Ich fühle mich oft von den Entwicklungen überwältigt und machtlos, euch geht es bestimmt auch so. Und ich frage mich: Worüber schreiben, wenn für alles, was nötig wäre, keine Zeit ist? Trumps inzwischen über 66 Auftragsmorde; die deutsche “Stadtbild”-Debatte; Gesundheitsministerin Warkens neuester Vorstoß zur Aushöhlung des Cannabis-Gesetzes im "Reform-Herbst"; die zunehmende Verarmung und Verelendung, die auch engagiert von Ministerin Bärbel Bas (SPD!) für Arbeit und Soziales(!) durchgedrückt wird; während "Scheißgesetz"-Minister Dobrindt die Erkenntnisse aus der Evaluation auf respektloseste Art präsentiert und der Drogenbeauftragte Streeck mit der Evaluation meisterliches Framing betreibt, um ebenfalls die Absichten der CDU/CSU zu stärken, desweiteren Daten-Mischmasch zaubert und Probleme der Zukunft herbeibeschwört, wo eine Droge an wachsender Armut Schuld ist, statt der Verelendung der Menschen in der Gegenwart zu begegnen; die tagtägliche grausige Berichterstattung voller Drogenmythen, ... Das alles hat jedoch ein gemeinsames Ziel: Stigmatisierung.
Stigmatisierung ist die tagtägliche Rechtfertigung einer Politik, die Ungleichheit produziert.
Stigmatisierung gepaart mit Kriminalisierung ist besonders effektiv darin, eine gesellschaftliche Realität des Drogengebrauchs (und Erwerbs/Handels) in die Unsichtbarkeit und aus der demokratischen Debatte zu verbannen: Wenn man nicht unfreiwillig enttarnt wurde etwa durch die Strafverfolgung und wenn man sich (zurecht) Sorgen um soziale Sanktionen macht, die bei einem Enttarnen entstehen werden, sei es der Abbruch sozialer Kontakte, in der Familie immer mit anderen Augen gesehen zu werden oder eine ausbleibende Beförderung ins Führungsverantwortung, dann können Drogenmythen von Leuten, die sich nun wirklich gar nicht auskennen (wollen), fortlaufend ohne viel hörbaren Widerspruch weiter entfaltet werden.
Stigmatisierung bedeutet, dass die Aktivität der Verbreitung von Drogenmythen tagtäglich fortgeführt werden muss.
Stellt euch vor, das wäre nicht so. Dann würde sich das Wissen derjenigen, die unter diesen Umständen dennoch Aufklärung betreiben und derjenigen, die diese vielfältigen, ambivalenten, kulturellen Erfahrungen der Bewusstseinsveränderung und gemeinschaftlichen Fürsorge haben, nach und nach verbreiten und durchsetzen.
Man muss tagtäglich aktiv dafür sorgen, dass denen, die die Drogenprohibition entlarven könnten, nicht zugehört wird. Das ist Stigmatisierung.
Stigmatisierung heißt, die vielen relevanten Zusammenhänge zu unterschlagen und stattdessen Drogen- und Suchtpolitik als medizinisch-psychiatrische, polizeiliche Angelegenheit zu isolieren. Dies während inzwischen der UN-Hochkommissar für Menschenrechte und viele, viele unabhängige Fachgruppen klare Empfehlungen für die Entkriminalisierung und Beendigung der Prohibition wiederholt aussprechen und ehemalige Regierungsverantwortliche ihre Fehler eingestehen (siehe: Überblick (Öffnet in neuem Fenster)).
Zusammenhänge in der demokratischen Debatte herzustellen, nachdem es jahrzehntelang und weiterhin Tag für Tag eine Stigmatisierungsbewegung gibt, ist mühsam. Wie soll man dagegen ankommen? Ich will daher versuchen, die Kritik leichter zu machen, zu systematisieren und aufs Wesentliche zu konzentrieren. Politiker*innenreden und Berichterstattungen wiederholen immer wieder dieselben Muster, die sich enttarnen und so besser für ihre Problematik verständlich machen lassen.
