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Sehr anständig: die “Gesetzlosen” in Burgrieden

(Ein Text von Reiner Schick)

Motorräder, so weit das Auge reichte: der Parkplatz vor dem Festspielgelände. Foto: Huitz

Immer wieder durchbrach am verlängerten Wochenende Motorrad-Geknatter die Ferienstille, die sich über Laupheim gelegt hatte. Einzelne Bikes, Gruppen oder auch ganze Kolonnen rollender Kuttenträger zogen Gehör und Blicke der Menschen in der Stadt auf sich. Grund für die Invasion auf zwei Rädern: In Burgrieden, genauer gesagt auf dem Gelände der Festspiele Burgrieden im Gewerbegebiet am Flugplatz, stieg der “Eurorun” - das internationale Treffen des europäischen Ablegers der “Outlaws MC”.

Die deutsche Übersetzung des Clubnamens - “die Gesetzlosen” - und ihr Ruf, dass sie diesem Namen bisweilen alle Ehre machen, ließ erstmal Schlimmes befürchten für die Zusammenkunft von Clubmitgliedern und deren Anhänger aus rund 30 Ländern und vier Kontinenten. Doch weit gefehlt. Wer nach Knüppel und Messer schwingenden Rockern Ausschau hielt oder Prügeleien an allen Ecken erwartet hatte, tat dies vergeblich. Fast schien es, als würde die Laupheimer Bevölkerung - vom erwähnten gelegentlichen Motorenlärm mit optischen Begleiterscheinungen abgesehen - gar keine Notiz zu nehmen von der Großveranstaltung gleich um die Ecke. In den Sozialen Medien, in denen sonst kein Blatt geräuschlos vom Baum fällt, war jedenfalls kein Sterbenswörtchen zu lesen vom größten Meeting der europäischen “Outlaws”-Bewegung.

Gemeinde und Polizei entspannt

Dabei waren es weit über 2000, eher sogar 3000 Biker, die das Gewerbegebiet samt Festspielgelände mit ihren Motorrädern, Wohnmobilen und Autos von Donnerstag bis Sonntag förmlich fluteten und fast sämtliche Hotelzimmer im Raum Laupheim belegten. Es spricht für die Veranstalter, dass es gelungen ist, dennoch kein großes Aufsehen zu erregen. Das bestätigt auch Burgriedens Bürgermeister Frank Högerle. “Es gab ja im vergangenen Jahr schon das Deutschlandtreffen der ,Outlaws’ auf dem Festspielgelände. Und danach hatten wir die Rückmeldung von der Polizei, dass alles ohne große Beanstandungen abgelaufen ist. Daher hatten wir auch für dieses Jahr keine Einwände und waren im Vorfeld auch gar nicht groß eingebunden”, berichtet er. Und Högerle ergänzt: “Ich war am Sonntag bei einer größeren Veranstaltung in Bühl. Da war das Motorradtreffen gar kein Gesprächsthema.”

Auch die Antwort der Polizei auf eine Nachfrage von CarlL bestätigt die Eindrücke. “Keine besonderen Vorkommnisse”, vermeldete die Pressestelle zum Euro-Run. Lediglich bei den 350 Personen- und 330 Fahrzeugkontrollen gab es einige wenige Beanstandungen. Bei drei Fahrzeugen lag keine Betriebserlaubnis vor und in vier Fällen wurden technische Mängel festgestellt. Außerdem sei ein Fahrzeuglenker alkoholisiert gewesen und einer habe unter Drogeneinfluss gestanden.

“Es war uns wichtig, dass alles anständig abläuft und wir nirgendwo anecken.” Jochen “Rocker” Schlemender

Offensichtlich hat es sich ausgezahlt, dass sich der Veranstalter - die Sektion Süd des “Outlaws MC Germany” - im Vorfeld mit dem Rockerdezernat der Polizei auf dem Gelände getroffen und den Ablauf abgestimmt hatte. Auch der Shuttlebus-Service zwischen Festgelände und Hotels wurde von den Teilnehmern intensiv genutzt. “Es war uns wichtig, dass alles anständig abläuft und wir nirgendwo anecken”, sagt denn auch Jochen Schlemender aus Burgrieden-Rot, Vorsitzender der MC “Outlaws” Germany, den man in der Szene nur unter dem Spitznamen “Rocker” kennt. Und so will er auch genannt werden. Der Begriff und auch der Vereinsname sind für ihn alles andere als negativ besetzt. Was andere denken, ist ihm wurst: “Es sind Vorurteile von Leuten, die uns gar nicht kennen, wenn sie Sachen behaupten wie: ,Das sind alles Verbrecher’. Auf so ein Niveau lass ich mich gar nicht herab. Wenn die Leute mit uns sprechen, sieht die Meinung vielleicht anders aus.”

