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Mit dem FAZ-Chef im Konferenzraum

Jürgen Kaube: “Man sollte ein Minimalinteresse am Anderen haben”/ Gespräch über Bildung, Fußball und das Stadtbild

Frohe Ostern Euch allen! Vor ziemlich genau einer Woche besuchte ich in Köln meinen Lieblingssender, den Deutschlandfunk. Der lud ein zum “Kölner Kongress”. Zwei Tage lang ging es in Vorträgen und Pitches um Freiräume. Und so fand ich mich am ersten Abend mit fünfzig weiteren Leuten im Funkhaus ein, und lauschte der Keynote. Schnell erfuhr ich: auch der erste Redner des Abends war heute mit dem Zug von Frankfurt nach Köln gereist - und noch dazu ein Prominenter. Jürgen Kaube ist Mitherausgeber der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und dort zuständig für das Feuilleton.

Und was macht man nach so einem Vortrag, als Jüngster im Raum? Na klar: den Redner ansprechen! Meine Hoffnung wurde erfüllt, und Jürgen Kaube ließ sich ganz spontan darauf ein, mit mir eine halbe Stunde über die Hoffnung zu sprechen.

Was macht Ihnen gerade Hoffnung?

Kaube: Dass es noch denkende Menschen gibt. Solange kann es nicht ganz schlimm werden.

Viele fühlen sich gerade hoffnungs- und orientierungslos. Es gibt keinen Thomas Gottschalk mehr, der den Deutschen am Samstagabend die Welt erklärt, inzwischen hat jeder seinen eigenen Bildschirm. Zur Zeit der großen Literaturepochen war das noch anders. Da stritten viele Menschen für dieselbe Sache, Stichwort Aufklärung. Fehlt es uns an Zusammenhalt?

Kaube: Historisch betrachtet ging Zusammenhalt ja oft mit ganz schrecklichen historischen Umständen einher. Die Französische Revolution war zum Beispiel ein unglaubliches Massaker. Gleichzeitig genießen wir heute auch die Vorteile des Individualismus und dass uns in unserer Lebensführung weniger vorgeschrieben wird. Aber natürlich gibt es Klagen über Vereinsamung, da haben Sie schon recht. Vielleicht ist das Richtige nicht die Gemeinschaftsbildung, sondern das Zuhören. Man sollte ein Minimalinteresse am Anderen haben. Vielleicht ist es gar nicht schlecht, wenn man aus einer glücklichen Schicht kommt, schon in der Schule auf Leute zu treffen, deren Eltern nicht so viel Glück hatten.

Ein Plädoyer für die Gemeinschaftsschule?

Kaube: Nicht unbedingt. Das alte Gymnasium war ursprünglich auch so. Jedenfalls finde ich es nicht verkehrt, wenn man sich der eigenen Partikularität bewusst wird. Dass man sagt: „das macht ihr vielleicht bei euch im Dorf so, aber im anderen macht man es halt anders.“ Häufig begegnet man Unterschieden, die man gar nicht sofort zu Konflikten aufrüsten muss.

Das sagen Sie als Werder-Fan?

Kaube: Ich würde mich nicht mal zu Hass auf den HSV motivieren lassen, weil ich den Sinn des Fußballspiels gar nicht darin sehe. Also: Unterschiede sehen, Unterschiede leben und vielleicht auch Diversität feiern. Mein Lehrer Rudolf Stichweh hat einmal den schönen Begriff der Minimalsympathie entwickelt. Der Gedanke: Man geht über einen Platz und ist eigentlich indifferent gegenüber allen, die da sind. Man kennt sie nicht, man weiß, sie haben gerade etwas anderes vor. Man würde ihnen jetzt kein Gespräch aufzwingen. Aber man sieht sie nicht sofort als Problem. Der damalige Chef der AfD, Jörg Meuthen, sagte einmal in einer Talkshow im Fernsehen, wenn man morgens um sieben in Stuttgart durch die Fußgängerzone gehe, sähe man keine Deutschen mehr.

