
Alu Kitzerow ist Bloggerin, Zukunftsforscherin, dreifache Mutter, ausgezeichnete Autorin – und Krebspatientin. Für ihre Texte über das Leben mit Brustkrebs wurde ihr Familienblog „Große Köpfe“ 2023 mit dem Goldenen Blogger in der Kategorie „Real life“ ausgezeichnet. In ihrem Buch „Meine Familie, der Krebs und ich – Über die Kraft des Zusammenhalts und das, was wirklich hilft“ schreibt sie offen über Angst, Überforderung, Familie, Bürokratie, Hoffnung – und darüber, wie man weiterlebt, wenn plötzlich nichts mehr selbstverständlich ist.
Was Alu Kitzerow besonders macht, ist nicht nur ihre Offenheit, sondern ihre Kraft. Sie spricht über Krankheit ohne Pathos, über Schwäche ohne Scham. Statt sich zurückzuziehen, macht sie Mut, zeigt Wege auf und engagiert sich heute sogar ehrenamtlich im Rehasport für Krebspatientinnen. Hut ab!
Im Interview spricht sie darüber, wie man Kindern eine Krebsdiagnose erklärt, warum Ehrlichkeit manchmal heilsamer ist als Stärke – und weshalb sie heute viel genauer weiß, was sie vom Leben will.
Alu, wie war es als die Diagnose kam? Was hat dir geholfen, sofort zu wissen, wie du damit umgehen willst?
Ich habe schon immer geschrieben. Für mich war deshalb schnell klar: Als die Diagnose stand und der Fahrplan festgelegt war, haben wir zuhause darüber gesprochen, dass ich öffentlich darüber schreiben werde. Ich habe dann angefangen, immer mehr Tagebucheinträge zu schreiben. Dabei habe ich gemerkt, dass ich oft selbst noch gar nicht wusste, wie ich mich eigentlich fühle – bis ich es aufgeschrieben habe. Gerade an Therapietagen hat mir das sehr geholfen. Es macht einem bewusst, wo man gerade steht und was man schon alles geschafft hat. Insofern war für mich klar, dass ich offen damit umgehen möchte.
Wie hast du es den Kindern gesagt? Und deinem Partner?
Ich finde, jeder darf damit so umgehen, wie es sich für ihn richtig anfühlt. Aber ab einem bestimmten Punkt der Therapie wird es fast unmöglich, es zu verbergen. Der Körper verändert sich, die Kraft lässt nach. Ich frage mich deshalb oft, warum wir uns mit diesem Bild der perfekten Eltern so unter Druck setzen. Zerbrechlichkeit gehört doch zum Leben dazu. Für mich war deshalb sehr schnell klar, dass alle meine Kinder, damals 5,12 und 14, davon erfahren sollen.
Natürlich spricht man mit jedem Kind anders. Aber sie nicht mitzunehmen, wäre mir nie in den Sinn gekommen. Sie haben mir die Haare abgeschnitten, sie haben mich besucht, sie haben mich begleitet. Ich hatte das Gefühl, es bringt nichts, ihnen etwas vorzuspielen – irgendwann ist es ohnehin nicht mehr versteckbar. Ich weiß, dass viele Frauen ihren Kindern nichts sagen, weil sie Angst haben, zerbrechlich zu wirken oder ihren Status zu verlieren. Ich glaube aber, dass es gesünder ist, offen darüber zu sprechen. Gleichzeitig kenne ich auch Frauen, die anders damit umgehen. Das ist genauso okay. Ich frage mich nur manchmal: Nimmt man sich dadurch vielleicht die Chance auf einen ehrlichen Abschied? Wenn man nicht darüber spricht und dann stirbt jemand trotzdem – wie schlimm muss das für die Menschen sein, die sich nicht verabschieden konnten?
Wie war der Alltag mit der Therapie? Wie schafft man das überhaupt?
