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Das hier geht raus an alle Billionäre da draußen.

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#119 #Überreichtum #Klimagerechtigkeit

Der Masterplan für die ärmsten acht Milliarden

Was, wenn jeder Mensch auf der Welt 5.000 Euro pro Monat verdient? Der Global Justice Report rechnet ein radikales Verteilungsszenario durch, das gleichzeitig das Klima schützt.

Jedes Mal, wenn ich in den letzten Jahren in einer Großstadt im sogenannten Globalen Süden stand, gab es diesen einen Moment, in dem ich dachte: Niemals. Never ever wird es klappen, diese Welt klimaneutral zu machen. 

Zum Beispiel als ich wegen der UN-Plastikkonferenz (Abre numa nova janela) in Nairobi war. Oder früher in Neu Delhi, wo ein Teil meiner Familie lebt. In Nairobi wohnen rund fünf Millionen Menschen, in Neu Delhi sechsmal so viele. 

Natürlich wollen all diese Menschen zu Hause nicht nur Strom, fließendes Wasser und genug zu Essen. Sie wollen auch ein Smartphone, einen Kühlschrank, eine Waschmaschine, eine Klimaanlage, einen Laptop und alles, was ein Leben eben sonst noch so komfortabel macht. Und zwar völlig zu Recht. 

Aber: Kann das gut gehen? Wenn alle Menschen im Globalen Süden auch nur ansatzweise so viel konsumieren wie wir in Europa (von den USA ganz zu schweigen), war’s das doch mit Klimaschutz. 

Und dann lese ich Schlagzeilen wie diese hier (Abre numa nova janela) und meine Gedanken fallen in sich zusammen wie ein Kartenhaus: 

Elon Musk wird der erste Billionär der Welt. 

Ein einzelner Mann besitzt jetzt mehr als 1.000.000.000.000 Dollar. Er ist so reich, dass er jedem Menschen auf der Welt 100 Dollar schenken könnte und dann immer noch 280 Milliarden übrig hätte.

Für Milliardäre (das Gendern spare ich mir an der Stelle ausnahmsweise mal) läuft es seit einiger Zeit blendend. Von Wirtschaftskrise kann aus ihrer Sicht keine Rede sein: Seit 1987 hat sich die Zahl der Milliardäre mehr als verzwanzigfacht (Abre numa nova janela). Ihr Vermögen ist in den letzten sechs Jahren zudem um mehr als 80 Prozent (Abre numa nova janela) gestiegen. 

Wenn das Projekt Klimaneutralität scheitern sollte, dann nicht an den Milliarden Menschen im Globalen Süden, sondern an Milliardären und der Armut, die sie durch ihren Reichtum erzeugen. 

Die Eine-Billion-Dollar-Frage lautet also: Wie können wir ihre gehorteten Vermögen wieder unter die Leute bringen?

Die To-Do-Liste bis 2100

Vor kurzem hat ein Team rund um Thomas Piketty einen großen Bericht veröffentlicht, den Global Justice Report (Abre numa nova janela). Piketty ist Ökonom, sein Spezialgebiet ist die Forschung zu sozialer Ungleichheit. 

Der Report denkt zusammen, was viel zu oft getrennt betrachtet wird: die Verteilung von Vermögen und Klimaschutz. Die Autor*innen fragen dabei nicht nur, wie wir Milliardäre unschädlich machen können, sondern vor allem, was passieren muss, damit am Ende des Jahrhunderts alle Menschen weltweit 5.000 Euro pro Monat zur Verfügung haben. Also wirklich alle, egal ob sie in Berlin, Nairobi oder Neu Delhi leben. Und das Ganze auch noch ohne 2100 vier Grad Erderhitzung zu erreichen. 

Bis 2100 soll das monatliche Brutto-Einkommen für jeden Menschen weltweit bei durchschnittlich 5000 Euro pro Monat liegen (kaufkraftbereinigt).
Bis 2100 soll das monatliche Brutto-Einkommen für jeden Menschen weltweit bei durchschnittlich 5000 Euro pro Monat liegen (kaufkraftbereinigt). 📊: Global Justice Report, 2026

Damit Du den Bericht nicht lesen musst, sind hier in guter alter Treibhauspost-Tradition die fünf wichtigsten To-Dos bis 2100.

To-Do #1: Umverteilung stoppen

Wenn die Wirtschaft wächst, profitieren sehr reiche Menschen davon überproportional. Ihr Geld ist in unserer neoliberalen Wirtschaft mehr Wert als Arbeit. Das System ist so ausgelegt, dass Geld von unten nach oben verteilt wird, wodurch die Ungleichheit zunimmt. Thomas Piketty hat darüber ein ganzes Buch geschrieben, „Das Kapital im 21. Jahrhundert (Abre numa nova janela)“.

