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Der Herbst der schlechten Laune

Manchmal geht einfach nichts voran. Das ist im privaten und im beruflichen Leben so, aber auch in der Gegenwart von Staaten. Man wartet, macht so vor sich hin und dann, Ketchupflaschen Prinzip, kommt alles in Bewegung und man weiß gar nicht mehr, wie der Teller vorher ausgesehen hat.

Derzeit sind Deutschland und Frankreich allerdings entschieden in der ersten Phase einer ermüdenden und ermüdeten politischen Routine gefangen, jeden Tag grüßt das Murmeltier mit Zank, Warnungen und schlechter Laune. Wenn ich Nachrichten schaue, fühle ich mich ähnlich beklommen wie zu gewissen Uni-Zeiten, als ich einen Job an einem Lehrstuhl hatte. Es gab zähe Routinen, immer dieselben Gesichter, feste Essenszeiten und am Nachmittag sehnten sich die Kollegen einem Feierabend entgegen, der ewig nicht kam. Das Schlimmste aber war eine hartnäckige Melancholie, eine narzisstische Obsession mit der eigenen Irrelevanz, die genau genommen nur behauptet war. Oft genug handelt es sich bei schlechter Stimmung um eine recht bequeme Position, die dazu berechtigt, am deprimierten, aber gemütlichen Alltag nichts ändern zu müssen. Damals herrschte das Gefühl vor, früher sei alles besser gewesen, jede Hoffnung vergebens und bald werde es ohnehin aus sein mit den Geisteswissenschaften in Deutschland. Was quatsch war.

So eine selbstgewählte, geistige Lähmung liegt heute über der ganzen Republik. Wenn man die Bundesregierung sieht, oder auch das Kabinett von Lecornu in Frankreich, meint man, raue, weiße Knöchel zu erkennen, weil sie die Schultern so hängen lassen, dass die Hände auf dem Bürgersteig schleifen. Der Ton ist jedenfalls ganz ähnlich wie in den frühen neunziger Jahren: die Klage. Nichts ist verheißungsvoll, alles Gefahr und Bedrohung, wenn man geistig in der alten Zeit wohnen blieben möchte, die besser gewesen sein soll. Photovoltaik ist billiger geworden und populär, sehr viele Hausbesitzer nutzen sie schon, die Elektromobilität verändert den Verkehr - aber beide Entwicklungen müssen in Deutschland wie eine Gefahr diskutiert werden, weil deutsche Industrie und Industriepolitik zu lange vergangenen fossilen Zeiten nachhängen. Weil das Eigenheim allzu lange als alternativlos, als Wohnform der Seligen verkauft wurde, leben heute, etwa in unserer Nachbarschaft, viele alleinstehende Rentnerinnen und Rentner in Häusern, die viel zu groß sind. Eine moderne Heizungsform wird so zum nationalen Drama.

Jeder weiß um die Gefahren der künstlichen Intelligenz, aber ab und zu darf man schon daran erinnern, dass diese Anwendungen das Leben für viele Menschen auch leichter machen. Die Angst, ein amtliches Schreiben auch wirklich ohne Rechtschreibfehler hinzubekommen, ist Geschichte. Gleiches gilt für Sprachbarrieren und Spracherwerb: Es ist nicht lange hin, dann trägt jeder seinen kleinen Dolmetscher in der Brille oder der Uhr und die transnationale Kommunikation erreicht ein völlig neues Level. Man muss die Ergebnisse immer prüfen - aber auch auf dem Feld der Bildung, des Lernens, des Wissenstransfers eröffnen sich hier ganz neue Perspektiven. Wer wie ich zwei linke Hände hat, lernt in wenigen Videos, wie man die Feder einer Ofentür wechselt.

Natürlich kann das Smartphone süchtig machen – ich bin das beste Beispiel dafür –und die Einsamkeit ist auch ein Problem , aber man sieht eben auch viele Menschen, die sich vor einem Video totlachen, Wartezeit verkürzen oder bei anderen Tätigkeiten einen guten Podcast (Öffnet in neuem Fenster) hören!

Die Freude über digitale Möglichkeiten entbindet nicht von der Notwendigkeit einer Regulierung der Besitzverhältnisse, der Verfahren und vieler Vorsichtsmaßnahmen, so wie wir sie im Verkehr auch haben, aber der permanente Warnton alles und jeden betreffend macht irgendwann nur noch taub.

Man verliert den Sinn für die realen Machtverhältnisse, für das, was erreicht wurde und zu verteidigen ist: Europa ist in der supranationalen Integration so weit wie noch nie, der Sozialstaat und die kostenlosen Bildungseinrichtungen sind weltweit einzigartig, die Power des europäischen Marktes ist mit keiner anderen Weltregion vergleichbar – in 27 Ländern warten Bürgerinnen und Bürger darauf, dass das europäische Modell der offenen Gesellschaft endlich auch politisch behauptet, verkündet und verteidigt wird.

