Rosenmontagszüge bringen gute Laune auf die Straße/ hr-Format “Eine Stunde reden! / Ausblick auf erstes Hoffnungs-Interview

Heile, heile Gänsje. So heißt ein berühmtes Lied der Mainzer Fastnacht. Ihr noch berühmterer Sohn Ernst Neger schenkte dem Lied nach dem Zweiten Weltkrieg eine neue, vierte Strophe. Darin besingt er seinen Schmerz ob der zerstörten Heimatstadt Mainz. Und seine Hoffnung und Entschlossenheit, Mainz wieder aufzubauen. So heißt es:
„Ich streichelte es [Mainz] sanft und lind und sagt’: „Hab nur Geduld// Ich bau’ dich wieder auf geschwind, du warst ja gar nicht schuld.“
Ernst Neger schluckte seine Trauer nicht runter. Er schrieb sie auf. Und schenkte den Text einer Karnevalsmelodie, zu der man schunkelt. Sich in den Armen liegt. Fröhlich ist. Zusammenhält. Neger verbreitete die Hoffnung, dass es vorangehen kann. Wir sollten es ihm nachmachen.
Ganz beseelt und heile konnte sich fühlen, wer vorgestern einen der hunderten Rosenmontagszüge in Deutschland besuchte. Lachende Gesichter. Bunte Kostüme. Lockere Musik, mit ihrem Inhalt irgendwo zwischen Sexualtrieb und Alkoholkonsum. So pervers, so primitiv, so feucht-fröhlich diese Tage sind. Wir brauchen sie. Die Momente, in denen die ganze Stadt tanzen darf. Wo Tradition auf Humor trifft. Wir brauchen sie dringend.
Es sind Menschen mit guter Laune, die bis gestern auf den Straßen waren. Und es sind offene Menschen. Das durfte ich selbst erleben. Leider entstamme ich keiner Fassenachter-Familie. Also bat ich einen lokalen Verein, mich mit auf den Umzug zu nehmen. Und fand mich kurzerhand geschminkt und mit einer Matrosenmütze bestückt auf dem Wagen wieder. „Du bedienst dich einfach“, hieß es da, mit Blick auf die drei (!) Bierkästen auf dem Wagen. Es folgten Stunden im Rausch. Gummibärchen und Taschentücher in die Menge werfen. Zwischendurch eine Runde Klopfer. Dazwischen tausend Helau-Rufe. Ich bin Raibi, Matthias, Phillip und Andrea unendlich dankbar, dass ich einen kurzen Moment Teil dieser Gemeinschaft sein durfte. Einer Gemeinschaft, die drei Sitzungen gerockt und zwei Umzüge besucht hat. Die unzählige Stunden geprobt hat. Gebastelt, getanzt, geplant. Mehr als hundert Leute, die sich privaten Urlaub im Auftrag des Humors nehmen. Nicht, weil sie müssen. Sondern weil sie einen Sinn dahinter sehen. Demokratie, Zusammenhalt, Zufriedenheit und Spaß fangen mit Ehrenamt an. Wer diese Menschen erlebt, der darf, der kann die Hoffnung nicht verlieren!
Good News der Woche #02
Vielfach wird der öffentlich-rechtliche Rundfunk kritisiert. Zu alt. Zu teuer. Zu links-grün versifft. Zu weit weg von der Realität der Menschen. Mit seinem Format Eine Stunde reden setzt der Hessische Rundfunk etwas dagegen. Er bringt fünf Menschen an einen Tisch, die sich ansonsten nicht begegnet werden. Eine Stunde lang reden sie über politisch relevante Themen. Wie geht gute Mobilität? Was heißt Generationengerechtigkeit? Und was muss Lokaljournalismus leisten? Dabei wird nicht unterbrochen, nicht dazwischengeredet. Jeder Redebeitrag geht drei Minuten. Die Diskussionsfragen dazu sind durchweg konstruktiv formuliert. Was habe ich vom anderen gelernt? Wer am Tisch kann eine Lösung sein? Worin sind wir uns einig? Hier der hessenschau-Beitrag:
https://www.ardmediathek.de/video/hessenschau/eine-stunde-reden-das-neue-hr-dialogformat/hr/MzJjNWM5NGYtYWM2MC00NzUxLTgxZTAtMWI0Yzk0MzRjNDEx (Opens in a new window)Ich durfte vergangene Woche bei Eine Stunde reden in Darmstadt zu Gast sein. Gemeinsam mit Petra, Christiane, Seda und Güven habe ich darüber gesprochen, wie verschiedene Altersgruppen mehr zusammen halten können. Spannend, wie viel unterschiedliche Lebensrealitäten zusammen kamen! Einen Begriff nahm ich mit nach Hause. Den der Empathie. Sie fehlt. Im Umgang im Netz. Auf der Straße. In der Bundestagsdebatte. Vielleicht hieße empathische Politik bessere Politik? Darüber könnte man wohl länger reden als nur eine Stunde.
Die nächste “kleine Hoffnungsmail” gibt es wie gewohnt am Sonntag um 8 Uhr. Dafür habe ich mit Emma Josephine Werner gesprochen. Auf Instagram erreicht sie mit ihren Poetry Texten tausende Follower*innen. Als junge Schauspielerin kämpft sie sich durch eine harte, gnadenlose Branche. Freut euch auf das erste Hoffnungs-Interview. Und empfehlt den Newsletter gerne weiter. Hier der Anmeldelink…
Immer weiter gehen.
Euer Hendrik
Bilder: Hendrik Heim