Wilhelm Theodor Heyer und Taylor Swift/Serie The Set/Beigbeder&Nothomb/Roger Willemsen/Estragon

Die entscheidende Frage stellt sich beim Betrachten der rechten Hand: Man kann nicht genau erkennen, ob sie leicht über oder schon unter der Wasseroberfläche schwimmt. Lebt die Frau noch und wartet auf ihren Untergang oder schwimmt sie tot im Wasser?
Der Maler Wilhelm Theodor Heyer, heute völlig vergessen, hat beim Malen nachgedacht.
In der Geschichte Ophelias, wie Shakespeare sie in seinem Drama Hamlet in Form eines Monologs der Königin Gertrude wiedergibt, ist die Ambivalenz der Handlung spannend. Die junge Frau ist bekannt für ihre eigenwilligen Blumenkränze - “fantastic garlands”. Beim Pflücken der dazu nötigen Blüten bricht ein Ast, sie stürzt in voller Kleidung ins Wasser, es ist ein Blumenpflückunfall. Aber was dann? Verzichtet sie aus Kummer und Melancholie darauf, sich zu retten? Hätte sie eine andere Methode des Suizids gewählt, wenn sie nicht verunfallt wäre? War sie doch noch willig, sich zu retten, aber wurde das nasse Kleid zu schwer? Oder war ihr irgendwann alles egal?
Heyer bringt diese Unentschiedenheit der Situation und Anleitung zum Selberdenken in ihrer rechten Hand zum Ausdruck.
Heyers Ophelia gehört eigentlich in eine Trilogie, aber der Kölner Sammler, der das Bild in den dreißiger Jahren erwarb, wollte nur dieses, weil die Frauen auf den anderen beiden Werken ihm zu nackt waren. Zum weiteren Verkauf durch die Erben des Sammlers kam Heyers Werk im Juli 2017, damals gab es ganze 12 700 Euro für das Jugendstilwerk.
Ich finde solche Verkäufeaus Familienbesitz immer auch etwas traurig, darum kann ich kein Freund von Formaten wie Bares für Rares werden. Aber in diesem Fall gab es eine unerwartete Wendung. Jahrelang hing es zwischen vielen anderen nackten, toten Frauen in der Jugendstilabteilung des Museums Wiesbadens, aber nun kommt man kaum durch zum Bild im Museum Wiesbaden - einst ein Ort, an dem ein Yeti unbemerkt herum turnen konnte, so wenig war da los - weil so viele Menschen sich vor Ophelia filmen, tanzend. Schuld ist Taylor Swift, die Heyers Bild in ihrem Clip Fate of Ophelia kurz zeigt und zitiert. Seitdem strömen Fans hin und es ist wieder Leben vor dem Bild der Toten. Swift hat das große Bild selbst vor dem Untergang, dem Fate of Ophelia und einer Existenz am Boden der Kunstgeschichte bewahrt.
Diese kleine Geschichte, es tut ja in diesen Zeiten gut, mal abgelenkt zu werden, erinnert an die kulturelle Power der USA und die Stärke des Westens, wenn alte und neue Welt zusammenhalten. Politisch sind die Verhältnisse bestürzend. Der Musiker Moby erklärte es in einem bewegenden Insta-Post. Moby selbst war in seiner Kindheit auf Lebensmittelmarken angewiesen. Nun bekommen Menschen, die solche Hilfe brauchen, wegen des Shutdowns nichts mehr, während Trump, seine Familie und reichen Unterstützer immer mehr Geld verdienen und der Aktienmarrkt prosperiert. Mobys Analyse (Öffnet in neuem Fenster) ist kurz: pure evil.
In dieser Seriensaison ist mir noch nicht sehr viel aufgefallen. Immerhin gibt es eine spannende nordische Ermittlerserie rund um eine Polizeischülerin, die als verdeckte Ermittlerin auf die Freundin eines Gangsters angesetzt wird. Im Zentrum der Geschichte steht die komplizierte Freundschaft der beiden Frauen, die zunächst auf einer Lüge basiert, nach und nach aber mehr Wahrheit zulässt. Ich freue mich immer, wenn solche Serien es schaffen, dass man irgendwann auch für die größten Fieslinge die Daumen drückt.
