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“Im Faschismus würde ich lieber Regale einräumen”

Mit ihren Poetry-Reels auf Instagram erreicht sie Millionen, in der ARD-Serie “Die Zweiflers” erlebte sie das erste Mal ein großes Filmset. Die 22-jährige Emma-Josephine Werner ist eine Hoffnungsträgerin des deutschen Films. Im ersten Hoffnungsgespräch dieses Newsletters sprachen wir über ihre Ängste, den Wunsch nach mehr Empathie, skurrile Berlinale-Parties und über die ganz große Kunst. Mich hat das Gespräch sehr berührt.

Was macht dir gerade Hoffnung?

Emma: Die Welt wird dunkler gerade. Aber nicht wie in einer Apokalypse im Film. Es ist ein Prozess. Und innerhalb dieses Prozesses gibt es noch Hoffnung. Ich glaube, Negatives im Kollektiven kann einen im Privaten zusammenbringen. Auch unter den schlimmsten Umständen kannst du dir das Leben für dich und deine Freund*innen schön machen. Das hat man während Corona gemerkt. Ich habe selten so viel Vereinigung gespürt! Alle saßen im gleichen Boot. Alle hatten dieselbe Angst. Es ist seltsam, aber genau das finde ich auch manchmal schön.

Eine autoritäre Regierung zieht auch die Kulturbranche mit, siehe USA. Gleichzeitig ist der deutsche Film enorm abhängig von der Politik. Hast du beruflich Hoffnung für dich als junge Schauspielerin und Produzentin?

Emma: Wenn ich meine moralischen Werte nicht mehr als Grundlage meiner Kunst nutzen kann, höre ich auf.  Die Regisseurin Leni Riefenstahl hat während des Naziregimes einfach weiter Filme gemacht. Ich könnte das nicht. Ich betrachte den Moment, in dem ich meine Kunst öffentlich machen kann, als Privileg. Aber im Faschismus würde ich lieber Regale einräumen. Ich kann keine Kunst machen in einer Gesellschaft, die sich wieder gegen Frauen, gegen feministische Botschaften wendet. Die mich nicht als Mensch wertschätzt und hören möchte. Gleichzeitig könnte ich aber auch in einem nicht-künstlerischem Beruf aufgehen, ohne todunglücklich zu werden. Gerade daraus ziehe ich Hoffnung. Als Filmemacherin muss man immer einen Plan B haben. Bis dahin möchte ich aber meine Stimme nutzen, damit wir uns die Pluralität und die Demokratie erhalten.

Wie groß ist deine Hoffnung in den deutschen Film? Den verbinden viele hauptsächlich mit Familienkomödien. Mit Christoph Maria Herbst, Till Schweiger, Hape Kerkeling. Echte Innovation, die auch mal einen Oscar gewinnt, gibt es da eher nicht.

Emma: Das ist der größte Kampf, den alle deutschen, jungen Filmemachende momentan führen. Ich komme gerade von einem Treffen junger Filmschaffenden auf der Berlinale. Die Motivation ist da. Die Ideen sind da. Aber auch eine Frustration, weil alles politisch geregelt ist. Das ist auch eine Aufgabe für die Gesamtbevölkerung. Sich vielleicht nicht in „Chantal im Märchenland“ zu setzen. Sondern sich mal die echte Filmkunst in Deutschland anzuschauen. Gleichzeitig gibt es erste deutsche Erfolgsserien auf Amazon Prime. Vor ein paar Jahren war ich der festen Überzeugung, irgendwann müsse ich auswandern. Mittlerweile habe ich mehr Hoffnung, dass ich weiterhin auf meiner Sprache schreiben und produzieren kann.

Wird unsere Generation das Medium Kino weitertragen?

Emma: Ich glaube, ja! Obwohl jeder einen Fernseher zu Hause stehen hat, sind die Kinos noch voll. Es ist eine andere Art, Filme zu schauen. Mit besserem Sound und mehr Fokus, weil man mal nicht am Handy ist. Und Kino schafft ein Gemeinschaftsgefühl. Wir schauen zusammen. Wir lachen zusammen. Wir heulen zusammen. Wir müssen den deutschen Film aber besser vermarkten. Ich denke, da wird sich in Zukunft vieles ändern, wir werden mehr Menschen erreichen. Ja, ich habe da Hoffnung!

Du hast 65.000 Follower*innen auf Instagram, über 100.000 Menschen folgen dir auf TikTok. Hilft dir das bei deiner Karriere?

