Und was mit der Scham anstatt dessen passieren muss, um die Gewalt zu stoppen. Auf emotionaler, rechtlicher und gesellschaftlicher Ebene!
Mich macht nicht nur der Umstand wütend, dass eine Collien Fernandes so etwas erleben musste und muss. Mich macht auch wütend, wie dieser Diskurs geführt wird. Nämlich: viel zu unausdifferenziert.
Durch meinen Job als Systemische Therapeutin in einem Beratungszentrum bekommen ich jeden Tag die menschlichen Abgründe mit. Leider weiß ich zu genüge, wozu Menschen fähig sind. Man könnte also meinen, dass mich solche Nachrichten gar nicht mehr schocken können.
DEM IST NICHT SO. Es macht mich Tag für Tag immer wieder wütend. Nur habe ich einen anderen Umgang damit gefunden. Den muss ich haben, sonst könnte ich diesen Job nicht gut machen.
Und aus fachlicher Sicht finde ich den Satz “Die Scham muss die Seite wechseln” problematisch und auch polarisierend, was diesem Diskurs auf keinen Fall zu Gute kommt.
Ich schreibe das nicht, um Täter zu entschuldigen, sondern um zu zeigen, warum wir das Problem nur lösen können, wenn wir es ganzheitlich betrachten.
Warum es einen neuen Umgang mit Scham braucht - auf beiden Seiten!
Die Scham kann so manche Gewaltbereitschaft sogar noch verschärfen, wenn sie nicht gefühlt werden möchte. Wir können also davon ausgehen, dass viele Täter:innen sich schämen. Aber um diese Scham nicht spüren zu müssen, wird weiterhin geleugnet, manipuliert und Schuldumkehr betrieben. Das ist eine Form, um mit der Scham umzugehen. Die andere Form ist die, dass wir uns klein machen, verstecken, still bleiben. Das ist meistens der Umgang mit Scham auf der Opferseite.
Es geht nicht darum, Täter:innen von Scham zu entlasten, sondern darum, dass unbearbeitete Scham oft zu Leugnung und weiterer Gewalt führt.
Der Umgang mit Scham ist das Ergebnis des Patriarchats. Das bedeutet, es muss sich auf gesellschaftlicher und persönlicher Ebene etwas ändern. Das passiert aber nur
wenn auf politischer Ebene gesetzliche Lücken geschlossen werden
wenn es auf psychosozialer Ebene ausreichend und niedrigschwellige Angebote gibt
wenn es auf persönlicher Ebene immer mehr Männer gibt, die sich trauen, darüber zu reden
Und wenn die Opfer darin bestärkt werden, sich mit Hilfe des Systems zu ermächtigen, um sich aus der Gewaltspirale zu befreien
Die unangenehme Gleichzeitigkeit
Ich bin in meiner Arbeit schon des Öfteren mit der Täter-Beratung in Kontakt getreten. Eine sehr wichtige Arbeit, ohne die wir dieses Problem nicht lösen können.
Ich selbst musste auch schon einem Täter psychologische erste Hilfe geben, bis ich ihn bei einer Täterberatungsstelle unterbringen konnte. Und meine Aufgabe war es, ihn dafür zu sensibilisieren. Das bedeutete aber auch, dass ich auf ihn und seine Gefühle erst einmal eingehen musste. Und glaubt mir: Das ist mir als chronisch erkrankte Frau, die selbst schon viel psychische Gewalt auf mehreren Ebenen erfahren musste, nicht leicht gefallen.
Ja, es fühlt sich unangenehm an, über Täter zu sprechen, während Opfer leiden. Aber diese Unannehmlichkeit müssen wir aushalten, wenn wir die Gewaltspirale durchbrechen wollen. Eine Täterberatung kann in dem Fall ein Schutz für potenzielle Opfer bedeuten und geht mit präventiver Verantwortung einher.
Auf emotionaler und psychologischer Ebene braucht es geschützte Räume. Sowohl für Opfer, als auch für Täter. Das, was ich hier anspreche, kann ein ungutes Gefühl der Ambivalenz auslösen, was ich gut verstehen kann. Nur leider ist das Leben nicht schwarz weiß und wir dürfen lernen, einen besseren Umgang mit dieser Gleichzeitigkeit zu finden. Und mir ist das ein wichtiges Anliegen, weil eine Schwarz-Weiß-Sicht, ein Entweder-Oder-Denken schnell polarisiert und für noch mehr Härte an den “Fronten” sorgen kann. Und damit ist uns nicht geholfen, wenn wir gesamtgesellschaftlich und GEMEINSAM etwas verändern wollen.
Dazu habe ich neulich ein sehr interessanten Film gesehen, da geht es um den Täter-Opfer-Ausgleich. Der Film heißt “All eure Gesichter” und zeigt, wie ein Täter-Opfer-Ausgleich auf beiden Seiten zu Heilung führen kann. Dazu braucht es aber Einsicht und demütige Bereitschaft seitens der Täter:innen.
Man muss es sich leisten können, sich aus gewaltvollen Beziehungen zu lösen
Die “Spiegel” Recherche ist aus meiner Sicht sehr gelungen. Sie haben sich rechtlich abgesichert, den richtigen Zeitpunkt gewählt und wichtige Zeug:innen befragt. Zudem hat Collien ihre Therapeutin von der Schweigepflicht entbunden und die Therapeutin als Quelle zugelassen. Das ist wahnsinnig mutig und stark. Das ist ein so wichtiger Schritt und ich bin so dankbar, dass sie den Mut hat, sich der Öffentlichkeit zu stellen.
Collien Fernandes nutzt ihre Reichweite nun, um andere dafür zu sensibilisieren. Denn man muss auch die Klassenfrage bedenken. Nicht jeder hat das nötige Wissen und die nötige Kraft, sich aus gewaltvollen Beziehungen zu lösen. Und deswegen braucht es auf rechtlicher und gesellschaftlicher Ebene viel mehr Angebote und professionelle Begleitung.
Wir fragen uns immer, wieso die Frauen nicht einfach gehen. So einfach ist es nicht. Das hat unter anderem viel mit posttraumatischen Stress und Trauma zu tun.
Und neben der psychischen Ebene gibt es da auch noch die soziale Ebene. Viele Opfer haben einfach die finanziellen, sozialen und energetischen Mittel im Alltag nicht, um sich eigenständig zu befreien.
Wenn der Sozialstaat versagt und immer mehr abgebaut wird
Nicht nur auf rechtlicher Ebenen müssen also Lücken geschlossen werden. Auch auf der Ebene des Sozialstaates. Denn, dass viele Opfer die benannten Mittel nicht haben, hängt mit gesellschaftlichen Ungleichheiten zusammen. Und diese Lücke kann nur geschlossen werden, wenn mehr Geld in die soziale und psychologische Versorgung gesteckt wird. Viele Beratungsstellen und Frauenhäuser sind überlastet und von dem neuen Honorarsatz für Psychotherapeut:innen wollen wir gar nicht erst anfangen. Und unsere aktuelle Regierung gibt auch leider keine Aussicht auf Besserung, weil ein Herr Merz es eher bevorzugt, der Lobby der Autoindustrie den Bauch zu pinseln anstatt die wirklichen Probleme der Bürger:innen ernst zu nehmen.
Mein Fazit
Die Scham muss nicht die Seite wechseln - aber sie muss bearbeitet werden. Auf beiden Seiten. Um Gewalt zu stoppen!
Psychologisch.
Rechtlich.
Gesellschaftlich.
Bleibt laut. Mischt euch ein. Holt euch Hilfe!
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