Ehrlich gesagt: Nicht besonders gut. Man muss sehr lernen, mit seinen Kräften zu haushalten und Schwäche zuzulassen. Gleichzeitig habe ich mir angewöhnt, trotzdem weiterzumachen. Es ging immer darum, irgendwie in Bewegung zu bleiben. Ich gehe jeden Tag fünf Kilometer spazieren. Ich habe die Kinder oft eingeladen, mich zu begleiten. So war klar: Sie haben mich nicht nur alleine zuhause gesehen. Wenn etwas war, konnten sie mitkommen.
Diese Zeit alleine mit jedem einzelnen Kind hat uns sehr gutgetan. Kein Partner, keine Ablenkung – nur mein Kind und ich. Ich habe bewusst versucht, weiter am Alltag teilzunehmen, so gut es eben ging. Natürlich ist das unglaublich anstrengend, wenn man Chemotherapie hat und völlig erschöpft ist. Aber den Kindern hat es viel bedeutet. Das heißt nicht, dass ich jeden Nachmittag aktiv gestalten konnte. Aber ich habe sie von Schule oder Kita abgeholt und versucht, Teil ihrer Welt zu bleiben. Das haben sie gespürt.
Gleichzeitig habe ich auch oft gesagt: „Ich schaffe das heute nicht.“ Dann mussten andere übernehmen. Die Kinder mussten zuhause mehr mit anpacken – Müll rausbringen, Spülmaschine ausräumen. Das ging nicht anders. Ich glaube aber auch, dass sie daran gewachsen sind. Sie sind schneller erwachsen geworden. Zerbrechlichkeit und Endlichkeit haben sie früher gespürt. Vielleicht wäre dieser Prozess sowieso irgendwann gekommen – aber so konnten wir ihn gemeinsam begleiten.
Was sind deine Tipps, um positiv zu bleiben?
Eine Psychoonkologin hat mir damals geraten: „Schreiben Sie sich jeden Tag drei gute Dinge auf.“ Das mache ich seitdem konsequent. Viele Krebsberatungsstellen bieten solche Unterstützung übrigens kostenlos an, auch für Kinder. Ich habe damals einfach eine E-Mail an mein Therapiezentrum geschrieben. Diese drei Dinge poste ich auch jeden Abend bei Instagram, und viele Menschen machen mit. Es geht darum, den Fokus bewusst auf die positiven Dinge zu lenken. Das können ganz kleine Momente sein: Eine vegane Currywurst essen, beim Spaziergang ein Rotkehlchen sehen. Dinge, die man im Alltag oft verloren hat, plötzlich wieder wahrnehmen.
Außerdem bin ich Zukunftsforscherin, deshalb denke ich ohnehin immer: Es gibt nie nur eine Zukunft, sondern viele mögliche Wege. Dinge können gut ausgehen oder eben nicht. Diese Grundhaltung hilft mir. Natürlich gab es dunkle Momente, besonders während der Chemotherapie. Aber ich habe immer versucht zu denken: Das ist ein Abschnitt meines Lebens – mehr noch nicht. Der Rest wird sich zeigen. Deshalb finde ich es sinnvoll, möglichst im Hier und Jetzt zu bleiben.
Wie hat dich die Krankheit verändert? Wer bist du heute?
Diese Frage habe ich neulich auch meinen Freundinnen gestellt. Ich glaube, ich bin innerlich ruhiger geworden. Viele Dinge berühren mich nicht mehr so stark wie früher. Vieles perlt inzwischen einfach ab. Ich denke oft: Das ist mir egal. Außerdem habe ich viel klarer herausgefunden, was ich für meine Zukunft möchte. Diese Unbeschwertheit verliert man natürlich. Man weiß plötzlich sehr konkret, dass das Leben endlich ist. Dadurch bin ich zielgerichteter geworden. Ich möchte nicht mehr warten. Eine klassische Bucket List habe ich jetzt nicht, keine Reisen, ich muss nicht morgen nach Kanada. Aber ich gehe Dinge konkret an. Zum Beispiel denke ich darüber nach, anders zu wohnen: Kleiner, mehr in der Stadt. Wir haben so viel Platz – und ich frage mich inzwischen: Wofür eigentlich?