Um diese Umverteilung zu stoppen, könnte man versuchen, den Fehler im System zu beheben, was nicht viel weniger heißen würde, als den Kapitalismus abzuschaffen. Oder aber, und das schlagen die Autor*innen vor, man führt eine radikale, progressive Vermögenssteuer ein. 

So könnte eine progressive, weltweite Vermögenssteuer aussehen. 📊: Global Justice Report, 2026

Wer zum Beispiel 2,2 Millionen Euro besitzt, würde darauf ein Prozent Steuer pro Jahr zahlen. Das ist insofern verkraftbar, als dass man auf dem Aktienmarkt mit einem durchschnittlichen Portfolio aktuell rund acht Prozent Rendite erzielen kann. Wer hingegen über 500 Millionen Euro besitzt, gehört laut Report zur „Milliardärs-Klasse“ und würde satte 20 Prozent Vermögenssteuer zahlen. Weltweit wären davon jedoch nur 29.000 Personen betroffen (das sind ungefähr so viele Menschen wie in Meckenheim wohnen). 

Der Report schlägt zudem eine Steuer auf hohe Einkommen vor. Ob Du so viel verdienst, dass Du auch davon betroffen wärst, kannst Du hier ablesen:

Wer zum Beispiel zehn Millionen Euro pro Jahr verdient, müsste davon rund sieben Millionen abgeben. 📊: Global Justice Report, 2026

Durch die beiden Steuern auf Vermögen und Einkommen würde allein im ersten Jahr weltweit über 20 Billionen Euro frei. Wobei die Vermögenssteuer den deutlich größeren Teil beitragen würde. Der Überreichtum der „Milliardärs-Klasse“ würde so bis zum Jahr 2100 auf ein Hundertstel schrumpfen. 

To-Do #2: Investieren, investieren, investieren

Statt diese 20 Billionen Euro einfach nur per Gießkannenprinzip auszuschütten, schlägt der Report vor, einen Teil davon wieder zu investieren: in ein Aktienportfolio, das unter anderem zur Energiewende beiträgt. Dadurch wäre für die Weltgemeinschaft eine langfristige Rendite gesichert – und gleichzeitig finanzielle Mittel für Klimaschutz. Der Neoliberalismus würde sozusagen mit seinen eigenen Waffen geschlagen. 

Ein anderer Teil der 20 Billionen soll als Reparationszahlungen an den Globalen Süden fließen, als Ausgleich für koloniale Zerstörung und Klimaschäden, für die der Globale Norden verantwortlich ist. Jährlich sollen dafür zunächst etwa eine unserer zwanzig Billionen gezahlt werden. Und das ist schon ziemlich niedrig kalkuliert. Eigentlich würde den betroffenen Ländern laut Report das Vierfache zustehen.

Die Reparationszahlungen sollen prozentual am weltweiten BIP bemessen sein und jedes Jahr knapp ein Prozent betragen. 📊: Global Justice Report, 2026

Und was passiert mit den restlichen Billionen? Die werden an die einzelnen Staaten ausgeschüttet – und zwar pro Kopf gerechnet. Allerdings mit strengen Bedingungen: Wenn ein Land Geld aus dem Fonds will, muss es damit Klimaschutz nach vorne bringen und Investitionen in Bildung und Gesundheit tätigen. Damit lässt sich doch erstmal arbeiten.

Shoutout

Bevor es mit den To-Dos weitergeht, möchten wir Dich auf die Arbeit dieser Menschen hier aufmerksam machen. Sie sind das Team des gemeinwohl-bilanzierten Mobilfunkanbieter WEtell (Abre numa nova janela) aus Freiburg. Sie arbeiten an nachhaltigen, fairen Mobilfunkverträgen – gleichzeitig unterstützen sie kritischen Klimajournalismus. Nicht nur uns, sondern zum Beispiel auch unsere Kolleg*innen von nachhaltig.kritisch. Dafür: beide Daumen hoch!

To-Do #3: Weniger produzieren 

Natürlich bringt das alles nur etwas, wenn uns bis Ende des Jahrhunderts nicht schon diverse Kipppunkte um die Ohren geflogen sind. Auf der To-Do-Liste steht neben einer radikalen Dekarbonisierung deshalb vor allem Suffizienz. Also weniger unnötige Sachen herstellen, um weniger Ressourcen auszubeuten. Das soll mit einer ganzen Reihe an Maßnahmen gelingen.

