Wir starten mit dieser Ausgabe eine zweiteilige Mini-Reihe. Hier kommt – ofenfrisch serviert – der erste Teil. Es geht um das Gegenteil von CO₂. Oder so ähnlich.

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#106 #CCS #Greenwashing
Die letzte große Lüge der Ölkonzerne
Emissionen auffangen und im Boden verbuddeln: CCS ist die neueste Ausrede der fossilen Industrie. Dabei glaubt sie nicht einmal selbst an die vermeintliche Wundertechnologie.

Man muss es ihr schon lassen. Ursula von der Leyen hat es geschafft, etwas völlig Sinnloses von sich zu geben, das gleichzeitig sehr viel Sinn ergibt. Die Kommissionspräsidentin der EU sagte kürzlich Folgendes (Abre numa nova janela):
„Ich möchte deutlich sein: Wir bekämpfen nicht fossile Energieträger. Wir bekämpfen die Emissionen. Das ist wichtig.“
Ich musste mir mehrmals die Augen reiben. Wie kann eine hochrangige Politikerin, die einst den Green Deal ins Leben rief und ihn als Europas „man on the moon“-Moment bezeichnete, einen solchen Bullshit reden?
Möglicherweise war sie in letzter Zeit einmal zu oft bei Vertretern von Ölkonzernen zum Abendessen. Solche Sätze klingen nämlich verdächtig nach fossilem Lobbyjargon.
Darren Woods zum Beispiel, Chef von ExxonMobil, nahm höchstpersönlich an der COP28 in Dubai teil und sagte damals (Abre numa nova janela): Bei den Verhandlungen würde „viel zu viel Gewicht darauf gelegt, Öl und Gas loszuwerden“. Man müsste sich eher mit den daraus entstehenden Emissionen beschäftigen.
Dass von der Leyen seine Aussage nun fast eins zu eins adaptiert, ergibt aus ihrer Sicht durchaus Sinn – nach Jahren der Verwässerung des Green Deals. Erst im Sommer hat die EU-Kommission den USA versprochen, fossile Energie für 750 Milliarden Euro (Abre numa nova janela) zu importieren. Mit einer Aussage wie oben lassen sich solche Geschäfte wunderbar rechtfertigen.
Nur: Wie soll das bitteschön gehen – die Emissionen senken, während man an fossilen Energien festhält?
Wer so etwas sagt, kann eigentlich nur auf eine Sache abzielen, nämlich auf eine Technologie, die man im Fachsprech Carbon Capture and Storage nennt, kurz: CCS. Die Idee hinter CCS klingt tatsächlich einleuchtend: Man fängt das CO₂, das normalerweise in der Atmosphäre landet, einfach auf und verbuddelt es im Boden.
In Deutschland ist vor wenigen Tagen erst ein Gesetz in Kraft getreten (Abre numa nova janela), das CCS erlaubt und fördert. In anderen Ländern ist die Technologie bereits im Einsatz. Selbst der Weltklimarat weist auf die Bedeutung von CCS für den Klimaschutz hin. Also was genau hat es damit auf sich?
Chevrons Great Gorgon
Die derzeit größte CCS-Anlage befindet sich vor der Nordwestküste Australiens auf Barrow Island. Die Gegend ist eigentlich ein artenreiches Schutzgebiet. Darin liegen Mangrovenwälder und Korallenriffe – und zu deren Verhängnis auch ein riesiges Erdgasvorkommen.
Um dieses anzuzapfen, startete der Öl- und Gasriese Chevron 2016 das weltweit größte Förderprojekt für Flüssiggas, das „Great Gorgon“.
Beim Fördern von Gas entsteht immer auch CO₂, das in die Atmosphäre gelangt. Genehmigt wurde das Great Gorgon daher nur unter einer Bedingung: Chevron muss 80 Prozent dieser Emissionen auffangen und speichern.
Also baute der Konzern die bislang größte CCS-Anlage der Welt. Sie soll Emissionen abscheiden und sie in ein natürliches Reservoir unter Barrow Island injizieren.
Die Sache hat – wenig überraschend – gleich mehrere Haken.

Die Anlage ging drei Jahre zu spät in Betrieb. Seitdem ist sie kein einziges Mal auch nur in die Nähe des 80-Prozent-Ziels gekommen. Im Gegenteil, die Menge an gebundenem CO₂ ist nach dem Start sogar immer weiter gesunken.