Einige von euch kennen bestimmt den "Bechdeltest", der in 3 knappen Fragen klären, ob ein Film Minimalstandards für die Darstellung von Frauen erfüllt (fast alle Hollywood-Filme vor 2020 fallen durch). Ganz so knapp geht es bei diesem Thema womöglich nicht, aber das ist die Inspiration. Mein Wunsch ist, die Drogenberichterstattung auf den Qualitätsanspruch zu erheben, der für unabhängige, machtkritische, demokratiefördernde Berichterstattung im Gesamten gilt.
Die 2 Entwürfe
Es handelt sich im Folgenden um 2 Entwürfe. Einen Quick Check für die Presse und einen für die Politik. Beide sind noch zu ausführlich, also noch nicht richtig als Quick Check formuliert; ich werde sie weiter kondensieren. Ich will euch heute trotzdem den Zwischenstand schicken. Vielleicht ist es so schon nützlich und vielleicht fällt euch etwas auf, das fehlt oder etwas, das ihr nicht nachvollziehen könnt oder kritisieren würdet?
Die fertigen Quick Checks werde ich gesondert veröffentlichen, um sie besser und breiter zugänglich zu machen. Wer mir mit Feedback hilft, sie zu verbessern, wird dort dann natürlich (wenn gewünscht) als Beitragende*r genannt.
Quick Check Stigmatisierung in der Presse (Entwurf)
Wird besonders stigmatisierten, illegalisierten Drogen wie Crack-Kokain die Schuld für die Folgen politischen Handelns gegeben, z.B. Austerität?
Werden vereinzelte Probleme mit dem Gebrauch illegalisierter Stoffe skandalisiert statt belichtet und von Unsicherheiten befreit, z.B. Psychosen?
Wird eine Alternativlosigkeit der Polizei in der Drogenbekämpfung suggeriert, also die Regierungslinie trotz vorliegender Handlungsempfehlungen von Expert*innen unkritisiert wiedergegeben?
Werden einzelne Positionierungen aus Fachverbänden für Positionierungen der ganzen Branche dargestellt, z.B. “die Suchthilfe will…”?
Werden Polizeimeldungen oder Pressemitteilungen des*der Drogenbeauftragten qua seiner*ihrer Position schlicht wiedergegeben statt eingeordnet und auf Richtigkeit geprüft? Wird berücksichtigt, dass das Amt des*der Drogenbeauftragten politisch statt nach Eignung im Sinne der Politikbetroffenen besetzt wird und daher Interessenskonflikte naheliegen? Werden demgegenüber die Positionierungen von stigmatisierten Politikbetroffenen als nichtig behandelt und damit weiter stigmatisiert?
Werden Polizeigewerkschaften zu Expert*innen für Drogenpolitik erhoben statt ihren institutionellen Interessenskonflikt in Fragen über den politischen Umgang mit illegalisierten Drogen zu berücksichtigen? Werden Forderungen nach mehr Ressourcen kritisch beleuchtet?
Wird fälschlicherweise suggeriert, dass Drogenhandel hauptsächlich in der Öffentlichkeit stattfinde und damit Geflüchteten und nicht-weißen Personen zugeschoben und damit rassistische Bilder verstärkt statt aufgelöst (im Text und in der Bebilderung)?
Werden beim Thema Sucht ausschließlich individuelle Konsumsituationen und Lebensläufe präsentiert und zur öffentlichen Diskussion offengelegt, während es für die Belechtung des Themas eigentlich strukturelle Recherchen erfordern würde, z.B. Bundesländer, die wirksame Gesundheitsleistungen verweigern oder unterfinanzieren. Wird die Abhängigkeit von illegalisierten Substanzen präsentiert, als ob es keine Strafverfolgung und ihre Folgen auf Gesundheit und Biographien gäbe?
Wird berücksichtigt, dass die interviewten Personen unterschiedlich offen über ihre tatsächliche Lage, Erfahrungen und Einstellungen sprechen können, um Stigmatisierung und Probleme mit der Justiz zu vermeiden? Wird berücksichtigt, dass jene Personen, die sich von illegalisierten Drogen abgrenzen und schlecht über sie sprechen, hingegen viel präsenter mit ihrer Meinung sind und sein können, weil ihnen keine negativen Konsequenzen drohen?
Wird offen gelassen, dass Drogengebrauch unterschiedlich und vorwiegend schön, zweckmäßig oder bereichernd erlebt wird oder werden negative Bilder und Sterotype bemüht (z.B. der arrogante Kokser)?