Woche für Woche habe ich an dieser Stelle und außerdem in sehr vielen diskreten Gesprächen für eine verstärkte deutsch-französische Zusammenarbeit plädiert, vor allem auch gemeinsame Auftritte von deutschen und französischen Politikern in nationalen Medien empfohlen, gefordert und ersehnt. Es ist so einfach, hätte sooo eine Wirkung, aber lange tat sich da nix. Und dann, neulich morgen, saßen in meiner Lieblingsradiosendung die beiden Europaminister aus Paris und Berlin, Haddad und Krichbaum, als Stargäste und es war lustig, informativ, schräg und ingesamt so heiter – ich konnte es gar nicht fassen.

https://www.dailymotion.com/video/x9swxco (Öffnet in neuem Fenster)

Ein kleiner Junge hat Liebeskummer, seine Eltern möchten vorankommen, die ältere Schwester hat einen Freund – alle kleinen und großen Sorgen des Lebens werden dramatisch, wenn sie im Palermo der achtziger Jahre erlebt werden, wo die Cosa Nostra regiert. Die Geschichte des organisierten Verbrechens und des Kampfes dagegen sind in den letzten Jahren etwas in den Hintergrund gerückt. Alles, was nicht muslimischer Terrorismus oder russischer Cyberkrieg ist, fand in politischen Serien kaum noch statt. Neue Gefahren haben alle Aufmerksamkeit beansprucht, dabei ist dieses Problem aktueller denn je: Das organisierte Verbrechen blüht im Zeitalter des globalisierten Drogenhandels auf, Europa hat dem nur wenig entgegen zu setzen. In dieser Serie wird mit großer historischer Exaktheit nachgezeichnet, wie sich die Mafia organisierte, welche Konflikte es unter den Fraktionen gab und wie sich auch Widerstand dagegen formierte. Dabei gelingt es den Machern und vor allem den Darstellern, zwischen Drama, Komik und Romantik traumwandlerisch sicher zu wechseln.

Die nun veröffentlichte zweite Staffel ist düsterer als die erste, aber genau so großartig.

https://www.arte.tv/de/videos/126990-001-A/die-mafia-mordet-nur-im-sommer-staffel-2-1-12/ (Öffnet in neuem Fenster)

Wenn es um die Beschreibung rechtsradikaler Ideologen und ihrer Wählerschaft geht, macht man es sich meistens zu einfach. Abgehängte Männer auf dem Lande lautet dann gerne eine der Diagnosen, schnell ist auch von den schlechten Busverbindungen in der Fläche die Rede. Aber man unterschätzt die Gefahr der extremen Rechten, wenn man deren Protagonisten und Anhänger nur unter minderbemittelten Provinzlern sucht. Wenn man genau hinsieht, finden sich gerade in den ersten Reihen jede Menge promovierter Menschen, einflussreiche Journalisten, Sachbuchautoren und Intellektuelle. Und wenn ich, selten genug, im alten Sozialmedium Facebook nach früheren Schulkameraden schaue, entdecke ich viel zu oft gutsituierte, gebildeten Männer meines Alters, die für Doktor Weidel schwärmen.

Für solche ist es nicht so der populistische Ton, der die Rechtsradikalen anziehend macht, sondern oft genug das akademisch schneidende, im Gewand der Rationalität daher kommende Ressentiment, was eine bildungsbürgerliche Gruppe anzieht. Alle anderen Parteien haben für diese Gruppe, denen Bildung, ein akademischer Grad und die Hochkultur Mittel der Distinktion und der symbolischen Überhöhung sind, nichts im Angebot. Intellektuelle tummeln sich derzeit nur auf der Rechten, woanders sind sie nicht mehr erwünscht. Ähnliches gilt für Journalisten: Auf der rechten Seite des Spektrums glänzt der Beruf noch in seiner einstigen Aura des Weltdeuters. Ich kenne jede Menge solcher Kollegen, die heute auf der extremen Rechten ihre Überzeugung verkünden.

Der israelische Schriftsteller Yshai Sarid, den ich einmal in Tel Aviv (Öffnet in neuem Fenster)besuchen durfte, erzählt dieses Phänomen anhand eines phänotypischen Journalisten. Leider ist es sehr treffend. Roman der Stunde, sehr cool aufgeschrieben, wie ein Krimi.

Heute tauche ich wieder in die Geschichte des späten sechzehnten Jahrhunderts ein, denn ich beginne die Übersetzung meines Romans “Montaignes Katze” ins Französische. Was passt besser zum Kontext als das historische poule au pot Rezept? Auch sehr wirksam gegen Erkältungen.

https://www.youtube.com/watch?v=gfbd4QUbA-Q (Öffnet in neuem Fenster)

Kopf hoch,

ihr

Nils Minkmar

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