Drei Thesen, was Hoffnung sein sollte und was nicht / Axel Hacke und der Optimismus / Die letzte Mittwochsausgabe

Heute bin ich glücklich. Denn heute hat etwas geklappt, auf das ich immer gehofft hatte, das aber lange in weiter Ferne lag. Ich möchte euch dazu eine kurze Geschichte erzählen. Sie steht für mich dafür, worin man hoffen sollte. Was Hoffnung ist. Und was eben nicht:
Seit knapp zwei Jahren darf ich in Wiesbaden eine Jugendsendung im Radio moderieren. Nichts Großes, kaum Reichweite, aber ein kleines Studio am Stadtrand, das ich alle zwei Wochen mit Leben füllen darf. Und so komme ich an manchem Freitagabend von dieser Sendung nach Hause und bin erschöpft. Aber anstatt ins Bett zu fallen, fahre ich den Laptop hoch und schaue 3nach9. Moderiert von Judith Rakers und Giovanni di Lorenzo. Die älteste deutsche Talkshow im Fernsehen. Zwei Stunden lang habe ich Menschen interviewt, mal hat es gehapert, mal geruckelt, mal war das Mirko nicht an. Jetzt darf ich den Meistern zuschauen!
Besonders Giovanni di Lorenzo ist mein größtes Idol. Fernsehmoderator. ZEIT-Chefredakteur. Herausgeber des Tagesspiegels. Mit elf Jahren kam der Halbitaliener nach Hannover und erkämpfte sich die deutsche Sprache. Heute ist er ein wahrer Meister der Worte. Ich bin jedes Mal fasziniert, wie er seinem Gegenüber im Gespräch etwas entlockt, was der gar nicht sagen wollte. Für diese zwei Stunden 3nach9 darf ich an seiner Magie teilhaben. Und davon träumen, das später einmal machen zu dürfen.
Gestern bekam ich dann den Anruf. Die Redaktionsleiterin hatte von einem Projekt von mir mitbekommen. Im Juni darf nach Bremen reisen. Als Gast von 3nach9. Normalerweise kann man solche Karten nur gewinnen, ich bekomme sie geschenkt. Und darf danach - wenn alles gut geht - mit Giovanni sprechen. Ich bin fast übergeschnappt vor Freude!
Warum erzähle ich diese Geschichte? Aus drei Gründen.
1) Sie zeigt: ja, es lohnt sich, Ziele zu haben! An weit Entferntes zu glauben! Es lohnt sich zu hoffen! Man darf hoffen. Was hätte es mir genutzt, wenn ich die Faszination für die Sendung verloren hätte, weil die Wahrscheinlichkeit höher war, sie für immer zu Hause vor dem Laptop schauen zu müssen? Wer Hoffnung hat, legt den Anker dafür, sich zu freuen. Das ist nicht zwangsläufig naiv. Man kann die Realität durchaus anerkennen, und sich gerade dabei die gedankliche Offenheit erlauben, dass es anders, besser werden kann.
2) Hoffnung zu haben, darf aber nicht heißen, traurig darauf zu warten, dass es besser wird. Wenn ich im Radio moderiere, bin ich dankbar für den Gast, der mir gegenübersitzt. Ich interessiere mich für seine Lebensgeschichten. Ich bin stolz auf mich, mich gut auf das Gespräch vorbereitet zu haben. Ich schätze wert! Ihn, mein Umfeld, aber auch mich. Klar, es könnte immer besser gehen. Ich könnte gerade nicht im Wiesbadener Lokalfunk, sondern bei FFH moderieren. Keinen Ortsvorsteher, sondern den Bundeskanzler interviewen. Vielleicht wünsche ich mir das auch. Man sollte sich aber nie zu abhängig machen von seinen Wünschen. Versuchen, dankbar zu sein, für das, was man erreicht hat, geschafft hat. Und da, wo das Jetzt unerträglich wird, schauen, was man dagegen tun kann. Lasst uns Hoffnung zum aktiven Zustand machen. Nicht zum passiven Warten.
Und 3): Hoffnung darf nebenher laufen. Ich habe vielleicht monatelang nicht daran gedacht, wie bereichernd, wie wunderbar es wäre, Giovanni di Lorenzo zu treffen. Es ist gut und gesund, nicht immer nur an die Zukunft zu denken. Melancholie ist toll und produziert momentan tausende Hits auf Spotify. Sie sollte jedoch nicht zum lebensbestimmenden Faktor werden. Deswegen ist das hier auch die “kleine Hoffnungsmail”. Wir alle haben tausend Dinge zu tun, die uns beschäftigen. Sich für einen kurzen Moment rauszunehmen und zu träumen, ist wichtig. Gleichzeitig ist Hoffnung genau das: zu wissen, was man will, wohin man strebt. Und zu wissen, dass es so auch kommen kann. Ohne zu verkrampfen. Ohne sich in Tagträume zu verlieren.
Stimmt ihr meinen drei Thesen zu? Oder was fällt euch zu ihnen ein?
Das kleine Happy End…
Der Journalist und Schriftsteller Axel Hacke veröffentlicht Bücher über Gefühle, Schmerzen oder auch Heiterkeit. Zufällig auch eines mit Giovanni di Lorenzo. Am Dienstagmorgen hat Hacke einen Instagram-Post hochgeladen, der mich bestärkt hat.
https://www.instagram.com/p/DU-IpXPiOFv/?img_index=2 (Opens in a new window)Darin heißt es:
Optimist wird man nicht einfach so. Man muss es sich erarbeiten.
Die Zukunftshoffnung kann man sich auch nicht irgendwo bestellen. Sie wird nicht vom Leben geliefert, und nicht vom Staat.
Man hat sich drum zu kümmern. Man muss etwas machen. Man darf nicht auf den Bildschirmen dieser Welt den anderen zuschauen, wie sie handeln.
Man sollte es selbst tun. Handeln meine ich.
Dem ist nichts hinzuzufügen.
Soeben habt ihr die vorerst letzte Mittwochsausgabe gelesen. Ich bin ganz überwältigt, dass die kleine Hoffnungsmail schon nach drei Ausgaben dankbare Lesende gefunden hat. Vielen Dank dafür! Ihr möchtet sie weiterempfehlen? Dann kopiert einfach den Link:
Am Sonntag gebe ich die Feder zum ersten Mal ab. Dr. Gerhard Müller ist Religionslehrer, Kirchenvorstandsmitglied und lebte ein halbes Jahr als Benediktinermönch. wäre Mentor im Internat. In Zeiten, in denen nicht mal mehr jeder Zweite Mitglied der Kirche ist, verrät er uns wie viel Hoffnung uns diese Institution noch geben kann.
Immer weiter gehen.
Euer Hendrik