
Es gibt Tage, die sich nicht ankündigen. Sie treten nicht ein mit Pauken und Trompeten, nicht einmal mit einem wohltemperierten Vorsatz. Sie sind einfach da – leise, fast unscheinbar – und entfalten erst im Nachhinein ihre eigentümliche Gravitation. Ein solcher Tag war heute. Und ich nehme dich / Euch mit. Nicht in spektakuläre Höhen oder ferne Städte, sondern in ein Refugium, das sich – mit einem Augenzwinkern und einer Spur selbstgewählter Grandezza – „Chalet Grosser“ nennen darf.
Idyllisch an einen Hang geschmiegt, residiert dieses Anwesen in einem Dorf, das beinahe pittoresk anmutet. Das Dorf, wohlgemerkt. Der Berg selbst wahrt eine gewisse spröde Zurückhaltung, als wolle er sich nicht vorschnell in die Ästhetik einreihen lassen, die man ihm so gern zuschreibt. Es ist, als hätte er beschlossen, dass Schönheit nicht seine Aufgabe sei – und gerade darin liegt, wenn man genau hinsieht, seine stille Würde.
Mein Weg – und ich gestehe, ich verwende dieses Wort heute mit einer leisen Ironie – führte mich vom Westflügel quer durch das Anwesen in den Ostflügel. Eine Passage, die in nüchternen Metern vermutlich kaum der Rede wert wäre, sich jedoch in der inneren Topografie dieses Tages als kleine Expedition exponierte. Schritte, die nicht einfach nur gegangen wurden, sondern sich tastend, prüfend, beinahe deliberativ vollzogen – als hätte jeder von ihnen das Bedürfnis, gehört zu werden.
Die berüchtigte Sofa-Nordwand stellte sich mir sodann als nächste Herausforderung entgegen. Ein Aufstieg von jener Kategorie, die weniger in Höhenmetern als in innerer Überwindung gemessen wird. Mein inneres Wiesel – sonst ein notorisch überbordender Enthusiast – war heute gleichermaßen ehrgeizig wie leicht überfordert. Die Wasserbüffelin hingegen, souverän wie eh und je, insistierte auf Maß und Mitte, auf das Recht des Körpers, sich nicht permanent über seine eigenen Grenzen hinweg zu konfabulieren.
Am Fuße – oder besser: in unmittelbarer Nachbarschaft – dieser Nordwand richtete ich mein Basislager ein. Der Wasserkocher wurde zum verlässlichen Komplizen eines Rituals, das in seiner Schlichtheit fast sakral anmutet. Tee. Heiß, duftend, ein leiser Strom von Wärme, der sich durch Hände, Gedanken und vielleicht sogar durch jene Bereiche des Selbst zieht, die sich sonst so gern entziehen. Sein Aroma – eine kleine, beinahe transkulturelle Reise – ließ mich für einen Moment vergessen, dass dieser Tag in seiner äußeren Bewegung eher reduziert war.
Im Küchentrakt des Ostflügels – nomen est omen – öffnete sich mir eine kulinarische Episode von durchaus respektabler Intensität. Nichts Exzessives, nichts Überbordendes, und doch: ausreichend, um dem Körper das Gefühl zu geben, gesehen zu werden. Ein stilles Einverständnis zwischen Bedürfnis und Möglichkeit.
Der hauseigene Kinosaal – von weniger poetisch veranlagten Gemütern vermutlich „Wohnzimmer“ genannt – empfing mich schließlich mit jener diskreten Verheißung, die nur Serienabende in sich tragen. Ich stieß auf eine Erzählung über einen Autor, flankiert von einer bemerkenswert klug inszenierten Krankenhausserie. Und plötzlich – ohne Vorwarnung, ohne dramaturgische Überhöhung – war sie da: diese Erinnerung.
Ein junges Ich, das durch Flure ging, in denen jeder Schritt Bedeutung hatte. Das sich in einem System bewegte, das forderte, überforderte, trug und zugleich formte. Eine Zeit, in der Müdigkeit kein Argument war, sondern ein Zustand, den man schlicht integrierte. Ich liebte diese Arbeit. Mit einer Intensität, die heute fast fremd wirkt und doch unverkennbar zu mir gehört.
Und nun? Nun sitze ich hier. Tee in der Hand, Decke um die Schultern, den Blick lose auf den sogenannten Sofa-Südhang gerichtet. Ein Leben, das in seiner äußeren Dynamik vielleicht weniger spektakulär erscheint, dafür aber eine andere Qualität entfaltet. Eine, die sich nicht mehr über Geschwindigkeit oder Effizienz definiert, sondern über Wahrnehmung, über ein leises, insistierendes Bei-sich-Sein.
Genieße ich das? Diese Frage wäre zu einfach, zu binär, fast schon obsolet in ihrer Konstruktion. Es ist kein ungebrochenes Genießen, kein heiteres Sich-Hingeben an den Moment. Es ist vielmehr ein Ruhen. Ein Innehalten, das nicht gewählt wurde, sondern sich ergeben hat – und das nun, mit einer gewissen Zärtlichkeit, angenommen wird.
Vielleicht liegt gerade darin eine Form von Wachstum, die sich nicht laut artikuliert. Kein Fortschritt im klassischen Sinne, kein zielgerichtetes Streben, sondern ein Verweilen im Dazwischen. In jenem Raum, in dem wir nicht mehr werden müssen, sondern schlicht sind. Verletzlich, ja. Manchmal auch widersprüchlich. Aber gerade deshalb von einer eigentümlichen Echtheit.
Oder einfach gesagt: ich bin krank, habe die Grippe und bin nicht in der Lage was anderes zu tun als Lümmeln, trinken, schlafen….
Das innere Wiesel hat sich inzwischen zusammengerollt, leicht versöhnt mit der Tatsache, dass nicht jeder Tag nach Expansion verlangt. Die Wasserbüffelin wacht – gelassen, fast weise – und erinnert mich daran, dass auch das Reduzierte seine Berechtigung hat. Vielleicht sogar seine Notwendigkeit.
Und so endet dieser Tag nicht mit einem Paukenschlag, nicht mit