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Ein Interview für Kiffer

Meine lieben Buddys,
es ist Montag, und zu Beginn erstmal mein Kommentar zu Jens Spahn: Endlich!

So, und nun komme ich zu meinem heutigen Artikel, denn vor rund 10 Jahren habe ich begonnen, regelmäßig im Kiffer-Magazin "THCene" Kolumnen zu schreiben. Und weil die Printausgabe kürzlich eingestellt wurde, bat der Chefredakteur für die Online-Redaktion mich zu einem Interview, mit Fragen, die ich so auch noch nie beantworten sollte. Und das Resultat möchte ich Euch hiermit vorab zu lesen geben.

Weißt du noch, was das Thema deiner allerersten Rubrik in der THCENE war?

Ach Du Scheiße! Wie lang ist das jetzt her? Das war doch vor Urzeiten. Da müsste ich im Archiv kramen. Aber ich vermute, das weißt Du schneller, oder?

Du hast dich in Ausgabe 6/2015 der Frage "Wer genau ist eigentlich ein Wirtschaftsflüchtling?" gewidmet und einen Text verfasst, der auch heute noch erstaunlich aktuell ist. Altert Satire immer so gut oder ist das eher die Ausnahme?

Ja, Wahnsinn. Aber es kommt halt immer drauf an, womit man sich beschäftigt. Als ich 1997 anfing, Kabarett zu machen, war Helmut Kohl noch unser Bundeskanzler. Und Witze über ihn würden heute wohl eher nicht so gut funktionieren. Allein schon deswegen, weil viele Jüngere sich fragen: Helmut Wer? Viele Jüngere fragen sich ja sogar bei unserem letzten Kanzler: Olaf Wer? Aber Satire, die sich nicht auf Personen fokussiert, sondern gesellschaftliche Zusammenhänge beleuchtet, hat tatsächlich sehr oft ein sehr langes Haltbarkeitsdatum. Deswegen sind ja auch z B Erich Kästner oder Kurt Tucholsky immer noch brandaktuell. Und da fragen sich ja sogar Ältere: Erich Wer? Kurt Wer?

War es schwer, alle zwei Monate mit einer neuen Rubrik für die THCENE um die Ecke zu kommen?

Klares Nein. Was aber damit zusammenhängt, dass ich von Anfang an völlige Freiheit hatte, sowohl was die Themen, als auch die Textlänge betraf. Und das machte es mir richtig geschmeidig, mich nach Lust und Laune auszutoben. Wofür ich mich an dieser Stelle auch mal herzlich bedanken muss.

Die allermeisten Feedbacks zu deinen Rubriken waren ja positiv, aber manchmal kam auch Kritik - wie gehst du damit um?

Ich informiere umgehend meine Anwälte und bombardiere die Person mit Unterlassungsklagen im siebenstelligen Bereich, und zusätzlich beauftrage ich eine russische Troll-Fabrik, sämtliche Accounts zu hacken, und schon is Ruhe.
Nein, mal ganz ehrlich: Kritik ist natürlich wichtig, und ich bin auch grundsätzlich immer dankbar für Feedback. Und gerne auch mit Schmäh oder Spott, und gerne auch mit dem Finger in der Wunde.

Aber es gibt zwei Aspekte, die ich mir nicht reinziehe. Zum einen, wenn jemand einfach nur irgendeine Pöbelei hinrotzt, was mehr über den Absender aussagt, als über mich. Oder wie es der Satiriker FW Berstein mal formulierte. "Die größten Kritiker der Elche waren früher selber welche." Und jetzt fragen sich wieder viele Jüngere: FW Wer?
Und was ich auch nicht mag, wenn das dann auch noch aus der Anonymität heraus passiert. Ich halte meinen echten Namen und mein echtes Gesicht hin. Und wenn jemand sich hinter "Junglejimmyx007" versteckt und jeglichen Respekt vermissen lässt, dann fällt es schwer, daraus einen konstruktiven Nutzen zu ziehen.

Hast du das Gefühl, dass heute mehr kritisiert wird und die Leute empfindlicher sind als noch vor 10 Jahren?

Also, wenn Du einen Zeitraum von 10 Jahren ansetzt, sehe ich kaum einen Unterschied bei der Menge an Kritik. Würdest Du einen Zeitraum von 20 Jahren ansetzen, also vor dem Siegeszug von Social Media, da sieht die Sache schon anders aus. Und vor 30 Jahren musste man eine Kritik noch in eine Schreibmaschine kloppen, in einen Umschlag stecken, Marke draufkleben, das Haus verlassen und in einen Briefkasten werfen. Das waren noch Zeiten, da war ein Shitstorm nur dann möglich, wenn auf dem Weg zum Briefkasten ein Orkan einen Hundehaufen auf der Straße aufwirbelte.