Darauf antwortete Angela Merkel, dass wisse er gar nicht, weil er ihre Pässe nicht sehe.

Kaube: Ich würde noch eins draufsetzen: Selbst wenn die jetzt alle keinen deutschen Pass haben, wo ist denn dann mein Problem? Vielleicht sind es die Damen, die gerade bei Karstadt die Rolltreppe gereinigt haben. Dann hätte ich schon erst recht nichts gegen sie.

Ich bin jetzt 18 Jahre alt und wurde in einen gigantischen Wohlstand hineingeboren. Ein Wohlstand, den meine Großeltern mit aufgebaut haben. Für sie ging es schwer, aber stetig bergauf. Und heute stehen wir auf diesem Berg aus Wohlstand und schauen nur noch runter, ohne zu merken, wie riesig dieser Berg eigentlich ist. Würden Sie da mitgehen?

Kaube: Der öffentliche Talk ist gerade ein gewisser Überbietungswettbewerb an Pessimismus. Aber von dem darf man sich nicht beeindrucken lassen. Wie oft sind uns schon Untergänge vorausgesagt worden? Und ja, es gibt Untergänge und es gibt schlimme Situationen. Niemand von uns möchte in Kiew leben, im Gazastreifen oder in Teheran. Aber es gibt auch immens viele gute Dinge in der Welt. Sie hätten in Paris um 1830 ein Herzog sein können: wehe Sie bekommen eine Blinddarmentzündung. Das Chloroform geht erst 20 Jahre danach in den Markt. Das muss man schon ins richtige Bild setzen. Außerdem wird Ihre Generation viel erben.

Kennen Sie eine konkrete Lösung, wie wir wieder zu mehr Zuversicht kommen können? Gerade als Blattmacher der FAZ. Konstruktiver Journalismus wäre da doch ein Beispiel.

Kaube: Spontan würde ich da gar nicht so sehr an Nachrichten denken, sondern eher an längere Berichte. Mitten in der Coronapandemie hatte Friedrich Hölderlin seinen 250. Geburtstag. Wir haben zu ihm eine Beilage gemacht. Und dann schrieben uns viele Leser, die sagten: endlich mal kein Corona! Das war keine Meldung, keine Nachricht aus der Welt, sondern etwas Gutes, Interessantes, Fantasievolles, Nachdenkenswertes, was es in der Welt gibt. Es entziehen sich ja gerade viele Leute der schlechten Nachrichten. Man nennt das „News-Fatigue“, also Nachrichtenermüdung. Schauen Sie mal, welche Ressorts im Reiter der Webseite der New York Times als Erste erscheinen. Das fängt nicht mit Politik an, auch nicht mit Wirtschaft oder Sport. Das fängt an mit Games, Warentests, Quiz und dann kommen Rezepte. Das sind die ersten vier. Und dann kommt eine Rubrik, die heißt „Today“, also wenn man so will der Rest der Zeitung. Ich will jetzt nicht sagen, dass man sich romantisch der Welt entziehen sollte, nur weil sie Probleme bietet. Denn dann geschieht ja nichts mit der Rente oder mit dem Steuern oder dem Krieg. Aber es ist doch interessant, dass es diesseits der Meldungswelt eine Welt gibt, in der sich gar nicht so viel ändert. Ich nehme mal an, die Käsekuchenrezepte sind seit 100 Jahren relativ stabil.

Ist es nicht unmoralisch, aus unseren schnelllebigen Zeiten zu entfliehen?

Kaube: Unmoralisch wäre es, wenn sich alle dem entzögen. Es wäre auch unethisch, wenn man alle dazu zwingen würde, Wissenschaftler zu werden. Das meine ich mit dem Individualismus. Die einen werden eben Wissenschaftler, die anderen werden Hoteliers. Während Corona waren wir ganz froh, dass es ein paar Immunologen gab. Aber wir müssen für eine angemessene Differenzierung der Bildungswege sorgen. Und vielleicht kann man auch sagen, man kommt schwerer durch, wenn es keine Immunologen gibt, als wenn es keine Quizmaster gibt.

