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The Summer I Turned Gritty

 Von Verletzung, Trauer und falscher Zurückhaltung bis hin zu einer neuer Kraft.

Emma, ich hoffe, dass du genauso lachen musst wie ich, wenn du das hier liest und natürlich sofort bemerkst, dass ich deine Serie (Öffnet in neuem Fenster) benutzt habe, um meinen Beachvolleyball-Sommer zu beschreiben. Ich bin stolz auf mich – nicht, weil mir diese lustige Überschrift eingefallen ist (na gut, ein bisschen schon) und auch nicht, weil ich am Sonntag vor einer Woche nach längerer Zeit mal wieder ein A-Turnier gewonnen habe (na gut, das auch), aber vielmehr, weil ich am besagten Sonntag die beiden besten von den fünf Partien im Halbfinale und Finale gemacht habe, nachdem ich bereits ein Turnier mit fünf ausgedehnten Matches am Samstag und eine Trainingseinheit am Freitagabend in den Knochen hatte.

Lauter starke Ladies: Hanka, Kira, Aitana, Ninja, Julia und Greta beim A-Turnier auf Beach 61.

Vor zwei Jahren wäre das nicht gegangen. Vor zwei Jahren um diese Zeit saß ich weinend auf einer Treppe in Venedig, weil ich solche Schmerzen hatte, dass ich nicht wusste, wie ich zu unserem Appartement kommen sollte. Im Herbst 2022 hatte das Verletzungsdilemma begonnen. Bei einem Hallenturnier zuckte es während des Warm-ups im Rücken und seitdem spürte ich immer wieder einen ziehenden Schmerz im Bein. Ich erspare euch die Odyssee von Physiotherapie über Reha im Rückenzentrum, Akkupunktur, Schmerztabletten bis hin zu N.I.C.E- Therapy, Aufstellungen und Reiki.

Du läufst aber schief

Den Sommer 2023 verbrachte ich bevorzugt in meinem Badereifen und wenn Leute mich laufen sahen, sprachen sie mich mal mehr und mal weniger empathisch darauf an, wie seitlich abgeknickt ich lief. Nervenschmerzen sind nicht lustig, einmal war es so schlimm, dass ich beinahe von einer Straßenbahn erfasst worden wäre, weil ich mich nicht auf mein Umfeld konzentrieren konnte. Ende 2023 machte ich endlich Fortschritte, allen voran dank meiner Hausärztin (Öffnet in neuem Fenster), die mir einen herausragenden Osteopathen (Öffnet in neuem Fenster)empfahl, der mir neben den genialen Behandlungen ein tiefes Verständnis für meinen Körper vermittelt hat.

Im Sommer 2024 spielte ich mein erstes A-Turnier seit der Pause. Den Rücken hatte ich dabei immer im Hinterkopf, was mich oft daran hinderte, mich so zu bewegen, wie ich es gern getan hätte. Zum Block ging ich gar nicht erst vor, weil ich wusste, dass der Sprung noch nicht funktionieren würde, bei Kälte bekam ich Angst und die meisten Angriffe spielte ich aus dem Stand.

Das Sitting-Game in Venedig, Reha-Übungen und beim Zuschauen in Cottbus im Sommer 2023 mit Esthi, Sarah und Romy.

Die Seele auf dem Feld lassen

Ein weiteres A-Turnier mussten wir noch während des Einschlagens abbrechen – diesmal allerdings nicht meinetwegen, sondern weil meine Partnerin solche Schmerzen in der Halswirbelsäule hatte, dass sie nicht spielen konnte. Der A-Cup in Königs-Wusterhausen vom 16. Juni 2024 ist das letzte Turnier, das in der Spielerdatenbank von Romy Crüger steht, denn leider stellte sich heraus, dass ihr Leiden nicht durch Osteopathie zu beheben war. Sie ist im Frühjahr dieses Jahres verstorben. Wenn Romy gespielt hat, hat sie immer ihre Seele auf dem Feld gelassen und seit sie nicht mehr da ist, habe ich das Gefühl, einen Teil von ihr auf dem Beachvolleyball-Feld weiterleben lassen zu wollen. Ich habe in den vergangenen Jahren oft zögerlich gespielt. Zuletzt wegen der Verletzung, aber wenn ich ehrlich bin, stand ich auch schon in den Jahren zuvor oft mit angezogener Handbremse auf dem Feld.

Ich denke, ihr kennt das alle, wenn man in entscheidenden Situationen den vorsichtigen Shot macht, anstatt durchzuziehen, einen ängstlichen Aufschlag übers Netz wirft, statt mehr Druck zu machen und in kritischen Situationen die Konfrontation scheut. Manchmal haben meine Partnerin und ich sogar Turniere abgebrochen, weil wir behaupteten: „Ach, das reicht uns jetzt.“ Ich kann nicht für sie sprechen, aber ich glaube, dass ich mich mit dieser Aussage selbst belogen habe. Ich habe den Wettbewerb gescheut.

Früher war ich lauter

In diesem Sommer war das anders. Ich habe gemerkt, dass mein Körper wieder fit ist, dass ich die passenden Tools habe, um verletzungsfrei zu bleiben. Ich habe herausgefunden, dass ich mein Warm-up am besten zu Hause mache, vor einem Turnier bewege ich mich komplett einmal durch, vor jedem Training mache ich meine Übungen. Ich mache all das gern, weil es die Grundlage dafür ist, mich beim Beachvolleyball so zu fühlen, wie ich es in diesem Sommer getan habe.

