Sie?“, fragten die Nonnen. Ich stellte mich auf die Zehenspitzen und sagte: „Nichts“. Das Nichts war eine Unendlichkeit aus Köpfen und Fahnen. Kein Anfang, kein Ende. Wir wissen nicht, woher wir kommen und nicht, wohin wir gehen. Der Pilgerstrom lehrte Demut. In der Schlange lernte ich einen indischen Seminaristen kennen, der mich zum Abendessen einladen wollte und der mit einer Frau aus Liverpool über die Homosexuellen-Ehe stritt - die er verteidigte und die Frau ablehnte: „Wo Ehe ist, da ist auch Ehebruch und Ehescheidung. Und beides haben wir ja wirklich schon im Überfluss!“

Um acht Uhr abends, nach sechs Stunden des Wartens, waren wir immer noch nicht in der Via della Conciliazione angekommen, und Schwester Speranza begann für ein Wunder zu beten. Um Mitternacht hatten wir es bis zum Obelisken auf dem Petersplatz geschafft und waren nichts anderes mehr als eine Masse aus dicht an dicht gepressten, der Ohnmacht nahen Leibern, steifen Beinen, tauben Füßen. Unsere Hoffnung, noch vor der Schließung um zwei Uhr in den Petersdom zu gelangen, verflüchtigte sich von Minute zu Minute. Die Nonnen beteten Rosenkränze, und Suor Speranza rief streng: „Giovanni Paolo, tu etwas!“ Bei einem plötzlichem Vorschnellen des Stroms drohte Suor Marilena weggetrieben zu werden, wir kämpften uns zu ihr durch, beteuerten, dass wir zueinander gehörten und hielten uns an den Händen fest, bis uns eine neuerliche Welle in den Petersdom spülte, worin Suor Speranza das erste Wunder des toten Papstes sah, weil hinter uns das Portal geschlossen wurde. Es war zwei Uhr morgens, als wir wie betäubt an der Bahre von Johannes Paul II. vorbeiliefen. Niederknien war verboten. Suor Speranza warf dem Papst im Vorbeigehen Kusshände zu und Suor Marilena sagte: È brutticello!, weil sie fand, dass der präparierte Papst unschön aussah. Sie sagte es aber ganz zärtlich.

Als ich am nächsten Tag einem deutschen Journalisten von meinem zwölf-Stunden-Warten berichtete, blickte er mich mitleidig an: „Wusstest du denn nicht, dass Journalisten da hinten links ganz einfach durchgehen können?“ In der Via della Conciliazione liefen die Reporter hinter der Absperrung entlang, und warfen ihre Mikrophone wie Angeln in den Pilgerstrom.

Die Trauerfeier durfte ich von der Pressetribüne auf den Kolonnaden beobachten, wo die Fotografen bereits ofenrohrgroße Objektive hinter den Heiligen positioniert hatten und eine amerikanische Fernsehjournalistin Dehnungsübungen machte, als die Bischöfe mit ihren violetten Scheitelkäppchen und die Popen mit im Wind wehenden Schleiern einzogen. Könige, Prinzen und Präsidenten verloren sich in diesem Meer aus Purpur und Schwarz, aus goldfunkelnden Mitren und violetten Trauerschärpen. Gottes Divisionen. Sogar der Wind hatte sich in den Dienst dieser gigantischen Aufführung gestellt, er blähte die Prachtgewänder auf und blätterte in dem Buch, das auf einer schlichten Holzkiste lag. Eine Holzkiste, in dem ein alter Mann ruhte, der die Menschen lehrte, keine Angst zu haben.

Noch als der Sarg am Ende der Zeremonie herausgetragen und gedreht wurde, um ihn den Trauernden zu zeigen, als die Sonne durchbrach, der Applaus in den Himmel flog, mitsamt der Rufe nach Heiligkeit, als drei spanische Journalistinnen und ich als einzige auf der ganzen Pressetribüne weinten, gab ein italienischer Radiokorrespondent hinter uns bereits seinen Bericht durch: „Alle wichtigsten Weltreligionen ... zweihundert Staatschefs ... große Traurigkeit ... bin ich noch auf Sendung?“

Zur Trauerfeier von Papst Johannes Paul II. kamen 300 000 Gläubige, bei Franziskus waren es 250 000, heißt es, aber weitere 150 000 hätten entlang des Weges gewartet, als der Sarg in die Kirche von Santa Maria Maggiore gebracht wurde. Zahlen die dennoch praktisch nichts sind - im Vergleich zu früheren Jahren: Als Papst Pius XII. im Jahr 1958 starb, haben ihm noch eine halbe Million Gläubige die letzte Ehre erwiesen, und für Papst Johannes XXIII., auch “der gute Papst” genannt, kamen 1963 drei Millionen Gläubige nach Rom.

Bei Papst Franziskus durften selbst erklärte Feinde wie Trump oder das argentinische Kettensägemassaker Milei in der ersten Reihe sitzen: als lebender Beweis päpstlicher Nachsicht. Alle italienischen Medien spekulieren über das vertrauliche Gespräch zwischen Selenskyj und Trump auf den roten Stühlen im Petersdom und wollen darin einen Beweis dafür sehen, dass Papst Franziskus seine pazifistische Mission auch aus dem Jenseits weiterführt.

Bis ein neuer Papst gewählt wird, werden die Gerüste für die Fernsehübertragungen noch auf dem Petersplatz stehen bleiben, mitsamt der Übertragungswagen für den Tag X: Der Papst ist tot, es lebe der Papst.

Der Tod des Papstes stellte dann auch für die Regierung Meloni einen guten Vorwand dar, dazu aufzurufen, sich bei den Feierlichkeiten für den 25. April, den Tag der Befreiung Italiens, möglichst zu mäßigen. Dass ihre Partei keine Sympathie für diesen Feiertag hat - und was das für Italien bedeutet, darüber habe ich im Deutschlandfunk gesprochen.

https://www.deutschlandfunk.de/italiens-umgang-mit-der-vergangenheit-schriftstellerin-petra-reski-im-gespraech-100.html (Abre numa nova janela)

Der 25. April ist für die Venezianer nicht nur der Tag der Befreiung, sondern auch gleichzeitig der Tag ihres Schutzpatrons, des heiligen Markus.

Aber gegen die Massen, die Venedig an diesem langen Wochenende überrollten, war auch er machtlos. Die Leser von Reskis Republik wissen (Abre numa nova janela): Das Ticket schreckt niemanden davon ab, Venedig zu besuchen: Am Tag der Befreiung kamen 66 000 zahlende Besucher nach Venedig, die Hälfte davon bezahlte 10 Euro. Am Ostermontag kamen 56 000 Besucher, die, weil sie Bewohner des Veneto sind, von der Bezahlung des Tickets befreit sind: Bezahlt haben also nur 14 500 Besucher, was vom Bürgermeister als Wahnsinnsgeschäft gepriesen wird. Näheres dazu auch in unserem Feature, das sehr schön besprochen (Abre numa nova janela) wurde und hier nachzuhören ist:

https://www.hoerspielundfeature.de/die-letzten-venezianer-100.html (Abre numa nova janela)

Und am 15. Mai stelle ich mein Buch “All’italiana!” noch mal in München vor, im Gespräch mit Margit Ketterle in der wunderbaren Buchhandlung Moths.

https://woche-der-meinungsfreiheit.de/events/allitaliana-wie-ich-versuchte-italienerin-zu-werden/ (Abre numa nova janela)

Herzlichst grüßt Sie aus Venedig, Ihre Petra Reski

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