Bevor es wieder zurück zur Tagespolitik geht (die einem wirklich keinen Nerv ausspart), gibt es heute ein Intermezzo zur Sprache. Nur ganz unten am Ende kurz zu Trump. Letzte Woche habt ihr nichts von mir gehört, dafür wird es heute etwas länger.
In der Presse sind wir tagtäglich mit stigmatisierender Sprache konfrontiert. Aber genauso auch im Gesundheitssystem, in Pressemitteilungen der Polizei, in Gerichtsurteilen, in der ärztlichen Praxis, am Arbeitsplatz, in der Schule, …
Direkte Kritik daran ist eher unwahrscheinlich. Sie wird wahrscheinlich abgestraft.
Sind illegalisiert drogengebrauchende Personen in einer Gesprächsrunde nicht als solche enttarnt, haben sie in Anbetracht des Stigmas gute Gründe, es dabei zu belassen und Mythen über die Wirkung illegalisierter Substanzen oder eine angeblich alternativlose “Drogenbekämpfung” nicht richtigzustellen.
Kritik an den politischen Umständen zu üben, könnten theoretisch alle, aber es wird sozial abgestraft. Wenn man neutral, positiv oder mit einer tiefer informierten Meinung über Drogen- oder Sucht(politik) spricht, irritiert das.
Die Perspektiven von stigma- und kriminalisierungserfahrenen Personen werden oft grundsätzlich ausgeschlossen und nur solchen Fachleuten eine Expertise zugeschrieben, die ironischerweise möglichst wenig mit den illegalisierten Substanzen zu tun haben. Dieses absurde Paradox darf sich nicht auch noch in Entstigmatisierungs-Bemühungen finden.
Der Sprachleitfaden aus dem Wissen von Stigmaerfahrenen
Um dem Stigma engagiert zu begegnen haben wir (Öffnet in neuem Fenster)vor 3 Jahren Wissen und Meinungen zur Sprache und Wortwahl von vielen verschiedenen Stigmaerfahrenen gesammelt und zu einem Sprachleitfaden (Öffnet in neuem Fenster) vereint.
Den Sprachleitfaden zeichnet desweiteren aus, dass er keine einmalige Publikation, sondern ein langfristiges, fortlaufendes Projekt ist. Um dies zu sichern, wird er von einem wachsenden Bündnis von Organisationen und Fachverbänden (bald in 4. Auflage) publiziert und in die jeweiligen Netzwerke getragen.
Bringt eine Veränderung des Wortschatzes überhaupt etwas?
Wenn Wörter einfach durch andere ersetzt werden, können die neuen Wörter dieselbe problematische Bedeutung übernehmen, die man eigentlich loswerden wollte. Die Reflektion über die passende Wortwahl darf nicht vergessen, auch kritisch zu prüfen, worüber man eigentlich spricht und ob es auf diese Weise oder überhaupt nötig ist.
Manchmal ist der Fall klar: Beleidigende Schimpfwörter, wie “Junkie” oder “Zombie” so wie sie zur Degradierung oder Entmenschlichung von Personen gegen sie gerichtet sind, die illegalisierte Substanzen gebrauchen und mit bestimmtem Drogengebrauch öffentlich auffallen, inbesondere jene Personen ohne Wohnung oder Rückzugsort, die zum Beispiel ungefragt von Reporter*innen aus dem Auto heraus gefilmt, zur Schau gestellt und öffentlicher Debatte ausgesetzt werden, und zwar als undefinierte Masse statt Personen mit einem eigenen Leben.
Hier zeige ich einen sprachlichen Ausweg auf: Sich die Zeit zu nehmen, sich damit auseinanderzusetzen und sich dazu zu bekennen, worüber man eigentlich genau spricht. Wenn der Satz lang wird, ist das keine Rechtfertigung zu einem Zurück zur Abkürzung, sondern spiegelt, was man gerade alles in die Schublade eines einzelnen Wortes zu drücken versucht.
Im Anschluss steht die Frage an, wie viel ich über diese Personen überhaupt weiß/recherchiert habe, ob ich ihnen mit meinen Aussagen gerecht werde oder ob ich überhaupt etwas Relevantes zur ihrer Situation zu sagen habe. Und nicht zuletzt: Ob diese Person(en) vielleicht nicht doch auch tatsächlich selbst etwas zur Sache zu sagen haben.
Das hört sich im O-Ton von Stigma- und Kriminalisierungs-Betroffenen im Öffentlichen Raum zum Beispiel so an:
https://mybrainmychoice.de/o-ton (Öffnet in neuem Fenster)
Diese O-Töne haben Mitwirkende des Berliner Bündnisses für den Gedenktag für verstorbene Drogengebrauchende voriges Jahr aufgenommen (Fixpunkt), geschnitten (Notdienst, My Brain My Choice) und bei uns (My Brain My Choice) im Blog veröffentlicht. Sehr hörenswert!