Das Wort „gritty“, das ich in der Überschrift benutzt habe, bedeutet so viel wie mutig und entschlossen, es beschreibt eine Person, die Ausdauer und Kampfgeist zeigt, besonders in schwierigen Situationen und die sich nicht scheut auch die unangenehmen Seiten des Lebens ehrlich und realistisch darzustellen. Ich mag es, gritty zu sein. Ich mag es, dass ich mich nicht mehr für meine Laser oder zweiten Bälle schäme oder sie aus Höflichkeit vermeide. Und eigentlich stimmt es nicht ganz zu sagen: „The summer I turned gritty“. Denn es ist keine komplett neue Eigenschaft von mir. Sie war immer da. Als ich klein war, war sie lauter. Dann habe ich sie schlummern lassen, weil mir Leute gesagt haben, dass es ihnen keinen Spaß macht mit mir zu spielen, wenn ich zu gut bin, dass ich weniger niedlich sei, wenn ich ehrgeizig bin. Es gab Schulfreundinnen, die sauer waren, wenn ich besser war als sie, Mannschaftskameradinnen vom Volleyball, die mich weniger mochten, wenn ich mehr Spielanteile bekam als sie und sogar Spielpartnerinnen im Beachvolleyball, die sagten: „Wenn du so viele Bälle abwehrst, sehe ich schlecht neben dir aus.“

 Klar, stark und fair

All diese Erfahrungen haben Gedankenspiralen in meinem Kopf losgetreten. Es ist aber nicht die Verantwortung der anderen, diese zu stoppen. Es ist meine. Durch Romys Tod ist mir nochmal wichtiger geworden, die Momente zu genießen, alle im Leben, aber vor allem auch die im Sand. Ich habe endlich mal wieder tagsüber trainiert, mit so coolen und motivierten Mädels und bin über die Saison, auch durch die vielen unterschiedlichen Partnerinnen und Erlebnisse immer mehr bei mir angekommen. Ich spiele die Turniere, auf die ich Lust habe, bin endlich mal wieder nach Leipzig, Dresden, Cottbus und Hamburg gefahren. Vielleicht spiele ich nächste Saison sogar mal wieder ein Ostseeturnier über zwei Tage. Gebt mir den molten, den Mikasa oder den Wilson, es ist mir egal.

2025 war auch der Sommer, in dem ich das Wohl der anderen nicht mehr über mein eigenes gestellt habe. Diesen Sommer habe ich nicht mehr gesagt: „Ja, es ist ok, dass wir rüber gepritschte Bälle wiederholen.“ Leute, für solche Momente haben wir die Regeln. Let´s put them to use. Und nein, ich spiele nicht mit deiner 4psi-Bowlingkugel, weil du sagst, dass du das magst, obwohl der im Regelwerk festgelegte Luftdruck zwischen 2,49 und 3,20 psi liegt. Ich gebe immer noch Bälle selbst rüber, die ich nicht clean finde oder sage, wenn ich im Netz war. So bin ich und so möchte ich spielen, aber ich lasse mich nicht mehr übervorteilen. Es war der Sommer, in dem ich Zuschauern sowohl als Schiedsrichterin als auch als Spielerin Grenzen aufgezeigt habe, wenn sie sich mit unsportlichen Zwischenrufen ins Spiel einmischten, in dem ich dagegenhielt, wenn jemand zwei Sätze lang nicht mitzählte und dann behauptete den Spielstand zu den eigenen Gunsten zu kennen.

Ein paar Highlight-Momente aus dem Beach-Sommer 2025

Es war das Turnier im Juni in Romys Heimatort Cottbus, bei dem ich auf die Idee kam, wieder lauter zu sein. Und meine Inspiration dazu warst du, liebe Diana Ceschia. Du bist klar, ohne unfreundlich zu sein, laut, ohne übergriffig zu sein, stark, bei dir und gleichzeitig fair. Es tut mir so leid, dass du dich verletzt hast und ich hoffe sehr, dass du zumindest im Sand irgendwann wieder angreifen kannst. Danke, dass du mit mir gespielt hast. Und damit möchte ich all meinen Spielpartnerinnen danken, die in dieser Saison an meiner Seite standen oder mit mir trainiert haben. Jede von euch hat mich inspiriert, jedes Mal habe ich mir etwas abgeschaut, habt ihr mir etwas Wichtiges mitgegeben und das gilt genauso für alle Gegnerinnen. Ihr macht mich besser, weil ich mich strecken muss, um gegen euch zu gewinnen, weil ich lerne, während ich gegen euch verliere und weil wir zu viert auf dem Feld so unvergessliche Momente kreieren.

In den vergangenen Monaten habe ich so viele tolle Menschen erleben dürfen, die mein Mindset und meine Liebe zu unserem Sport teilen, die Fights auf dem Feld mögen, Fokus und Einsatz, Gelächter und Community. Manche habe ich neu, andere besser und einige nochmal von einer anderen Seite kennengelernt. Wie schön, dass es euch gibt und danke, dass ihr diesen Sommer so unvergesslich gemacht habt.

To name some: Aitana, Alina, Angi, Anna D., Anni, Asti, Caro E., Diana C., Eve, Feli, Franzi B., Franzi J., Greta, Hanka, Isi, Jess, Julia, Juli, Katja Z., Kira, Lara, Lisa, Luisa D., Netti, Sarah, Steffi, Tanja N., Tina R., Sophie H., Sophie S., Uli J., Vicky O. Hara

 

Kategorie beachvolleyball.

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