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Der Romantik-Störmoment

Wenn Tourismus eine Botschaft hat // Erstmals blinder Sozialminister in Ungarn

Ich bin wohl zu spät gekommen. Denke ich, als ich die Stadtmauer langlaufe. Ich bin in Rothenburg ob der Tauber. Die letzten Wochen waren geprägt vom Abistress, und so gönne ich mir hier mit meiner Freundin drei Tage Pause.

Wem die Stadt nichts sagt: Rothenburg ist ein Mittelzentrum in Franken, das vor Romantik nur so strotzt. Überall warten verwinkelte Gässchen. Das Fachwerk ist zu großen Teilen restauriert. Es gibt Picknickplätze. Liebesschlösser. Den begehbaren Rathausturm. Genau deshalb bin ich auch zu spät: als Kind wäre die Stadt für mich ein einziger Abenteuerspielplatz gewesen. Die Stadtmauer, auf der ich hier schlendere, ist mit ihren zwei Kilometern ein riesiger Kletterpark. Es gibt ein Weihnachtsdorf mit Christbaumkugeln meiner Kindheitshelden. Ganze Läden nur voller Süßigkeiten. Und all das wird überlagert vom Flair einer Zeit, in der es noch mutige Ritter in erhabenen Burgen gab.

Und so muss ich auch beim Wandeln durch die Waffenausstellung mit ihren dutzenden Schwertern und Musketen an meine Kindheit denken. In einer Ecke darf man sich aus Holzklötzen seine eigene Stadt bauen. Und dann kommt plötzlich ein Aufsteller, der mich aus meinen Erinnerungen aufschrecken lässt:

Sind Konflikte unausweichlich?

Bitte was? Mitten im Romantikparadies Rothenburg plötzlich Realpolitik? Ich lese weiter.

„Während der Ausstellung beschäftigten uns zahlreiche Konflikte, vom Angriff Russlands auf die Ukraine über den terroristischen Überfall der Hamas auf Israel und den folgenden Krieg in Gaza bis zu den Konflikten im Sudan, im Jemen sowie im Iran.“

Aktuell sind sie hier auch noch. Direkt neben dem Aufsteller haben Besucher die Möglichkeit, mit Klebezetteln ihre Wünsche zum Thema loszuwerden. „Kriegsdienst verweigern ist ein Menschenrecht“, steht da. „I think that all people should be friends“. Oder auch: „Konflikte entstehen aus Angst, Wut oder Unverständnis. Auf alle drei Emotionen ist Liebe die Antwort“.

Ich bin geplättet. Hier lädt das kleine, touristische Rothenburg nicht nur zum bloßen Konsumieren ein. Sondern auch zum Hinterfragen. Wofür waren die Mauern und Türme dieser Stadt eigentlich da? Was aus diesen Zeiten verklären wir – und was darf niemals wiederkommen? Heutzutage fällt oft der Satz: „Es ist nicht mein Krieg“. Im Bauernaufstand von 1525 oder im Deutsch-Französischen Krieg 1870 konnte man das nicht sagen. Da waren es die eigenen Mauern, die eigenen Herrscher, das eigene Land, das zum Opfer wurde. Statt Frieden und Gerechtigkeit galt das Recht auf Krieg. Und schon damals wurde dieses Recht auf dem Rücken der ärmeren Bevölkerung ausgetragen, die im Zweifel außerhalb der schützenden Stadtmauern lebte. Schon damals löste der Machthunger weniger Personen Massenmorde aus.

Am Ende ist es ein weiterer Klebezettel, der mich nach draußen begleitet: „We never learn. Until we learn from the past, we are damned to repeat mistakes”. Rothenburg ob der Tauber hat gelernt. Dass man die kindliche Faszination für Waffen, Rüstungen und Schutzwälle nicht nur ausnutzen, sondern auch nutzen kann. Dass man sie verwandeln kann. In ein frühes, aber grundsätzliches Bewusstsein dafür, dass es Spaß macht, die Vergangenheit zu erfahren und zu erkunden. Aber dass wir erst dann weiterkommen, wenn wir aus ihr lernen. Hoffnung beginnt immer im Kleinen, merke ich. Manchmal mit einem kleinen Aufsteller neben den Bauklötzen.

Good News der Woche #07

Von Franken nach Ungarn: Der neue ungarische Regierungschef Péter Magyar hat mit Vilmos Kátai-Németh erstmals einen blinden Menschen zum Sozialminister in Ungarn ernannt. Der leidenschaftliche Kampfsportler verlor mit 16 Jahren die Fähigkeit zu sehen. Neben Chancengleichheit ist ihm besonders der universelle Zugang zu Bildung und Gesundheitsversorgung wichtig.

https://www.t-online.de/nachrichten/ausland/id_101229214/ungarn-peter-magyar-stellt-blinden-minister-vor.html (Opens in a new window)

Immer weiter gehen

Euer Hendrik