Was die Empfindlichkeit betrifft, da allerdings sehe ich in den letzten 10 Jahren tatsächlich eine Steigerung. Stichwort "Wokeness". Und der stehe ich ambivalent gegenüber.
Zunächst finde ich es in vielerlei Hinsicht absolut berechtigt, wenn marginalisierte Gruppen sich nicht mehr alles gefallen lassen und Widerstand leisten gegen Diskriminierung und Stigmatisierung, vor allem, wenn sie aus unbewussten und eingefahrenen Mustern geschieht. Da finde ich die schnappatmigen Abwehrreflexe meiner Peerguppe (alt, männlich, weiß) oftmals nur peinlich und zum Fremdschämen.

Und natürlich finde ich es nicht nur berechtigt, sondern sogar notwendig, wenn Personen, die selber gar nicht betroffen sind, sich solidarisieren. Auch wenn dabei so manche gut gemeinte Aktion dann gerne auch mal über's Ziel hinausschießt, oder daneben geht, oder ebenfalls nur reflexartige Muster bietet. Und an dem Punkt aber setze ich als Kabarettist an und sage: Man sollte es als woker Geist dann aber schon auch abkönnen, wenn es dazu dann gegen den Gegenwind wiederum Gegengegenwind gibt. Und Schmäh. Und Spott. Eine gewisse Dosis Humor und Selbstironie würde auch dieser Szene gut zu Gesicht stehen.
Mein Text z B über den Weihnachtsmann (Ausgabe XX/25), der dem Sohn eines woken Ehepaars Geschenke bringt, und die Achtsamkeit ins Absurde überdreht, war mir geradezu eine kabarettistische Verpflichtung.

Was sind deine satirischen Lieblingsthemen (und warum)?

Die sind sehr breit gefächert, ohne Vorlieben oder Abneigungen. Ja nachdem, was mich packt, oder neugierig macht, oder triggert, am besten noch schön emotional aufregt, dann leg ich los.

Hat sich deine politische Sichtweise und damit deine Satire in den letzten 10 Jahren irgendwie verändert oder vertrittst du nach wie vor die Positionen von damals?

Beides. Ich vertrete nach wie vor die Haltung: "Logisch statt ideologisch!". Das hat sich nicht geändert. Geändert hat sich aber, dass ich die Logik immer öfter auch bei den Sichtweisen entdecke, die ich vor 10 Jahren noch nicht so auf dem Schirm hatte. Und andersrum auch Unlogiken bei solchen Positionen finde, bei denen ich es zuvor nie für möglich gehalten hätte.

Was sich nicht geändert hat, ist meine Bereitschaft zur Differenzierung. Geändert hat sich, dass ich diese Differenzierung auch bei Sichtweisen anwende, die ich früher nicht so genau beachtet hätte. Aber mittlerweile finde ich es unerlässlich, zur Meinungsbildung jegliche Lagerbildung zu überwinden. Auch wenn man dabei alte und liebgewordene Positionen überdenken muss. Was sich jedoch absolut nicht geändert hat, ist die Beißhemmung, nach unten zu treten. Satire ist immer Opposition, egal wer dran ist. Und Arme und Schwache waren nie dran, und werden auch nie dran sein.

Du selbst bist ja kein Cannabiskonsument, aber du hast sicher auch eine eigene Meinung über Cannabis als Genussmittel für Erwachsene und die diesbezügliche deutsche Drogenpolitik - was magst du uns dazu verraten? Befürwortest du z. B. die Cannabis-Teillegalisierung von Cannabis in Deutschland?

In einer Ausgabe (??/??) habe ich ja mal sehr ausführlich meinen Standpunkt dargelegt. Und auch der ist wieder - wie könnte es anders sein - ambivalent und differenziert.
Für mich persönlich kommt Kiffen nicht in Frage, und zwar so kompromisslos, dass ich nicht mal riechen will, wenn jemand in meiner Nähe kifft. Die räumlichen Einschränkungen, die für's Rauchen eingeführt wurden, sollten natürlich auch für's Kiffen gelten.
Ich liebe zudem auch den Anti-Kiffer-Song der Antilopen Gang. Und wer den kategorisch scheiße findet, hat womöglich noch einen langen Weg vor sich.