Emma: Am Ende geht es bei der Karriere immer um Kontakte. Manchmal bin ich schon neidisch auf Menschen, die da reingeboren wurden. Dann geht es wirklich viel schneller. Aber man kann es auch so hinkriegen, indem man einfach sein Ego ausschaltet und auf Leute zugeht. Oft wird man abgewiesen. Aber dafür öffnen sich an anderen Stellen richtig krasse Türen. Ich habe mich am Samstag zum Beispiel auf einer riesigen Berlinale-Party wiedergefunden, wo ganz viele Celebrities waren. Social Media spielt aber auch eine sehr große Rolle. Auch, weil ich durch meine Poesievideos erst mein Talent für Film und fürs Schreiben entdeckt habe. Dass meine Stimme Leute bewegen kann. Das hat mir das Selbstvertrauen geschenkt, es in der Filmbranche überhaupt zu versuchen. Ich treffe auch auf Menschen, die mich inspirieren, und die dann einen Text von mir kennen. Und dann gibt es die dunklere Seite. Ich erlebe es manchmal, durch meine Follower*innen mit mehr Respekt behandelt zu werden. Das finde ich absurd. Ich würde aber lügen, wenn ich dieses Privileg nicht nutzen würde. Es ist eine Visitenkarte wo draufsteht: „approved von so viel Tausend Menschen. Wenn sie es schafft mit ihren Geschichten Menschen zu erreichen, kann sie vielleicht auch gute Filme machen.“ Früher war es total peinlich, Influencer zu sein. Mittlerweile schreibe ich meinen Insta-Namen in Bewerbungen mit rein.

Wie kamst du dazu, Poesievideos auf TikTok hochzuladen?

Emma: Es war in den Weihnachtsferien. Ich war 17 Jahre alt und hatte eine kleine Herzschmerzphase. Und dann habe ich an einem Abend einen Text geschrieben und hatte die Idee, ihn jetzt einfach mal vorzulesen. Ich liebe es, vorzulesen. Und dann habe ich einen neuen TikTok-Account erstellt und es hochgeladen. Ich habe extra die Kontaktsynchronisation ausgestellt, damit das niemand sieht, der mich kennt. Nach einer Woche hatte ich 10.000 Follower*innen. In dem Moment habe ich realisiert, dass man sich ausprobieren muss, und nicht einfach nur Trends hinterherrennen darf. Dann habe ich weitergemacht. Im Internat, wo ich war, war das fast schon eine Art Privatsphäre. Es war mein kleiner Safe Space.

Über die Poesievideos bist du zum Kurzfilm gekommen. Du hast Praktika bei Produktionen gemacht. Mit dem Kurzfilm „Der letzte Brief“ habt ihr dann 2024 den Deutschen Jugendfilmpreis und den Deutschen Generationenfilmpreis gewonnen. Derzeit studierst du “Motion Pictures” an der Hochschule Darmstadt. Welche berufliche Vision hast du jetzt?

Emma: Ich habe mit meiner Kollegin Lotti ein sehr ungewöhnliches Konstrukt der Zusammenarbeit gefunden. Wir waren beide sehr unglücklich in unserem ersten Studium und haben uns dann gemeinsam auf den Studiengang "Motion Pictures” in Darmstadt beworben. Wir sind schon ein Herz und eine Seele. Ich habe gemerkt, dass Lotti die Regiearbeit extrem liegt. Schauspielführung, das Zusammenlaufen der kreativen Entscheidungen. ich stehe lieber bei der Stoffentwicklung am Anfang und schreibe das Drehbuch. So arbeiten wir sehr gut zusammen. Wir treffen uns, sie stellt Tausend Fragen, ich schmeiße drei Szenen nochmal komplett raus, dann schreibe ich es nochmal. Das geht dann ein paar Wochen so, bis wir beide eine klare Vision von dem haben, was wir machen wollen. Dann gehe ich in die Produktionsrolle und sie in die Regierolle und ich halte ihr den Rücken frei und organisiere, damit sie in Ruhe mit den Schauspielenden arbeiten kann. Das läuft momentan sehr gut. Gleichzeitig bin ich momentan in einer Phase, wo ich schaue, welche Türen sich öffnen. Sollte ich in der nächsten Zeit eine große Rolle kriegen, würde ich die natürlich annehmen.  Und da ist ja auch noch die Musik.

Letztes Jahr hast du bereits deinen fünften Song “Bis zum Herbst” veröffentlicht. Im Februar hast du die Band SHIMMER auf einem Konzert ihrer Tour als Support begleitet.

Emma: Und im Tanzhaus West in Frankfurt am Main werde ich Ende März noch einen weiteren größeren Künstler begleiten. Darüber freue ich mich riesig!

Welche Rolle spielen Zukunftsängste bei dir? Du könntest ja auch sagen, „es hat bis jetzt geklappt, ich gehe schon meinen Weg“.  

Emma: Bei den meisten Menschen ist Angst eines der größten Handlungsmotivatoren überhaupt. Ob das eine soziale Angst ist oder die Angst vor Identitätsverlust. Es gibt so viele Ängste, von denen wir nicht wissen, dass wir nach ihnen handeln. Nach dem Abitur hatte ich total viel Angst. Leute um mich herum wussten schon genau, was und wo sie studieren und dass sie finanziell abgesichert sind. Ich bin da schon in ein kleines Loch gefallen nach dem Internat. Fehlende Struktur ist für mich gleichermaßen Fluch und Segen. Zu einem gewissen Grad gehört zum Künstlerinnenleben, dass du nicht weißt, was morgen passiert. Im Internat sind viel Leid, aber auch Erfolgserlebnisse an die Gemeinschaft geknüpft. Ich musste lernen, beides davon alleine anzugehen.

