Heute sprechen wir über Neophyten und die Frage, wie viel Fremdes ein naturnaher Garten eigentlich so verträgt.

Sorry für long time no hear, hatte zwei (warum auch nur einer? ich gönn mir richtig) Unfälle, die mein Knie geschrottet haben, weshalb ich in den letzten Wochen in der Welt des Schmerzes unterwegs war, die ich seit dem großen Unfall vor 13 Jahren nicht mehr kannte. Bin während der Genesung mit allem ins Hintertreffen geraten, und musste jetzt auch Lesungen absagen. ABER jetzt geht wieder mehr, also gehen wir rein (ich halt mit Krücken oder Gehstock)!
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Letzte Woche stand ich vor meinem blühenden Rhododendron und habe eine einzelne Blüte in die Hand genommen, betrachte dieses leuchtende Weiß mit den purpurnen Tupfen im Schlund. Hier und da taumeln ein paar Honigbienen und Hummeln um die Blüten, ein Wildlife-Magnet ist das definitiv nicht. Und trotzdem dachte ich: Du darfst bleiben. Komisch, oder? Warte Jasmin, gärtnerst du nicht eigentlich für die Artenvielfalt?
Damit eines von vornherein klar ist: Ich votiere für heimische Pflanzen, immer. Für meine eigenen Gärten kaufe ich ausschließlich heimische Arten, weil sie das Fundament unserer Pilz-, Pflanzen-, Insekten- und Vogelwelt bilden und weil ich diesen Weg für den richtigen halte. Wenn du mich kennst, weißt du das. Aber meinen Kommentarspalten begegnet mir seit Monaten dieselbe verunsicherte Frage: Muss ich jetzt eigentlich alle Hortensien, Rhododendren und Forsythien rausreißen, weil sie nichts für die Artenvielfalt tun? Die Frage kommt von Leuten, die es richtig machen wollen, und die irgendwo aufgeschnappt haben, dass diese Pflanzen ökologisch wertlos seien. Oft hast du dann gerade einen Garten übernommen, in dem über Jahrzehnte gewachsen ist, was eben gewachsen ist, und glaubst nun, du müsstest am ersten Wochenende die halbe Fläche roden. Ich denke: Wenn du einen Garten erbst oder kaufst, in dem nicht alles ideal ist, musst du nicht sofort alles ausreißen. Du darfst dir Zeit lassen, du darfst Stück für Stück umbauen, und du darfst manches behalten, das dir einfach Freude macht.

Was an dem schlechten Ruf dran ist
Beginnen wir bei den Fakten, denn der schlechte Ruf kommt ja von irgendwo. Hortensie (Hydrangea), Rhododendron (Rhododendron) und Forsythie (Forsythia) sind Neophyten, also Pflanzen, die der Mensch nach 1492 aus anderen Regionen der Welt zu uns nach Mitteleuropa, beziehungsweise in unserem Fall in den deutschsprachigen Raum gebracht hat. Die Forsythie stammt aus Ostasien, viele Rhododendren ebenfalls, die Gartenhortensie kommt aus Japan. Für unsere heimische Insektenwelt sind sie weitgehend Fremdkörper, weil sich unsere Wildbienen, Schmetterlinge und Käfer über Jahrtausende mit heimischen Pflanzen gemeinsam entwickelt haben. Sie kennen deren Blütenform, deren Blühzeit, deren Pollen, können sich von den Blättern ernähren oder die Pflanze sonstwie nutzen. Bei exotischen Arten fehlt aber diese Verbindung, deshalb ist das für die meisten unserer Insekten so, als würdest du denen einen Sonnenschirm hinstellen.
Bei der Forsythie kommt ein zweiter Punkt dazu: Die meisten Gartensorten sind durch Züchtung steril, sie bilden also kaum bis gar keinen Pollen und keinen verwertbaren Nektar. Eine Hummel, die im zeitigen Frühjahr nach dem Winter ihren ersten Hunger stillen will, findet an dem leuchtenden Gelb leider nix zum Essen. Genau das meinen Leute, wenn sie sagen, diese Pflanzen seien eine ökologische Sackgasse. Für die Tiere, die spezialisiert auf bestimmte Wirtspflanzen angewiesen sind, stimmt das auch.