Umstrittene “Onepercenter”-Philosophie

CarlL tat dies und bohrte nach, warum der Club denn so an seinem Namen hängt und auch so viel Wert auf die ebenso umstrittene Bezeichnung als “Onepercenter”-Club legt. Der Begriff geht auf ein Zitat der American Motorcyclist Association (AMA) aus dem Jahr 1947 zurück. Nach einem berüchtigten Vorfall in Hollister (Kalifornien) erklärte die AMA, dass 99 Prozent aller Motorradfahrer gesetzestreue Bürger seien, und nur 1 Prozent "Outlaws". Daraufhin startete die “Outlaws”-Bewegung unter den amerikanischen Motorradclubs die “Onepercenter”-Bruderschaft, der sich später auch der “Outlaws MC” anschloss. Voller Stolz übernahm man dieses Etikett, das für ein Leben abseits gesellschaftlicher Konventionen und strikte Loyalität zum eigenen Club steht.

So auch für “Wille”, Vorsitzender der “Outlaws MC Sektion Süd”, zu der auch die Chapter Laupheim und Biberach gehören. Ein “Onepercenter” ist für ihn so etwas wie “ein Revoluzzer, ohne kriminellen Hintergedanken”: “Wir haben einfach unsere eigene Vorstellung, wie wir unser Leben leben.” Ähnlich drückt es “Rocker” aus, er betont aber, dass für Außenstehende der Hintergrund der “Onepercenter”-Philosophie nicht so leicht zu verstehen sei. Diese stecke “tief in unseren Herzen”, man hebe sich damit ab von anderen Clubs und Lebensarten.” Dabei sei “die Zeit der Schlägereien längst vorbei”. Die “Outlaws” seien zwar “keine Schulerbuben”, gibt “Rocker” zu, “aber wir sind auch keine Gesetzlosen. Auch wir sind in die Gesellschaft eingegliedert und leisten unsere Beiträge für den Staat”.

Hinweis auf soziale Projekte

Und die seien beileibe nicht nur finanzieller Natur. “Wir engagieren uns auch sozial”, erzählt “Wille”. So habe man vor Jahren in Biberach ein Konzert für eine im Rollstuhl sitzende Frau veranstaltet, damit sie sich ein Handbike leisten kann. Auch wolle man einen Teil des Erlöses aus dem Euro-Run an Kindergärten oder andere Einrichtungen spenden, die für Kinder da sind. Zur Image-Pflege trägt auch das Laupheimer Chapter bei, indem es die Öffentlichkeit einmal im Monat zum “Open House” in sein Clubheim im alten Bahnhof in Rot lädt. Das Angebot werde gut angenommen. “Da ist das Haus dann immer voll, und zwar nicht nur mit Mitgliedern”, berichtet “Rocker”, dessen Sohn das Laupheimer Chapter leitet.

Bruderschaft, Ehrlichkeit, Geradlinigkeit: "Rockers" Erwartungen an die "Outlaws"-Mitglieder. Foto: Schick

In erster Linie gehe es bei den “Outlaws” um “Bruderschaft, Ehrlichkeit, Geradlinigkeit”, erklärt “Rocker”. Mit etwas Patina besetzte Begriffe, die aber maßgebliche Voraussetzung für eine Mitgliedschaft seien und in einer mindestens 15-monatigen Probezeit unter Beweis gestellt werden müssen. Letztlich passt alles unter den Sammelbegriff “Zusammenhalt”, der sich gerade auch in der Organisation einer Großveranstaltung zeige. “So etwas ist nur gemeinsam zu stemmen. Jeder packt mit an und hilft mit”, sagt “Rocker” und erzählt von Gruppen, die die Bauteile für einen ganzen Salon mitgebracht und aufgebaut haben und einem Mitglied, das einen riesigen Beleuchtungsturm zur Verfügung gestellt hat, den man sonst sündhaft teuer hätte mieten müssen.

Aus Brasilien nach Burgrieden

Dank solcher und anderer Dienstleistungen sei es möglich, humane Preise fürs Essen und Getränke von den weit gereisten Besuchern zu verlangen. Bis aus Hongkong, China, Brasilien, Kanada oder den USA seien manche nach Burgrieden gekommen, und natürlich aus allen 26 europäischen Ländern, in denen es “Outlaws” gibt. Teilnehmen durften übrigens nur geladene Mitglieder mit ihren Supportern und Familien. Letztere seien wichtig und gehörten dazu, macht “Rocker” klar. Mitglied selbst dürfen aber nur Männer werden. Sie bezeichnen sich gegenseitig als “Brüder”. Auch bei diesem Thema nimmt der Deutschland-Chef des Clubs kein Blatt vor den Mund: “Mit Frauen hätte das keinen Wert.” Zu viel Zickenkrieg, findet er.

