Gedanken über einen Begriff in der Krise/ Schnelleres Reisen durch Europa

Heute geht es mal um die Hoffnung für einen Begriff: die HEIMAT. Fakt ist: weltweite Vernetzung, Migration und Multikulti lassen den Begriff der Heimat gerade alt aussehen. Und Rechtsextreme nutzen den Heimatbegriff für ihre Propaganda. Andererseits prägt uns, wo wir herkommen, nach wie vor. Ist es also an der Zeit, in neuen Kategorien zu denken? Brauchen wir unsere Heimat gar nicht mehr?
Mein Papa kommt vom Dorf. Erste Schritte, erstes Schuljahr, erster Kuss – das alles erlebte er im hessischen Taunus. Noch heute erzählt er mir gern davon, wie er als Jugendlicher samstagnachmittags durch das Dorf lief und von jedem auf einen Schnaps reingebeten wurde. Man kannte sich. Mochte sich. Engagierte sich. Bei sich daheim lebten vier Generationen in einem Haus. Nach dem Studium zog mein Papa von dort weg. Und zur Familiengründung ins Nachbardorf. Das Zuhause wechselt, die Heimat bleibt Denke ich an Heimat, denke ich fast automatisch an meinen Vater. Dabei war das, was er erlebt hat, schon damals nicht mehr Standard. Spätestens im 21. Jahrhundert heißt Leben in Deutschland auch Leben auf Achse. Die wenigsten sterben dort, wo sie geboren sind. Auch ich plane meinen ersten Umzug, direkt nach meinem Abitur. Nach Berlin soll es gehen, raus aus dem Landleben, hinein in den Trubel der Millionenstadt. Mein Zuhause werde ich wechseln – meine Heimat aber wird in Hessen bleiben. Denn der Heimatbegriff ist für mich tiefgreifender als das Hinund Herschleppen von Umzugskisten. Heimat hat für mich etwas mit Wurzeln zu tun. Mit vertrauten Menschen, bei denen man sich geborgen und willkommen fühlt. Aber Heimat ist eben auch ein Ort. Waldwege, Einfamilienhäuser und Kneipen, die ich kenne, und die Gefühle in mir auslösen. Das Gefühl von innerer Stärke, verhaftet, verordnet zu sein. So weit, so einfach, in meinem biodeutschen Leben mit biodeutscher Familiengeschichte.
Identität ist mehr als Pizzabuden und Moscheen
Trotzdem steht der Heimatbegriff vor dem Aus. Er passt schlichtweg nicht mehr zu jedem Lebenslauf. Zumindest nicht in seiner ursprünglichen Bedeutung. Heimat entstammt dem germanischen Wort „heim“, was so viel wie Haus oder Dorf bedeutet. Ein fester Ort eben. Was aber ist mit den Millionen Menschen in Deutschland, die ihren Heimatort verlassen haben – weil dort Krieg herrschte, Zerstörung, oder politische Verfolgung? Die Menschen die bei uns eine neue Arbeit, neue Freund*innen, ein neues Leben gefunden haben? Haben sie ihre Heimat einfach mitgenommen, schön verstaut zwischen Reisepass und Zahncreme? Oder haben sie sie für immer aufgegeben? Man mag diese Debatte als unnötig verschreien, schließlich könnten die Menschen ihre Kultur, Gerichte und Sitten in Deutschland doch weiterleben. Wir sind doch längst multikulti, wird da gerufen. Dabei geht es bei der Heimat doch um so viel mehr. Es geht hier um Fragen der Identität. Ist, wer seine Heimat verlässt, auf ewig der Zugang zu Geborgenheit und Zugehörigkeit verwehrt? Kann es Heimat im Plural geben? Und begreifen wir Heimat als exklusiven Begriff, etwas, was einem nur qua Geburt zukommt? Oder kann man seine Heimat mit Dazugestoßenen teilen? Wir müssen diese Fragen für uns klären, ansonsten wird der Heimatbegriff früher oder später bedeutungsleer.
