Tim Klüssendorf, Generalsekretär der SPD im Hoffnungsinterview

Ich war gerade ein paar Tage an der Ostsee. Da kam mir der Gedanke, dass Tim Klüssendorf ganz in der Nähe seinen Wahlkreis hat. Der 34-jährige ist seit neun Monaten Generalsekretär der SPD. Am Montag rief ich bei ihm im Büro an. Am Dienstag sprachen wir 70 Minuten über die Zuversicht.
Mich hat interessiert, wie er es mit 34 Jahren in die erste Reihe geschafft hat, wie er sich Mut und Träume behält, und ob die eigene Partei am meisten an ihm nagt.
Wir sprechen uns in Ihrem Wahlkreisbüro in der Lübecker Innenstadt. Wenn man hier lang läuft, mit Marzipanduft in der Nase, denkt man schon: Wenn es noch eine heile Welt gibt, dann hier. Was macht Ihnen gerade Hoffnung?
Klüssendorf: Es mag gerade nicht leicht sein, Hoffnung zu schöpfen – aber wir müssen uns immer wieder vor Augen führen, dass Menschen schon viel größere Krisen überwunden haben, und am Ende hat die Menschlichkeit gesiegt. Gerade eben habe ich zum Beispiel mit einer Dame gesprochen, die sich ehrenamtlich für Kinderschutz einsetzt. Solange es Menschen gibt, die jeden Tag daran mitwirken, unsere Welt ein bisschen besser zu machen, gibt es auch Hoffnung.
Im März 2022 haben Sie Ihre erste Rede im Bundestag gehalten. Das Thema: „Fristenballung bei steuerberatenden Berufen.“ In der Aufnahme dazu sieht man den 30-jährigen Tim Klüssendorf ans Pult kommen, mit Coronamaske und Sprechzettel. Beides brauchen Sie heute nicht mehr. Sie haben es in vier Jahren vom Hinterbänkler zum Generalsekretär gebracht.
Klüssendorf: Ich erinnere mich noch gut an meine erste Rede und wie aufgeregt ich da war. Mir war es wichtig, dass sie komplett ausformuliert ist, ich wollte bloß nicht über die Zeit gehen oder einen Gedanken verlieren. Heute halte ich jeden Tag freie Reden und es macht mir Spaß. Über die Jahre habe ich gemerkt, dass man sich mit Engagement und Leidenschaft auch als junger Mensch Respekt erarbeiten kann. Für mich war ein entscheidender Moment der Bundesparteitag 2023. Da habe ich gegen Parteiführung und Bundeskanzler einen Antrag durchgesetzt, dass wir von einer Erhöhung der Einkommenssteuer hin zu einer Vermögensabgabe plus Vermögenssteuer und Erbschaftssteuer gehen. Ich konnte mir mit Fachlichkeit, Unnachgiebigkeit, aber auch mit Leidenschaft Respekt erwerben.
Ein Jahr später fragte Sie Lars Klingbeil, ob Sie der neue Generalsekretär werden möchten. Sie sind jetzt 34. Ihr Vorvorgänger Kevin Kühnert ist in dem Alter aus der Politik ausgestiegen, und brauchte danach erstmal drei Monate Wanderurlaub. Was tun Sie, um diesen Job durchzuhalten?
Klüssendorf: Meine Planung ist, die Berufspolitik nicht länger als vielleicht bis 50 zu machen, um danach noch ein zweites Leben zu führen. Dieses Geschäft hat absolute Schattenseiten. Man muss nur Instagram öffnen, da sind von 1000 Kommentaren 950 negativ oder beleidigend. Da schreiben mir Leute aus dem Harz: „Wenn solche Spacken wie du Politik machen, ist es kein Wunder, dass Deutschland in den Faschismus geht.“ Und das bekommen Sie jeden Tag. Das hat sich in unserer sehr aufgeheizten Gesellschaft schon stark verselbstständigt. Deswegen kann ich gut verstehen, wenn Leute wie Ricarda oder Kevin darunter leiden. Von dem Hass, den ihnen entgegenschlug, spüre ich selbst nur einen Bruchteil.
Hat der Generalsekretär Tim Klüssendorf die SPD linker gemacht?
Klüssendorf: Ja! Dass man eine Reform der Einkommenssteuer macht, dass man an die Erbschaftssteuer rangeht, ist mittlerweile absoluter Konsens in der SPD. Wir haben ein Erbschaftsteuer-Konzept vorgelegt, was ich mit erarbeitet habe. Jetzt geht es natürlich daran, das umzusetzen.