Trotz allem: Eine einzelne Forsythie im Garten bringt keine Wildbiene um. Eine Hortensie auch nicht, und drei Rhododendren ebenso wenig. Du liebst Hortensien? Meine Güte, dann setz dir doch 2 Stück ins Beet. Du magst deine Forsythie, weil die dein Opa damals gepflanzt hat und dich das Gelb nach einem langen Winter aufmuntert? Prima, dann wünsche ich dir auch weiterhin viel Spaß damit. Solche Pflanzen sind erst einmal kein Problem, das entsteht erst, wenn sie das Einzige sind, was im Garten wächst … wenn also ringsherum nur kurzgemähter Rasen, Kirschlorbeer und Thuja stehen und sonst nicht viel. Die ökologische Wüste entsteht durch das Gesamtbild, durch die Eintönigkeit der ganzen Fläche, und ein einzelnes Gehölz ist dafür der falsche Sündenbock, auch wenn manche Pflanzeninfluencer versuchen, dir das einzureden, nicht? ;)
Ich halte es deshalb für vollkommen vertretbar, wenn in einem Garten zehn oder zewanzig Prozent der Pflanzen Exoten sind, solange der Rest des Gartens ökologisch wertvoll angelegt ist – und natürlich nur, solange es sich bei dem kleinen Anteil an Exoten um Arten handelt, die sich nicht invasiv ausbreiten. Würde ich meinen Garten selber so anlegen? Nö. Aber finde ich es schlimm, wenn andere das tun? Ebenfalls nö. Ich habe schließlich auch zwei Sonnenschirme im Garten, und da trinkt ebenfalls keine Biene dran. Entscheidend ist die Gesamtmischung, das Verhältnis von Schmuck zu ökologischem Wert auf der ganzen Fläche. Ich finde eben: Wer den Leuten dagegen vermittelt, jede nicht-heimische Pflanze sei ein Verbrechen, erreicht meist das Gegenteil. Dann sitzt jemand frustriert vor seinem Beet, hat das Gefühl, sowieso alles falsch zu machen, und entscheidet sich am Ende für das invasive Zeug aus dem Baumarkt, so ganz nach dem Motto: Wenn ich eh nix richtig machen kann, lasse ich es gleich ganz! Diesen Effekt habe ich oft genug gesehen, und er schadet der Sache mehr als zwei Forsythien auf 300 m².

Wo meine Grenze aber wirklich erreicht ist: invasive Arten
Eine Grenze gibt es allerdings, und die ist mir wirtklich wichtig. Sie trennt harmlose Exoten von invasiven Arten. Ein Neophyt, also eine gebietsfremde Pflanze, wird invasiv, wenn er sich aus dem Garten heraus selbst in der freien Landschaft ausbreitet, dort heimische Pflanzen verdrängt und ganze Lebensräume umkrempelt. Diese Arten richten echten Schaden an, und bei ihnen hört der entspannte Umgang auf. Hier verlange ich das Gegenteil von Gelassenheit: Diese Pflanzen müssen meiner Meinung nach unbedingt raus.
Drei Gehölze stehen für mich ganz oben auf dieser Liste: Kirschlorbeer (Prunus laurocerasus), Mahonie (Mahonia aquifolium) und Schmetterlingsflieder (Buddleja davidii). Alle drei verlassen den Garten auf eigene Faust, auch, wenn du das gar nicht bemerkst. Kirschlorbeer trägt Beeren, die Vögel fressen und deren Samen sie über weite Strecken in Wälder und an Waldränder tragen, wo der immergrüne Strauch dichte Bestände bildet und dem Boden das Licht nimmt. Unter einem zugewachsenen Kirschlorbeer wächst nichts Heimisches mehr nach, auch, weil die Wurzeln (wie auch die des Rhododendron) Blausäure-Verbindungen in den Boden aussenden, damit da nichts anderes wachsen kann. Die Mahonie geht denselben Weg, und sie ist dabei eine ausgesprochen konkurrenzstarke Pflanze: Ihre blauschwarzen Beeren landen über Vögel im Wald, wo sie gerade in lichten Beständen keimt, sich mit Wurzelausläufern verdichtet und den Unterwuchs überzieht. Sie verträgt Schatten, sie verträgt Trockenheit, und sie gibt einmal besetzten Boden kaum wieder her. Der Schmetterlingsflieder wiederum streut Millionen flugfähiger Samen über den Wind aus, die auf Bahndämmen, Brachen und Kiesflächen keimen und dort wertvolle Pionierstandorte besetzen. Ich war gerad ein Dänemark, da säumt der kilometerweit (zusammen mit klassischem Flieder) die Landstraßen, es ist ein Albtraum (ein hübscher Albtraum, aber immer noch ein Albtraum). Der Name “Schmetterlingsflieder” führt zusätzlich in die Irre, denn so verlockend die violetten Blütenkerzen für Tagfalter aussehen: Er liefert ihnen nur Nektar für den Moment, während ihre Raupen an ihm verhungern, weil sie seine Blätter nicht fressen können.