So kommt man also vom einzelnen Wort zum größeren Problem.
Das ist das Ziel. Eine Wortwahl kann unmittelbaren Änderungsbedarf haben, aber in jedem Fall muss ihre Reflektion zu dringend nötigen Gesprächen führen, die wegen dem Tabu zu selten oder unter Ausschluss von Stigmaerfahrenen geführt werden.
Anders als bei entmenschlichenden Schimpfwörtern ist es zum Beispiel bei “Droge” und “Sucht” komplizierter. Sie sind gängig, jede*r hat sofort eine Vorstellung. Beide Begriffe sind mit Abwertungen, Vorurteilen, Mythen und Abgrenzung verbunden. Allerdings nicht für alle.
“Drogen” sind für viele ja nichts Schlimmes. Und “Sucht” muss nicht mit krank machenden Sorgen und politischer Panikmache verbunden sein.
Lassen sich diese Worte mit einer Mythen-befreiten Bedeutung belegen oder braucht es eine konsequente Änderung der Wortwahl, z. B. “psychoaktive/psychotrope Substanzen" statt “Drogen” und “Substanzgebrauchsstörung” statt “Sucht”? Das ist strittig und entsprechend behandeln wir es in unserem Glossar (mit ein paar der häufigsten Begriffe (Öffnet in neuem Fenster)).
Welche sprachliche Änderung eine wirksame Entstigmatisierung in Aussicht stellen kann, ist oft kontextabhängig.
Fachlich exakt und grundsätzlich angemessen ist schlicht: “psychoaktive Substanzen” bzw. “psychotrope Substanzen”. Und nicht das etwa von einigen Fachkreisen bemühte “Suchtmittel” (das es zwar schafft, auch nicht-stoffgebundene Abhängigkeiten einzuschließen; Warum ich es aber aus mehreren Gründen problematisch finde, erkläre ich hier. (Öffnet in neuem Fenster))
Für die politische Aufklärungsarbeit ist es hilfreich, am allgemeinen Begriff “Droge” und “Sucht” zunächst anzuknüpfen. Auch kann es sinnvoll sein, sich nicht selbst auch noch daran zu beteiligen, diese beiden Begriffe als etwas Schlechtes abzutun.
Ist der Container “Droge” bzw. “(illegalisierte) psychoaktive Substanz” aber wiederum geeignet, um sich besser zu verständigen, oder ist es sinnvoller, von den konkreten Substanzen zu sprechen, die man gerade meint?
Dass die Formulierung “Alkohol und Drogen” unpassend ist, da sind sich vermutlich alle, die die Mythen loswerden wollen, einig. Aber was ist mit dem Ausdruck “Alkohol und andere Drogen”? In manchen Situationen ist es sinnvoll, Alkohol als Teil der ganzen psychoaktiven Chemie einzuschließen. In anderen Fällen ist es besser, konkret zu klären, über welche Substanzen und Konsumsituationen man gerade spricht.
Einen klaren Appell habe ich: Statt sich mit “Psychedelika” von “den wirklichen Drogen” abzugrenzen, kommt es darauf an, diese Entsolidarisierung bei sich und anderen nicht zuzulassen. Alle teilen Erfahrungen von Stigmatisierung, Kriminalisierung, omnipräsenten Drogenmythen, Wissen über Wert und Risiken von Drogenerfahrungen sowie Wissen über Risikoreduzierung, außerdem über fahrlässig schlechte “Prävention”. Und nicht zuletzt teilt man ein Kopfschütteln über das trotz allem weiter bestehenden Betäubungsmittelrecht und anwachsende Neue-Psychoaktive-Substanzen-Gesetz. In anderen Worten: Man weiß um die Folgen von Strafverfolgung, Mythen und Illegalität auf die Lebensqualität. Man sollte sich von Stigma und Tabu nicht trennen lassen, sondern besonders schwer stigmatisierten Personen, denen weniger geglaubt wird, zur Seite stehen.
Der Sprachleitfaden hat 2 neue Bündnispartner*innen.
Die Deutsche Gesellschaft für Soziale Arbeit in der Suchthilfe (DG-SAS) und die Initiative #KonsumRaumGeben sind nun offiziell Partner*innen für die Verbreitung des Sprachleitfadens und die Förderung (selbst)kritischer Reflektion. Am Wochenende habe ich die Website anlässlich aktualisiert und das Bündnis auf der Startseite hervorgehoben: gegen-stigma.de (Öffnet in neuem Fenster) (Über die Bündnispartner*innen: gegen-stigma.de/ueber-uns/ (Öffnet in neuem Fenster))
Wir drucken den Leitfaden nun in 4. Auflage fast unverändert nach. Finanziell werden Druck und Versand von den Bündnispartner*innen getragen, sodass er für Sie/Euch kostenlos ist und bleibt.