Die erste davon: weniger arbeiten. Wer arbeitet, macht das aktuell im Durchschnitt 2100 Stunden pro Jahr. Bis zum Ende des Jahrhunderts soll diese Zeit um mehr als die Hälfte reduziert werden. Wir würden also jede*r 5.000 Euro verdienen, aber weniger als die Hälfte der Zeit arbeiten. Klingt erstmal annehmbar.

Möglich würde das Ganze durch Produktivitätssteigerungen. Das habe schon einmal geklappt, nämlich zwischen 1860 und 1980 während der Hochphase der Arbeiter*innenbewegung, als die Arbeitszeiten drastisch verkürzt wurden. Der Report umgeht das Thema Künstliche Intelligenz zwar komplett, aber angesichts ihrer schnellen Entwicklung kann man sich durchaus vorstellen, dass so etwas wieder möglich wäre.

Die zweite Maßnahme: ein massiver Ausbau des Bildungs- und Gesundheitssystems. Bis zum Jahr 2100 sollen knapp die Hälfte aller Arbeitsstunden weltweit in diese beiden Bereiche fließen (aktuell sind es nur elf Prozent). Das hätte nicht nur den Vorteil, dass Menschen gesünder und gebildeter wären, sondern auch, dass vor allem immaterieller Wert mit geringem Ressourcenverbrauch geschaffen wird.

Wenn die immateriellen Sektoren wachsen und die materiellen schrumpfen, verbrauchen wir weniger Ressourcen. 📊: Global Justice Report, 2026

To-Do #4: Go vegan 

Die dritte Suffizienz-Säule ist so tragend, dass sie ein eigenes To-Do verdient: weniger Tiere essen. Insgesamt geht über ein Drittel der gesamten Landfläche des Planeten drauf für Rinder, Schafe, Hühner und andere Nutztiere, davon wiederum rund ein Drittel allein für den Anbau von Futtermittel.

Wir haben hier in den letzten Jahren schon mehrmals darüber geschrieben (Abre numa nova janela), wie wichtig es ist, den völlig aus dem Ruder gelaufenen Konsum tierischer Produkte zurückzufahren – für so gut wie alle planetaren Grenzen, nicht zuletzt fürs Klima. Rinderhaltung alleine ist laut Report für insgesamt elf Prozent der globalen Treibhausgas-Emissionen verantwortlich. 

Die Autor*innen schlagen eine Reduktion des Fleischkonsums von insgesamt 25 Prozent bis 2100 vor, vor allem von rotem Fleisch. Da auch hier fair pro Kopf aufgeteilt wird, hieße das vor allem für den Globalen Norden, mehr Pflanzen zu essen. In den USA müsste der Konsum von rotem Fleisch um das Viereinhalbfache zurückgehen. 

Wenn wir weniger Tiere essen, werden weniger Flächen für die Viehhaltung und Futter benötigt. Das würde einen dringend benötigten Schritt ermöglichen, nämlich ab sofort keine Bäume mehr zu fällen und in großen Dimensionen neue Bäume anzupflanzen. Bis 2100 sollen laut Report 700 Millionen Hektar Wald entstehen. So viele Bäume gab es zuletzt im Jahr 1900. 

Fleischproduzenten, vor allem in Südamerika und Subsahara-Afrika, die bisher massiv von der Entwaldung profitieren, gehören übrigens zu den wenigen ausdrücklich genannten Verlierern im Global Justice Report. 

(Abre numa nova janela)
💌 Ausgabe #105: Wie große Fleischkonzerne Klimaschutz sabotieren.

To-Do #5: Gleiche Arbeit für Frauen und Männer

Wir müssen nicht nur an Milliardäre und Fleischbosse ran, sondern auch an das ungleiche Einkommen von Frauen und Männern. In Deutschland liegt der Gender Pay Gap für Lohnarbeit aktuell bei 16 Prozent. Das heißt: Wenn ein Mann 100 Euro pro Stunde verdient, bekommt eine Frau für dieselbe Zeit und Arbeit nur 84 Euro. Rechnet man Care-Arbeit mit ein, landet man in reichen Ländern sogar bei einer Gehaltsdifferenz von 40 bis 50 Prozent (Abre numa nova janela).

Wie lässt sich diese Lücke schließen? Wenn es nach dem Report geht, sollen Männer bis Ende des Jahrhunderts genauso viel Care-Arbeit leisten wie Frauen – und Frauen genauso viel Lohnarbeit wie Männer. Was nichts anderes hieße, als dass Männer ihre Arbeitszeit zu Hause mehr als verdoppeln würden. 