Es handelt sich um eine série noire moderner und feministsich informierter Machart, die alles richtig macht. Und daran erinnert, was für ein Problem aus der Hölle die organisierte Kriminalität ist, die derzeit, man ahnt es ja schon, vorwiegend national bekämpft wird. Die Methoden des Geheimdienstes kommen hier allerdings auch nicht gerade gut weg. Angemessen novemberig.
https://www.netflix.com/de/title/81683146 (Öffnet in neuem Fenster)Die diesjährige Saison für Literaturpreise in Frankreich ist weitgehend überraschungsfrei verlaufen. Das ist auch gut so, die Politik dort ist spannend genug. Das literarische Leben ist aber auch deswegen so lustig, weil sich Verrückte wie Beigbeder und Nothomb so viel Mühe geben, ihr Publikum nicht nur aufzuklären, sondern schlicht zu amüsieren. Nothomb schreibt jedes Jahr ein Buch, seit über dreißig Jahren schon, und Beigbeder ist auch nicht mehr das ganz neu, nicht mehr das Rebhuhn dieses Jahres wie man im Südwesten sagt. Er hat vor einigen Jahren Rundfunkgeschichte geschrieben, als er erneut völlig unvorbereitet zu seiner Frühsendung erschien und seine Rubrik freestylen wollte, dabei erklärte, er habe sein Manuskript in der Bar Medellin verloren. Danach labert er noch weiter, Léa Salamé bemerkt “Halten Sie wirklich drei Minuten so durch?” Er wurde direkt danach gekündigt, aber es lohnt sich immer wieder:
https://www.youtube.com/watch?v=Sj76bK0jUXY (Öffnet in neuem Fenster)In ihrer aktuellen Begegnung empört sich Amélie Nothomb darüber, dass die Frauen ihrer Familie als unbedingt durchgeknallt diskriminiert wurden und Beigbeder sagt, da könne aber was dran sein. Der Titel ihre Buches lautet Tant mieux, umso besser – das war das Mantra ihrer Mutter: Mit diesem Spruch kommentierte sie jede der vielen Katastrophen in ihrem Leben.
https://www.youtube.com/watch?v=88YorbYaAuY (Öffnet in neuem Fenster)Unter den ehemaligen KollegInnen und Freunden von Roger Willemsen wird mit einer gewissen Belustigung verfolgt, wie er in den sozialen Medien zu einer Art Gandhi unserer Zeit verklärt wird. Zwei, drei Zitate zirkulieren von ihm, oft dann mit dem Seufzer Er fehlt gepostet. Er wäre der erste, dem das peinlich wäre, denn er wusste ja, was für eine Nervensäge er sein konnte. Manchmal schoben wir ihn aus der Redaktion in Richtung Taxi, einfach, um weiter arbeiten zu können, in Ruhe, während er zum Abgang seine langen Beine emporschwang, Küsschen verteilte, Karnevalslieder anstimmte und das ewige Funkenmariechen gab. Der weitaus größte Teil seiner Arbeit, die Dokumentarfilme und die vielen Fernsehsendungen, sind leider nicht online verfügbar. Man kann sich also heute kein umfassendes Bild machen. Nochmal ganz anders waren seine Qualitäten, wenn er live auftrat. Dann wollten 90% der Menschen im Saal sein wie er, jedenfalls wie der Roger auf der Bühne. Viele Menschen halfen dabei, ihn zu dieser Bühnenfigur zu machen, obwohl sein Talent und sein Fleiß schon außergewöhnlich waren.
Nun gibt es ein Buch, das einen guten Einblick in seine Arbeitsweise und Denkungsart vermittelt. Man sieht, wo er sich heimisch fühlte, wo er improvisierte und lernt völlig obskure Autoren kennen. Denn bevor er ein solcher Promi wurde und nun eben posthum zum digitalen Propheten, hat er als kritischer Intellektueller begonnen, vergisst man heute leicht.

In diesem Rezept wird in angemessener Ausführlichkeit meinem liebsten Zauberkraut gehuldigt. Mit Thymian und Rosmarin kann man leicht jedes gute Gericht ruinieren, dann schmeckt alles nach den Schaumbadzusätzen meiner Kindheit. Estragon hingegen zieht alles empor, unbedingte Geheimwaffe!
https://www.youtube.com/watch?v=6zuEK3N5MIc&t=28s (Öffnet in neuem Fenster)Und für herbstliche Rezepte ohne Fleisch, im Akzent des Béarn vorgetragen, hier entlang:
https://www.youtube.com/watch?v=GHLHuTv3o0c (Öffnet in neuem Fenster)Kopf hoch,
ihr
Nils Minkmar
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