Bei der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz Ende März wurde Ihr Ministerpräsident, Alexander Schweitzer, abgewählt. Im Interview am Wahlsonntag sagten Sie: „Wer traut der SPD noch was zu, wenn man mit so einem Gesicht durch die Welt läuft, dass wir keine Zuversicht ausstrahlen und dass wir eben gar nicht glaubhaft machen können, dass wir etwas in diesem Land verändern können. Es geht darum: wie tritt diese SPD auf und welches Bild trägt sie nach außen?“ Welches Bild trägt die SPD denn gerade nach außen?
Klüssendorf: Selbstmitleid ist keine Option für uns, trotz aller Rückschläge. Ja, wir hatten eine Bundestagswahl mit dem schlechtesten Wahlergebnis seit Ende des 19. Jahrhunderts. Dennoch müssen wir Zuversicht ausstrahlen! Ich bin mir total sicher: Egal welche Inhalte wir vertreten – wenn wir sie nicht selbstbewusst vertreten, dann werden wir keine Zustimmung bekommen. Da hängt so viel dran, dass wir auch im Auftritt anders werden.
Nach der Wahl sind Sie in die Parteigremien gegangen und haben auch debattiert, ob die Parteispitze aus Klingbeil und Bas es noch taugt. Wie laufen solche Gespräche konkret ab?
Klüssendorf: Noch am Wahlabend gab es eine Videoschalte mit den Präsidiumsmitgliedern. Da wurde offen diskutiert und es ist schnell deutlich geworden, dass wir in den letzten acht Jahren meist fest einbetoniert waren bei um die 15 Prozent, egal wer da vorne stand. Folglich liegen die Ursachen tiefer. Am Montag haben dann Präsidium und Parteivorstand getagt. Im Parteivorstand gab es natürlich kritische Stimmen, auch die, die eine Doppelrolle von Parteispitze und Kabinettsmitgliedern kritisch gesehen haben. Aber im Ergebnis war sehr klar: Die SPD muss nun Probleme der Menschen lösen und darf sich nicht in Personaldiskussionen verlieren. Am Dienstag haben wir dazu nochmal in der Fraktion diskutiert, und uns am Freitag auch noch Oberbürgermeister und Landräte zum Gespräch ins Willy-Brandt-Haus geholt.
Michael Roth, Ex-Europastaatsminister, sagte im ZDF-Interview mit Blick auf die SPD: „Die AfD ist auch unser Problem“. Wie gehen Sie das Problem an?
Klüssendorf: Ich habe neulich eine spannende Studie von der Friedrich-Ebert-Stiftung gelesen. Da stand: AfD zu wählen, widerspricht sogar den ökonomischen Interessen der Leute. Aber sie wählen sie trotzdem, weil die AfD es in ihren Augen geschafft hat, einfach mal Probleme beim Namen zu nennen und sie nicht schönzureden. Das muss uns zu denken geben. Wir sind diejenigen, die dann keine einfachen Lösungen präsentieren und nicht auf jede politische Fragestellung „Ausländer raus“ rufen. Jeder, der heute AfD wählt, läuft Gefahr, irgendwann in einem Land zu leben, in dem er nicht mehr frei ist. Aber wir müssen trotzdem die Bindung zu den Leuten wieder gewinnen. Und dann habe ich schon mal intern auch bei uns gefragt: Wer von uns würde sich morgen in eine Fußballerkabine stellen und in ganz normaler Alltagssprache über unsere Politik reden können? Wo sind wir eigentlich mit unseren Diskussionsprozessen und wie können wir Dinge erklären? Das ist ein Riesenthema.
Auf dem Hinweg habe ich mit meiner Ortsvorsteherin telefoniert. Sie ist enttäuscht von ihrer Parteispitze und findet, die SPD würde die sozialen Kernthemen vergessen. Ihre Frage an Sie: im Dorf werden die Mieten immer teurer, und es fehlt an bezahlbarem Wohnraum. Was tun Sie dagegen?
Klüssendorf: : Mir geht es total auf die Nerven, dass wir bei jeder Wahl wieder für bezahlbare Mieten plakatieren, und in Wirklichkeit steigen sie immer weiter. Wir müssen viel freier in der Wohnbebauung werden. Es gibt eine ganze Reihe von Kommunen, die längst neue Baugebiete ausweisen wollen würden, wo aber Landes- und Bundesgesetze im Weg stehen. Dann müssen Kommunen mehr da eingreifen können, wo Eigentümer sich nicht an bauliche Absprachen halten und vor allem kommerzielle Interessen verfolgen. Und wir müssen die baulichen Standards senken. Die ersten Schritte haben wir gemacht. Wir brauchen schnellere Genehmigungsverfahren, und da ist in den letzten Jahren viel zu wenig passiert, auch mit unserer Beteiligung – das weiß jeder. Deswegen hoffe ich, dass wir mit den neuen Gesetzen schneller sind und besser werden.