Der Grund: Im Reservoir wurde der Druck zu hoch. Übersteigt er eine gewisse Grenze, kommt es zu Leckagen (Abre numa nova janela), durch die das gespeicherte CO₂ wieder austritt. Damit das nicht passiert, musste man die Injektion drosseln.
Währenddessen stiegen die Emissionen aus der Gasförderung stark an. In der Grafik (Abre numa nova janela) kannst Du das deutlich an den größer werdenden grünen Balken sehen. Die blauen Balken zeigen die fallende CO₂-Speichermenge:

Der größte Haken aber kommt erst noch: Wir haben bislang nur über die Emissionen geredet, die entstehen, wenn das Gas aus dem Gasfeld geholt wird, also über die grünen Balken in der Grafik. Die machen aber nur einen Bruchteil aller Emissionen entlang der Lieferkette aus.
Nach der Förderung wird das Gas noch in Flüssiggas (LNG) verarbeitet, verschifft und schließlich verbrannt, zum Beispiel zum Beheizen von Wohnungen. Insgesamt entstehen durch das „Great Gorgon“-Projekt laut Dokumenten (Abre numa nova janela) von Chevron 50 Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr (Abre numa nova janela).
Nach inzwischen neun Betriebsjahren sind das rechnerisch 450 Millionen Tonnen. Im selben Zeitraum konnte das CCS-Projekt – das wohlgemerkt größte weltweit – elf Millionen Tonnen CO₂ abscheiden und speichern. Am Ende landen also immer noch 439 Millionen Tonnen in der Atmosphäre.
Ein Rettungsring für die fossile Industrie
Die absurde Geschichte der Gorgon-Anlage ist nur eine von vielen CCS-Fails. Laut einem Report der Energiewende-NGO IEEFA (Abre numa nova janela) scheitern die meisten großen Projekte oder bleiben weit hinter den Erwartungen zurück. Und das, obwohl CSS schon seit den 1970ern (Abre numa nova janela) als Klimaschutz-Maßnahme gehandelt wird.
Trotz vieler Versprechungen ist die Technologie heute immer noch weit davon entfernt, einen nennenswerten Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Nach einem halben Jahrhundert ist mindestens zweifelhaft, ob noch große technologische Fortschritte folgen.
Derzeit sind laut einem Branchenbericht (Abre numa nova janela) weltweit 77 CCS-Anlagen in Betrieb, die insgesamt 64 Millionen Tonnen CO₂ pro Jahr speichern. Demgegenüber stehen 38 Milliarden Tonnen (Abre numa nova janela) CO₂, die durch die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas pro Jahr anfallen. Das ist fast 600-mal so viel.
Bei dieser Faktenlage auf CCS zu setzen, statt schnellstmöglich aus fossilen Energien auszusteigen – das ist ungefähr so, als würde ein Alkoholiker mit Leberzirrhose den Entzug verweigern, noch mehr trinken und sich damit rechtfertigen, dass er ja täglich Ibuprofen und Elotrans nehmen kann, um irgendwie noch aus dem Bett zu kommen.
Teure Riesenstaubsauger
Dabei ist CCS nicht die einzige angebliche Wundertechnologie der fossilen Industrie. Vielleicht hast Du schonmal von Direct Air Capture gehört, kurz DAC. Dabei wird CO₂ maschinell direkt aus der Luft gefiltert. Wie ein riesiger Staubsauger für die Atmosphäre.
Der Vorteil auf dem Papier: Mit DAC kann man Negativ-Emissionen erzeugen. Indem man den CO₂-Gehalt der Atmosphäre senkt, sorgt man theoretisch für eine Abkühlung des Klimas. Theoretisch – hätte diese Technologie nicht noch mehr Haken als gewöhnliches CCS.
Derzeit gibt es ungefähr 30 DAC-Anlagen weltweit. Ende 2025 – also jetzt irgendwann – will der US-Ölkonzern Occidental Petroleum in Texas die bislang größte (Abre numa nova janela) in Betrieb nehmen. Sie soll Stratos heißen und pro Jahr gerade mal 500.000 Tonnen CO₂ auffangen.