Geregelter Programmablauf. Foto: Schick

Was aber lockte denn nun so viele “Outlaws” und ihre Anhänger für mehrere Tage ins beschauliche Burgrieden? “Es geht darum, zusammenzuhocken mit Brüdern aus der ganzen Welt, gute Gespräche zu führen und eine gute Zeit zu haben”, umschreibt es “Rocker”. Aber es gab durchaus einen festen Programmablauf, das offiziell am Freitag mit einer Ansprache des Europa-Vorsitzenden begann. Bis dahin mussten alle angemeldeten Teilnehmer da sein. Es folgten die Aufnahme eines Gruppenbilds und am Abend zwei Band-Auftritte. Fast wie bei einem Klassentreffen. Tags darauf standen Ehrungen von langjährigen Mitgliedern der “Outlaws Germany” an, die es seit 25 Jahren gibt. Auch Totenehrungen nahmen einen bedeutenden Raum ein. Und abends wurde wieder bei Live-Musik gefeiert.

Damit niemand hungern musste, gab’s eine Vielzahl an Speisen von Kässpätzle bis zu gebratenen Hähnchen. “Allein davon wurden 1700 verkauft”, berichtet “Rocker”. Serviert wurde das Essen in einem Catering-Bereich mitten auf der großen Festspiel-Naturbühne. Ein großes Zelt, ein Saloon für zwischendurch Ruhe suchende Mitglieder, ein Merch- und ein Tattoo-Stand rundeten das Ambiente ab.

Vollversammlung auf der Festspieltribüne: die "Outlaws" bei der Begrüßung. Foto: Rocker

Die Resonanz der Teilnehmenden war durchwegs positiv, erzählte “Rocker”. “Alle waren begeistert”. Auch gegenüber CarlL lobten einige Gäste, darunter ein Biker aus Toulouse, “die super Organisation”. Hochzufrieden dürfte auch das Gastgewerbe rund um Laupheim gewesen sein. Zwar nächtigten viele Teilnehmer in Wohnmobilen oder Zelten, rund 1500 aber kamen in Hotels oder Airbnb-Wohnungen unter. Im Grunde waren alle Plätze in und um Laupheim ausgebucht. “Bisher gab es keinerlei Klagen von Seiten der Hotelbetreiber - im Gegenteil. Überall hieß es: gerne wieder”, sagt “Rocker”. Und “Wille” zeigt den WhatsApp-Status einer Airbnb-Anbieterin, die sich auf Englisch für den perfekten Aufenthalt der Outlaws aus Wales bedankte.

Gastgeberin ist beeindruckt

Dass alles so friedlich blieb, beeindruckt auch Gastgeberin Claudia Huitz. Die Geschäftsführerin der Festspiele Burgrieden hatte ihr Gelände schon im Vorjahr für den national Run, also das Deutschlandtreffen der “Outlaws”, zur Verfügung gestellt. “Ich habe dafür auch Kritik einstecken müssen nach dem Motto: Wie kannst du nur”? erzählt sie. Doch ihre Erfahrungen in Sachen Disziplin und Ordnung waren so positiv, dass sie nicht zögerte, als die Anfrage für den Euro-Run kam. Und wieder wurde sie nicht enttäuscht. “Es lief alles reibungslos. Das sind alles sehr anständige Leute, ich habe so eine Truppe noch nie kennengelernt”, sagt Claudia Huitz, die zusammen mit ihrem Mann beim Servieren des Frühstücks mithalf.

“Natürlich sind das schon rein optisch besondere Leute, aber keine Gesetzlosen” Claudia Huitz

Das internationale Flair der Veranstaltung passe auch gut zur Botschaft der Karl-May-Stücke, die bald (18. Juli bis 5. September) wieder über die Festspielbühne gehen. “Da geht es um Respekt, Völkerverständigung und Zusammenhalt”, sagt Claudia Huitz. Alles Attribute, die auch für das internationale Motorradtreffen gelten. “Natürlich sind das schon rein optisch besondere Leute, aber keine Gesetzlosen”, betont sie. “Vor allem ihre Disziplin hat mich sehr beeindruckt.”

Und Claudia Huitz bleibt daher dabei: Egal ob Hochzeit, Taufe, Geburtstag oder Vereinsfest - sie öffnet jedem Veranstalter ihr Gelände, so lange es keine politischen oder dubiosen religiösen Events seien. Auch für die “Outlaws” gelte daher: “Gerne wieder”.

Doch “Rocker” winkt erstmal ab. Nicht weil er und seine Mitstreiter sich nicht wohl gefühlt hätten auf dem Festspielgelände (“Wir sind Claudia Huitz tausendmal dankbar, dass wir das hier veranstalten durften”), sondern weil sie alle nach vier Tagen vor allem eines sind: erschöpft.

Instagram-Bild der Herrenberger "Outlaws" zum Euro-Run in Burgrieden.

Kategorie Laupheim