Wie bewertet ein Religionslehrer die Rolle der Kirche in Sachen Hoffnung? Ein Gastbeitrag von Dr. Gerhard Müller

Ich finde ja, der Sonntag ist ein Tag für Gläubige - wie im Übrigen auch der Freitag oder Samstag. Ich stelle mir das schön vor: morgens ausschlafen, in die Kirche gehen, und inspiriert-gedankenversunken nach Hause kommen. Ein ruhiger, beseelter Sonntag wäre das. Ich selbst bin kein Kirchgänger. Trotzdem frage ich mich, wie viel Hoffnung uns die Kirche heute noch geben kann. Eine Institution, die durch so einige Krisen und Skandale gegangen ist und immer noch geht. Und eine Institution, die an Bedeutung verliert. Nicht mal mehr jeder zweite Deutsche bezeichnet sich heute als Christ*in.
Kann Kirche also noch ein Hoffnungsträger sein? Eine Antwort gibt uns heute Dr. Gerhard Müller. Er ist Religionslehrer im Rheingau und Mitglied in einem Wiesbadener Kirchenvorstand. 1990/91 lebte er ein halbes Jahr im Benediktinerkloster. Mich hat sein kleiner Essay sehr bereichert, und ich bin dankbar, dass er dem Projekt zusagte! Viel Spaß beim Lesen. Euer Hendrik.
Hendrik hat mich gebeten, einen Gastbeitrag zu schreiben, ob Kirche Hoffnung geben kann. Ich bin eher ein skeptischer Mensch – oder jedenfalls kein einseitig hoffnungsvoller. Wer über viele Jahre Klassenarbeiten korrigiert, glaubt nicht mehr an die Perfektibilität der Welt. Ach ja, ein Ironiker bin ich auch. Dennoch will ich mich der Aufgabe stellen, vor der ich als Skeptiker und Ironiker erst einmal zurückschreckte.
Verkrümmt oder aufrecht
Mir fällt zum Thema Hoffnung erst einmal ein Gegenbild ein: die verkrümmte Haltung von Menschen, die in der S-Bahn und leider auch im Straßenverkehr auf ihr mobiles Endgerät schauen, eine Art willentlich eingenommenes Dropped Head-Syndrom. Ich lese das als eine Verkrümmung in sich selbst und Abschluss vor der Umwelt, als kognitive Selbstunterforderung und Verkümmerung der eigenen Ausdrucksfähigkeit. Natürlich bin ich mir bewusst, dass das nur meine Sicht von außen ist. Anders als es Vorwürfe der Religionskritik aus dem 19. Jahrhundert nahelegen, erlebe ich Religion oder Glaube gerade nicht als Kleinmachen des Menschen. Ich erlebe mich eher als aufgerichtet und aufrecht, als belebt, schon auch mal als versunken und gesammelt, aber ausgerichtet auf etwas, was nicht in meinen Händen ist. Ich erlebe den Gottesdienst, die Lieder, die Zumutung der alten Texte und ihrer Auslegung (sofern die Pfarrperson nicht von ihren Fernseh- oder Social-Media-Erlebnissen berichtet, dann zähle ich die Weinreben in der Kirchenausmalung) als Herausforderung, Ermutigung, Stimulans.
Hoffnung aus der Tradition
Unsre Kissen sind naß
von den Tränen
verstörter Träume.Aber wieder steigt
aus unseren leeren hilflosen Händen
die Taube auf.Hilde Domin
Hoffnung schöpfe ich aus der Tradition und der Weitergabe von Erfahrungen. Tradition verändert sich. Frauen können noch gar nicht so sehr lange zur Pfarrerin ordiniert werden; auch gegenüber queeren Menschen hat die Kirche erst in den letzten Jahrzehnten zu einer Haltung gefunden, die ich als angemessen empfinde. Und dennoch sehe ich mich eingebettet in und getragen von einer langen Geschichte des Fragens nach Gott. Das schenkt mir Kraft, Halt, Hoffnung.
Natürlich kann ich das nicht verallgemeinern. Es ist eine Interpretation meines eigenen Lebens. Ich kann niemandem den Glauben an einen Gott andemonstrieren. Für mich ist es eine selbstverständliche Erfahrung. Von außen betrachtet ist es ein “Sprung”, um einen Begriff des Philosophen Sören Kierkegaard aufzugreifen. Mit anderen, die diese Erfahrung so nicht teilen, kann ich gut ins Gespräch kommen über Freundschaft, Liebe, Engagement, Ängste und eben Hoffnungen. Ich lasse mich von ihnen gerne infrage stellen und versuche die Welt mit ihren Augen zu sehen, ohne Fundamentalismus und Arroganz. Aber im Innersten meines Herzens habe ich meine Erfahrung als Gewissheit.