Wie groß ist dein Drang, so richtig berühmt zu werden? Nicht als Beiwerk, sondern als Motivation für deine Arbeit?

Emma: Ich habe letztens in einem Podcast gehört, dass alle Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen, irgendwo einen Knacks haben. Wenn du gar keinen Drang dazu hast, berühmt zu werden, wirst du es auch nicht. Also muss man auch die Entscheidung treffen, nach draußen zu gehen und sich zu präsentieren.  Ich habe letztens in meinem Tagebuch einen Satz aus der Zeit im Internat entdeckt: „So ein bisschen träume ich ja schon davon, berühmt zu werden.“ Je mehr ich mit Menschen in der Öffentlichkeit spreche, desto mehr hat sich das aber gewandelt.

Ein Beispiel?

Emma: Ich habe vor vier Tagen versucht, Klaas bei einer Party zu überreden, sich ein Tattoo stechen zu lassen.

Wow! Was nimmst du bei solchen Gesprächen mit?

Emma: Dass Berühmtheit einen nicht glücklicher macht. Es ist im Grunde so wie mit dem Geld. Dass dich einige Leute kennen und schätzen, macht glücklich und ist schön. Aber sobald man diesen A-List-Promi-Status hat, zahlt man einen sehr hohen Preis dafür. Das halte ich mittlerweile nicht mehr für erstrebenswert.

Was ist der Preis?

Emma: Du kannst nicht mehr einfach rausgehen.  Du kannst nicht mehr normal sein. Du vereinsamst, während du von allen auf ein Podest gestellt wirst. Aber du willst nicht, dass Leute deine Kunstfigur vor dich als Mensch stellen. Und der Druck, alles richtig zu machen, wächst. Gerade von Frauen wird erwartet, dass sie eine Vorbildfunktion haben. Aber jeder Mensch hat eben Momente, in denen er Vorbild ist, und Momente, in denen er egoistische Entscheidungen trifft. Du musst einen ganz großen Teil deiner Menschlichkeit verstecken. Dafür hast du in der Regel viel Geld.

Woher ziehst du deine Inspiration für Texte jedweder Art? Und kannst du dabei Hauptthemen identifizieren, die immer wieder zutage treten?

Emma: Liebe. Zwischenmenschliche Beziehungen. Unausgesprochenes aussprechen. Das hat mich von Anfang an motiviert. Aber auch gesellschaftliche Themen. Ich habe mit einem Text über die deutsche Flagge mal Zehntausende an rechten Männern geragebated. Aber auch meine Rolle als Frau im Patriarchat ist mir wichtig. Ich werde sehr stark inspiriert von Freunden, von intensiven Gesprächen und manchmal auch einfach von einem Song. Gestern saß ich im Zug und habe so einen richtig tollen Song gehört und plötzlich richtig viel gefühlt. Ich hatte einen Satz im Kopf musste den Song dann die ganze Zeit auf Dauerschleife hören, um den Text zu schreiben. Früher habe ich sehr viel über das Erwachsenwerden geschrieben, aktuell sind es eher andere Themen. Manchmal ist es aber auch sehr wenig magisch und ich überlege einfach: wie bewerbe ich meinen Song am besten?

Muss Kunst eine Message haben? Macht das Kunst erst zu Kunst?

Emma: Die Definition von Kunst ist für mich, dass sie nicht unbedingt eine Message haben muss. Kunst ist einfach das Menschliche. Deswegen könnte ich mich auch ewig über KI-Kunst aufregen. Aber nicht alles Menschengemachte hat eine höherstehende Bedeutung. Manchmal sind es kleine Dinge, die trotzdem einen Wert haben, gesagt zu werden. Trotzdem hat für mich gute Kunst meistens eine Message.

Was war die letzte gute Nachricht, die dir begegnet ist?

Emma: Amin, ein sehr guter Freund von mir, hat kürzlich Premiere einer Inszenierung gefeiert. Jetzt wurde die Gruppe ausgesucht, bei einem Theaterfestival mitzuspielen. Er war da sehr nervös und hat nach meiner Einschätzung gefragt, was ich glaube, welche Inszenierung hinfährt. Vor ein paar Tagen hat er mir dann in Großbuchstaben geschrieben: WIR FAHREN NACH HAMBURG! Für mich sind die schönsten Nachrichten, wenn meine Liebsten Erfolg haben und ich merke, ich freue mich von Herzen für sie. Wir haben verlernt, uns auch über andere zu freuen.

Vielen Dank für dieses sehr schöne Gespräch!

Emma: Danke dir!

In der Jugend steckt Hoffnung. Das sage ich als Jugendlicher. Das sage ich umso mehr nach diesem Gespräch. Ich wünsche Emma, dass Sie ihre Träume leben, ihre strahlende Energie weiter nutzen, und sich ihre Hoffnung behalten kann!

Am kommenden Mittwoch klären wir, was der Hoffnungsbegriff ist. Und was gerade nicht. Empfehlt die kleine Hoffnungsmail bis dahin gerne weiter!

Immer weiter gehen.

Euer Hendrik