Wird die Wirkung aller illegalisierter Stoffe als gleich präsentiert und damit die politische Trennung zwischen legal und illegal übernommen? Wenn nicht, wird eine andere Hierarchie zwischen den Substanzen bemüht, welche die Stigmatisierung auf andere Drogen und Drogengebrauchende verschiebt (z.B. Psychedelika vs. “die wirklich harten Drogen”) statt die alle betreffenden Drogenmythen und die Irrtümer der Prohibition, welche diese politische Grenzen überhaupt erst verursacht haben, zu entlarven?
Quick Check Stigmatisierung in der Politik (Entwurf)
Wird eine mögliche zukünftige Drogenkrise, die Elend produzieren werde, heraufbeschworen, an der dann diese besonders gefürchteten, “neuen” Drogen Schuld seien, statt der Verelendung und Verarmung in Deutschland heute zu begegnen, z.B. durch Begegnung von Wohnungsnot und Ungleichheit?
Wird eine Evaluation komplett und korrekt wiedergegeben oder werden einzelne Aussagen zum Zweck einer politischen Botschaft geframet? (Quick Check nur möglich, wenn Evaluationsbericht gelesen; zumindest die Erklärung über die Methodik und Grenzen der Aussagekraft am Beginn und die Erkenntnisse aus der Untersuchung am Ende des Hauptteils; aber niemals nur das Fazit, das Fazit lässt sich oft auch besser auslassen, wenn es sich vom eigentlichen Inhalt entfernt)
Betreibt ein*e Politiker*in mit der Pressearbeit Marketing für die eigene Karriere oder setzt er*sie sich auch öffentlich mit demokratischem Widerspruch auseinander? Gibt die*der Politiker*in den von der Drogen- und Suchtpolitik betroffenen Personen Raum oder trägt er*sie zur Verunsichtbarung im politischen Diskurs bei?
Wird eine autoritäre Moral über Kultur erhoben, das heißt, wird eigenmächtig zu bestimmen versucht, welche Kultur staatlich legitimiert ist (Alkoholgebrauch) und welche nicht (alle illegalisierten Stoffe)?
Wird durch eine Begrenzung auf gesundheitspolitische Fragen der innen- und außenpolitische Hauptteil der Drogen- und Suchtpolitik aus dem Diskurs verunsichtbart? Verweist z.B. das Innenministerium bei Anfragen auf das Gesundheitsministerium und den*die dort angegliederten Drogenbeauftragte*n? Wird die Rolle des Innen- und Außenministeriums in der Drogenprohibition sprachlich verschleiert, z.B. “Internationale Zusammenarbeit zur Bekämpfung organisierter Kriminalität” statt “Drogenbekämpfung” oder “Drogenkrieg”?
Werden Forderungen aufgestellt, die sich informiert und fürsorglich anhören, aber mit der Partei oder der Regierung nicht umsetzbar sind, weil dort der Wille fehlt oder tatsächlich eine andere Agenda verfolgt wird? Welche der behaupteten Bestrebungen lassen sich tatsächlich umsetzen und wofür setzt sich die*der Politiker*in/Drogenbeauftragte*r tatsächlich in der Partei, in den Behörden und in der Regierung ein?
Der Stigma-Begriff in diesem Artikel ist inspiriert von:
Prof. Imogen Tyler, Book: “Stigma: The Machinery of Inequality” (EN)
Prof. Imogen Tyler, Podcast: “The Stigma Conversations (Öffnet in neuem Fenster)” (EN)
NEU! Podcast: Und dann am Punk
Unter anderem Stefanie Bötsch (auch bei Steady: Psychoaktiv Podcast (Öffnet in neuem Fenster)) und ich sprechen in einer Runde zu sechst über Sucht:
https://www.podcast.de/episode/695621918/special-zum-thema-sucht-und-dann-kam-punk (Öffnet in neuem Fenster)Der heutige Beitrag erschien zuerst am 06.11.2025 für die zahlenden Mitglieder (Öffnet in neuem Fenster) des Drogenpolitik Briefings. Dies hier ist die kostenlose, zeitlich verzögerte Veröffentlichung. Es ist mir wichtig, die Paywall nach ein paar Tagen aufzuheben und ich freue mich über alle Interessierten. Willkommen an die Neuen!
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