„Die Sehnsucht nach Heimat nicht den Nationalisten überlassen“
Man kann den Heimatbegriff politisch aufladen. Das dachte sich auch Horst Seehofer. Der CSU-Politiker verpasste dem Bundesinnenministerium 2018 den Beinamen „für Heimat.“ In den Koalitionsverhandlungen sicherte sich Seehofer 142,5 Planstellen für die neuen Heimatbeamten. Die aber gar nicht so recht wussten, was ihre Aufgabe war. Irgendwas mit ländlichem Raum stärken hieß es da – was zuvor einfach die Aufgabe des Innenministeriums gewesen war. Das zeigt: Heimat kann man nicht vorgeben. Es ist eben ein Gefühl, kein politisches Agendamittel.
Besonders gefährlich wird es, wenn Rechtsextreme den Heimatbegriff für ihre Propaganda missbrauchen. Das konnte man gut am Parteitag der NPD im Sommer 2023 beobachten. Da benannte sich die Partei kurzerhand in „Die Heimat“ um. Am Anfang steht die harmlos anmutende Namensänderung. Am Ende wird dann ein Heimatschutz propagiert, der die heimische Kultur im Sinne eines Naturschutzes vor Schädlingen befreit. Heimat als Spaltung und Rechtfertigung für Rassismus, nicht als Chance. Das kennt man schon von den Nationalsozialisten. Viele hassen den Begriff auch genau dafür – dass nicht klar ist, wer mitgemeint ist bei dieser Heimat, und wer das idyllische Bild eher stört. Bundespräsident Steinmeier brachte das 2017 anlässlich der Feierlichkeiten zum 3. Oktober auf den Punkt: „Die Sehnsucht nach Heimat, nach Sicherheit, nach Entschleunigung, nach Zusammenhalt, vor allen Dingen nach Anerkennung: Ich bin ganz sicher meine Damen und Herren; diese Sehnsucht nach Heimat dürfen wir nicht den Nationalisten überlassen.“
Heimat ja, aber ohne geistige Schranken
Heimat darf nicht zum leeren Begriff werden. Denn gerade dann wird er benutzt, um Menschen gegeneinander auszuspielen. Was Heimat ist, fällt uns nicht in der politischen Debatte darüber auf, sondern dann, wenn sie fehlt. Wenn große Teile unserer Identität einfach wegbrechen, entstehen Traumata. Die Heimat des anderen muss also anerkannt und gefördert werden, egal wo sie stattfindet und wie sie ausdefiniert wird. Dafür braucht es aber mehr als Toleranz. Heimat muss integrativ sein, offen sein. Der Schlüssel liegt wie so oft im Dazwischen. Einerseits anzuerkennen, dass wir ohne das Gefühl echter Geborgenheit im Herzen tot wären, ohne ein Auffangnetz in schwierigen Zeiten. Und trotzdem zu wissen, dass sich auch etwas Festes, Fundamentales bewegen und erneuern kann. Dass wir Heimat teilen können. Und müssen, damit sie Bestand haben kann. Ein Bäckermeister und Fassenachter aus meiner Region sagte mir einmal: „Heimat, das sind die Menschen“. Ich finde, damit hatte er recht.
Dieser Artikel ist im Rahmen eines Journalismus-Workshops entstanden, an dem ich im März teilgenommen habe. Veranstaltet hat ihn die gemeinnützige Pioneer-Foundation. Zehn weitere, hintergründige Texte sind auf der Website der Stiftung (Opens in a new window)zu lesen.
Good News der Woche #08
Oftmals verlassen wir unsere Heimat, zum Beispiel mit dem Zug. Doch Bahnreisen durch Europa können kompliziert sein. „Man braucht drei Apps, fünf Tabs und vielleicht noch ein Stoßgebet“, meint eine österreichische Politikerin. Künftig soll ein einziges Ticket pro Reise ausreichen. Auch die Preise könnten dadurch sinken.
https://www.tagesschau.de/ausland/europa/bahnfahren-eu-kommission-100.html (Opens in a new window)Anfang nächster Woche werde ich schon wieder in Berlin sein. Grund dafür ist die re:publica - eine Konferenz zur digitalen Gesellschaft, bei der sich viele Prominente aus Politik und Medien tummeln. Ich werde versuchen, mit einigen Hoffnungs-Interviews zu führen. Das Erste davon lest ihr nächsten Sonntag.
Immer weiter gehen.
Euer Hendrik