Andererseits würde ich aber niemals anderen verbieten, zu kiffen. Ich bin für ein uneingeschränktes Recht auf Rausch! Ich gehe sogar so weit, dass ich es für eine erstrebenswerte Utopie halte, irgendwann mal jeglichen Konsum aller Drogen zu legalisieren. Mit Betonung auf "jeglichen" und auf "aller". Ich stelle mir eine Gesellschaft vor, in der jede Droge für den Eigenkonsum legal gekauft werden kann. Aber natürlich nur unter bestimmten Bedingungen. Und da wird es wieder differenziert.

1.) Verkauf ausschließlich in staatlich lizensierten und überwachten Geschäften, mit ebensolchen Produkten, die von Anbau, über Verarbeitung bis zum Transport fair trade und ethisch einwandfreie Lieferketten nachweisen müssen. Allein das dürfte schon eine Aufgabe sein, für die Herkules nicht zur Verfügung stünde.

2.) Konsumiert werden darf nur nach Erwerb eines Drogenführerscheins, zu dessen Erhalt man zuvor theoretischen Unterricht und Testfahrten im Beisein von Lehrkräften absolvieren, und psychologische Gutachten und Gesundheitschecks bestehen muss. Und das gilt  - wie gesagt - für alle Drogen, also auch die heute bereits legalen, und darunter fällt dann auch z. B. Alkohol, Tabak, Koffein, Zucker, usw usw, über Glücksspiel, Online-Gaming, bishin zu Social Media. Wenn schon - denn schon!
Spätestens hierfür müsste man sich mit so vielen mächtigen Lobby-Gruppen anlegen, dass man womöglich nur noch mit kugelsicherer Weste in gepanzerten Fahrzeigen unterwegs sein könnte. Oder mit Lendenschurz und barfuß in Sandalen.

Aber ich glaube, wenn wir eine Drogenpolitik hätten, die der Öffentlichkeit fundierte Kenntnisse über Zusammensetzung, Dosierung, Handhabung, Belastbarkeiten und Grenzen im Zusammenhang mit Suchtmitteln zur Verfügung stellen würde, so dass man sich also stets darauf verlassen könnte, dass eine bestimmte Menge eine bestimmte Wirkung auslöst, und unerwünschte Nebenwirkungen nahezu ausgeschlossen sind, dann wäre schon viel gewonnen.

Und wenn darüber hinaus jeder individuell vorab gecheckt wird, wie lange man pausieren sollte, um keine Toleranz zu bilden, wie man ohne Suchtbildung oder Abhängigkeit konsumieren kann, und von welchem Zeug man besser die Finger lässt, weil man dafür keine psychischen oder physischen Voraussetzungen mitbringt, dann könnten sehr viele Probleme und Schäden für den Einzelnen und für die gesamte Volkswirtschaft vermieden werden.
Mal abgesehen davon, welche zusätzlichen Einnahmen es dem Staat bringen könnte, wenn er seine Drogenpolitik auf solche legale Füße stellen und der organisierten Kriminalität entziehen würde,
Aber wie gesagt - es ist nur eine Utopie - und in vielen Details sicher noch lange nicht umsetzbar, aber in irgendeiner Zukunft wird man diesen Text finden, und die Jüngeren fragen: HG. Wer?

Wie hast du die über zehn Jahre deiner Rubrik in einem "Kiffer-Magazin" empfunden? Oder provokant gefragt: Wie verstrahlt waren die Cannabis-liebenden Magazin-Macher in der praktischen Zusammenarbeit?

Also mal angesehen von dem sehr irritierenden abrupten Ende kann ich nicht klagen.

Welche persönliche Bilanz würdest du nach 10 Jahren der Zusammenarbeit ziehen?

Es war mir sowohl Ehre, als auch Vergnügen.

Wie geht's bei dir weiter? Welche neuen Projekte stehen in Zukunft an?

Ab September gibt es ein neues Programm, mit dem ich dann wieder zwei Jahre auf Tournee gehe, Titel: "Das wolln wir doch mal sehn". Außerdem werde ich gleichzeitig eine neue Social-Media-Strategie ausprobieren. Seit April habe ich ja auch z B einen neuen Youtube-Kanal, und das ist schon eine Herausforderung, irgendwelchen Algorithmen ausgeliefert zu sein, die mit Satire und Parodie nicht auf Anhieb etwas anfangen können. Aber Hauptsache, man bleibt offen und neugierig, und lernt jeden Tag etwas dazu. Also kein Gedanke an Ruhestand oder Resignation, sondern rein in die pralle Wirklichkeit ohne Netz und doppelten Boden. Und dann mal gucken, wohin das führt.

Bis nächsten Montag,
Euer HG.

 

 

 

 

 

 

 

 

Topic Wöchentliches Zeug

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