Was diese Arten eben auch so gefährlich macht: Der Schaden entsteht oft weit weg vom eigenen Beet. Die Mahonie macht im Garten brav keine Ausläufer, also denkst du: Wieso, hier ist doch alles in Ordnung. Der eigentliche Tatort liegt aber im Wald zwei Kilometer weiter, wo die Vögel die Samen ausgeschieden haben und wo gerade ein Bestand entsteht, der heimische Arten verdrängt. Weil du das vom eigenen Zaun aus nicht siehst, unterschätzt du es. Du solltest es trotzdem nicht riskieren, mit solchen Pflanzen Natur und Umwelt zu schädigen und Tiere und Pflanzen lokal aussterben zu lassen, bloß weil der Ort des Geschehens außer Sichtweite liegt.
Die Schweiz hat aus dieser Erkenntnis Konsequenzen gezogen und verbietet seit dem 1. September 2024 genau diese Problemarten, Kirschlorbeer und Schmetterlingsflieder eingeschlossen, im Verkauf. Bestehende Pflanzen im Garten dürfen bleiben, aber nachkaufen lässt sich das Zeug dort nicht mehr. Ich wünsche mir, dass auch wir diesen Schritt gehen, weil ein Verkaufsverbot beim Handel ansetzt und damit an der Stelle, an der die Ausbreitung beginnt. Das ist ja auch noch so ein Ding: Viele Leute kaufen das, weil sie sich nicht auskennen. Oft wird das sogar in Baumärkten und Gartencentern als gut für Insekten präsentiert, man will sich nur die Haare raufen. Leute meinen es also gut und werden reingelegt. Das ärgert mich wirklich sehr.
Heimische Alternativen
In Deutschland steht der Schmetterlingsflieder Stand jetzt weder auf einer Verbotsliste noch auf der EU-Unionsliste, das Bundesamt für Naturschutz führt ihn aber als potenziell invasiv. Wenn du ihn behältst, solltest du deshalb konsequent alle Blütenstände vor der Samenreife abschneiden, und besser noch gleich auf heimische Alternativen setzen. An Wasserdost (Eupatorium cannabinum) und Blutweiderich (Lythrum salicaria) finden beispielsweise auch die Raupen Futter. Als heimisches Gehölz bietet sich die Gewöhnliche Traubenkirsche (Prunus padus) an, die im Frühjahr lange weiße Blütenkerzen trägt, angenehm duftet und einer Vielzahl von Insekten und Vögeln Nahrung und Nistgelegenheiten bietet. Wichtig dabei: Gemeint ist ausschließlich Prunus padus. Die Spätblühende Traubenkirsche (Prunus serotina) ist eine nordamerikanische Art, die sich selbst stark invasiv ausbreitet und in keinen naturnahen Garten gehört.

Auch für den immergrüne Hecken gibt es vollwertigen heimischen Ersatz, der im Winter grün bleibt und Blickschutz gibt, dabei aber Tieren in Frühjahr und Sommer ordentlich was bietet. Statt Kirschlorbeer pflanzt du Wintergrünen Liguster (Ligustrum vulgare 'Atrovirens'), der sein Laub in der kalten Jahreszeit weitgehend hält, mit seinen Blüten Insekten und mit seinen Beeren Vögel versorgt und sich nicht invasiv ausbreitet. Die heimische Stechpalme (Ilex aquifolium) ist eine heimische immergrüne Heckenpflanze, und mit ihren roten Beeren ist sie auch ein wertvolles Vogelnährgehölz! Sie eignet sich super als Ersatz für Kirschlorbeer, ebenso wie für die Mahonie. Auch die Eibe (Taxus baccata) gehört hierher, immergrün, heimisch, schnittverträglich und mit ihren roten Samenmänteln bei Vögeln beliebt. Sie ist in allen Teilen außer diesem roten Mantel giftig, was sie aber nicht zum Tabu macht: Bei uns standen im Schrebergarten meiner Kindheit Eiben, und es genügte der Satz „das ist giftig, nicht in den Mund stecken", damit war die Sache geklärt.

