Die meisten Menschen sind überzeugt, eigenständig zu denken.
Aber ist das wirklich so?
Sie haben Meinungen, die sie oft eher emotional als sachlich begründen. Sie fühlen sich darin sicher. So sicher, dass sie anderen vorwerfen, manipuliert worden zu sein, während sie selbst übersehen, wie viel sie übernommen haben.
Eigenständiges Denken zeigt sich nicht daran, dass man eine Meinung hat, sondern daran, wie man zu ihr kommt. Hat man verschiedene Argumente durchdacht oder Bestehendes einfach übernommen? Letzteres passiert oft beiläufig, weil das Gehirn darauf ausgelegt ist, Energie zu sparen.
Dann werden Gedanken aus dem Umfeld, Formulierungen aus Medien und Haltungen wiederholt. Es wird nicht geprüft, ob etwas stimmt, sondern ob es die eigene Sicht bestätigt. Wirkt es fremd oder unbequem, wird es abgelehnt. An diesem Punkt endet eigenständiges Denken.
Es ist menschlich, den bequemeren Weg zu gehen. Problematisch wird es, wenn Auswahl mit Denken verwechselt wird und sich Lagerdenken verstärkt.
Die entscheidende Frage ist nicht nur: „Was denke ich?“
Sondern: „Warum denke ich das überhaupt?“
Genau an dieser Stelle steigen viele aus. Nicht, weil sie es nicht könnten, sondern weil es unbequem ist. Wer wirklich selbst denkt, gerät früher oder später in Widersprüche. Denn niemand liegt immer richtig. Man merkt, dass vieles nicht so eindeutig ist, wie es scheint und dass die eigenen Überzeugungen weniger stabil sind, als man dachte.
Daher ist es einfacher, sich auf bestehende Gedanken zu stützen, als sie infrage zu stellen. Einfacher, eine Haltung zu vertreten, als sie zu überprüfen. Einfacher, sich sicher zu fühlen, als Unsicherheit auszuhalten.
Deshalb wirkt eigenständiges Denken wie eine Eigenschaft.
In Wirklichkeit ist es ein Prozess. Einer, der nie endet und keine Gewissheit bietet, auf der man sich ausruhen kann.
Dazu kommt die Verwechslung von Bildung mit eigenständigem Denken. Wissen ist wichtig, egal ob schulisch oder autodidaktisch. Entscheidend ist, was man damit macht. Nutzt man es, um zu hinterfragen, oder gibt man nur weiter, was man aufgenommen hat?
Die unbequemste Wahrheit ist: Die Mehrheit denkt nicht eigenständig. Das zeigt sich immer wieder, auch geschichtlich. Es ist meist eine Minderheit, die infrage stellt.
Der Gedanke, dass jeder immer eigenständig denkt, wirkt ideal. In der Realität würde er mehr Widerspruch und weniger Einigkeit bedeuten.
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Bianka Seredinski-Holzner 2026