Stichwort Bildung – Sie haben 2019 ein Buch über unser Schulsystem geschrieben. Was hat Sie dazu bewogen?

Kaube: Wissen Sie, ich war lange auf einer Schule. Und dann war ich in einer Disziplin, sowohl Ökonomie als auch Soziologie, die sich auch mit Erziehung beschäftigt. Und dann ich habe drei Kinder miterzogen. Außerdem habe ich relativ intensive Erinnerungen an meine Schulzeit. Ich könnte heute noch im Kopf einzelne Schulstunden nachstellen.

Weil es Ihnen gefallen hat, oder weil es Sie aufgeregt hat?

Kaube: Im Durchschnitt hat es mir gefallen, obwohl ich ziemlich viel nachsitzen musste.
Das war damals so eine Institution. Wenn man reinrief oder anderen Unfug machte, musste man samstags in die Schule kommen und eine Stunde bei irgendeiner anderen Klasse – damals gab es noch Samstagsunterricht – verbringen. Ich nahm das damals aber als so eine Art Ehrenzeichen.

Ihnen kam schließlich mehr Bildung zu.

Kaube: Wie heißt es bei Hegel? „Es ist die Ehre des großen Verbrechers, schuldig zu sein.“ Ich war jetzt kein großer Verbrecher, ich war ein kleiner Verbrecher. Schule ist ja primär Personenbeobachtung. 30 schauen auf einen oder eine und dann denkt man über die nach. Die man ja auch viel älter wirkt, als sie tatsächlich ist. Sie war ja eigentlich erst 28 und wir haben gedacht, die ist 40 oder 50 – groteske Fehlschutzschätzung. Das merke ich jetzt wieder bei meinen Töchtern.

Was war eine gute Nachricht, die Ihnen vor Kurzem begegnet ist?  

Kaube: Eine gute Nachricht war, dass Bremen in Wolfsburg 1:0 gewonnen hat. Das hat schon auch viel mit Hoffnung zu tun (lacht). Aber etwas Ernsthafteres: eine meiner Töchter war als Kind immer sehr schüchtern. Und dann ist sie nach einem Schulwechsel total aufgeblüht. Heute habe ich Terminschwierigkeiten mit ihr, weil sie so viele Freunde hat. Neulich hat sie sich Karten für Eintracht Frankfurt besorgt, ich weiß gar nicht, wo sie die herhat. Vorhin am Telefon hat sie mir erzählt, jetzt wo Frankfurt nicht mehr so gut ist, sind die ganzen Erfolgsfans weg. Das sind gute Nachrichten im privaten Bereich. Man macht sich als Elternteil ja schon Sorgen. Und dann führt so eine kleine Umstellung wie ein Schulwechsel dazu, dass man denkt: es ist noch derselbe Mensch, aber eine ganz andere Person.

Danke Ihnen!

Kaube: Sehr gerne.

Wie steht Ihr zur Gemeinschaft? Brauchen wir mehr davon? Oder hat Jürgen Kaube recht, wenn er die Chancen des Individualismus preist? Schreibt mir gerne an: h.heim2304@gmail.com (Opens in a new window)

Nächste Woche geht es direkt prominent weiter: ich habe Tim Klüssendorf, den SPD-Generalsekretär interviewt. Tim ist erst 34 und versucht gerade, seine Partei aus dem Umfragetief zu retten. Hoffentlich bleibt also Zeit, mein Interview zu autorisieren. Bis dahin frohe Ostertage und ein wenig Entspannung!

Immer weiter gehen.

Euer Hendrik

Fotos: Martin Kraft, Hendrik Heim