Im Vergleich zu anderen DAC-Anlagen ist das enorm viel. Vorher lag der Rekord bei einer Anlage auf Island, die 36.000 Tonnen CO₂ pro Jahr filtern konnte. Trotzdem fängt Stratos damit nur rund 0,2 Prozent der Emissionen des Unternehmens ein (Abre numa nova janela).
Einige DAC-Unternehmen versprechen (Abre numa nova janela), dass sich die gefilterte Menge in den nächsten Jahren vervielfachen lässt. Selbst wenn das so ist, bräuchte es dafür einen Haufen neuer Anlagen. Man müsste zahlreiche und enorm hässliche Staubsauger auf den sowieso schon viel zu vollgebauten Planeten klatschen.
Allein die Stratos-Anlage ist 26 Hektar groß. Sie würde gerade so in den Wannsee passen. Und dann haben wir noch nicht einmal über den Ressourcenverbrauch und die beim Bau anfallenden Emissionen gesprochen.
Dazu kommen die Kosten: Momentan liegen sie pro Tonne gefiltertem CO₂ im hohen dreistelligen Bereich. Solche teuren und nicht rentablen Vorhaben werden häufig mit Steuergeldern am Leben gehalten. Die Stratos-Anlage zum Beispiel hat 1,3 Milliarden US-Dollar gekostet – bis zu 650 Millionen davon waren staatliche Subventionen (Abre numa nova janela).

Der größte Haken zum Schluss: Die meisten DAC-Projekte filtern das CO₂ nicht, um es anschließend im Boden zu speichern und es damit wenigstens für lange Zeit aus der Atmosphäre zu verbannen. Fast alle Projekte verkaufen das CO₂ für die Weiternutzung (Abre numa nova janela). Im besten Fall wird es auch dabei langfristig gespeichert, etwa wenn es in Baustoffen gebunden wird.
Ganz anders sieht es aber aus, wenn es zu E-Fuels weiterverarbeitet wird und bei deren Verbrennung wieder in die Atmosphäre gelangt. Oder wenn es für die Gewinnung fossiler Rohstoffe genutzt wird.
Auf seiner Website (Abre numa nova janela) schreibt Occidental, dass der Konzern das von der Stratos-Anlage gebundene Gas für „enhanced oil recovery“ einsetzen will. Bei dieser Methode wird CO₂ in Öl-Reservoire injiziert, um den Rohstoff effizienter aus dem Boden zu bekommen. Das gewonnene Öl nennt Occidental dann ganz unironisch „Netto-Null-Öl“ (Abre numa nova janela).
Solche Greenwashing-Eskapaden zeigen ziemlich eindeutig: Wenn eine DAC-Anlage von einem Ölkonzern betrieben wird, kann man sich sicher sein, dass sie niemals dem Klimaschutz dienen wird.
Daran lassen auch die Aussagen des Occidental-Chefs Vicki Hollub keine Zweifel. Die DAC-Technologie werde das Geschäft mit fossilen Energien aufrechterhalten, sagte er 2023 auf einer Konferenz (Abre numa nova janela) der US-Energieindustrie. „Sie ist ein Freibrief für unsere Branche, noch weitere 60, 70 oder 80 Jahre zu bestehen, was meiner Meinung nach dringend notwendig ist.“
Ein offenes Geheimnis
Die Märchen rund um das Auffangen und Speichern von CO₂ sind in den letzten Jahren zu einer der wichtigsten Verzögerungstaktiken der fossilen Industrie geworden.
Bei der Weltklimakonferenz, die vor kurzem in Belém stattfand, waren 531 CCS-Lobbyist*innen (Abre numa nova janela) vor Ort, so viele wie nie zuvor. Einige von ihnen waren sogar Teil der offiziellen Länderdelegationen und bekamen privilegierten Zugang zu den Verhandlungsrunden.
(Abre numa nova janela)Das Absurde daran: Die fossilen Konzerne glauben nicht einmal selbst an die Technologie. Schon vor zwei Jahren analysierte die Rechercheplattform DeSmog interne Dokumente (Abre numa nova janela) von BP, Shell, ExxonMobil. Sie zeigen, dass diese Konzerne selbst Bedenken haben, weil CCS teuer und unrentabel ist und mit dem Fortschritt der Erneuerbaren nicht mithalten kann.