Schule und Missbrauch
Schule und Religion stehen für mich in einem sehr engen Beziehungsverhältnis; ich habe religiöse Menschen, insbesondere Ordensleute, als wachsende Bäume erlebt, die allen möglichen „Vögeln des Himmels“, zum Beispiel Schüler:innen, Lebens- und Entfaltungsmöglichkeiten bieten. So versuche ich das – in anderem Kontext als der katholischen Schule, an der ich Schüler war, und säkularisiert – auch weiterzugeben: mit eigener Position, aber ohne Bekehrungseifer, großzügig, uneigennützig.
So habe ich das erlebt. Aber 150 Kilometer weiter an einer ganz ähnlichen Schule hatte jeder Ordensmann unter den Internatsschülern einen zum Bettgefährten erkoren. Der Schmerz und die Scham, als ich das Jahrzehnte später anhand der Geschichte eines Freundes realisierte, waren für mich die schwerste Infragestellung der Kirche, zunächst der katholischen. Wegen ihrer institutionellen Veränderungsresistenz und Selbstverabsolutierung ist die zentral betroffen. Aber auch die evangelische Kirche hat ein gravierendes Problem, fehlende Selbstreflexion und -begrenzung von Amtsträger:innen einzugestehen, die die Seelen von Menschen zerstörten. Ich kann nicht über Hoffnung schreiben, wenn ich mir nicht das schwankende Fundament eingestehe. Mein Rezept: Prüfet (oder unterscheidet) die Geister. Und die aufrechte Haltung:
„Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen, woher kommt mir Hilfe?“
(Psalm 121,1)
Versöhnte Verschiedenheit als Grund zur Hoffnung
Wahrscheinlich ist mein Zugang zu Religion ein traditionaler, liturgischer, weisheitssuchender, theologischer. Im Kirchenvorstand meiner Gemeinde arbeiten Menschen mit, die mit ganz anderen Hintergründen und durch andere Zugänge dazu stießen: Kirchenmusik, Umweltarbeit, Denkmalschutz, Arbeit mit Kindern, Einsatz für arme, obdachlose oder geflüchtete Menschen – oder auch einfach Geselligkeit. Wir kommen zusammen und gestalten eine Gemeinde. Vielleicht ist das Miteinander schon ein Ausdruck von und ein guter Grund für Hoffnung. Die Kirchengemeinde ist – in aller Begrenzung – Ort gelebter Pluralität. Nach meiner Beobachtung leben wir eine Identität in versöhnter Verschiedenheit, ohne Selbstüberhebung und im Bemühen um eine Kultur fairer Suche nach tragfähigen gemeinsamen Lösungen.
Eine Sprache der Klage und der Hoffnung
Kirche ist für mich primär ein Ort artikulierter Sprache – der Hoffnung und des Zweifels, des Jubels und der Klage. Dieses intensive Erleben von Sprache wurzelt in der Zeit, als meine Mutter mir Märchen vorlas. Und vielleicht ist es das Unvermögen, einen Text gestaltet, verständig und ausdrucksstark vorzutragen, das mich so verblüfft bei den über die digitalen Geräte gebeugten Jugendlichen. Umgekehrt erlebe ich etwa im Theater Textgestaltung und emotionalen Ausdruck als Selbstermächtigung. Von Klöstern kenne ich Psalmengebet als ursprüngliche Form des Gottesdienstes. Die Psalmen eröffnen ein Gespür für ein Innenleben:
„Ich bin ausgeschüttet wie Wasser“; „An den Strömen von Babel da saßen wir und weinten“, „er führet mich zum frischen Wasser“ (mit teils überraschenden oder verstörenden gedanklichen und emotionalen Wendungen).
Und neben den Psalmen ist es eben die Lyrik, aus der man eine solche Kraft und Fülle und nicht zuletzt eine hoffende Haltung erfahren kann: „Komm ins Offene, Freund“ (Hölderlin). Oder wieder Hilde Domin: „Abel steh auf / damit es anders anfängt / zwischen uns allen.“
Ich weiß nicht, wie es euch bei dem Thema geht, aber bei mir kam beim Lesen durchaus Hoffnung auf. Vielen Dank Herr Dr. Müller - der zugleich mein ehemaliger Geschichtslehrer ist - für diesen erquickenden Gastbeitrag!
Am kommenden Sonntag wird es politisch: da erscheint an dieser Stelle mein Hoffnungsinterview mit dem FDP-Politiker und ehemaligen Bundestagsvizepräsident Wolfgang Kubicki. Er will seine Partei aufbauen. Egal wie man zu ihm steht - Kubicki braucht dafür Hoffnung. Woher er sie zieht? In sieben Tagen wisst ihr mehr. Bis dahin dürft ihr die kleine Hoffnungsmail auch gerne weiterempfehlen. Einfach den folgenden Link kopieren:
Immer weiter gehen.
Euer Hendrik
Foto: privat