Eine inhaltliche Weiterentwicklung mit neuen Begriffen (die jeweils mit mehreren Stigmaerfahrenen entwickelt und abgestimmt werden müssen und sollen), ist ohne finanzielle Förderung schwer. Der Plan hierfür steckt erstmal noch weiter in meiner Schublade.
Zielgruppe: Presse
Die Beliebtheit des Leitfadens (und der kleinen Kärtchen) bricht allerdings erfreulicherweise, auch so wie er ist, nicht ab. Allerdings beweist jeder Tag bitter, wie groß der Bedarf ist.
Die Presse verantwortet nur einen Teil der Stigma-Produktion (Öffnet in neuem Fenster), aber ist gesamtgesellschaftlich Tag für Tag omnipräsent und sehr aktiv – neben Institutionen, Politik, dem sozialen Umfeld, Social Media etc. Stigma-Produzent ist aber auch das Gesetz, das die Ungleichbehandlung zwischen psychoaktiven Substanzen, ihrem Besitz und Handel, rechtfertigt, “Kriminelle” schafft und Widerspruch delegitimiert (wie in: “einfach keine Drogen nehmen”, “mit Kriminellen spreche ich nicht, sie sollen aufhören, unserer Gesellschaft zu schaden”, “ausländische Drogenkriminelle werden zurecht abgeschoben”) und ein falsches Sucht- und Therapie-Verständnis manifestiert (wie in: “krank im Hirn, deswegen braucht es einen Staat, der einschreitet”).
Manche von euch erinnern sich: Voriges Jahr habe ich über 100 Briefe an Medienschaffende und Redaktionen verschickt (Öffnet in neuem Fenster). Gerade schließe ich mit den Bündnispartner*innen die Absprachen zum Nachdruck ab und dann kann es weitergehen. Ob die Versandaktion in den adressierten Redaktionen bisher eine Wirkung hatte, kann ich nicht sagen. Nur die Apotheken Umschau und der WDR haben sich in einem Antwortschreiben (ebenfalls per Briefpost) bedankt. Sowas erwarte ich nicht, aber ist natürlich sehr schön und schön weiterzuleiten. :)
Grundsätzlich gilt: Es braucht viel Wiederholung. Eben deshalb ist das Sprachleitfaden-Projekt mit langfristigen Bemühungen unterlegt.
Den Sprachleitfaden gibt es (neben seinem Druck als Faltblatt, das sich als Plakat aufhängen lässt) digital auf der Website sowie zum Download als PDF und zum Hören.
80 Leben genommen
(Verfasst am 17.11.2025)
Trumps Todeszahl im Namen der “Drogenbekämpfung” liegt bei mindestens 80 Personen, denen er auf direkten Befehl das Leben genommen hat. Sein vorgebliches Recht dazu, in internationalen Gewässern Zivilist*innen zu töten, die irgendwessen?, seiner? Meinung nach etwas mit Drogenhandel zu tun haben, baut nur ein wenig auf den üblichen repressiven Drogengesetzen auf und bedient sich an den üblichen Vorstellungen, Drogenhandel müsse international und polizeilich/militärisch bekämpft werden.
Ist ihm eine saubere Rechtsgrundlage aber wirklich so wichtig, wie er gerade tut? Irrwitzigerweise, oder vielmehr: passenderweise, ist diese vorgebliche rechtliche Grundlage für die militärischen Angriffe und Tötungen, von der Trump und seine Leute behaupten, sie zu haben, intransparent (Öffnet in neuem Fenster).
Die Grundidee ist jedoch diese: “Wer Drogen handelt, ist ein Terrorist." Der “war on terror” und “war on drugs” werden miteinander vermischt, was er sich womöglich von Duterte abgeschaut hat (Öffnet in neuem Fenster). Denn eine seiner ersten Amtshandlungen im Januar war genau das, diese Vermischung einführen:
Der heutige Beitrag erschien zuerst am 17.11.2025 für die zahlenden Mitglieder (Öffnet in neuem Fenster) des Drogenpolitik Briefings. Dies hier ist die kostenlose, zeitlich verzögerte Veröffentlichung. Es ist mir wichtig, die Paywall nach ein paar Tagen aufzuheben und ich freue mich über alle Interessierten. Willkommen an die Neuen!
Um dem Schreiben der Kommentare und Kritiken mehr Zeit einräumen zu können, suche ich weitere Unterstützer*innen.
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