Ein viertes Beispiel für invasive Pflanzen führt an die Küste, und es liegt mir hier im Norden besonders nahe: die Kartoffelrose (Rosa rugosa), auch Dünen- oder Apfelrose genannt. Sie zählt zu den invasivsten Pflanzen Europas und verwüstet ganze Landstriche an Nord- und Ostsee, indem sie in empfindliche Dünen- und Küstenheiden eindringt, sie mit dichten Ausläufern überwuchert und lichtbedürftige Spezialisten wie Stranddistel, Strand-Grasnelke und Krähenbeere verdrängt. In Dänemark ist sie deshalb seit 2022 in Dünenbepflanzungen verboten. Wenn du den Wildrosen-Charme behalten willst, greifst du stattdessen zur Hundsrose (Rosa canina) oder zur Bibernellrose (Rosa spinosissima, auch Dünen-Rose genannt). Beide sind heimisch, beide bilden dichte, vogelfreundliche Hecken mit Hagebutten und breiten sich dabei zurückhaltend aus. Hier lohnt allerdings ein genauer Blick aufs Etikett, denn die Namen sind ein Minenfeld: Die Kartoffelrose läuft im Handel selbst unter „Apfelrose", und gleichzeitig gibt es eine heimische Apfel-Rose (Rosa villosa) und eine heimische Wein-Rose (Rosa rubiginosa), die ebenfalls beide manchmal als Apfel- oder Weinrose verkauft werden. Drei verschiedene Pflanzen, überlappende deutsche Namen, und nur eine davon ist das Problem. Verlass dich deshalb allein auf den lateinischen Namen. Wenn du Rosa rugosa meidest und zu Rosa canina, Rosa spinosissima, Rosa villosa oder Rosa rubiginosa greifst, bist du auf der sicheren Seite.

Eindeutig untersagt ist in Deutschland und der EU bereits der Handel mit den Arten der oben schon einmal erwähnten, sogenannten Unionsliste, etwa dem Drüsigen Springkraut (Impatiens glandulifera), Götterbaum (Ailanthus altissima) oder dem Riesen-Bärenklau (Heracleum mantegazzianum). Diese Pflanzen gehören in keinen Garten, und wer sie hat, sollte sie entfernen.
Auch deinen Rhododendron musst du nach allem bisher Gesagten nicht zwingend hergeben, solange er sich nicht invasiv verhält. Da musst du mal gucken, denn auch der haut ganz selten mal ab. Wenn du aber heimisch nachpflanzen möchtest, hast du auch die Wahl, denn auch die Gattung Rhododendron bietet heimische Vertreterinnen an. In den Alpen wachsen die Rostblättrige Alpenrose (Rhododendron ferrugineum), die kalkarme Böden braucht, und die Bewimperte Alpenrose (Rhododendron hirsutum), die als eine der wenigen Arten auch mit Kalk zurechtkommt. Vor allem für dich hier im Norden interessanter ist der Sumpfporst (Rhododendron tomentosum, früher Ledum palustre), die einzige in Norddeutschland heimische Art, die in Moorlandschaften wächst, mehreren Schmetterlingsarten als Raupenfutter dient und heute stark gefährdet ist. Er steht unter Schutz, weshalb du ihn nur aus seriöser Nachzucht ins Beet setzen solltest.
Gute Nachbarschaft statt schlechtes Gewissen
Wie sieht die Lösung also konkret aus? Du gibst deinen Exoten eine gute Nachbarschaft. Genieß deine Forsythie, deinen Rhododendron und deine Hortensie, und pflanz ihnen Wilde Möhre (Daucus carota) an die Seite, ein paar Karden (Dipsacus), blühende Kräuter wie Thymian (Thymus) und Oregano (Origanum vulgare), einige weitere heimische Wildstauden, in die Mitte einen Holunder (Sambucus nigra), ein paar Beerensträucher hier und da. Falls Platz ist, eine Eiche (Quercus robur) als Nachbarin, denn an einer einzigen alten Eiche leben mehrere hundert Insektenarten.
Dazu kommen die kleinen Strukturen, die im Beet keinen Platz wegnehmen, und die besonders wichtig sind: ein paar Nistkästen, eine Wasserstelle, ein Reisighaufen hinter dem Schuppen, eine Ecke mit Brennnessel und Löwenzahn hinter dem Gartenhaus. Diese Dinge tragen das ökologische Gewicht, das die Forsythie nicht trägt. Sowieso sind nur insektenfreundliche Blüten nicht einmal die halbe Miete beim naturnahen Gärtnern. Da werden ja die Raupen und anderen Larven komplett vergessen, und auch, dass Insekten nicht nur essen, sondern auch irgendwo wohnen und überwintern müssen. Wenn du das berücksichtigst: Zack, für die Artenvielfalt gegärtnert, und das ganz ohne Spaten an der Hortensie.

Ein Garten lebt von seiner Mischung und davon, was auf der ganzen Fläche zusammenkommt. Wenn du auf viel heimische Vielfalt setzt und die wenigen problematischen invasiven Arten konsequent draußen hältst, kannst du schöne Pflanzen und ökologischen Nutzen gut miteinander verbinden.
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Bis zum nächsten Mal
Jasmin
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