Im Interview mit der SPD-Zeitschrift „Vorwärts“ sagten Sie, Ihnen fehle es an Zusammenhalt in der Gesellschaft. Haben Sie Vorschläge, wie man das Miteinander vor Ort fördern kann?
Klüssendorf: Zusammenhalt kann man leider nicht beschließen, sondern er lebt von uns allen. Wenn man sich gegenseitig wertschätzt, Respekt vor der Leistung der anderen hat und man erstmal zuhört, bevor man gleich losschlägt mit seinen eigenen Argumenten und Emotionen, dann wäre es schon mal hilfreich. Durch die Gesellschaft muss wieder ein Ruck gehen. Diese lange Phase der vielen Krisen und Kriege um uns herum, mit der der Coronapandemie und Inflation, die muss jetzt mal endlich enden. Nur kann das niemand versprechen, sondern wir müssen einfach alle gemeinsam daran arbeiten. Da ist die Politik nicht besser oder schlechter als alle anderen, die in dieser Gesellschaft leben. Das ist eine Gesamtaufgabe.
Wir haben schon über kurzfristige Lösungen gesprochen, die diese Bundesregierung umsetzen könnte. Ein langfristigeres Thema ist der Klimaschutz. Ende März haben Sie im Willy-Brandt-Haus einen Klimagipfel veranstaltet. In der Umsetzung scheitern Sie an Klimazielen und die Klimaneutralität bis 2045 wird immer unrealistischer. Warum schaffen Sie es nicht, die CDU von mehr Maßnahmen zu überzeugen?
Klüssendorf: Da machen wir es uns aber ein bisschen leicht. Es ist gerade nicht nur die CDU, sondern die Gesamtgesellschaft hadert mit sich. Wenn ich an das Heizungsgesetz denke, da haben nicht alle in der Gesellschaft nur Bravo geschrien, das ging vielen zu weit. Es ist ja nicht so, dass die Politik losgelöst ist. Viele denken ja: Ich will am liebsten, dass wir das Klima von heute auf morgen retten, aber bitte ohne Einschnitte. Das ist eine Aufgabenstellung, die niemand lösen kann. Um beim Heizungsgesetz zu bleiben: Es war uns als SPD ganz wichtig, dass man trotzdem daran festhält, dass nachhaltige Heizungen eingebaut werden und wir nicht Gasheizungen staatlich fördern. Beim Rest hat die Union auch viele Punkte gemacht. Aber auch bei erneuerbaren Energien setzen wir uns massiv durch. In meiner Rede am besagten Klimagipfel habe ich gesagt, dass wir auch ökonomisch gesehen auf Sonne und Wind umsteigen müssen, und das können wir auch und müssen da entschlossen vorgehen. Das geht nur mit Kompromissen, in Zeiten, wo viele Menschen Klimaschutz kritisch gegenüberstehen. Da müssen wir überzeugen.
Warum sagen Sie dann nicht einfach: Für die Kinder, die jetzt leben, machen wir noch gute Politik, aber deren Enkel können wir leider nicht retten? Wäre das nicht ehrlich? Um zu sehen, dass Klima gerade nicht im Trend ist, muss man nur nach Amerika schauen.
Klüssendorf: Das würde ich nicht auf die USA verkürzen. China zum Beispiel arbeitet massiv an ihren Emissionen, stellt massiv auf E-Autos um und erreicht seine Klimaziele. Die wissen genau, dass dieser Planet überleben muss.
Ob da Moral und nicht Geld im Vordergrund steht…
Klüssendorf: Fakt ist: Du kannst die Leute nur überzeugen, wenn sich Klimaschutz rechnet. Wir müssen das mit Wirtschaft zusammenbringen. Man stelle sich vor, den Politikern in den 60er Jahren wären ihre Nachkommen egal gewesen. Sie hätten sich gegenseitig mit Atombomben beschmissen und die Erde verseucht. Das haben sie auch wegen uns nicht getan. Menschen sind durchaus in der Lage, Verantwortung für Generationen hinter sich zu tragen. Wir haben eine große Verantwortung für die Zukunft.
Sehen Sie Chancen für mehr europäische Zusammenarbeit, im Bereich Sicherheit, aber auch im Bereich Umwelt oder Soziales? Die Interessen werden gerade ja nationaler.