BP etwa schreibt, CCS stehe vor „erheblichen technologischen, kommerziellen und logistischen Herausforderungen.“ Man sei auf „gezielte politische Unterstützung“ angewiesen. Zudem sei das Risiko von Leckagen ein Problem. Und ExxonMobil schreibt: „Wir wissen, dass CCS komplex und kostspielig ist.“
Die Sache ist: Ein bisschen DAC und CCS brauchen wir tatsächlich für Klimaneutralität. Deshalb sind die Technologien auch Teil vieler IPCC-Szenarien. Sinnvoll sind sie aber nur in kleinem Maßstab und um Emissionen auszugleichen, die sich schwer vermeiden lassen, etwa aus der Stahlproduktion oder der Chemieindustrie.
CO₂ aus der Luft einzufangen, um damit Kohle, Öl und Gas schönzurechnen, ist hingegen vor allem eines: die größte und aufwendigste Greenwashing-Lüge aller Zeiten.
Das war noch nicht alles
Zum Schluss noch eine wichtige Sache: Wir brauchen dringend Negativemissionen, um die Ziele im Pariser Abkommen zu erreichen. Wir müssen also tatsächlich der Atmosphäre wieder CO₂ entnehmen, und zwar ordentlich. Forscher*innen gehen davon aus (Abre numa nova janela), dass wir 2050 jährlich bis zu zehn Milliarden Tonnen entfernen müssten.
Der IPCC rechnet neben DAC und CCS deswegen noch mit einer anderen, verwandten Technologie, über die wir hier noch gar nicht gesprochen haben: und zwar Bioenergy with Carbon Capture and Storage (BECCS). Die Idee dahinter: Biomasse für die Energiegewinnung verbrennen und die dabei anfallenden Emissionen auffangen und speichern.
Diese Methode spielt in den IPCC-Szenarien unter den technologischen Lösungen für Negativemissionen sogar die wichtigste Rolle. Dabei ist auch sie mit zahlreichen Problemen verbunden – allen voran bräuchte es für BECCS riesige Flächen Land. Was das für Ökosysteme, die Biodiversität und die Ernährung von Hunderten Millionen Menschen bedeutet, erfährst Du in der nächsten Ausgabe, in Teil 2 unserer Mini-Serie.
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Wie immer haben wir auch für diese Ausgabe viel Zeit ins Recherchieren und Schreiben gesteckt. Wenn Du unsere Arbeit über Steady unterstützen möchtest, freuen wir uns riesig. Einfach auf den Button klicken und eines der Pakete auswählen. Vielen Dank!
Unser Klimasong dieses Mal heißt Kleenex (Abre numa nova janela). Er kommt von der brandneuen EP vom exzentrischen, kanadischen Pop-Pianisten Chilly Gonzales. Die EP hat er zusammen mit dem Rapper Obia le Chef veröffentlicht. Sie trägt den stabilen Namen CO₂ . Warum, wird zwar nicht ganz deutlich, aber die Tracks sind auf jeden Fall hörenswert.
Die nächste und letzte Ausgabe für dieses Jahr bekommst Du am 20. Dezember.
Bis in zwei Wochen
Manuel
PS: An dieser Stelle noch ein Shoutout für die Arbeit der wunderbaren Katja Diehl. Du kennst sie vielleicht als Mobilitätsexpertin oder auch als eine der Autor*innen unseres Buches Unlearn CO₂. Katja schreibt einen wöchentlichen Newsletter (Abre numa nova janela), den wir Dir sehr ans Herz legen wollen und hat vor wenigen Tagen erst den Gesprächsband „Nehmen wir das Leben wieder selbst in die Hand (Abre numa nova janela)“ mitherausgegeben.
PPS: Unsere neue Partnerorganisation WEtell hat zusammen mit dem Bundesverband für Nachhaltige Wirtschaft einen Tracker gebaut (Abre numa nova janela), der die Ausgaben des Sondervermögens Infrastruktur und Klimaschutz sowie des Klima- und Transformationsfonds (KTF) durchleuchtet und klassifiziert. So kann die Öffentlichkeit nachvollziehen, wohin die Regierung die Milliarden fließen lässt (und wohin nicht).
(Abre numa nova janela)👨🏻🎨 Alle Illustrationen wie immer in Handarbeit von Manuel Kronenberg
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📖 Zu unserem Buch „Unlearn CO₂ (Abre numa nova janela)“ (Ullstein)
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