Bis 2100 sollen Frauen und Männer gleich viel Lohn- und Care-Arbeit leisten. 📊: Global Justice Report, 2026

Trumps Alptraum

Aus finanzieller Sicht sind die Pläne im Global Justice Report für die allermeisten Menschen ein No-Brainer. Im Globalen Norden würden ungefähr 90 Prozent der Menschen mehr Geld haben als heute, im Globalen Süden wären es sogar 97 Prozent. Hinzu kommen die immateriellen Vorteile: mehr Freizeit, weniger Erderhitzung, mehr Sicherheit und Zufriedenheit durch gleichere Gesellschaften. Rechnet man all das noch mit ein, wären über 99 Prozent der Weltbevölkerung 2100 besser dran als heute, schreiben die Autor*innen. 

Der Report endet aber nicht bei den beschriebenen To Dos. Die Autor*innen schlagen noch weitere radikale Schritte vor. Manche davon lesen sich wie der Prompt für einen Alptraum von Donald Trump. Zum Beispiel soll das globale Finanzwesen demokratisiert werden. Die Vereinten Nationen sollen eine eigene Bank bekommen und eine eigene Währung. Das würde die Vormachtstellung des Globalen Nordens, insbesondere der USA, stark einschränken. 

Niemals im Leben würden Trump, Xi, Putin und Co. da mitmachen, oder? Das haben sich auch Piketty und sein Team gedacht – und geben direkt einen Vorschlag mit, wie der Rest der Welt reagieren könnte.

Falls sich die USA oder China weigern, den „Global Justice“-Plan umzusetzen, sollten die anderen Staaten eine Importsteuer von mindestens 80 Prozent auf alle Produkte erheben. So würde der entstehende Klimaschaden ausgeglichen und die beiden Länder stünden vor der Wahl, doch mitzumachen oder sich von ihrer Exportwirtschaft zu verabschieden. 

Naiv oder visionär?

Falls Du Dir jetzt denkst: „Schön und gut, aber das sind doch alles nur Luftschlösser, niemals wird irgendein Staatschef auch nur eine dieser Maßnahmen umsetzen.“ Ich hatte zuerst den gleichen Impuls. Aber mittlerweile glaube ich, dass nichts an diesem Report naiv ist.  

Elon Musk fantasiert davon, Menschen durch Gehirn-KI-Schnittstellen kognitiv zu verbessern (Abre numa nova janela). Peter Thiel will eigene Staaten (Abre numa nova janela) auf künstlichen Inseln gründen. Und einzelne Milliardäre bereiten sich schon auf „the event“ vor, den gesellschaftlichen Kollaps. Sie bauen Bunker mit autarken Versorgungssystemen und wollen den Wachleuten am liebsten „disziplinierende“ Halsbänder (Abre numa nova janela) anziehen. Wenn Tech-Faschisten ihre menschenfeindlichen Ideen raushauen, sagt man ihnen schnell nach, sie hätten Visionen. Wenn dagegen Menschen wie Piketty und sein Team eine Vision einer lebenswerten Zukunft durchrechnen, laufen sie Gefahr, als naiv zu gelten. Unser Maßstab für das, was wir für möglich halten, steht komplett auf dem Kopf.

Der Global Justice Report leistet nicht mehr und nicht weniger, als uns zu zeigen, wie die Welt innerhalb weniger Jahrzehnte zur gerechtesten Version ihrer selbst werden könnte. Er macht deutlich: Die Zukunft ist nicht aus Beton, sie ist gestaltbar.

Und noch eine Sache stellt er unmissverständlich klar. Klimaschutz kann gar nicht sinnvoll angegangen werden, ohne gleichzeitig die Verteilungsfrage zu lösen. Wer Klimaschutz sagt, muss auch Klassenkampf meinen. Einen Klassenkampf gegen ein Meckenheim voller Milliardäre. Alles andere wäre naiv.

Vielen Dank an alle Mitglieder, die diese Ausgabe möglich gemacht haben. Wenn auch Du mit uns zusammen die Klimafahne hochhalten willst, werde jetzt Treibhauspost-Mitglied und unterstütze unseren Klimajournalismus mit ein paar Euro im Monat. Vielen Dank!

Unser Klimasong handelt diesmal von Waldbränden. Er heißt Orange (Abre numa nova janela) und kommt von der US-amerikanischen Band Pinegrove.

They’re trying to ignore it
We always knew they’d try
Today the sky is orange
And you and I know why

Die nächste Treibhauspost bekommst Du am 4. Juli.

Herzlich
Julien

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Tópico Utopien

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