Klüssendorf: Es ist sehr, sehr schwer, momentan solche Prozesse voranzutreiben. Das war in der Vergangenheit sicherlich einfacher. Bei einigen Fragestellungen sind wir aber geradezu verdammt dazu. Den USA hat im Handelsstreit mit der EU gar nicht geschmeckt, dass wir jetzt Mercosur fertig verhandelt haben. Denen hat auch gar nicht geschmeckt, dass wir mit Indien auf einem guten Weg sind. Uns schmeckt dagegen diese Zollpolitik der Vereinigten Staaten nicht. Seitdem Rechte und teilweise rechtsextreme Kräfte in den letzten zehn, 15 Jahren wieder an Zulauf gewonnen haben, ist nichts besser geworden! Es gibt kein Wachstum, es gibt kein Zusammenwachsen der Gesellschaft. Ich finde, gerade an der Handelspolitik von Donald Trump zeigt sich das. Er hat versprochen, dass Preise gesenkt werden, dass die Amerikaner mehr davon haben, dass ihre Wirtschaft wieder wächst. Das Gegenteil ist der Fall. Die Leute leiden unter den hohen Preisen. Er tut nichts dafür. Und das führt eben auch dazu, dass wir europäisch, ob wir wollen oder nicht, unsere Wirtschaftspolitik, aber auch unsere Verteidigungspolitik viel stärker synchronisieren müssen. Aber nicht, weil es politisch das Traumprojekt von vielen ist, die momentan Verantwortung tragen, sondern bittere Notwendigkeit.

Gibt es echte Freundschaften in der Politik?
Klüssendorf: Die können Sie an einer Hand abzählen, weil man anders miteinander zu tun hat, das politische Geschäft einfach sehr hart ist und Interessen auch manchmal kollidieren. Martin Schulz hat mir mal erzählt, wie Freundschaften dann zu Bruch gegangen sind, weil man unterschiedliche politische Interessen verfolgt hat, und wie hart das war. Der absolute Großteil meines Freundeskreises ist zum Glück außerhalb der Politik.
Haben Sie Gegner in Ihrer Partei?
Klüssendorf: Bestimmt. Aber ich habe keinen, der mir jetzt spontan einfielen.
Neider?
Klüssendorf: Den habe ich schon zu spüren bekommen. Ich hatte neulich eine Begegnung mit einer Kollegin, die hatte mir damals signalisiert, dass sie das jetzt nicht die beste Idee fand, mich schon zum Generalsekretär zu machen. Das hat sie mir nie offen gesagt, aber ich habe das gespürt. Und neulich schrieb sie mir: „Hey Tim, ich bin so froh, dass du da bist und dass du das machst und ich finde, du machst das genauso, wie man das machen sollte und stehe da total hinter deiner Arbeit. Und das schreibe ich dir das auch deswegen, weil ich das am Anfang nicht so gesehen habe.“ Das war schon ein toller Moment. Das zeigt natürlich, dass es auch in solchen Situationen, gerade wenn man so einen Sprung macht und den Weg geht, sich Leute auch fragen: Warum wurde ich nicht gefragt?
Und dann gibt es die Leute, die sind nicht mehr in der aktiven Politik und meinen, sie wüssten alles besser.
Klüssendorf: Was mich ärgert, sind ehemalige Vorsitzende, die Jahrzehnte in der Führungsebene der Partei waren und ja auch mit den Weg gehen mussten, in dem es nur bergab ging, also auch viele Wahlniederlagen selber kommentieren mussten. Wenn die einem dann Ratschläge geben, dann denke ich mir immer so: Ich habe mir das selbst bei dir acht oder zehn Jahre angeguckt und du hast ja das Ruder auch nicht rumgerissen – also vielleicht hilfst du uns eher, anstatt nur Ratschläge von außen zu geben.
Was macht eigentlich Sigmar Gabriel heute?
Klüssendorf: (lacht)
Welche gute Nachricht ist Ihnen zuletzt begegnet?
Klüssendorf: Ich habe tatsächlich viele gute Nachrichten aus den Kommunen bekommen. Die Bürgermeisterwahlen in Bayern, da haben wir Rosenheim nach 60 Jahren der CSU weggenommen mit einem super tollen Kandidaten. Wir haben in Teilen von Hessen Kommunen gewonnen, die wir noch nie gewonnen haben. Oder Offenbach, wo wir mit 35 Prozent durchs Ziel gegangen sind.
Vielen Dank Ihnen!
Klüssendorf: Alles Gute auch für Sie!
Vor zwei Monaten habe ich die “kleine Hoffnungsmail” gestartet. Mittlerweile haben sich über 100 Menschen angemeldet! Vielen Dank dafür. Auch Klüssendorfs Zusage zum Interview zeigt - wir brauchen gerade Hoffnung mehr denn je. Lasst uns weiter wachsen! Ich freue mich, wenn ihr die Hoffnung weiterempfehlt. Kopiert einfach diesen Link:
Jetzt geht es los: wenn ihr die nächste Ausgabe lest, habe ich meine erste Abiturprüfung schon hinter mir. Grund für mich, darüber zu schreiben. Wie geht man an eine Prüfung heran, die bestimmt, welche Zukunft man hat? Meine Erfahrungen möchte ich teilen.
Immer weiter gehen
Euer Hendrik
Fotos: SPD/MK