Was hast du konkret verändert?
Ich habe angefangen, Sport zu mögen. Das hätte ich früher niemals gedacht. Bewegung hilft unglaublich gut gegen viele Nebenwirkungen der Therapie. Mein Körper tut oft weh, mir ist schlecht – und trotzdem hilft Sport total. Ich werde nie Marathonläuferin werden, aber meine Einstellung dazu hat sich komplett verändert.
Gesund gegessen habe ich schon immer. Ich habe nie geraucht und kaum Alkohol getrunken. Aber meine Haltung zur Bewegung hat sich verändert. Die Krankheit ist heute ein Teil von mir, aber nicht meine ganze Persönlichkeit. Außerdem habe ich entdeckt, wie viel Freude es mir macht, mich ehrenamtlich zu engagieren. Das Kapitel einfach abzuschließen, käme für mich nicht infrage. Ich möchte andere Menschen unterstützen. Deshalb habe ich inzwischen meinen Rehasport-Trainerschein gemacht und leite Gruppen für Sport nach Krebs. Das sind keine Menschen mehr mitten in der Akuttherapie, sondern zum Beispiel Frauen, die Wassergymnastik machen. Das fühlt sich unglaublich richtig an. Ich hätte nie gedacht, dass ich einmal jemand werde, der Sport liebt und weitervermittelt. Diese neue Facette an mir überrascht mich selbst.
Was würdest du anderen raten, die jemanden mit Krebs begleiten?
Wenn jemand in deinem Umfeld Krebs hat, dann mach konkrete Angebote. Nicht dieses: „Meld‘ dich, wenn du etwas brauchst.“ Das hilft oft gar nicht, weil man dann wieder organisieren muss. Viel hilfreicher ist: „Ich komme einmal pro Woche vorbei und stelle euch Essen vor die Tür. Wenn du magst, trinken wir einen Kaffee. Und wenn nicht, dann nicht.“ Oder: „Ich weiss, mein Kind geht mit deinem in diesen Kurs, ich fahre!‘“ Sich zu melden kostet Kraft. Deshalb hilft es so sehr, wenn jemand einfach sagt: „Ich bin da.“
Und wenn man selbst eine Krebsdiagnose bekommt: Bitte nicht sofort googeln. Such dir gute, verlässliche Quellen und vor allem eine Community. Das war für mich unglaublich wichtig. Man ist nicht allein. Gerade Menschen zwischen 25 und 55 stehen oft mitten im Leben: Kinder, vielleicht pflegebedürftige Eltern, Arbeit – und gleichzeitig kämpft man gegen Krebs und scannt abends noch irgendwelche PDFs ein.
Und mir ist wichtig, dass es Betroffenen einfacher gemacht wird. Ich musste mir viele Informationen alleine zusammensuchen. Dabei gibt es so viele Hilfsstellen und Angebote. Wenn man Menschen bürokratisch entlasten würde, hätten sie mehr Kraft für das, worum es wirklich geht: Um ihre Heilung.
Wie sieht deine Zukunft heute aus?
Das Thema Krebs bleibt hart. Im Moment steht keine große Leserreise an oder Ähnliches. Es sickert alles langsam wieder ins Leben ein. Ich habe noch sechs Jahre Therapie vor mir und hoffe natürlich, irgendwann einen großen Teil davon abschließen zu können. Im Moment arbeite ich in Teilzeit – mehr geht einfach nicht. Und gleichzeitig versuche ich, ein gutes und schönes Leben zu führen. Denn am Ende ist Krebs einfach ein Arschloch. Und es kann jeden treffen.
Mehr über Alu Kitzerow und ihren Blogg findet ihr hier:
https://www.grossekoepfe.de/ (Abre numa nova janela)
Und auf Instagram:
@grossekoepfe
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